Oliver Twist
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Oliver Twist
von
Charles Dickens
mit einer biographischen Einleitung von Johannes Gaulke
Globus Verlag G.m.b.H. Berlin
Charles Dickens
Unter den großen Humoristen des vorigen Jahrhunderts, die zugleich Tendenzschriftsteller im besten Sinne waren, nimmt Charles Dickens einen hervorragenden Platz ein, den er trotz des schnellen Wandels des literarischen Geschmacks und der Kunstanschauung in der Weltliteratur behaupten wird. Dickens ist nicht nur der Lieblingsdichter seines Volkes, sondern er ist schon zu Lebzeiten in allen Ländern des Erdenrunds heimisch geworden. In Hütte und Palast sind seine Werke gedrungen und haben überall starke und nachhaltige Wirkungen ausgeübt. Begabt mit dem köstlichen Humor, der mit dem einen Auge weint und dem anderen lacht, ist Dickens allen denen, die auf der Höhe des Lebens wandeln, ein treuer Mentor geworden, den Elenden und Enterbten des Lebensglücks aber ein aufrichtiger Freund und Tröster.
Charles Dickens konnte zum ganzen Volke von allen den Dingen, die unsre Welt ausmachen, sprechen, weil er das Leben gründlich kannte, weil er selbst alle Wechselfälle des Lebens an sich selbst erfahren hatte. Als Kind wenig bemittelter Eltern am 7. Februar 1812 in Landport bei Portsmouth geboren, mußte er schon im Alter von zehn Jahren, als sein Vater in London ins Schuldgefängnis gewandert war, für den eigenen Lebensunterhalt sorgen. Während er als Laufbursche gegen einen kärglichen Wochenlohn tätig war, vernachlässigte er naturgemäß seine Schulbildung gänzlich, und er genoß erst, nachdem der Vater eine bescheidene Stellung in London erlangt hatte, als zwölfjähriger Knabe einen besseren Unterricht. Den Mangel eines systematischen Unterrichts hat er durch Selbstunterricht, der sich auf alle Gebiete des Wissens erstreckte, namentlich aber durch das Studium der englischen Schriftsteller ausgeglichen. Im Jahre 1833 veröffentlichte er, nachdem er sich schon als Journalist an führenden Blättern unter dem Pseudonym Boz mit großem Erfolge betätigt hatte, sein erstes Buch, eine Reihe von Skizzen aus dem Londoner Volksleben in zwei Bänden. Einige Jahre später folgten die «_Pickwick papers_», die ihn mit einem Schlage zu einem gelesenen und in allen Schichten gleich geschätzten Autor machten. Das Buch, das in einer Reihe von lose aneinandergefügten Skizzen die Abenteuer einiger Mitglieder des Pickwickklubs auf ihrer Reise durch England schildert, enthält in gewissem Sinne das Programm des späteren Dickens, der das Leben schildert, wie es sich ihm darbietet, immer von dem Gedanken getragen, moralische Wirkungen zu erzielen und den Menschen mit seiner Umwelt zu versöhnen. Um dieses Ziel zu erreichen, schrickt er nicht vor Übertreibungen eines Zustandes oder einer Handlung zurück und macht selbst, um möglichst eindringlich zu wirken, seine Figuren, die meistens sehr lebensvoll einsetzen, zu menschlichen Karikaturen.
In rascher Folge erscheinen in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Hauptwerke Dickens. Die Reihe eröffnet «Oliver Twist» (1838), das als das erste realistische, aus dem Volkstum geschöpfte Buch mit außerordentlichem Enthusiasmus in England aufgenommen wurde und bald seinen Weg über den Erdball machte. Es folgten: «Nicholas Nickleby» (1839) und «_Master Humphrey's clock_» (1840), ein Werk, das sich ähnlich wie die «Pickwickier» aus Einzelerzählungen zusammensetzt, sich aber vor einem ernsteren Hintergrund abspielt und tiefergreifende Menschenschicksale darstellt.
In den vierziger Jahren unternahm Dickens, der inzwischen zu einem gewissen Wohlstand gelangt war, große Auslandsreisen. Die Hauptfrucht seiner ersten Amerikareise (1842) ist der Roman «Martin Chuzzlewit», in dem er die Heuchelei der Amerikaner mit scharfen Hieben geißelt. Auch in seinen «_American notes_» läßt er es an harten Bemerkungen über die Amerikaner und amerikanischen Einrichtungen nicht fehlen. Die Amerikaner haben ihm die geringe Meinung über sie und ihr Land, der er zu wiederholten Malen Ausdruck gegeben hat, nicht nachgetragen, sondern ihm in Neuyork, Chicago und anderen Städten prächtige Denkmäler errichtet.
In Italien schrieb Dickens den Roman «Chimes» (1844), am Genfer See «_Battle of Life_» (1846). Fast gleichzeitig entstand «_Dombey and son_», ein Lebensbild aus dem Bürgertum, in dem Episoden von ergreifender Tragik und grotesker Komik einander folgen. Auf der Höhe des Schaffens stehend, schrieb Dickens Ende der vierziger Jahre den autobiographischen Roman «David Copperfield», der nach Plan und Anlage als ein wahrhaft geniales Werk genannt zu werden verdient. In der Charakterisierung der Person hat Dickens hier die höchste Meisterschaft erreicht, auch ist die Handlung einheitlicher und geschlossener als in den Werken seiner ersten Periode.
David Copperfield ist wie die meisten Romane ein sozialer Tendenzroman. Für Dickens, der aus dem Volke hervorgegangen war, der auch als Dichter ein Selfmademan war, war die Kunst immer nur ein Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck, wie es eine spätere französische Richtung durch den Grundsatz «_l'art pour l'art_» ausdrückt. Dickens ist daher keiner begrenzten Gruppe oder Kunstrichtung einzureihen; er ist weder Realist noch Idealist im herkömmlichen Sinne, sondern auch als Künstler immer nur Moralist. Zwar sind die Zustände stets mit den Augen des Realisten gesehen, er ist sogar ein Kleinmaler von einer Prägnanz des Ausdrucks wie wenige, aber darüber hinaus reicht sein Wirklichkeitssinn nicht. Sobald er an den Menschen herantritt, versagt sein Charakterisierungsvermögen, er schildert die Menschen nicht wie sie sind, aus dem Milieu heraus, sondern wie er wünscht, daß sie sein möchten. Nur selten gelingt es ihm, einen der Wirklichkeit entsprechenden Menschen zu zeichnen; seine Romanfiguren sind entweder idealisiert oder karikiert -- im besten Falle Typen, keine Individuen. Entweder sind sie Erzbösewichter oder herzensgute Engel. Und zum Schluß erhalten sie alle, ganz im Einklang mit dem höchsten moralischen Grundgesetz, ihre Strafe oder ihre Belohnung für das, was sie getan oder unterlassen haben.
Am besten gelingen Dickens die Gestalten aus dem Volk, mit ihnen ist der Dichter aufgewachsen, mit ihnen hat er gelitten, mit ihnen kann er daher auch empfinden. Auch in die Seele des Kindes vermag sich Dickens zu versetzen; hier wirkt sein Pathos immer echt, ob er das Elend des ausgesetzten Kindes schildert, die Qualen und Entbehrungen eines kleinen Bettlers oder gar den Tod eines unglücklichen kleinen Wesens.
Je weiter sich Dickens vom Volkstum entfernt, umso unklarer und verschwommener werden seine Gestalten, doch weiß er auch hier wiederum mit glücklichem Griff das Milieu, in dem eine Lordschaft oder gar ein englischer Herzog sich bewegt, festzuhalten. Man sieht gern über die angedeuteten Schwächen hinweg, da der Dichter unerschöpflich in der Erfindung komischer und grotesker Situationen ist und mit einem von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Humor alle menschlichen Schwächen und Verirrungen zu entschuldigen weiß. Selbst dem tiefgesunkenen Verbrecher haftet immer noch ein menschlich liebenswürdiger Zug an. Ohne gerade Kriminalpsychologe zu sein, schildert Dickens seine Gestalten fast durchgängig als Produkte ihrer Umgebung und behandelt auch den schändlichsten Missetäter mit Nachsicht und Milde. So nur konnte er zu einem Anwalt der Unglücklichen und Enterbten werden.
In der zweiten Periode seines dichterischen Schaffens, die die beiden letzten Jahrzehnte seines Lebens umfaßt, treten die Eigenarten und Schwächen des Dichters immer schärfer hervor. Rastlos tätig, lockert sich in seinen Romanen immer mehr die Komposition, auf langatmige Schilderungen folgen knappe dramatische Evolutionen und spannende Konflikte, die zu einem plötzlichen Abschluß drängen. Besonders charakteristisch ist in dieser Beziehung der vierbändige Roman «_Our mutual friend_», aber auch «_Bleakhouse_» und «_Tale of two cities_», wo die französische Revolution den Hintergrund bildet, lassen die Einheitlichkeit des Plans vermissen.
Charles Dickens war während seines ganzen Lebens von einem Arbeitseifer, der weder Rast noch Ruh kennt, beseelt. Während er seine großen Romane schrieb, war er im Nebenfach als Journalist und Redakteur tätig. Im Jahre 1845 trat er in die Redaktion der neubegründeten Zeitung «_Daily News_», die auch seine italienischen Reisebilder zuerst veröffentlichte, ein. 1849 gab er eine Wochenschrift «_Household Words_», die der Unterhaltung und Belehrung diente, heraus. Daneben fand er Zeit zu Vortragsreisen in England, Irland und Amerika, die ihm Reichtümer und hohe Ehrungen einbrachten, aber auch die mittelbare Ursache zu seinem plötzlichen Tode wurden. Er starb, vom Schlage getroffen, nach kurzem Krankenlager auf seinem Landsitz Gadshill, am 9. Juli 1870 im Alter von 58 Jahren. Seine Gebeine wurden in der Westminsterabtei, dem Pantheon Englands, beigesetzt.
Wenden wir uns nunmehr der in diesem Bande veröffentlichten Erzählung «Oliver Twist» zu, so werden wir die Vorzüge und Schwächen Dickensscher Erzählungskunst gerade an diesem Werke höchst eindringlich wahrnehmen können. Oliver Twist ist Dickens hervorragendstes Jugendwerk und behandelt die Geschichte einer Jugend. Zweifellos haben eigene Jugendeindrücke dem Dichter die Direktive zu dieser Arbeit gegeben. Wie der kleine Oliver, so hat auch Dickens, zwar unter anderen Verhältnissen, aber ebenso mühselig, sich emporringen müssen. Das Leben hatte den Dichter schon in zarter Jugend hart angepackt, aber wie das Gold sich im Feuer läutert, so läutert sich die Seele im Lebenskampf, der Schmutz haftet nur dem Schmutzigen an, wer gesund und rein empfindet, muß schließlich alle Widerwärtigkeiten des Lebens überwinden. Das ist der Leitgedanke in Oliver Twist. Höchst drastische Bilder läßt der Dichter vor unserem geistigen Auge entstehen, scharf zugespitzte Situationen schildert er mit einer Anschaulichkeit, die uns um das Schicksal des jugendlichen Helden mit banger Sorge erfüllt. Wir empfinden und fühlen mit Oliver Twist, wir fürchten gar um sein Leben und zittern um sein Seelenheil. Oftmals hat es den Anschein, als müsse die Katastrophe jäh über ihn hereinbrechen, aber immer wieder entwirren sich die verworrenen Schicksalsfäden, bis ihm endlich die Erlösung aus unwürdigen Zuständen, in die er ohne seine Schuld geraten ist, wird.
Wenn man den moralischen Maßstab an eine dichterische Arbeit anlegen will, so vollzieht sich in «Oliver Twist» alles ganz folgerichtig: die Tugend muß schließlich siegen, denn so will es die moralische Weltordnung. Vom literarischen Gesichtspunkt betrachtet, ließe sich allerdings mancherlei gegen den Optimismus Dickens einwenden; man merkt gar zu schnell die moralisierende Absicht und wird verstimmt. Dagegen kann Dickens als Zustandsschilderer auch hier vor jeder literarischen Kritik bestehen. Wie anschaulich sind allein die Verbrecherschlupfwinkel geschildert! Wie überzeugend die Örtlichkeiten des dunkelsten Londons! Man gewinnt hier überall den Eindruck des Selbstgeschauten. Dickens bedient sich zur Erreichung seines Zwecks oft ungewöhnlicher Mittel und verblüffender Wendungen. Er konstruiert die unwahrscheinlichsten Situationen und nimmt es auch mit den Tatsachen nicht so genau, um eine Kontrastwirkung zu erzielen. Einzelne Begebenheiten streifen fast das Niveau des Kolportageromans, während andere den Eindruck höchster Künstlerschaft auf den Leser machen.
«Oliver Twist» ist eine Arbeit, die nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen geschrieben ist. Es ist der Roman des Kindes, vielleicht der erste dieser Art in der neueren Literatur. Der maßlose Jammer der ausgesetzten und verlassenen Kinder, von denen es im heutigen London noch hunderte und aberhunderte gibt, hat den Dichter angeregt zu einer Arbeit, die ein Appell an die Welt zur Abhilfe der verrotteten Zustände sein soll. Wir leben im «Jahrhundert des Kindes»! Männer und Frauen aller Kreise haben zusammengewirkt, um eine Hebung des sittlichen Niveaus, aber auch der materiellen Lage der Kinder der Ärmsten zu erzielen. Der Dichter des «Oliver Twist» verdient als Vorläufer dieser Bewegung bezeichnet zu werden. Menschengüte und Kinderliebe sprechen aus jeder Zeile des Buches; ohne diese Qualitäten hätte es schwerlich seinen Platz in der Weltliteratur behauptet.
Von dem feinen Verständnis der Kinderseele und den Bedürfnissen des Kindes legt neben «Oliver Twist» auch Dickens «_A child's history of England_» ein glänzendes Zeugnis ab. In einer, den Anschauungskreis des Kindes angemessenen Form schildert Dickens hier die Hauptereignisse der englischen Geschichte mit höchster Eindringlichkeit und Wahrhaftigkeit, aber auch zugleich frei von jeder aufdringlichen chauvinistischen Tendenz. Das Buch, das in England und Amerika zu den meistgelesenen Büchern zählt, hat bei uns bei weitem nicht die ihm gebührende Beachtung gefunden, obgleich wir in der geschichtlichen Jugendliteratur ihm nichts Ebenbürtiges zur Seite stellen können.
Charles Dickens hat in England viele Nachahmer gefunden, aber niemand hat ihn, dem das Schreiben eine sittliche Aufgabe war, auch nur im entferntesten erreicht. Seine Nachahmer haben ihn eigentlich nur in der Breite der Anlage und der Umständlichkeit der Schilderung getroffen, nicht aber in der Eindringlichkeit seines Vortrags und in der Überzeugungskraft, mit der er seine Tendenz verficht. Bald wird ein halbes Jahrhundert seit seinem Tode verflossen sein, die englische Familienblattliteratur hat inzwischen hunderttausende von Neuerscheinungen auf den Markt geworfen, aber doch ist Dickens der Dichter des Volkes geblieben. Von den großen Humoristen des vorigen Jahrhunderts kann ihm nur einer als gleichwertig zur Seite gestellt werden: unser Fritz Reuter, der ja auch wie Dickens in einer harten Schule der Entbehrungen zum Dichter und Menschenfreund herangewachsen ist. Sie liebten beide das Volk, weil sie es als echte Söhne des Volkes genau kannten, und sie haben beide dadurch, daß sie die erbärmliche Alltäglichkeit mit echter Poesie und echtem Humor durchtränkt haben, Millionen entzückt und mit dem Leben versöhnt. Wer das zuwege bringt, ist ein Wohltäter der Menschheit. In diesem Sinne hat sich einer der größten Staatsmänner Englands, Gladstone, über Dickens geäußert; auch er feierte ihn als einen Erzieher und Wohltäter seines Volkes. Charles Dickens wird daher, mag er einer strengen literarischen Kritik auch nicht immer standhalten, mag er selbst als Menschenschilderer überholt worden sein, dennoch weiterleben und noch viele Generationen durch seinen köstlichen Humor entzücken und begeistern.
Johannes Gaulke.
1. Kapitel.
Handelt von dem Orte, an dem Oliver Twist geboren wurde, und von den seine Geburt begleitenden Umständen.
Eine Stadt, die ich aus gewissen Gründen nicht näher bezeichnen will, der ich aber auch keinen erdichteten Namen beilegen möchte, besitzt unter anderen öffentlichen Gebäuden gleich den meisten anderen Städten, sie mögen groß oder klein sein, von alters her ein Armenhaus, und in diesem wurde an einem Tage, dessen genaues Datum für den Leser kein besonderes Interesse hat, das Mitglied der sterblichen Menschheit geboren, dessen Name in der Überschrift dieses Kapitels angegeben ist.
Lange Zeit, nachdem der Wundarzt des Kirchspiels ihn in diese Welt der Mühen und Sorgen befördert hatte, blieb es äußerst zweifelhaft, ob er lange genug leben würde, um überhaupt eines Namens zu bedürfen. Es war nämlich tatsächlich mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, Oliver dahin zu bringen, daß er sich der Aufgabe, Atem zu holen, selbst unterzog -- einem mühsamen Geschäfte, das die Gewohnheit uns aber freilich zu einer notwendigen Lebensbedingung gemacht hat; eine Zeitlang lag er nach Luft schnappend auf einer kleinen Matratze aus Schafwolle und schien sich in der Schwebe zwischen dieser und jener Welt zu befinden, wobei die Wage sich entschieden zugunsten der letzteren neigte. Wenn Oliver während dieser kurzen Zeit von sorglichen Großmüttern, geschäftigen Tanten, erfahrenen Wärterinnen und hochgelahrten Doktoren umgeben gewesen wäre, so würde er natürlich die Stunde nicht überlebt haben, allein es war niemand in seiner Nähe, außer einer alten Frau, die sich infolge des ungewohnten Genusses von Bier in einer etwas angeheiterten Stimmung befand, und dem Kirchspielwundarzte, der die Geburtshilfe kontraktmäßig leistete. Oliver und die Natur fochten also die Sache zwischen sich ganz allein aus, und die Folge davon war, daß nach kurzem Kampfe Oliver atmete, nieste und endlich den Insassen des Armenhauses die Tatsache ankündigte, daß dem Kirchspiele eine neue Last aufgebürdet worden sei, indem er ein so lautes Geschrei erhob, wie man es füglicherweise von einem neugeborenen Knaben erwarten konnte.
Als Oliver diesen ersten Beweis von der freien und selbständigen Tätigkeit seiner Lungen gab, bewegte sich die geflickte Decke, die nachlässig über die eiserne Bettstelle gebreitet war; das bleiche Antlitz einer jungen Frau erhob sich matt von dem harten Pfühle, und eine schwache Stimme brachte mühsam die Worte hervor: «Lassen Sie mich das Kind sehen, dann will ich gern sterben.»
Der Wundarzt, der vor dem Kamine saß und seine Hände abwechselnd an dem Feuer wärmte und rieb, erhob sich bei den Worten der jungen Frau, trat an das Kopfende des Bettes und sagte mit mehr Freundlichkeit im Tone, als man ihm zugetraut haben würde: «Oh, Sie dürfen jetzt nicht vom Sterben sprechen.»
«Der Herr segne ihr gutes Herzchen, nein!» unterbrach ihn die Wärterin, indem sie eine grüne Glasflasche, von deren Inhalt sie in einer verschwiegenen Ecke mit sichtlichem Behagen gekostet hatte, rasch in die Tasche steckte. «Der Herr segne ihr gutes Herzchen; wenn sie erst so alt geworden ist wie ich und dreizehn Kinder gehabt hat und alle sind tot bis auf zwei, die zusammen mit mir im Armenhause sind, so wird sie schon auf andere und vernünftigere Gedanken kommen; der Herr segne ihr gutes Herzchen. Bedenken Sie nur, Frauchen, was es heißt, Mutter eines so süßen, kleinen Lämmchens zu sein.»
Diese tröstlichen Worte schienen ihre Wirkung zu verfehlen. Die Wöchnerin schüttelte den Kopf und streckte die Arme nach dem Kinde aus. Der Wundarzt reichte es ihr, sie küßte es, heftig erregt, mit den kalten, weißen Lippen auf die Stirn, fuhr mit den Händen über ihr Gesicht, blickte wild umher, schauderte, sank zurück -- und starb.
«'s ist aus mit ihr», sagte der Wundarzt nach einigen Bemühungen, sie wieder zum Leben zurückzubringen.
«Das arme Kind!» sagte die Wärterin, indem sie den Pfropfen der grünen Flasche aufhob, der auf das Kissen gefallen war, als sie sich niederbeugte, um das Kind aufzunehmen. «Armes Kind!»
«Sie brauchen nicht zu mir zu schicken, wenn das Kind schreit», fuhr der Wundarzt fort, während er kaltblütig seine Handschuhe anzog. «Es wird wahrscheinlich sehr unruhig sein; geben Sie ihm dann ein wenig Hafergrütze.» Er setzte den Hut auf, trat noch einmal an das Bett und sagte: «Die Mutter sah gut aus; woher kam sie?»
«Sie wurde gestern abend gebracht,» erwiderte die Wärterin, «auf Befehl des Direktors. Man hatte sie auf der Straße liegend gefunden, und sie muß ziemlich weit hergewandert sein, denn ihre Schuhe waren ganz zerrissen; aber woher sie kam, oder wohin sie wollte, das weiß niemand.»
Der Wundarzt beugte sich über die Verblichene, hob die rechte Hand derselben empor und bemerkte kopfschüttelnd: «Die alte Geschichte; kein Trauring, wie ich sehe. Hm! gute Nacht!»
Er ging zu seinem Abendessen, und die Wärterin setzte sich, nachdem sie sich noch einmal an der grünen Flasche erlabt hatte, auf einen Stuhl in der Nähe des Feuers und begann das Kind anzukleiden. Bis zu diesem Augenblick hätte man nicht sagen können, ob es das Kind eines Edelmannes oder eines Bettlers sei; das dürftige, verwaschene Kinderzeug des Armenhauses bezeichnete indes sogleich seine gegenwärtige und zukünftige Stellung in der Welt, sein ganzes Schicksal, als Kirchspielkind -- Waise des Armenhauses, halb verhungert und unter Mühe und Plackerei, verachtet von allen, bemitleidet von niemand, durch die Welt geknufft und gestoßen zu werden.
Oliver schrie mit kräftiger Stimme; hätte er wissen können, daß er eine Waise war, überliefert der zärtlichen Fürsorge von Kirchenältesten und Kirchenvorstehern, so würde er vielleicht noch lauter geschrien haben.
2. Kapitel.
Handelt von Oliver Twists Heranwachsen und kümmerlicher Ernährung sowie von einer Sitzung des Armenkollegiums.
Während der nächsten acht bis zehn Monate war Oliver das Opfer einer systematischen Gaunerei und Betrügerei. Er wurde aufgepäppelt. Die elende und verlassene Lage der kleinen Waise wurde von der Behörde des Armenhauses pflichtschuldigst der des Kirchspiels gemeldet. Die letztere forderte von der ersteren würdevoll einen Bericht darüber ab, ob sich nicht in «dem Hause» eine Frauensperson befände, die dem Kinde seine natürliche Nahrung reichen könnte. Die Behörde des Armenhauses beantwortete die Anfrage untertänigst mit nein, und daraufhin faßte die Kirchspielbehörde den hochherzigen Entschluß, Oliver in ein etwa drei Meilen entferntes Filialarmenhaus bringen zu lassen, wo zwanzig bis dreißig andere kleine Übertreter der Armengesetze unter der mütterlichen Aufsicht einer ältlichen Frau, welche für jeden derselben wöchentlich sieben und einen halben Penny erhielt, aufwuchsen, ohne zu gut genährt oder zu warm gekleidet und verzärtelt zu werden. Mit sieben und einem halben Penny läßt sich nicht viel beschaffen, und die Matrone war klug und erfahren. Sie wußte, wie leicht sich Kinder den Magen überladen können und was ihnen dient, ebenso genau aber auch, was ihr selbst gut war; sie verwendete daher einen beträchtlichen Teil des für die Kinder Bestimmten in ihrem eigenen Nutzen, fand demnach in der tiefsten noch eine tiefere Tiefe und bewies somit, daß sie es in der Experimentalphilosophie wirklich weit gebracht hatte.
Jedermann kennt die Geschichte eines anderen Experimentalphilosophen, nach dessen ruhmwürdiger Theorie ein Pferd imstande war, ohne Nahrung zu leben, und der jene so vortrefflich demonstrierte, daß er sein eigenes Pferd bis auf einen Strohhalm den Tag herunterbrachte, und ohne Frage ein äußerst mutiges, kräftiges und gar nicht fressendes Tier aus ihm gemacht haben würde, wenn es nicht vierundzwanzig Stunden vor seinem ersten komfortablen vollkommenen Hungertage gestorben wäre. Die mehrerwähnte Matrone wendete dasselbe System nicht selten mit gleichem Unglücke auf die Kirchspielkinder an, deren nicht wenige vor Kälte oder Hunger, oder weil sie einen Fall getan oder sich verbrannt hatten, starben und zu ihren Vätern in jener Welt, die sie in dieser nicht gekannt, versammelt wurden, wenn sie sie eben mit vieler Mühe so weit gebracht hatte, daß sie von der möglichst geringen Quantität schwacher Nahrungsmittel leben konnten.
Stellten die Direktoren unangenehme Untersuchungen über den Verbleib eines Kindes an, oder taten die Geschworenen lästige Fragen, so schützten das Zeugnis und die Aussage des Wundarztes und des Kirchspieldieners gegen diese Zudringlichkeiten. Der erstere hatte stets die Leichen geöffnet und nichts darin gefunden (was sehr natürlich zuging), und der letztere beschwor stets, was dem Kirchspiel angenehm war, und gab damit einen großen Beweis von Selbstaufopferung und Hingebung. Das Armenkollegium besuchte von Zeit zu Zeit die Filialanstalt und schickte tags zuvor den Kirchspieldiener, um seine Ankunft zu verkünden. Und dann sahen die Kinder stets gut und reinlich aus, und was konnte man mehr verlangen?
Es war nicht zu verlangen, daß die in der Filiale herrschende Hausordnung ein allzu üppiges Gedeihen der Kinder beförderte, und so war auch Oliver Twist an seinem neunten Geburtstage ein blasses, schwächliches, im Wachstum zurückgebliebenes Kind von sehr geringem Leibesumfange; doch wohnte in ihm ein gesunder, kräftiger Geist, der auch, dank der strengen Diät des Hauses, hinreichenden Raum hatte, sich auszudehnen. Oliver feierte seinen Geburtstag im Kohlenkeller in der erlesenen Gesellschaft zweier anderer junger Herren, die nach einer tüchtigen Tracht Schläge hier mit ihm eingesperrt worden waren, weil sie sich erkühnt hatten, hungrig zu sein, als Frau Mann, die gutherzige Pflegerin, durch die Erscheinung Mr. Bumbles, des Kirchspieldieners, der dem Gartenpförtchen zuschritt, in Schrecken gesetzt wurde.
«Du meine Güte, sind Sie es, Mr. Bumble?» rief sie ihm aus dem Fenster, anscheinend hoch erfreut, entgegen. -- «Susanne, bring gleich den Oliver und die anderen beiden Buben herauf und wasch sie. Ach, Mr. Bumble, wie lange haben Sie sich nicht sehen lassen!»
Mr. Bumble war ein wohlbeleibter und dazu cholerischer Mann, und so rüttelte er, anstatt auf diese freundliche Begrüßung in höflicher Weise zu antworten, wütend an der kleinen Pforte und gab ihr dann einen Stoß, wie ihn nur ein Kirchspieldiener versetzen konnte.
«Herr des Himmels!» rief Mrs. Mann, indem sie aus dem Zimmer stürzte -- denn die drei Knaben waren inzwischen entfernt worden --, «daß ich es auch dieser lieben Kinder wegen vergessen mußte, daß die Tür von innen verriegelt ist. Treten Sie ein, Sir, bitte, treten Sie ein, Mr. Bumble! Haben Sie die Güte.»
Obgleich diese Einladung von einem freundlichen Lächeln begleitet war, das sogar das Herz eines Kirchenältesten erweicht haben würde, besänftigte es den Kirchspieldiener doch keineswegs.
«Nennen Sie das einen respektvollen oder schicklichen Empfang, Mrs. Mann,» fragte Bumble, indem er seinen Stab fester in die Hand nahm, «wenn Sie die Kirchspielbeamten an Ihrer Gartenpforte warten lassen, wenn sie in Parochialangelegenheiten in betreff der Parochialkinder hierher kommen?»
«Ich kann Ihnen versichern, Mr. Bumble, daß ich nur ein paar der lieben Kinder bei mir hatte, wegen deren Sie so freundlich sind, herzukommen», erwiderte Mrs. Mann mit großer Unterwürfigkeit.
Mr. Bumble hegte eine hohe Meinung von seiner oratorischen Begabung und seiner Wichtigkeit. Er hatte die eine bewiesen und die andere gewahrt. Er war in milderer Stimmung.
«Nun, nun, Mrs. Mann,» sagte er, «es mag sein, wie Sie sagen, es mag sein. Lassen Sie mich hinein, Mrs. Mann; ich komme in Geschäften und habe Ihnen etwas zu sagen.»
Mrs. Mann nötigte den Kirchspieldiener in ein kleines Sprechzimmer, bot ihm einen Stuhl an und legte dienstbeflissen seinen dreieckigen Hut und seinen Stab auf den Tisch vor ihm. Mr. Bumble wischte sich den Schweiß von der Stirn, blickte freundlich auf den dreieckigen Hut und lächelte. Ja, er lächelte. Kirchspieldiener sind auch nur Menschen, und Mr. Bumble lächelte.
«Nehmen Sie es mir nicht übel, was ich Ihnen sagen will», bemerkte Mrs. Mann mit bezaubernder Liebenswürdigkeit. «Sie wissen, Sie haben einen weiten Weg hinter sich; wollen Sie nicht ein Gläschen nehmen?»
«Nicht einen Tropfen, nicht einen Tropfen», versetzte Mr. Bumble, indem er mit seiner rechten Hand in würdevoller, aber freundlicher Weise abwinkte.
«Ich denke, Sie werden mir schon den Gefallen tun», sagte Mrs. Mann, die den Ton der Weigerung und die diese begleitende Gebärde bemerkt hatte. «Nur ein ganz kleines Gläschen mit einem Schluck kalten Wassers und einem Stück Zucker.»
Mr. Bumble hustete.
«Nur ein ganz kleines Gläschen», wiederholte Mrs. Mann in dringendem Tone.
«Was ist es denn?» fragte der Kirchspieldiener.
«Nun, es ist das, von dem ich etwas im Hause zu halten verpflichtet bin, um es den lieben Kindern in den Kaffee gießen zu können, wenn sie nicht wohl sind, Mr. Bumble», entgegnete Mrs. Mann, während sie ein Eckschränkchen öffnete und eine Flasche und ein Glas herausnahm. «Es ist Genever, ich will Sie nicht hintergehen, Mr. Bumble. Es ist Genever.»
«Geben Sie den Kindern Kaffee, Mrs. Mann?» fragte Bumble, der mit seinen Augen den interessanten Vorgang der Mischung verfolgte.
«Ach, gesegne es ihnen Gott, ich tue es, so kostspielig es auch sein mag», versetzte die Wärterin. «Ich könnte sie vor meinen leiblichen Augen nicht leiden sehen, Sir, Sie wissen es ja.»
«Nein», sagte Mr. Bumble beistimmend; «nein, Sie könnten es nicht. Sie sind eine menschlich denkende Frau, Mrs. Mann.» (Hier setzte sie das Glas vor ihn hin.) «Ich werde so bald wie möglich Gelegenheit nehmen, es dem Kollegium gegenüber zu erwähnen, Mrs. Mann.» (Er zog das Glas näher zu sich heran.) «Sie empfinden wie eine Mutter.» (Er ergriff das Glas.) «Ich -- ich trinke mit Vergnügen auf Ihre Gesundheit, Mrs. Mann», und er trank es zur Hälfte aus.
«Und nun zu den Geschäften!» rief der Kirchspieldiener, indem er eine lederne Brieftasche hervorzog. «Der Knabe, der halb auf den Namen Oliver Twist getauft wurde, ist heute neun Jahre alt.»
«Des Himmels Segen über das liebe Herzchen!» rief Mrs. Mann aus und mußte die Augen mit der Schürze abtrocknen.
Mr. Bumble fuhr fort: «Trotz ausgebotener Belohnung von zehn Pfund, ja nachher von zwanzig Pfund -- trotz der übernatürlichen Anstrengungen des Kirchspiels, sind wir nicht imstande gewesen, seinen Vater ausfindig zu machen oder seiner Mutter Wohnung, Namen oder Stand in Erfahrung zu bringen.»
«Wie geht es denn aber zu, daß er einen Namen hat?» fragte die Waisenmutter.
Der Kirchspieldiener warf sich in die Brust und erwiderte: «Ich erfand ihn.»
«Sie, Mr. Bumble!»
«Ich, Mrs. Mann. Wir benennen unsere Findlinge nach dem Alphabet. Der letzte war ein S -- Swubble: ich benannte ihn. Dieser war ein T -- Twist: ich gab ihm abermals den Namen. Der nächste, der kommen wird, wird Unwin heißen, der nächstfolgende Vilkins. Ich habe Namen im Vorrat von A bis Z; und wenn ich beim Z angekommen bin, fang' ich beim A wieder an.»
«Sie sind wirklich ein Gelehrter, Mr. Bumble!»
«Mag sein, mag sein, Mrs. Mann. Doch genug davon. Oliver ist jetzt zu alt geworden zum Hierbleiben, das Kollegium hat beschlossen, ihn zurückzunehmen, ich bin selbst gekommen, ihn abzuholen; -- wo ist er?»
Mrs. Mann eilte hinaus und erschien gleich darauf mit Oliver wieder, der unterdes gewaschen und bestens gekleidet war.
«Mach 'nen Diener vor dem Herrn, Oliver», sagte sie.
Oliver verbeugte sich tief vor dem Kirchspieldiener auf dem Stuhle und dem dreieckigen Hute auf dem Tische.
«Willst du mit mir gehen, Oliver?» redete ihn Mr. Bumble in feierlichem Tone an.
Oliver war im Begriff, zu antworten, daß er auf das bereitwilligste mit jedermann fortgehen würde, hob aber zufällig die Augen zu Mrs. Mann empor, die hinter des Kirchspieldieners Stuhl getreten war und mit grimmigen Mienen die Faust schüttelte. Er wußte nur zu gut, was das bedeutete.
«Geht *sie* auch mit?» fragte er.
«Das ist unmöglich; sie wird aber bisweilen kommen und dich besuchen», erwiderte Bumble.
Das war kein großer Trost für Oliver; allein er hatte trotz seiner Jugend Verstand genug, sich anzustellen, als verließe er das Haus nur sehr ungern; ohnehin standen ihm die Tränen infolge des Hungers und soeben erfahrener harter Züchtigung nahe genug. Mrs. Mann umarmte ihn wiederholt und gab ihm, was er am meisten bedurfte, ein großes Stück Butterbrot, damit er im Armenhause nicht zu hungrig anlangte. Die Sache war natürlich abgemacht. Sein Butterbrot in der Hand, verließ er die Stätte, wo kein Strahl eines freundlichen Blickes das Dunkel seiner ersten Kinderjahre erhellt hatte. Und doch brach er in Tränen kindlichen Schmerzes aus, als das Gartentor sich hinter ihm schloß. Verließ er doch seine Leidensgefährten, die einzigen Freunde, die er in seinem Leben gekannt hatte; und zum erstenmal seit dem Erwachen seines Bewußtseins empfand er ein Gefühl seiner Verlassenheit in der großen, weiten Welt. Mr. Bumble schritt kräftig vorwärts; der kleine Oliver trabte neben ihm her und fragte am Ende jeder Meile, ob sie nicht bald «da» sein würden. Auf diese Fragen gab Mr. Bumble sehr kurze und mürrische Antworten; denn die zeitweilige Milde, die der Genuß von Genever und Wasser in manchen Gemütern erzeugt, war längst verflogen, und er war wiederum Kirchspieldiener.
Oliver war noch nicht eine Viertelstunde innerhalb der Mauern des Armenhauses gewesen und hatte kaum ein zweites Stück Brot vertilgt, als Mr. Bumble, der ihn der Obhut einer alten Frau übergeben hatte, zurückkehrte. Er erklärte ihm, daß heute abend eine Sitzung des Armenkollegiums stattfände, und daß er sofort vor diesem zu erscheinen habe.
Oliver, der keine allzu klare Vorstellung von dem hatte, was ein Armenkollegium zu bedeuten habe, war von dieser Mitteilung wie betäubt und wußte nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Er hatte jedoch keine Zeit, über diesen Punkt nachzudenken; denn Mr. Bumble versetzte ihm mit seinem Stabe einen Schlag auf den Kopf, um ihn aufzuwecken, und einen anderen über den Rücken, um ihn munter zu machen. Dann befahl er ihm, ihm zu folgen, und führte ihn in ein großes, weißgetünchtes Zimmer, in dem acht bis zehn wohlbeleibte Herren um einen Tisch herumsaßen. Oben am Tische saß in einem Armstuhl, der höher war als die übrigen, ein besonders wohlgenährter Herr mit einem sehr runden, roten Gesichte.
«Mache dem Kollegium eine Verbeugung», sagte Bumble. Oliver zerdrückte zwei oder drei Tränen in seinen Augen, und da er kein Kollegium, sondern nur den Tisch sah, so machte er vor diesem eine wohlgelungene Verbeugung.
«Wie heißt du, Junge?» begann der Herr auf dem großen Stuhle.
Oliver zitterte, denn der Anblick so vieler Herren brachte ihn gänzlich außer Fassung; Bumble suchte ihn durch eine kräftige Berührung mit dem Kirchspieldienerstabe zu beleben, und er fing an zu weinen. Er antwortete daher leise und zögernd, worauf ihm ein Herr in weißer Weste zurief, er wäre ein dummer Junge, was ein vortreffliches Mittel war, ihm Mut einzuflößen.
«Junge,» sagte der Präsident, «höre, was ich dir sage. Du weißt doch, daß du eine Waise bist?»
«Was ist denn das, Sir?» fragte der unglückliche Oliver.
«Er ist in der Tat ein dummer Junge -- ich sah es gleich», sagte der Herr mit der weißen Weste sehr bestimmt.
«Du wirst doch wissen,» nahm der Herr wieder das Wort, der zuerst gesprochen hatte, «daß du weder Vater noch Mutter hast und vom Kirchspiel erzogen wirst?»
«Ja, Sir», antwortete Oliver, bitterlich weinend.
«Was heulst du?» fragte der Herr mit der weißen Weste; und es war in der Tat höchst auffallend, daß Oliver weinte. Was konnte er denn für eine Veranlassung dazu haben?
«Ich hoffe doch, daß du jeden Abend dein Gebet hersagst», fiel ein anderer Herr in barschem Tone ein, «und für diejenigen, die dir zu essen geben und für dich sorgen, betest, wie es sich für einen Christenmenschen ziemt.»
«Ja, Sir», stotterte Oliver.
«Wir haben dich hierher bringen lassen,» sagte der Präsident, «damit du erzogen werden und ein nützliches Geschäft lernen sollst. Du wirst also morgen früh um sechs Uhr anfangen, Werg zu zupfen.»
Für die Vereinigung dieser beiden Wohltaten in der einfachen Beschäftigung des Wergzupfens machte Oliver unter Nachhilfe des Kirchspieldieners eine tiefe Verbeugung und ward dann eiligst in einen großen Saal geführt, wo er sich auf einem rauhen, harten Bette in den Schlaf weinte. Welch ein ehrenvolles Licht fällt hierdurch auf die milden Gesetze Englands! Sie gestatten den Armen, zu schlafen!
Armer Oliver! Als er so in glücklicher Unbewußtheit seiner ganzen Umgebung schlafend dalag, dachte er nicht daran, daß das Kollegium an ebendemselben Tage zu einer Entscheidung gelangt war, die den größten Einfluß auf seine künftigen Geschicke ausüben sollte. Die Sache verhielt sich nämlich folgendermaßen: Die Mitglieder des Kollegiums waren sehr weise, den Dingen auf den Grund gehende, philosophisch gebildete Männer, und als sie dazu kamen, ihre Aufmerksamkeit dem Armenhause zuzuwenden, fanden sie mit einem Male, was gewöhnliche Sterbliche niemals entdeckt hätten. Den Armen gefiel es darin nur zu gut! Es war ein regelrechter Unterschlupfsort für die ärmeren Klassen, ein Gasthaus, in dem man nichts zu zahlen hatte -- ein Ort, an dem man das ganze Jahr hindurch auf öffentliche Kosten das Frühstück, das Mittagessen, den Tee und das Abendbrot einnehmen konnte -- ein Elysium aus Ziegeln und Mörtel, in dem nur gescherzt und gespielt, aber nicht gearbeitet wurde. «Oho,» sagte das Kollegium, «wir sind die richtigen Männer, um hier Ordnung zu schaffen!» So ordneten sie denn an, daß alle Armen die Wahl haben sollten (denn sie wollten um alles in der Welt niemand zwingen), langsam in oder rasch außer dem Hause zu verhungern. In dieser Absicht schlossen sie mit den Wasserwerken einen Vertrag über die Lieferung einer unbegrenzten Menge Wasser und mit einem Getreidehändler einen ebensolchen über die in großen Zwischenräumen erfolgenden Lieferungen von kleinen Mengen Hafermehl ab und gaben täglich drei Portionen eines dünnen Mehlbreies aus; außerdem wurde zweimal wöchentlich eine Zwiebel und des Sonntags eine halbe Semmel gereicht.
Die ersten sechs Monate nach der Aufnahme Oliver Twists war das System in vollem Gange. Das Gemach, in welchem die Knaben gespeist wurden, war eine Art Küche, und der Speisemeister, unterstützt von ein paar Frauen, teilte ihnen aus einem kupfernen Kessel am unteren Ende ihre Haferbreiportionen zu, einen Napf voll und nicht mehr, ausgenommen an Sonn- und Feiertagen, wo sie auch noch ein nicht eben zu großes Stück Brot bekamen. Die Näpfe brauchten nicht gewaschen zu werden, denn sie wurden mit den Löffeln der Knaben so lange poliert, bis sie wieder vollkommen blank waren; und auch an den Löffeln und Fingern blieben Speisereste niemals hängen. Kinder pflegen eine vortreffliche Eßlust zu besitzen. Oliver und seine Kameraden hatten drei Monate die Hungerdiät ausgehalten, vermochten sie nun aber nicht länger mehr zu ertragen. Ein für sein Alter sehr großer Knabe, dessen Vater ein Garkoch gewesen, erklärte den übrigen, daß er, wenn er nicht täglich zwei Näpfe Haferbrei bekomme, fürchten müsse, über kurz oder lang seinen Bettkameraden, einen kleinen, schwächlichen Knaben, aufzuessen. Seine Augen waren verstört, und rollten wild. Die halbverhungerte Schar glaubte ihm, hielt einen Rat, loste darum, wer nach dem Abendessen zum Speisemeister gehen und um mehr bitten solle, und das Los traf Oliver Twist.
Der Abend kam, der Speisemeister stellte sich an den Kessel, der Haferbrei wurde ausgefüllt und ein breites Gebet über der schmalen Kost gesprochen. Die letztere war verschwunden, die Knaben flüsterten untereinander, winkten Oliver, und die zunächst Sitzenden stießen ihn an. Der Hunger ließ ihn alle Bedenklichkeiten und Rücksichten vergessen. Er stand auf, trat mit Napf und Löffel vor den Speisemeister hin und sagte, freilich mit ziemlichem Beben: «Bitt' um Vergebung, Sir, ich möchte noch ein wenig.»
Der wohlgenährte, rotwangige Speisemeister erblaßte, starrte den kleinen Rebellen wie betäubt vor Entsetzen an und mußte sich am Kessel festhalten. Die Frauen waren vor Erstaunen, die Knaben vor Schreck sprachlos. «Was willst du?» fragte der Speisemeister endlich mit schwacher Stimme. Oliver wiederholte unter Furcht und Zittern seine Worte, und nunmehr ermannte sich der Speisemeister, schlug ihn mit dem Löffel auf den Kopf und rief laut nach dem Kirchspieldiener.
Das Armenkollegium war eben versammelt, als Mr. Bumble in großer Erregung hereinstürzte und, zu dem Herrn auf dem hohen Stuhle gewandt, sagte: «Mr. Limbkins, ich bitte um Verzeihung, Sir! Oliver Twist hat mehr gefordert.»
Das Kollegium war starr. Entsetzen über eine solche Frechheit malte sich auf allen Gesichtern.
«Mehr?» erwiderte Mr. Limbkins. «Fassen Sie sich, Bumble, und antworten Sie mir klar und deutlich. Verstehe ich recht, daß er mehr gefordert hat, nachdem er die von dem Direktorium festgesetzte Portion verzehrt hatte?»
«Jawohl, Sir», entgegnete Bumble.
«Denken Sie an mich, Gentlemen,» sagte der Herr mit der weißen Weste, «der Knabe wird dereinst gehängt werden.»
Niemand widersprach dieser Prophezeiung. Es entspann sich eine lebhafte Diskussion. Oliver wurde auf Befehl des Kollegiums sofort eingesperrt, und am nächsten Morgen wurde ein Anschlag an die Außenseite des Tores geklebt, in dem jedermann, der Oliver Twist zu sich nehmen wollte, die Summe von fünf Pfund zugesprochen wurde -- mit anderen Worten, man bot Oliver Twist um fünf Pfund an jedermann aus, sei es Mann oder Frau, der einen Lehrling oder Laufburschen brauchte, gleichviel wer und in welchem Handwerke oder Geschäfte.
3. Kapitel.
Berichtet, wie Oliver Twist nahe daran war, eine Anstellung zu bekommen, welche keine Sinekure gewesen wäre.
Wenn es Oliver darum zu tun gewesen wäre, die Prophezeiungen des Herrn mit der weißen Weste selbst wahr zu machen, so hätte er zum wenigsten Zeit genug dazu gehabt; denn er blieb acht Tage lang eingesperrt. Allein, um sich im Gefängnis zu erhängen, fehlte ihm erstlich ein Taschentuch -- denn Taschentücher waren als Luxusartikel verpönt --, und zweitens war er noch zu sehr Kind. Er weinte daher nur den langen Tag über, und wenn die lange, grausige Nacht kam, so deckte er seine Händchen über seine Augen, um nicht in die Dunkelheit starren zu müssen, kroch in einen Winkel und versuchte zu schlafen. Aber immer und immer wieder fuhr er vor Angst und Entsetzen aus seinem unruhigen Schlummer empor und drängte sich dichter und dichter an die Wand heran, als wäre selbst ihre kalte, harte Fläche ein Schutz für ihn in der Finsternis und Einsamkeit, die ihn rings umgaben.
Es war indes dafür gesorgt, daß es ihm an Leibesbewegung, Gesellschaft und religiösem Trost nicht mangelte.
Was die Leibesübungen betrifft, so war es schönes, kaltes Wetter, und er durfte seine Waschungen jeden Morgen unter der Pumpe in einem gepflasterten Hofe vornehmen in der Gegenwart des Herrn Bumble, der durch wiederholte Anwendung seines Stabes dafür sorgte, daß er sich nicht erkältete, und daß eine prickelnde Empfindung seinen Körper durchlief. Was die Gesellschaft betrifft, so wurde er jeden zweiten Tag in den Saal geführt, wo die Knaben ihr Mittagbrot verzehrten, und wo er vor deren Augen zum warnenden Beispiel ausgepeitscht wurde. Und weit entfernt, daß ihm die Segnungen des religiösen Zuspruchs vorenthalten worden wären, wurde er vielmehr jeden Abend zur Gebetsstunde in denselben Raum gestoßen; hier durfte er zuhören und seinem Gemüte Tröstung zuführen, da auf Anordnung des Kollegiums ein allgemeines Gebet der Knaben eingefügt worden war, das eine besondere Klausel enthielt, in der sie zu Gott flehten, er möge sie gut, tugendhaft, zufrieden und gehorsam machen und vor der Sündhaftigkeit und Lasterhaftigkeit Oliver Twists bewahren.
Während Olivers Angelegenheiten sich in diesem vielversprechenden und günstigen Zustande befanden, ereignete es sich eines Morgens, daß der Schornsteinfegermeister Mr. Gamfield auf der Landstraße langsam seines Weges zog, in tiefem Sinnen über die Mittel und Wege, wie er seine Miete, wegen deren er von seinem Hauswirt schon zu wiederholten Malen gemahnt worden war, bezahlen sollte. Mr. Gamfield mochte den Stand seiner Finanzen noch so sanguinisch betrachten: es fehlten ihm immer noch fünf Pfund an der nötigen Summe, und in einer Art arithmetischer Verzweiflung zermarterte er sein Gehirn und mißhandelte seinen Esel, als er, am Armenhause angelangt, den Anschlag am Tore erblickte.
«Brrr!» sagte Mr. Gamfield zu dem Esel.
Der Esel war ebenfalls in tiefes Nachdenken versunken und beschäftigte sich wahrscheinlich gelegentlich mit der Frage, ob er einen oder zwei Kohlstrünke erhalten würde, wenn er die beiden Säcke Ruß, mit denen der kleine Karren beladen war, an Ort und Stelle gebracht hätte, und so trottete er denn weiter, ohne auf den Zuruf seines Herrn zu achten.
Mr. Gamfield stieß halblaut einen schweren Fluch aus, rannte dem Esel nach und gab ihm einen Schlag auf den Kopf, der jeden anderen Schädel, ausgenommen den eines Esels, zertrümmert haben würde. Dann ergriff er den Zügel und riß scharf an dem Kinnbacken des Tieres, um ihm in zarter Weise zu Gemüte zu führen, daß er nicht sein eigener Herr sei; durch diese Mittel gelang es ihm, den Esel herumzulenken. Dann gab er ihm einen zweiten Schlag auf den Kopf, um ihn bis zu seiner Rückkehr zu betäuben, und schritt, nachdem er diese Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte, auf das Tor zu, um den Anschlag zu lesen.
Der Herr mit der weißen Weste stand, die Arme auf dem Rücken gekreuzt, vor dem Tore, nachdem er in dem Beratungszimmer einige tiefempfundene Wahrheiten zum besten gegeben hatte. Er hatte den kleinen Zwist zwischen Mr. Gamfield und dem Esel beobachtet und lächelte höchst vergnügt, als der Mann näher trat, um den Anschlag zu lesen, da er auf den ersten Blick sah, daß Mr. Gamfield gerade der richtige Lehrherr für Oliver sei. Auch Mr. Gamfield lächelte, als er das Schriftstück las, denn fünf Pfund waren gerade die Summe, die er brauchte, und was den Knaben betrifft, den er dazunehmen sollte, so wußte Mr. Gamfield, dem es bekannt war, welcher Art die Kost im Armenhause war, daß es sich um einen ganz kleinen, schmächtigen Kerl handeln würde, wie geschaffen für die neuen Patentschornsteine. Daher las er den Anschlag noch einmal von Anfang bis zu Ende durch, faßte als Beweis für seine Höflichkeit an seine Pelzmütze und wandte sich an den Herrn in der weißen Weste.
«Dieser Junge hier, den das Armenhaus als Lehrling vergeben will ...» begann Mr. Gamfield.
«Ach, lieber Mann,» erwiderte der Mann in der weißen Weste herablassend, «was ist mit ihm?»
«Wenn das Kirchspiel ihn ein leichtes, angenehmes Handwerk, das achtungswerte Schornsteinfegerhandwerk, erlernen lassen will, so brauche ich einen Lehrling und bin bereit, ihn zu nehmen.»
«Treten Sie näher», entgegnete der Mann in der weißen Weste. Mr. Gamfield lief erst noch einmal zurück, um dem Esel noch einen Schlag vor den Kopf zu versetzen und am Zaume zu reißen, als Warnung, er möge es sich nicht etwa einfallen lassen, in seiner Abwesenheit durchzugehen, und folgte dann dem Herrn mit der weißen Weste in das Zimmer, wo Oliver diesen zuerst gesehen hatte.
«Es ist ein schmutziges Gewerbe», erwiderte Mr. Limbkins, als Mr. Gamfield seinen Wunsch abermals vorgebracht hatte.
«Es ist auch schon vorgekommen, daß Knaben in den Schornsteinen erstickt sind», sagte ein anderer Herr.
«Das kam nur daher,» versetzte Gamfield, «daß man das Stroh naß machte, ehe man es im Kamin anzündete, um die Jungen herunterzuholen; es gab nur Rauch, aber keine Flamme. Rauch aber ist ganz unzweckmäßig, um einen Jungen herunterzuholen, denn er veranlaßt ihn nur zum Schlafen, und das eben ist es, was er will. Jungens sind widerspenstig und faul, meine Herren, und ein gutes Feuer ist das beste Mittel, sie rasch zum Herunterkommen zu bringen. Es ist auch ein ganz humanes Mittel, denn wenn sie in der Esse steckengeblieben sind, so arbeiten sie, wenn sie sich die Füße verbrennen, aus Leibeskräften, sich loszumachen.»
Der Herr in der weißen Weste schien sich über diese Erklärung höchlich zu belustigen, aber seine Heiterkeit wurde durch einen strafenden Blick, den ihm Mr. Limbkins zuwarf, sofort gedämpft. Die Direktoren berieten nun ein paar Minuten miteinander, aber in so leisem Tone, daß nur die Worte «Ersparnis» und «guten Eindruck bei der Abrechnung», die mit großem Nachdruck mehrmals wiederholt wurden, hörbar waren. Endlich hörte das Geflüster wieder auf, und Mr. Limbkins begann, nachdem die Herren mit feierlicher Miene wieder ihre Plätze eingenommen hatten: «Wir haben Ihren Vorschlag in Erwägung gezogen, können ihn aber nicht annehmen.»
«Unter keinen Umständen», fiel der Herr in der weißen Weste ein.
«Ganz entschieden nicht», erklärten die übrigen Mitglieder des Kollegiums.
Da auf Mr. Gamfield der leise Verdacht ruhte, daß schon drei bis vier Knaben in seinem Geschäfte das Leben eingebüßt hatten, so kam ihm der Gedanke, das Kollegium könnte vielleicht in einer ganz unbegreiflichen Laune daran Anstoß genommen haben. Bei der Art ihrer Geschäftsführung war dies zwar ganz unwahrscheinlich; da er aber keinen besonderen Wunsch hegte, diesem Gerüchte neue Nahrung zuzuführen, so drehte er seine Mütze in den Händen und entfernte sich langsam von dem Tische.
«So wollen Sie mir ihn also nicht überlassen, meine Herren?» fragte Gamfield, an der Türe stehenbleibend.
«Nein», erwiderte Mr. Limbkins; «wenigstens sind wir der Meinung, Sie müßten mit einer geringeren als der ausgesetzten Summe zufrieden sein, da es doch ein gar zu schmutziges Gewerbe ist.»
Mr. Gamfields Gesicht strahlte, als er rasch an den Tisch zurückkehrte und sagte: «Was wollen Sie geben, meine Herren? Seien Sie doch nicht zu hart gegen einen armen Mann!»
«Ich sollte meinen, drei Pfund zehn Schilling wären übergenug», gab Mr. Limbkins zur Antwort.
«Zehn Schilling zu viel», warf der Herr in der weißen Weste ein.
«Nun,» versetzte Gamfield, «sagen wir vier Pfund, meine Herren. Sagen wir vier Pfund, und Sie sind ihn auf immer los.»
«Drei Pfund zehn Schilling», versetzte Mr. Limbkins fest.
«Wir wollen den Unterschied teilen, meine Herren, drei Pfund fünfzehn Schilling.»
«Nicht einen Pfennig mehr», lautete die feste Entgegnung Mr. Limbkins'.
«Sie sind verdammt hart gegen mich, meine Herren», versetzte Gamfield niedergeschlagen.
«Ach, Unsinn», erwiderte der Herr in der weißen Weste. «Es ist ein gutes Geschäft, selbst wenn Sie gar nichts dazu bekommen. Nehmen Sie ihn nur, guter Mann. Er ist gerade der richtige Junge für Sie. Er braucht ab und zu den Stock; das wird ihm sehr gesund sein, und seine Beköstigung braucht auch nicht sehr kostspielig zu werden, denn er ist nicht sehr verwöhnt worden, seit er hier geboren wurde. Ha, ha, ha!»
Mr. Gamfield blickte scheu auf die Herren rund um den Tisch, und da er auf den Gesichtern aller ein Schmunzeln bemerkte, lächelte er ebenfalls. Der Handel wurde geschlossen, und Mr. Bumble erhielt sofort den Befehl, Oliver Twist am Nachmittag dem Friedensrichter zur amtlichen Bestätigung des Lehrvertrages vorzuführen.
Demgemäß wurde der kleine Oliver zu seinem maßlosen Erstaunen aus seinem Kerker befreit und erhielt den Befehl, ein frisches Hemd anzuziehen. Er hatte kaum diese ungewohnte gymnastische Übung beendet, als Mr. Bumble ihm eigenhändig einen Napf Hafergrütze und das sonntägliche Deputat Brot brachte. Bei diesem furchtbaren Anblick begann Oliver bitterlich zu weinen, denn er dachte ganz natürlich nicht anders, als daß ihn das Kollegium zu irgendeinem nützlichen Zwecke schlachten lassen wolle, denn sonst hätte es wohl schwerlich angefangen, ihn in dieser Weise fett zu machen.
«Heul dir die Augen nicht rot, Oliver, sondern iß und sei dankbar», sagte Mr. Bumble in würdevollem Tone. «Du sollst in die Lehre gegeben werden.»
«In die Lehre?» fragte das Kind zitternd.
«Jawohl, Oliver,» erwiderte Mr. Bumble. «Die gütigen Herren, die ebenso viele Eltern für dich sind, da du keine eigenen hast, wollen dich in die Lehre geben, damit du im Leben auf deinen eigenen Füßen stehen kannst, und wollen einen Mann aus dir machen, obgleich die Summe, die das Kirchspiel dafür zu bezahlen hat, drei Pfund zehn Schilling beträgt -- drei Pfund zehn Schilling, Oliver! siebzig Schilling -- einhundertundvierzig Sixpences! und all das für ein so ungeratenes Waisenkind, das niemand leiden kann.»
Als Mr. Bumble in seiner Rede innehielt, um Atem zu schöpfen, rollten die Tränen dem armen Kinde die Wangen hinunter, und es schluchzte bitterlich.
«Nun, laß gut sein, Oliver», sagte Mr. Bumble etwas weniger würdevoll, denn er war mit der Wirkung seiner Beredsamkeit zufrieden. «Wisch dir die Augen mit den Ärmeln deiner Jacke und weine nicht in deine Hafergrütze. Das ist Dummheit.» Das war es sicherlich, denn es befand sich schon genügend Wasser darin.
Auf dem Wege zum Friedensrichter schärfte Bumble Oliver auf das dringlichste ein, daß alles, was er zu tun hätte, darin bestände, recht glücklich auszusehen, und wenn der alte Herr ihn frage, ob er in die Lehre gehen wolle, zu antworten, er freue sich schon sehr darauf. Oliver versprach, beiden Weisungen nachzukommen, um so mehr, als Mr. Bumble ihm in einem freundlichen Hinweise androhte, es würde ihm sonst sehr schlecht ergehen. An Ort und Stelle angelangt, wurde er in ein kleines Zimmer eingeschlossen, und Mr. Bumble sagte ihm, er solle hier bleiben, bis er wiederkäme und ihn abholte.
So blieb denn der Knabe mit klopfendem Herzen eine halbe Stunde allein. Nach deren Verlauf steckte Bumble seinen bloßen, nicht mit dem dreieckigen Hut geschmückten Kopf herein und sagte laut: «Nun, Oliver, mein Kind, komme jetzt zu dem Herrn!»
Während Mr. Bumble dies sagte, warf er dem Knaben einen grimmigen, drohenden Blick zu und fügte leise hinzu: «Erinnere dich an das, was ich dir gesagt habe, infamer Bengel!»
Oliver starrte bei diesem verschiedenen Ton der Anrede Mr. Bumble unschuldig in das Gesicht, aber dieser Herr führte ihn in das anstoßende Zimmer, dessen Tür offen stand, und schnitt ihm dadurch jede weitere Bemerkung ab. Es war ein geräumiges Zimmer mit einem großen Fenster. Hinter einem Pulte saßen zwei alte Herren mit gepuderten Perücken, von denen der eine eine Zeitung las, während der andere mit Hilfe einer Schildpattbrille ein kleines vor ihm liegendes Stück Pergament prüfte. Mr. Limbkins stand vor dem Pulte auf der einen Seite, Mr. Gamfield mit teilweise gewaschenem Gesichte auf der anderen.
Der alte Herr mit der Brille schlief über dem Stück Pergament allmählich ein, und es entstand eine kurze Pause, nachdem Oliver, von Mr. Bumble geführt, sich vor das Pult hingestellt hatte.
«Dies ist der Knabe, Euer Edeln», sagte Mr. Bumble.
Der alte Herr, der die Zeitung las, erhob einen Augenblick den Kopf und stieß den anderen alten Herrn an, worauf dieser erwachte.
«Ah, das ist also der Knabe?» fragte er.
«Ja, dies ist er, Euer Edeln», erwiderte Mr. Bumble. «Mache dem Herrn Friedensrichter eine Verbeugung, mein Kind.»
Oliver gehorchte und machte sein schönstes Kompliment, das um so tiefer ausfiel, da er noch nie Herren mit gepuderten Perücken gesehen hatte.
«Der Knabe wünscht also Schornsteinfeger zu werden?» sagte der Friedensrichter.
«Mit Gewalt,» sagte Bumble, «will's mit Gewalt werden, Euer Edeln; würde übermorgen wieder entlaufen, wenn wir ihn morgen in ein anderes Geschäft gäben.»
Der Friedensrichter wendete sich zu dem Schornsteinfeger.
«Und Sie versprechen, ihn gut zu behandeln, ordentlich zu speisen, zu kleiden, und was weiter dazu gehört?»
«Wenn ich's einmal gesagt habe, daß ich's will, so ist's auch meine Meinung, daß ich's will», erwiderte Gamfield barsch.
«Ihre Rede ist eben nicht fein, mein Freund; doch Sie scheinen ein ehrlicher, geradsinniger Mann zu sein», bemerkte der alte Herr und richtete seine Brille auf den Meister, auf dessen häßlichem Gesicht die Brutalität deutlich zu lesen stand. Aber der Friedensrichter war halb blind und halb kindisch, und so konnte man füglicherweise nicht verlangen, daß er das bemerke, was anderen auf den ersten Blick auffiel.
«Ich hoffe, ich bin es, Sir», erwiderte Mr. Gamfield grinsend.
«Ich hege daran nicht den mindesten Zweifel, mein Freund», erwiderte der alte Herr, setzte seine Brille fester auf die Nase und suchte nach dem Tintenfaß.
Es war der kritische Augenblick in Olivers Schicksal. Hätte das Tintenfaß dort gestanden, wo es der alte Herr vermutete, so würde er seine Feder eingetaucht und den Vertrag unterzeichnet haben, und Oliver wäre dann auf der Stelle fortgeschleppt worden. Da es sich aber unmittelbar vor seiner Nase befand, so folgte daraus mit Notwendigkeit, daß er überall auf dem Pulte nach ihm suchte, ohne es zu finden, und da er nun beim Suchen auch gerade vor sich hinblickte, so fiel sein Auge auf das bleiche, verstörte Antlitz Oliver Twists, der trotz aller ermahnenden Blicke und Püffe Bumbles das abstoßende Äußere seines zukünftigen Lehrmeisters mit einem aus Grauen und Furcht gemischten Ausdruck betrachtete.
Der alte Herr hielt inne, legte die Feder aus der Hand und blickte von Oliver zu Mr. Limbkins hinüber, der mit unbefangener, heiterer Miene eine Prise Schnupftabak zu nehmen versuchte.
«Mein liebes Kind!» sagte der alte Herr, sich über sein Pult lehnend. Oliver fuhr beim Klang seiner Stimme zusammen. Dies läßt sich entschuldigen, denn die Worte wurden in freundlichem Tone gesprochen, und ungewohnte Laute erschrecken jeden. Er zitterte heftig und brach in Tränen aus.
«Mein liebes Kind,» begann der alte Herr von neuem, «du siehst bleich und geängstet aus. Was ist dir?»
«Treten Sie ein wenig von ihm weg», sagte der andere Beamte, das Papier weglegend und sich mit einem Ausdrucke reger Teilnahme vorbeugend.
«Nun, mein Kind, sage uns, was dir ist. Habe keine Furcht!» Oliver fiel auf die Knie, hob die gefalteten Hände empor und flehte schluchzend, man möge ihn in das finstere Gemach zurückbringen, hungern lassen, schlagen, ja totschlagen -- nur aber mit dem schrecklichen Manne nicht fortschicken.
«Nun,» sagte Mr. Bumble, indem er seine Hände mit der eindrucksvollsten Feierlichkeit erhob und seine Augen emporschlug, «von allen hinterlistigen, niederträchtigen Waisenkindern, die ich je gesehen habe, bist du der erbärmlichste Kerl, Oliver.»
«Halten Sie Ihren Mund, Kirchspieldiener», rief ihm der zweite alte Herr zu, als Mr. Bumble seine Rede beendet hatte.
«Ich bitte Euer Edeln um Verzeihung», erwiderte Bumble, der nicht recht gehört zu haben glaubte. «Haben Euer Edeln zu mir gesprochen?»
«Jawohl. Halten Sie Ihren Mund!»
Mr. Bumble war starr vor Entsetzen. Einem Kirchspieldiener zu befehlen, den Mund zu halten! Das war ja wirklich eine Umwälzung aller sittlichen Begriffe!
Der Friedensrichter blickte auf seinen Kollegen, der in bezeichnender Weise nickte.
«Ich muß dem Vertrage die Bestätigung versagen», erklärte er dann, das Pergament unwillig zur Seite schiebend.
«Ich hoffe,» stotterte Mr. Limbkins, «Sie werden nicht geneigt sein, lediglich auf das Zeugnis eines Kindes der Meinung Raum zu geben, daß das Verfahren des Direktoriums einem Tadel unterliege.»
«Ich bin als Friedensrichter nicht berufen, eine Meinung darüber auszusprechen», entgegnete der alte Herr. «Nehmen Sie den Knaben wieder mit sich und behandeln Sie ihn gut. Er scheint es zu bedürfen.»
Man hatte den Anschlag heruntergenommen, am folgenden Morgen wurde jedoch Oliver abermals um fünf Pfund ausgeboten.
4. Kapitel.
Oliver Twist, dem eine neue Stellung angeboten wird, tritt in das bürgerliche Leben ein.
Die Direktoren hatten Bumble befohlen, Erkundigungen einzuziehen, ob nicht etwa ein Stromschiffer eines Knaben bedürfe, wie man denn die jüngeren Söhne und ebenso die Waisenkinder gern zur See schickt, um sich ihrer zu entledigen. Gerade als der Kirchspieldiener zurückkehrte, trat Mr. Sowerberry aus dem Hause, der Leichenbestatter des Kirchspiels, der es trotz seiner Beschäftigung doch nicht wenig liebte, zu scherzen.
«Ich habe soeben das Maß zu den beiden gestern abend gestorbenen Frauenzimmern genommen, Mr. Bumble», rief er ihm entgegen und bot ihm zugleich seine Dose, ein artiges kleines Modell eines Patentsarges.
«Sie werden noch ein reicher Mann werden, Mr. Sowerberry», bemerkte Bumble.
«Möcht's wünschen; aber die Direktoren zahlen nur gar zu geringe Preise.»
«Ihre Särge sind auch gar zu klein, Mr. Sowerberry.»
«Größere tun auch nicht not, Mr. Bumble, bei der neuen Speiseordnung.»
Bumble mißfiel die Wendung, welche das Gespräch genommen; er suchte es daher auf einen anderen Gegenstand zu lenken, spielte mit einem seiner großen Rockknöpfe mit dem Kirchspielsiegelemblem -- dem barmherzigen Samariter -- und begann von Oliver Twist zu sprechen.
«Beiläufig,» fing er an, «wissen Sie niemand, der einen Knaben braucht? Einen Parochiallehrling, der gegenwärtig eine bloße Last, ein dem Kirchspiel am Halse hängender Mühlstein, möchte ich sagen, ist. Sehr günstige Bedingungen, Mr. Sowerberry, sehr günstige Bedingungen!»
Bei diesen Worten erhob Mr. Bumble seinen Stab zu dem Anschlage über ihm und schlug dreimal auf die Worte «fünf Pfund», die mit riesengroßen Buchstaben gedruckt waren. Dann fuhr er fort: «Nun, wie denken Sie darüber?»
«Oh!» erwiderte der Leichenbestatter; «nun, Sie wissen, Mr. Bumble, ich bezahle eine anständige Summe zu den Armenlasten.»
«Hm!» bemerkte Mr. Bumble. «Nun?»
«Nun,» antwortete der Leichenbestatter, «ich glaube, daß, wenn ich so viel für die Armen bezahle, ich auch das Recht habe, so viel wie möglich aus ihnen herauszuschlagen, Mr. Bumble, und so -- und so beabsichtige ich denn, den Knaben selber zu nehmen.»
Mr. Bumble faßte den Leichenbestatter beim Arme und führte ihn in das Haus. Mr. Sowerberry blieb fünf Minuten bei den Direktoren, und es wurde abgemacht, daß Oliver noch am selbigen Abend «auf Probe» zu ihm gehen sollte, was soviel sagen will, als daß der Meister, dem ein Kirchspielknabe als Lehrling übergeben wird, denselben auf eine Anzahl Lehrjahre haben soll, um mit ihm zu tun, was ihm beliebt, wenn er nach kurzer Probezeit ersieht, daß ihm der Knabe genug arbeitet, ohne zu eßlustig und also zu kostspielig zu sein. Dem kleinen Oliver wurde gesagt, wenn er nicht gutwillig ginge oder sich im Armenhause wieder blicken ließe, so würde man ihn nach gebührender Züchtigung zur See schicken, wo er unfehlbar ertrinken müsse. Er zeigte wenig Rührung und wurde nunmehr für gänzlich verhärtet erklärt. Er hatte freilich in Wahrheit nicht zu wenig, sondern eher zu viel Gefühl, war aber durch die erfahrene Behandlung betäubt und für den Augenblick vollkommen abgestumpft. Auf dem Wege zu Mr. Sowerberry ermahnte ihn Bumble in seinem gewöhnlichen Tone. Oliver traten die Tränen in die Augen.
«Was weinst du, Schlingel? Hab' ich's nicht immer gesagt, daß du die schlechteste, undankbarste Kreatur von der Welt bist? Was hast du? Sprich!»
«Ich bin so verlassen, Sir -- so ganz verlassen! Jedermann ist so schlimm gegen mich. Es ist mir, als wenn ich hier blutete und mich totbluten müßte»; -- und er preßte die Hand auf das Herz und blickte mit nassen Augen seinem Führer in das Gesicht.
Bumble hustete, sagte endlich: «Trockne nur deine Augen und sei ein guter Junge», und ging schweigend weiter.
Der Leichenbestatter, der soeben die Fensterladen seines Geschäfts geschlossen hatte, machte gerade bei dem Scheine einer elenden Kerze einige Eintragungen in sein Rechnungsbuch, als Mr. Bumble eintrat.
«Aha!» sagte er, von dem Buche aufblickend und mitten in einem Worte aufhörend, «sind Sie es, Bumble?»
«Niemand anders!» erwiderte der Kirchspieldiener. «Hier ist er! Ich habe Ihnen den Knaben gebracht.» Oliver machte eine Verbeugung.
«Ah, dies ist also der Knabe?» fragte der Leichenbestatter, indem er die Kerze in die Höhe hob, um Oliver besser betrachten zu können. «Liebe Frau,» rief er dann, «wolltest du vielleicht die Freundlichkeit haben, einmal herzukommen?»
Mrs. Sowerberry tauchte aus einem kleinen Zimmer hinter dem Laden auf und zeigte sich in der Gestalt einer kleinen, hageren Frau mit zänkischem Gesichtsausdruck.
«Liebe Frau,» sagte der Leichenbestatter, «dies ist der Knabe aus dem Armenhause, von dem ich dir erzählt habe.» Oliver machte abermals eine Verbeugung.
«Mein Himmel, wie klein er ist!» rief Mrs. Sowerberry aus.
«Er ist allerdings klein», sagte Bumble, Oliver sehr unwillig anblickend, als ob es des Knaben Schuld gewesen wäre, daß er nicht größer war; «er wird aber größer werden, Mrs. Sowerberry.»
«O ja, auf unsere Kosten», entgegnete sie verdrießlich. «Ich sehe keine Ersparnis mit Kirchspielkindern; sie kosten allezeit mehr, als sie wert sind. Die Männer glauben aber immer, alles am besten zu wissen.»
Bei diesen Worten öffnete sie eine Seitentür und stieß Oliver eine Treppe hinunter in ein finsteres, dumpfes Gelaß, den Vorraum des Kohlenkellers und «Küche» genannt, und befahl einer schlumpigen Dienstmagd, ihm zu geben, was für den nicht nach Hause gekommenen Trip zurückgestellt wäre.
O daß doch so mancher, dessen Blut von Eis und dessen Herz von Stein ist und der dennoch eine Stimme sich anmaßt, eine Stimme hat, wo es der Beurteilung der Lage, dem Wohl oder Wehe der Armen gilt, den Knaben hätte verschlingen sehen können, was der Haushund verschmäht! Wie sehr wäre so vielen Menschenfreunden dieselbe und keine andere Diät zu wünschen!
Frau Sowerberry hatte dem Knaben in stummem Entsetzen und mit trüben Ahnungen in betreff seines künftigen Appetits zugeschaut; er hörte auf zu essen, als er nichts mehr fand.
«Bist du endlich fertig?» sagte sie. «Nun komm, dein Bett ist unter dem Ladentische. Du wirst dich doch nicht grauen, zwischen Särgen zu schlafen? Aber wenn du auch nicht wolltest, du bekommst keine andere Schlafstelle.»
Oliver folgte schüchtern und geduldig seiner neuen Herrin.
5. Kapitel.
Oliver unter neuen Umgebungen und bei einem Leichenbegängnisse.
Sobald Oliver im Laden des Leichenbestatters allein gelassen war, setzte er seine Lampe auf eine Bank, und Furcht und Grauen durchschauerte ihn. Mitten im Gemach stand ein neuer, fast fertiger Sarg; die schon zugeschnittenen, an die Wände umher gelehnten Bretter erschienen ihm beim matten Lampenlichte wie Geister. Auf dem Boden lagen große Nägel, Holzspäne, Stücke schwarzen Tuchs und Sargembleme, und an der Wand über dem Ladentische hing das grauenhafte Bild eines Leichenzuges. Die Luft war drückend heiß; sie deuchte Oliver wie Grabesluft, die Öffnung zu seiner Ruhestätte unter dem Ladentische wie ein gähnendes Grab.
Er fühlte sich allein und verlassen in der Welt, und obwohl er keinen Schmerz über Trennung von Freunden oder Angehörigen empfand, so war ihm das Herz dennoch schwer; und als er in sein enges Bett hineinkroch, wünschte er, daß es sein Sarg sein und daß er darin hinaus auf den Kirchhof getragen werden möchte, wo das hohe stille Gras über ihm wüchse und im Winde säuselte und das Läuten der alten, traurigen Turmglocke ihm schöne Träume zuführte in seinem süßen Schlummer.
Er wurde am folgenden Morgen durch ein lautes Pochen an der Ladentür aus seinem unruhigen Schlafe geweckt; dasselbe wiederholte sich, ehe er in seine Kleider schlüpfen konnte, ungefähr fünfundzwanzigmal und in ungestümer Weise. Als er die Kette zu lösen begann, hörten die Beine zu stoßen auf, und eine Stimme ließ sich vernehmen.
«Öffne die Tür, wird's bald?» rief die Stimme, die zu den Beinen gehörte.
«Sofort, Sir!» erwiderte Oliver, indem er die Kette losmachte und den Schlüssel umdrehte.
«Ich vermute, du bist der neue Lehrjunge, nicht wahr?» sprach die Stimme durch das Schlüsselloch.
«Ja, Sir!» antwortete Oliver.
«Wie alt bist du?» fragte die Stimme weiter.
«Zehn Jahre, Sir!» entgegnete Oliver.
«Dann werde ich dich prügeln, wenn ich hineinkomme», sagte die Stimme; «du wirst gleich sehen, daß ich es tue, du Armenhäusler!»
Oliver hatte schon zu oft das angedrohte Schicksal über sich ergehen lassen müssen, um den leisesten Zweifel zu hegen, daß der Besitzer der Stimme, wer es auch sein mochte, sein Versprechen wahr machen würde. Er schob den Riegel mit zitternder Hand zurück und öffnete die Tür.
Ein paar Sekunden lang blickte Oliver die Straße auf und ab, weil er glaubte, der unbekannte Besucher, der ihn durch das Schlüsselloch angeredet hatte, habe sich einige Schritte entfernt, um sich zu erwärmen; denn es war niemand zu sehen, außer einem großen Armenknaben, der auf einem Pfosten vor dem Hause saß und ein Butterbrot verzehrte.
«Verzeihen Sie, Sir,» sagte Oliver endlich, da er keinen anderen Besucher erblicken konnte, «haben Sie geklopft?»
«Ja, ich habe mit den Füßen an die Tür gestoßen», erwiderte der Armenknabe.
«Wünschen Sie einen Sarg, Sir?» fragte Oliver unschuldig.
«Es wird nicht lange währen, bis du selbst einen brauchst,» war die zornige Antwort, «wenn du Scherz mit Leuten treibst, die dir zu befehlen haben. Weißt du nicht, wer ich bin? Noah Claypole, und du bist mir untergeben, Musjö Ohnevater. Öffne die Fensterläden, Faulpelz!»
Oliver tat, wie ihm geheißen war, und gleich darauf erschien Mr. und Mrs. Sowerberry. Oliver und sein neuer Tyrann wurden in die Küche geschickt, um ihr Frühstück zu erhalten. Charlotte, die Köchin, bedachte Noah gut und Oliver desto schlechter, der obendrein von jenem sehr unsanft in einen dunklen Winkel gestoßen und vielfach gehänselt wurde.
Noah war ein Freischüler, aber doch keine Waise aus dem Armenhause. Sein Stammbaum war ihm sehr wohl bekannt; seine Eltern wohnten in der Nachbarschaft. Seine Mutter war eine Waschfrau und sein Vater ein pensionierter, täglich betrunkener Soldat. Die Ladenburschen nannten ihn verächtlich «Lederhose» und so fort, was er schweigend duldete, dagegen aber nunmehr mit desto größerem Übermut einen Schwächeren und Elternlosen behandelte, den er als solchen tief unter sich sah. -- Welch ein köstlicher Stoff zu Betrachtungen über die liebenswürdige menschliche Natur, deren vortreffliche Eigenschaften sich beim hochstehenden Lord wie beim Armenknaben offenbaren!
Oliver hatte sich drei bis vier Wochen bei Mr. Sowerberry befunden, als derselbe einst gegen seine Hausehre die Rede auf ihn brachte. «Der Knabe sieht wirklich gut aus», bemerkte er.
«Kein Wunder,» entgegnete sie, «denn er ißt genug.»
«Er hat ein äußerst melancholisches Gesicht und sieht immer so trübselig aus, daß er wirklich einen vortrefflichen Stummen[A] abgeben würde.»
[A] Die stummen Diener des Leichenbestatters, die vor den Türen der Trauerhäuser stehen.
Seine Gattin sah ihn verwundert an, und er fuhr fort: «Ich meine nicht bei Erwachsenen, sondern bei Kinderbegräbnissen. 's ist etwas Neues, auch zu dergleichen kleine Stumme zu stellen, und man kann sich etwas davon versprechen.»
Mrs. Sowerberry, die für Geschäftssachen ein gutes Verständnis besaß, war von der Neuheit des Gedankens überrascht; da es aber gegen ihre Würde verstoßen haben würde, wenn sie dies zugegeben hätte, so fragte sie nur mit großer Schärfe im Ton, warum ihr einfältiger Eheherr denn nicht schon längst daran gedacht habe, und Mr. Sowerberry, der dies richtig als Zustimmung auslegte, beschloß, Oliver in die Mysterien des Leichenbestattergeschäftes einzuweihen und sich daher von ihm zum ersten besten vorkommenden Begräbnisse begleiten zu lassen. Die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten, denn eine halbe Stunde darauf erschien Bumble mit dem Auftrage zu einem Kirchspielbegräbnisse.
Mr. Sowerberry ordnete die erforderlichen Vorbereitungen an und befahl Oliver, mit ihm zu gehen. Sie begaben sich nach dem bezeichneten Hause, um das Maß zum Sarge zu nehmen, wo sich ihren Blicken eine Szene des grauenvollsten Elends darbot, die auf Oliver, obgleich er an Elend so wohl gewöhnt war, den peinlichsten Eindruck machte.
Am folgenden Tage, der rauh und regnerisch war, wiederholten sie ihren Besuch, die Leiche wurde in den Sarg gelegt, jede Anordnung war getroffen. Mr. Sowerberry sagte den Trägern, sie möchten sich sputen und den Geistlichen nicht warten lassen; es wäre schon spät. Die Träger setzten sich in eine Art von Trab, und Oliver mußte fast laufen, um mitkommen zu können. Der Geistliche war noch nicht angelangt, der Sarg wurde in einem entfernten Winkel des Kirchhofs neben der Gruft einstweilen niedergesetzt, und Mr. Sowerberry und Bumble setzten sich zum Küster in die Sakristei an das Feuer und nahmen die Zeitungen zur Hand.
Nach einer halben Stunde erschien der Geistliche, Bumble verjagte die Gassenbuben, die sich damit unterhielten, her- und hinüber über den Sarg zu springen, der Geistliche las eilend die Gebete, entfernte sich wieder, der Sarg wurde eingesenkt, die Grube zugeworfen, und alle begaben sich auf den Heimweg.
«Nun, Oliver, wie hat dir's gefallen?» fragte Mr. Sowerberry.
«Recht gut, bedanke mich, Sir!» antwortete Oliver zögernd. «Aber doch eigentlich nicht sehr gut.»
«Wirst dich schon daran gewöhnen», sagte der Leichenbesorger; «und 's ist gar nichts, wenn du's erst gewohnt bist.»
Oliver hätte gern gewußt, wie lange es gedauert, ehe Mr. Sowerberry sich daran gewöhnt, wagte jedoch nicht zu fragen und kehrte gedankenvoll mit seinem Herrn nach Hause zurück.
6. Kapitel.
In welchem Oliver kräftig auftritt.
Es trat gerade eine sehr ungesunde Zeit ein, und Oliver sammelte daher in wenigen Wochen viel Erfahrung. Die Erfolge der scharfsinnigen Spekulation Mr. Sowerberrys übertrafen alle seine Erwartungen. Die ältesten Leute wußten sich nicht zu erinnern, daß so viele Kinder an den Masern gestorben waren, und Oliver mit schwarzen, bis an die Knie herunterreichenden Hutbändern führte einen Leichenzug nach dem andern an. Die Mütter bewunderten ihn über die Maßen und waren unbeschreiblich gerührt. Da er seinen Herrn auch zu den meisten Begräbnissen von Erwachsenen begleiten mußte, um sich die für einen vollkommenen Leichenbestatter so notwendige gemessene Ruhe und Selbstbeherrschung anzueignen, so hatte er häufig Gelegenheit, die schöne Ergebung und Seelenstärke zu bemerken, welche so viele Leute bei ihren schmerzlichen Prüfungen und Verlusten beweisen.
Hatte Sowerberry zum Beispiel das Begräbnis einer reichen alten Dame oder eines reichen alten Herrn zu besorgen, der von einer großen Anzahl von Neffen und Nichten umgeben war, welche sich während seiner Krankheit vollkommen untröstlich gezeigt und ihren Schmerz nicht einmal vor den Augen des großen und größten Publikums hatten bemeistern können, so blieb es selten aus, daß sie unter sich so heiter waren, als man es nur wünschen konnte, und so froh und zufrieden miteinander redeten oder auch lachten, als wenn sie ganz und gar keine Trübsal erlebt hätten. Ehemänner ertrugen den Verlust ihrer Frauen mit der heldenmütigsten Ruhe, und Ehefrauen legten die Trauerkleider um ihre Männer auf eine Weise an, als wenn sie dadurch nicht etwa Schmerz andeuten, sondern so anziehend als möglich erscheinen wollten. Viele Damen und Herren, welche bei der Beerdigung der Verzweiflung nahe zu sein schienen, beruhigten sich schon auf dem Heimwege und waren vollkommen gefaßt, bevor die Teestunde vorüber war. Dieses alles war sehr angenehm und lehrreich anzuschauen, und Oliver sah es mit großer Bewunderung.
Daß das Beispiel so vieler Leidtragenden ihn zur Ergebung und Geduld gestimmt hätte, kann ich mit Bestimmtheit nicht behaupten, sondern vermag nur so viel zu sagen, daß er wochenlang mit Sanftmut die Tyrannei und üble Behandlung ertrug, die er von seiten Noahs erfuhr, der um so erbitterter gegen ihn wurde, weil sein Neid gegen ihn erregt worden war. Charlotte mißhandelte ihn, weil es Noah tat, und Mrs. Sowerberry war seine erklärte Feindin, weil ihr Gatte sich ihm ziemlich freundlich erwies. Und so befand sich denn Oliver bei diesen Feindschaften und fortwährender Leichenbegleitungslast nicht ganz so behaglich wie das hungrige Ferklein, das aus Versehen in die Kornkammer einer Brauerei eingeschlossen war.
Es muß aber jetzt ein an sich unbedeutender Vorfall erzählt werden, der jedoch eine bedeutende Veränderung mit Oliver selbst wie mit seinen Lebensschicksalen zur Folge hatte.
Sein Peiniger trieb seine gewöhnlichen Neckereien weiter als gewöhnlich und hatte es offenbar darauf angelegt, ihn außer Fassung und zum Weinen zu bringen, was ihm jedoch nicht gelingen wollte. Endlich sagte Noah scherzend, er werde nicht verfehlen zuzuschauen, wenn Oliver gehängt würde, und fügte hinzu: «Was wird aber deine Mutter dazu sagen -- und wie geht's ihr denn?»
«Sie ist tot», entgegnete Oliver; «untersteh dich aber nicht, mir etwas Schlechtes über sie zu sagen.»
Oliver wurde feuerrot, als er das sagte; er atmete rasch, um Mund und Nase zuckte es ihm eigentümlich, und Claypole hielt dies für ein untrügliches Anzeichen, daß Oliver bald heftig weinen werde. In dieser Überzeugung ging er in seiner Quälerei weiter.
«Woran starb sie denn, Armenhäusler?» fragte er.
«An Kummer und Herzleid, wie mir eine unserer alten Wärterinnen gesagt hat,» erwiderte Oliver, mehr, wie wenn er mit sich selbst redete, als Noahs Frage beantwortend. «Ich glaube, daß ich's weiß, was es heißt, daran zu sterben!»
Über seine Wange rollte eine Träne hinab, Noah pfiff eine muntere Weise und sagte darauf: «Was hast du denn zu plärren -- um deine Mutter?»
«Daß du mir kein Wort mehr von ihr sagst -- sonst nimm dich in acht!» rief Oliver.
«Ich soll mich in acht nehmen -- ich -- mich in acht nehmen vor einem solchen unverschämten Tunichtgut? Und von wem soll ich kein Wort mehr sagen? Von deiner Mutter? Die mag auch die rechte gewesen sein -- ha, ha, ha!»
Oliver verbiß seine Pein und schwieg. Noah nahm den Ton spöttischen Mitleids an.
«Nun, nun, sei nur ruhig; 's ist nichts mehr dran zu ändern, und ich bedaure dich, wie's alle tun. Indes ist das wahr, ich weiß es, deine Mutter taugte nichts; sie ist eine ganz verworfene Person gewesen.»
«Was sagst du?» rief Oliver rasch aufblickend.
«Eine ganz verworfene Person,» erwiderte Noah kühl, «und es war nur gut, daß sie starb, denn es würde ihr jetzt schlecht genug ergehen in der Tretmühle, wenn sie anders nicht deportiert oder gehängt worden wäre. Hab' ich nicht recht, Armenhäusler?»
Olivers Geduld war zu Ende; purpurrot vor Wut sprang er auf, warf seinen Stuhl samt dem Tische um, faßte Noah bei der Kehle, schüttelte ihn so stark, daß ihm die Zähne im Munde klapperten, sammelte seine ganze Kraft und schlug ihn mit einem einzigen Schlage zu Boden.
Eine Minute vorher hatte er das Aussehen des stillen, sanftmütigen, eingeschüchterten Kindes noch gehabt, zu dem harte Behandlung ihn gemacht hatte. Aber sein Mut war endlich erwacht; die tödliche Beleidigung, die Noah seiner toten Mutter zugefügt, hatte sein Blut in Wallung gebracht. Seine Brust hob sich, er stand aufrecht da wie ein Held, sein Auge strahlte lebhaft; sein ganzes Wesen war verändert, als er funkelnden Blickes vor dem feigen Quäler stand, der jetzt zusammengekrümmt zu seinen Füßen lag.
«Er ermordet mich!» heulte Noah. «Charlotte, Fräulein! Der neue Lehrjunge ermordet mich! Zu Hilfe, zu Hilfe! Oliver ist verrückt geworden! Char--lotte!»
Noahs Geschrei wurde durch ein lautes Aufkreischen von Charlottes Seite und durch ein lauteres von seiten Mrs. Sowerberrys beantwortet; die erstere stürzte durch eine Seitentür in die Küche, während die letztere noch auf der Treppe zauderte, bis sie sich völlig davon überzeugt hatte, daß sie näher treten konnte, ohne ihr kostbares Leben zu gefährden.
«Du verdammter Halunke!» schrie Charlotte und packte Oliver kräftig am Arme. «Du undankbarer, mordgieriger, abscheulicher Schuft!» Und dabei schlug sie unausgesetzt aus Leibeskräften auf Oliver ein.
Charlottes Faust gehörte nicht zu den leichtesten, und jetzt kam ihr auch noch Mrs. Sowerberry zu Hilfe, die in die Küche stürzte und ihn mit der einen Hand festhielt, während sie ihm mit der anderen das Gesicht zerkratzte. Bei diesem günstigen Stande der Angelegenheit erhob sich auch Noah vom Fußboden und griff ihn von hinten an.
Dieser dreifache Angriff war zu heftig, als daß er lange hätte dauern können. Als sie alle drei ermüdet waren und nicht länger zerren und schlagen konnten, schleppten sie Oliver in den Kehrichtkeller und schlossen ihn hier ein. Nachdem dies glücklich vollbracht war, sank Mrs. Sowerberry auf einen Stuhl und brach in Tränen aus.
«Um Gottes willen, sie stirbt!» rief Charlotte. «Ein Glas Wasser, liebster Noah! Spute dich!»
«O Charlotte», sagte Mrs. Sowerberry stöhnend, «was für ein Glück, daß wir nicht alle in unseren Betten ermordet worden sind!»
«Ja, Madam,» lautete die Antwort, «das ist in der Tat ein Glück von Gott. Der arme Noah! Er war schon halb ermordet, als ich hineinkam.»
«Armer Junge!» sagte Mrs. Sowerberry, indem sie mitleidig auf den Knaben blickte. «Was sollen wir anfangen?» fuhr sie nach einer Weile fort. «Der Herr ist nicht daheim; es ist kein Mann im ganzen Hause, und er wird die Kellertür in zehn Minuten eingestoßen haben.»
«Mein Gott, mein Gott!» jammerte Charlotte, «ich weiß es nicht, Ma'am! Aber vielleicht schicken wir nach der Polizei.»
«Oder nach dem Militär!» warf Claypole ein.
«Nein, nein!» erwiderte Mrs. Sowerberry, die sich in diesem Augenblick an Olivers alten Freund erinnerte. «Lauf zu Mr. Bumble, Noah, und bitte ihn, unverzüglich herzukommen und keine Minute zu verlieren. Es tut nichts, wenn du auch ohne Mütze gehst. Mach hurtig!»
Ohne sich die Zeit zu einer Antwort zu lassen, stürzte Noah davon, und die ihm begegnenden Leute waren sehr erstaunt, einen Armenknaben barhäuptig in voller Eile durch die Straßen rennen zu sehen.
7. Kapitel.
Oliver bleibt widerspenstig.
Noah Claypole unterbrach seinen hastigen Lauf nicht ein einziges Mal und kam ganz atemlos vor dem Tor des Armenhauses an. Hier blieb er einen Augenblick stehen, um sein Gesicht in möglichst klägliche Falten zu legen, klopfte dann laut an die Pforte und zeigte dem öffnenden Armenhäusling eine so jammervolle Miene, daß selbst dieser, der sein ganzes Leben lang nichts als jammervolle Mienen um sich gesehen hatte, erschrocken zurückfuhr und fragte: «Was hast du denn nur, Junge?»
«Mr. Bumble, Mr. Bumble!» rief Noah in gut geheuchelter Angst und in so lautem, erregtem Tone, daß Mr. Bumble, der zufällig in der Nähe war, es nicht nur hörte, sondern auch dadurch in solche Aufregung geriet, daß er ohne seinen dreieckigen Hut in den Hof stürzte -- ein deutlicher Beweis dafür, daß selbst ein Kirchspieldiener unter Umständen seine Fassung verlieren und seine persönliche Würde außer acht lassen kann.
«Oh, Mr. Bumble -- o Sir!» schrie Noah; «Oliver, Sir -- Oliver Twist!»
«Wie -- was? Ist er -- ist er davongelaufen?»
«Nein, Sir; er ist ganz ruchlos geworden. Er hat mich und Charlotte und Missis ermorden wollen! O Sir! o Sir -- mein Nacken, mein Kopf, mein Leib, mein Leib!»
Sein Geheul zog den Herrn mit der weißen Weste herbei.
«Sir,» rief Bumble demselben entgegen, «hier ist ein Knabe aus der Freischule, der von Oliver Twist beinahe ermordet worden wäre!»
«Bei Gott,» bemerkte der Herr mit der weißen Weste, «das habe ich gewußt. Ich hatte von Anfang an eine seltsame Ahnung, daß dieser freche, kleine Taugenichts noch gehängt werden würde.»
«Er hat auch die Magd ermorden wollen», sagte Bumble mit bleichem Gesicht.
«Und die Frau», fiel Noah ein.
«Und nicht wahr, Noah, sagtest du nicht, auch seinen Herrn?» fragte Bumble.
«Nein, der Herr war nicht zu Hause, sonst hätte er ihn auch gemordet», antwortete Noah. «Aber der Bösewicht sagte, er wollte es tun.»
«Sagte er, daß er es tun wollte, mein Kind?» fragte der Herr mit der weißen Weste.
«Ja, Sir!» erwiderte Noah. «Und Missis wünscht zu wissen, ob Mr. Bumble wohl nicht einen Augenblick Zeit hätte, um zu kommen und ihn zu züchtigen, da der Herr nicht zu Hause ist.»
«Gewiß, mein Junge, gewiß», sagte der Herr in der weißen Weste, indem er freundlich lächelte und Noahs Kopf streichelte. «Du bist ein guter Junge, ein sehr guter Junge. Hier hast du einen Penny. Bumble, gehen Sie sofort mit Ihrem Stabe zu Sowerberry und sehen Sie zu, was am besten zu tun ist. Schonen Sie ihn nicht, Bumble, und sagen Sie auch Sowerberry, er solle in Zukunft strenge mit ihm verfahren.»
«Ich werde alles zu Ihrer vollen Zufriedenheit besorgen, Sir!» erwiderte Bumble, indem er sich zusammen mit Noah auf den Weg machte.
Als sie an ihrem Bestimmungsorte anlangten, war die Lage der Dinge dort unverändert. Sowerberry war noch nicht zurückgekehrt, und Oliver schlug fortwährend mit unverminderter Heftigkeit an die Kellertür. Mr. Bumble donnerte mit seinem Fuße von außen an die Tür, um sein Kommen anzuzeigen, legte dann seinen Mund ans Schlüsselloch und sagte in tiefem, eindringlichem Tone: «Oliver.»
«Laßt mich hinaus!» rief Oliver von innen.
«Kennst du meine Stimme, Oliver?»
«Ja!»
«Fürchtest du dich nicht -- zitterst du nicht bei meiner Nähe?»
«Nein!»
Bumble war starr vor Erstaunen.
«Er muß verrückt geworden sein!» bemerkte Mrs. Sowerberry.
«'s ist keine Verrücktheit, Ma'am,» sagte Bumble, «'s ist das Fleisch!»
«Das Fleisch?!»
«Ja, ja, Ma'am! Sie haben ihn überfüttert, Ma'am. Hätten Sie ihm nichts als Haferbrei gegeben, so würde er nimmermehr so geworden sein.»
Mrs. Sowerberry machte sich wegen ihrer Gutherzigkeit und Freigebigkeit die bittersten Vorwürfe, so unschuldig in Gedanken, Worten und Werken sie auch war.
Bumble erklärte, daß nur Einsperren und sodann strenge Diät den rebellischen Sinn des kleinen Galgenstricks würden bändigen können. In diesem Augenblick kehrte Sowerberry zurück, dem sofort der Vorfall mit solchen Übertreibungen erzählt wurde, daß er die Tür öffnete, den Knaben beim Kragen faßte und herauszog.
Olivers Kleider waren zerrissen, sein Gesicht war verschwollen und zerkratzt, und sein Haar hing ihm wirr über die Stirn herab. Die zornige Röte war jedoch aus seinem Gesicht nicht verschwunden, und als er aus seinem Gefängnis gezogen wurde, warf er Noah einen drohenden Blick zu.
«Nun, du bist ja ein netter Bursche», sagte Sowerberry, schüttelte Oliver derb und gab ihm rechts und links ein paar Ohrfeigen.
«Er beschimpfte meine Mutter», sagte Oliver.
«Und wenn er das auch tat, du undankbarer Bösewicht», versetzte Mrs. Sowerberry. «Sie hat's verdient, was er von ihr gesagt hat, und noch viel mehr.»
«Nein, nein!» rief Oliver. «'s ist eine Lüge!»
Mrs. Sowerberry brach in eine Tränenflut aus, und dies ließ ihrem Gatten keine Wahl. Denn wenn er nicht auf der Stelle Oliver nachdrücklich gezüchtigt hätte, so würde er sich, gemäß allen Ehezänkereiregeln, als eine Nachtmütze, ein liebloser Ehemann, ein Ungeheuer gezeigt haben. So ungern er es daher auch tun mochte, er züchtigte Oliver dermaßen, daß die nachträgliche Anwendung des Rohrs Mr. Bumbles jedenfalls sehr unnötig war. Oliver wurde darauf bei Wasser und Brot wieder eingesperrt und spät abends unter Noahs unbarmherzigem Gespött zu Bett gewiesen.
Erst hier ließ er seinen Gefühlen freien Lauf. Er hatte allen Spott und Hohn mit hartnäckiger Verachtung, die schmerzlichsten Streiche ohne Schrei ertragen und würde nicht geweint haben, wenn man ihn lebendig geröstet hätte; ein solcher Stolz war in seiner Brust erwacht. Nun aber, da er allein und gänzlich sich selber überlassen war, fiel er auf die Knie nieder, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte solche Tränen, wie Gott sie den Betrübten und Geängsteten zur Erleichterung ihres Herzens sendet, wie nur wenige menschliche Wesen, so jung an Jahren wie Oliver, sie zu vergießen Ursache hatten.
Es währte lange, bevor er sich wieder erhob. Das Licht war tief heruntergebrannt, er horchte und blickte vorsichtig umher, öffnete leise die Tür und sah hinaus. Die Nacht war finster und kalt. Die Sterne schienen ihm weiter von der Erde entfernt zu sein, als er sie je gesehen; die Bäume, von keinem Winde bewegt, standen wie Geister da. Er verschloß die Tür wieder, knüpfte seine wenigen Habseligkeiten in ein Taschentuch und setzte sich auf eine Bank, um den Anbruch des Tages zu erwarten.
Mit dem ersten durch die Ritzen der Fensterladen eindringenden Lichtstrahle stand er auf, öffnete die Tür zum zweiten Male, blickte furchtsam umher, zögerte ein paar Augenblicke, trat hinaus und ging, ungewiß, wohin er sich wenden sollte, rasch vorwärts. Nach einiger Zeit gewahrte er, daß er sich ganz in der Nähe der Anstalt befände, in der er seine ersten Kinderjahre verlebt hatte. Es war niemand zu hören oder zu sehen; er blickte in den Garten hinein. Einer seiner kleinen, weit jüngeren Spielkameraden reinigte ein Beet vom Unkraut. Sie hatten miteinander gar oft Hunger, Schläge und Einsperrung erduldet.
«Pst! Dick!» rief Oliver.
Der Knabe lief herbei und streckte ihm die abgemagerten Hände durch die Gittertür entgegen.
«Ist schon jemand auf, Dick?»
«Keiner als ich.»
«Sag' ja nicht, daß du mich gesehen hast, Dick; ich bin fortgelaufen; konnt's nicht mehr aushalten und will mein Glück in der Welt versuchen. Ich muß weit fort von hier; weiß nicht, wohin. Wie blaß du aussiehst!»
«Ich habe den Doktor sagen hören, daß ich sterben müßte. Ach, das ist schön, daß du hier bist! Aber halt dich nicht auf; lauf fort!»
«Ja, ja, leb wohl! Ich weiß gewiß, wir sehen uns wieder, Dick. Du wirst noch recht glücklich werden.»
«Das hoff' ich -- wenn ich tot bin; eher nicht. Ich weiß es, Oliver, der Doktor hat recht; denn ich träume so viel vom Himmel und von Engeln und freundlichen Gesichtern, die ich niemals sehe, wenn ich aufwache. Leb wohl, Oliver; geh mit Gott! Gottes Segen begleite dich!»
Oliver hatte noch nie des Himmels Segen auf sich herabrufen hören, und nie vergaß er diese Segnung von den Lippen eines Kindes unter allen Leiden, Sorgen, Mühen, Kämpfen und Wechselschicksalen seines Lebens.
8. Kapitel.
Oliver geht nach London und trifft mit einem absonderlichen jungen Gentleman zusammen.
Oliver lief ohne Rast und Ruhe, bis er um die Mittagsstunde bei einem Meilensteine stillstand, auf dem die Entfernung Londons angegeben war. Dort konnte man ihn nicht finden, er hatte oft sagen hören, daß die unermeßliche Stadt zahllose Mittel zum Fortkommen darböte, sein Entschluß war gefaßt; er machte sich bald wieder auf den Weg und gedachte nun erst der Schwierigkeiten, die er zu überwinden haben würde, um an sein Ziel zu gelangen. Er hatte ein grobes Hemd, zwei Paar Strümpfe, eine Brotrinde und einen Penny in seinem Bündel -- ein Geschenk Mr. Sowerberrys nach einem Begräbnisse, bei welchem er sich dessen ungewöhnliche Zufriedenheit verdient hatte. Er sann vergeblich darüber nach, wie er mit so geringen Mitteln London erreichen solle -- und trabte weiter.
Nachdem er zwanzig Meilen zurückgelegt hatte, lenkte er auf eine Wiese ein und legte sich in einem Heuhaufen zur Ruhe nieder. Er machte am zweiten Tage abermals zwölf Meilen, verwendete seinen Penny für Brot, übernachtete auf ähnliche Weise und erhob sich am dritten Morgen fast erfroren und mit erstarrten Gliedern, so daß er sich kaum von der Stelle bewegen konnte.
Die Straße wand sich hier einen ziemlich steilen Hügel hinauf, und er flehte die Außenpassagiere einer Postkutsche um eine Gabe an. Nur einer beachtete ihn, rief ihm zu, er möge warten, bis man oben angelangt wäre, und begehrte darauf zu erfahren, wie weit er um einen halben Penny mitlaufen könne. Oliver mußte nach der größten Anstrengung doch bald zurückbleiben, und der Mildtätige steckte sein Geldstück wieder in die Tasche und erklärte ihn für einen faulen Schlingel, der keine Freigebigkeit verdiene. Dahin rollte die Postkutsche und ließ nur eine Staubwolke zurück.
In manchen Dörfern waren Pfosten mit Tafeln errichtet, auf welchen scharfe Drohungen gegen alle Bettler zu lesen waren, und Oliver eilte furchtsam weiter; in anderen, wenn er etwa vor einem Gasthause mit sehnsüchtigen Blicken stillstand, hieß man ihn sich davonmachen, wenn er nicht als ein Dieb eingesperrt werden wollte. Aus vielen Häusern vertrieb ihn die Drohung, daß man die Hunde loslassen werde, wenn er sich nicht sofort entferne.
Es würde ihm ohne Zweifel ergangen sein, wie seiner unglücklichen Mutter, wenn sich nicht ein menschenfreundlicher Schlagbaumwärter und eine gutherzige Frau seiner angenommen hätten. Jener erquickte ihn durch ein, wenn auch nur aus Brot und Käse bestehendes Mittagsmahl; und diese, die einen schiffbrüchigen, sie wußte nicht wo umherirrenden Großsohn hatte, gab ihm, was ihre Armut vermochte, und obendrein, was mehr war für Oliver und ihn alle seine Leiden auf eine Zeitlang vergessen ließ, freundliche Worte und mitleidige Zähren.
Am siebenten Morgen nach Sonnenaufgang erreichte er mit wunden Füßen die kleine Stadt Varnet. Die Fensterläden waren geschlossen, die Straßen waren leer; nicht eine einzige Seele hatte sich schon zu den Geschäften des Tages erhoben. Die Sonne ging in all ihrer strahlenden Schönheit auf; aber ihr Licht diente nur dazu, dem Knaben seine Verlassenheit so recht zu Gemüte zu führen, als er mit blutenden Füßen und staubbedeckt auf einer Türschwelle saß.
Allmählich wurden die Läden geöffnet und die Rouleaus in die Höhe gezogen, und die Leute begannen auf und ab zu gehen. Einige blieben stehen, um Oliver ein paar Augenblicke zu betrachten, oder wandten sich im Vorbeieilen um, um einen Blick auf ihn zu werfen; aber niemand kümmerte sich um ihn oder fragte, wie er dorthin käme. Er hatte nicht den Mut, jemand um eine Gabe anzusprechen. Nach einiger Zeit ging ein Knabe an ihm vorüber, sah sich nach ihm um, ging weiter, sah sich noch einmal um, stand still, kehrte zurück und redete ihn an.
Er mochte ungefähr so alt sein wie Oliver selbst, der nie einen so absonderlichen Kauz gesehen. Er hatte eine Stumpfnase und eine platte Stirn, sah höchst ordinär und schmutzig aus, und seine ganze Haltung und sein Benehmen war wie das eines Mannes. Er war klein für sein Alter, hatte Dachsbeine und kleine, scharfe, häßliche Augen. Der Hut saß ihm so lose auf dem Kopfe, als wenn er jeden Augenblick herunterfallen müßte, und er würde auch heruntergefallen sein, wenn er nicht durch häufige rasche Kopfbewegungen seines Besitzers immer wieder zurechtgerückt oder befestigt worden wäre. Die Kleidung des Kleinen war gleichfalls nichts weniger als knabenhaft, und die ganze Figur stellte das vollkommene Bild eines renommierenden, prahlhaften kleinen Helden von vier Fuß Höhe dar.
«Was fehlt dir, Bursch? Was scheft dermehr?»[B] redete er Oliver an.
[B] Was gibt's?
«Ich bin sehr hungrig und müde», erwiderte Oliver, mit Tränen in den Augen. «Ich komme weit her und bin seit sieben Tagen auf der Wanderung gewesen.»
«Weit her -- hm! -- seit sieben Tagen auf der Wanderung gewesen? -- Ah -- sehe schon -- auf Oberschenkels Befehl -- he? Doch,» fügte er hinzu, als er Olivers verwunderte Miene gewahrte, «du scheinst nicht zu wissen, was ä Oberschenkel ist, mein guter Kochemer[C].»
[C] Spitzbubenkamerad.
Oliver erwiderte schüchtern, er wisse allerdings sehr wohl, daß man unter einem Oberschenkel den oberen Teil eines Beines verstehe.
«Ha, ha, ha! Wie grün!» rief der junge Gentleman aus. «Ä Oberschenkel ist ä Friedensrichter, wer auf 'nes Oberschenkels Befehl geht, kommt nicht vorwärts, sondern geht immer 'nauf, ohne wieder 'runter zu kommen. Noch nicht in der Mühle gewesen?»
«In was für einer Mühle?» fragte Oliver.
«Ei, in der, die in ä Doves[D] Platz hat. Doch du bist butterich[E]; ich hab' freilich auch nicht eben zu viel Massumme[F], aber so weit's zureicht, will ich rausrücken und blechen. Steh auf -- komm!»
[D] Gefängnis.
[E] Hungrig.
[F] Geld.
Der junge Gentleman half Oliver aufstehen und nahm ihn mit sich in sein Gasthaus, wo er Brot und Schinken bringen ließ und ihn sehr aufmerksam beim Essen beobachtete. Als sich Oliver endlich gesättigt, warf er die Frage hin: «Nach London?»
«Ja.»
«Hast du eine Wohnung?»
«Nein.»
«Geld?»
«Nein.»
Der junge Herr senkte die Hände in die Taschen und pfiff. --
«Wohnst du in London?» fragte Oliver.
«Ja, wenn ich zu Hause bin. Aber du weißt wohl nicht, wo du kommende Nacht schlafen sollst?»
«Nein», antwortete Oliver. «Ich habe seit sieben Nächten unter keinem Dache geschlafen.»
«Mach dir darum nur keine Sorgen. Ich gehe heute abend nach London und kenne da 'nen respektablen alten Herrn, der dir Wohnung umsonst geben und dir bald 'ne gute Stelle verschaffen wird -- das heißt, wenn dich ä Schentleman einführt, den er kennt. Und ob er mich wohl kennt!» fügte der junge Herr lächelnd hinzu.
Das unerwartete Anerbieten war zu lockend, als daß Oliver einen Augenblick hätte anstehen sollen, es anzunehmen. Er wurde zutraulicher und erfuhr nun auch, daß sein neuer Freund Jack Dawkins heiße und ein besonderer Liebling des erwähnten alten Herrn sei. -- Jacks Äußeres schien freilich den Lieblingen des alten Herrn nicht viele Vorteile zu versprechen; allein da er ziemlich leichtfertig und großsprecherisch redete und auch gestand, daß er unter seinen Bekannten allgemein den Namen des «gepfefferten Baldowerers» (d. h. gewitzten Kundschafters) führe, so schloß Oliver, er möge nicht eben viel taugen und die guten Lehren seines Wohltäters in den Wind schlagen. Oliver nahm sich daher in der Stille vor, sich so bald wie möglich die Gunst des alten Herrn zu erwerben, und wenn er den Baldowerer unverbesserlich fände, die Ehre der näheren Bekanntschaft mit ihm abzulehnen.
Da es Jack nicht genehm war, vor Abend in London einzutreffen, so wurde es fast elf Uhr, bevor sie den Schlagbaum von Islington erreichten. Der Baldowerer führte Oliver eiligen Schrittes durch ein Gewirr von Straßen und Gassen, so daß sein Begleiter ihm kaum zu folgen vermochte. Trotz dieser Eile konnte Oliver nicht umhin, beim Weitergehen ein paar hastige Blicke nach beiden Seiten zu werfen. Eine schmutzigere oder elendere Gegend hatte er noch nie gesehen. Die Straßen waren äußerst eng und unsauber, und die Luft war mit üblen Gerüchen erfüllt. Es war eine große Menge kleiner Läden vorhanden, aber der einzige Warenvorrat schien in Haufen von Kindern zu bestehen, die selbst zu dieser späten Nachtstunde innerhalb und außerhalb der Türen umherkrochen oder im Innern der Häuser schrien. Bedeckte Wege und Höfe, die hier und da von der Hauptstraße abbogen, führten zu kleinen Häusergruppen, vor denen betrunkene Männer und Frauen sich tatsächlich im Schmutze wälzten, und an verschiedenen Torwegen tauchten großgewachsene, verdächtig aussehende Burschen auf, die allem Anschein nach nicht viel Gutes im Schilde führten. Oliver überlegte schon, ob er nicht am besten täte, davonzulaufen, als ihn sein Führer plötzlich beim Arm nahm, die Tür eines Hauses unweit Fieldlane öffnete, ihn hineinzog und die Tür wieder verschloß. Der Baldowerer pfiff und erwiderte auf den Ruf: «Wer da?» -- «Grim und petacht!»[G] Unten auf dem Hausflur zeigte sich Licht, und der Kopf eines Mannes tauchte auf der zur Küche hinunterführenden Treppe empor.
[G] Gut und sicher.
«Es sind euer zwei -- wer ist der andere?»
«Ein neuer Chawwer», rief Jack, Oliver nachziehend, zurück.
«Woher kommt er?»
«Von Grünland. Ist Fagin oben?»
«Ja. Er sortiert die Schneichen[H]. Geh hinauf!»
[H] Seidene Tücher.
Das Licht wurde zurückgezogen, und der Kopf verschwand.
Jack führte Oliver eine finstere, sehr schadhafte Treppe hinauf, mit der er jedoch sehr genau bekannt zu sein schien, öffnete die Tür eines Hinterzimmers und zog Oliver nach.
Die Wände des Gemachs waren von Schmutz und Rauch geschwärzt, auf einem elenden Tische stand ein in den Hals einer Bierflasche gestecktes Licht und am Kamine die zusammengeschrumpfte Gestalt eines alten Juden mit einem zurückstoßenden, spitzbübischen, satanischen Gesicht, das durch dichte, klebrige, rote Haare verdunkelt wurde. Er steckte in einem fettigen flanellenen Schlafrocke, trug den Hals bloß und schien seine Aufmerksamkeit zwischen dem Feuer, an welchem er Brotschnitte röstete, und dem Kleidergestell zu teilen, auf welchem eine große Anzahl seidener Taschentücher hing. An dem Tische saßen vier oder fünf Knaben, keiner älter als Jack, rauchten aus langen Tonpfeifen und tranken Branntwein, ganz als wenn sie Erwachsene gewesen wären. Sie drängten sich um den Baldowerer, als er dem Juden einige Worte zuflüsterte, drehten sich darauf nach Oliver um, und sie und der Jude grinsten ihn an.
«Fagin, das ist er, mein Freund Oliver Twist», sagte Jack Dawkins laut.
Der Jude grinste, machte Oliver eine tiefe Verbeugung, faßte seine Hand und sagte, er hoffe, die Ehre seiner näheren Bekanntschaft zu haben. Hierauf umringten ihn die jungen, rauchenden Gentlemen und drückten ihm eifrig die Hände -- besonders die linke, in welcher er sein kleines Bündel trug. Der eine von ihnen zeigte großen Eifer, seine Kappe aufzuhängen, und ein anderer war so dienstfertig, in seine Tasche zu greifen, um ihn der Mühe zu überheben, wenn er sich niederlegte, sie auszuleeren; und alle diese Höflichkeiten würden kein Ende gehabt haben, wenn der Jude die Köpfe und Schultern der gefälligen jungen Herren nicht mit der Röstgabel, die er in der Hand hielt, zu bearbeiten angefangen hätte.
«Wir sind alle sehr erfreut, dich kennen zu lernen, Oliver», sagte der Jude. «Baldowerer, mache einen Platz für Oliver am Feuer frei. Ah, du betrachtest verwundert die Taschentücher, mein Lieber? Nicht wahr, es sind ihrer eine ganze Menge? Wir haben sie soeben zum Waschen herausgehängt. Das ist alles, Oliver; das ist alles. Ha, ha, ha!»
Seine letzten Worte wurden von einem schallenden Gelächter all der hoffnungsvollen Zöglinge des lustigen alten Herrn begrüßt, worauf sich alle zu Tisch setzten.
Nachdem Oliver seinen Teil gegessen, mischte ihm der Jude ein Glas heißen Genever mit Wasser und sagte ihm, er müsse sogleich austrinken, weil noch jemand des Glases bedürfe. Oliver tat, was ihm geheißen war, sein Freund Jack hob ihn auf, legte ihn auf ein aus alten Säcken bereitetes Lager, und er versank sogleich in einen tiefen Schlummer.
9. Kapitel.
Weitere Mitteilungen über den alten Herrn und seine hoffnungsvollen Zöglinge.
Es war schon spät am folgenden Morgen, als Oliver aus einem langen, festen Schlummer erwachte, doch vorerst nur zu jenem Mittelzustande zwischen Schlaf und Wachen, in welchem man sich noch nicht vollkommen ermuntern kann und doch alles hört und sieht, was umher vorgeht.
Der Jude war außer Oliver allein im Zimmer. Er schlürfte seinen Kaffee, setzte das Geschirr nach einiger Zeit zur Seite, stand eine Weile am Kamin, wie wenn er nicht wüßte, was er zunächst vornehmen sollte, blickte darauf nach Oliver hin und rief ihn beim Namen. Oliver antwortete nicht und schien noch zu schlafen.
Der Jude horchte, ging zur Tür, schob den Riegel vor und nahm darauf, wie es Oliver schien, aus einer Vertiefung des Fußbodens eine kleine Schachtel heraus und stellte sie auf den Tisch. Seine Augen glänzten, als er sie öffnete und in die Schachtel hineinschaute. Er setzte sich und nahm eine goldene, von Diamanten funkelnde Uhr heraus.
«Aha!» murmelte er mit einem entsetzlichen Lächeln. «Verdammt pfiffige Bestien! Und courageux bis zum letzten Augenblick. Sagten mit keinem Sterbenswörtchen dem alten Pfarrer, wo sie wären, verkappten[I] den alten Fagin nicht. Und was hätt's ihnen geholfen? Der Strick wäre doch geblieben fest -- hätten gebaumelt keinen Augenblick später. Nein, nein! Wackre Bursche, wackre Bursche!»
[I] Verraten.
Er legte die Uhr wieder in die Schachtel, nahm mehrere andere und dann Ringe, Armbänder und viele Kostbarkeiten heraus, deren Namen oder Gebrauch Oliver nicht einmal kannte, und beäugelte sie mit gleichem Vergnügen. Hierauf legte er ein sehr kleines Geschmeide in seine flache Hand und schien lange bemüht, zu lesen, was darin eingegraben sein mochte. Endlich ließ er es, wie am Erfolge verzweifelnd, wieder in die Schachtel hineinfallen, lehnte sich zurück und murmelte: «Was es doch ist für 'ne hübsche Sache ums Hängen! Tote bereuen nicht -- bringen ans Licht keine dummen Geschichten. Selbst die Aussicht auf den Galgen macht sie keck und dreist. 's ist sehr schön fürs Geschäft. Fünf aufgehangen in einer Reihe, und keiner übrig zu teilen mit mir oder zu lehmern[J].»
[J] Verraten, beichten.
Er blickte auf, seine schwarzen, stechenden Augen begegneten Olivers Blicken, die in stummer Neugier auf ihn geheftet waren, und er gewahrte sogleich, daß er beobachtet worden war. Er drückte die Schachtel zu, griff nach einem auf dem Tische liegenden Messer und sprang wütend und am ganzen Leibe zitternd auf.
«Was ist das?» rief er. «Warum passest du mir auf? Warum bist du wach? Was hast du gesehen? Sprich, Bube -- sprich, sprich, so lieb dir dein Leben ist!»
«Ich konnte nicht mehr schlafen», erwiderte Oliver bestürzt. «Es tut mir sehr leid, wenn ich Sie gestört habe, Sir!»
«Hast du nicht schon seit einer Stunde gewacht?» fragte der Jude, Oliver finster anblickend.
«Nein, Sir -- nein, wahrlich nicht», sagte Oliver.
«Ist's auch wahr?» rief der Jude mit noch drohenderen Gebärden.
«Auf mein Wort, Sir!» versicherte Oliver.
«Schon gut, schon gut!» fuhr der Jude, auf einmal sein gewöhnliches Wesen wieder annehmend, fort. «Ich weiß es wohl -- wollte dich nur erschrecken -- auf die Probe stellen. Du bist ein wackerer Junge, Oliver.» Er rieb sich kichernd die Hände, blickte jedoch unruhig nach der Schachtel hin. «Hast du gesehen die hübschen Sachen?» fragte er nach einigem Stillschweigen.
«Ja, Sir.»
«Ah!» rief erblassend der Jude aus. «Sie -- sind mein Eigentum, Oliver; mein kleines Eigentum -- alles, was ich besitze für meine alten Tage. Man schilt mich einen Geizhals -- aber ich muß doch leben.»
Oliver dachte, der alte Herr müsse wirklich ein Geizhals sein, denn er würde sonst nicht, obgleich im Besitz solcher Schätze, so erbärmlich wohnen. Indes meinte er, seine Liebe zu Jack und den anderen Knaben möchte ihm wohl viel Geld kosten. Er fragte schüchtern, ob er aufstehen dürfe. Der Jude hieß ihn Wasser zum Waschen aus dem dastehenden Steinkruge holen, und als Oliver es geschöpft hatte und sich umdrehte, war die Schachtel verschwunden.
Er hatte sich kaum gewaschen, als der Baldowerer nebst einem der Knaben eintrat, die Oliver am vorigen Abend hatte rauchen sehen. Jack stellte ihm seinen Begleiter, Charley Bates, förmlich vor, und alle vier setzten sich zum Frühstück, das Jack in seinem Hute mitgebracht hatte.
«Ich hoffe, daß ihr heute morgen gearbeitet habt!» sagte der Jude zu Jack, nach Oliver blinzelnd.
«Tüchtig!» lautete die Antwort.
«Wie Drescher!» setzte Charley Bates hinzu.
«Ah, ihr seid gute Jungen! Was hast du mitgebracht, Baldowerer?»
«Ein paar Brieftaschen!» erwiderte Jack und reichte ihm eine rote und eine grüne hin.
Der Jude öffnete beide und durchsuchte sie mit bebender Begier. «Nicht so schwer, als sie sein könnten», bemerkte er; «aber doch artige Arbeit, recht artige Arbeit -- nicht wahr, Oliver?»
«Ja, wahrlich, Sir!» antwortete Oliver, worüber Charley Bates, zur großen Verwunderung Olivers, laut zu lachen anfing.
«Was hast du denn mitgebracht, Charley?» fragte der Jude.
«Schneichen!» erwiderte Master Bates und wies vier Taschentücher vor.
Der Jude nahm sie in genauen Augenschein.
«Sie sind sehr gut», sagte er; «du hast sie aber nicht gezeichnet gut; die Buchstaben müssen wieder ausgelöst werden, und das soll Oliver lernen. Willst du, Oliver?»
«Wenn Sie es befehlen, gern, Sir!» war Olivers Antwort.
«Möchtest du mir wohl ebenso leicht Taschentücher anschaffen können wie Charley?»
«Warum nicht -- wenn Sie es mich lehren wollen, Sir?»
Charley brach abermals in ein schallendes Gelächter aus und wäre dabei fast erstickt, da er eben einen Bissen zum Munde geführt hatte. «Er ist gar zu allerliebst grün!» rief er endlich, gleichsam zur Entschuldigung seines unhöflichen Benehmens, aus.
Der Baldowerer bemerkte, Oliver würde seinerzeit schon alles lernen. Der Jude sah Oliver die Farbe wechseln und lenkte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Er fragte, ob viele Zuschauer bei der Hinrichtung gewesen wären, und Olivers Erstaunen wuchs immer mehr, denn aus den Antworten Jacks und Charleys ging hervor, daß sie beide zugegen gewesen waren, und es war ihm unerklärlich, wie sie dessenungeachtet so fleißig hatten arbeiten können.
Als das Frühstück beendet war, spielten der muntere alte Herr und die beiden Knaben ein äußerst sonderbares und ungewöhnliches Spiel. Der alte Herr steckte eine Dose, eine Brieftasche und eine Uhr in seine Taschen, eine Brustnadel in sein Hemd, hing eine Uhrkette um den Hals, knöpfte den Rock dicht zu, ging auf und ab, blieb bisweilen stehen, als wenn er in einen Laden hineinsähe, blickte beständig umher, als wenn er Furcht vor Dieben hegte, befühlte seine Taschen, wie um sich zu überzeugen, ob er auch nichts verloren hätte, und machte das alles so spaßhaft und natürlich, daß Oliver lachte, bis ihm die Tränen über die Wangen hinabliefen. Die beiden Knaben verfolgten unterdes den Alten und entschwanden, wenn er sich umdrehte, seinen Blicken mit der bewunderungswürdigsten Behendigkeit. Endlich trat ihm der Baldowerer wie zufällig auf die Zehen, während Charley Bates von hinten gegen ihn anrannte, und sie entwendeten ihm dabei Taschentuch, Uhr, Brustnadel usw. so geschickt, daß Oliver kaum ihren Bewegungen zu folgen vermochte. Fühlte der alte Herr eine Hand in einer seiner Taschen, so war der Dieb gefangen, und das Spiel fing von vorn wieder an.
Es war mehreremal durchgespielt, als zwei junge Damen erschienen, um die jungen Herren zu besuchen. Die eine hieß Betsy, die andere Nancy. Ihr Haar war nicht in der genauesten Ordnung, ihre Schuhe und Strümpfe schienen nicht im besten Zustande zu sein. Sie waren vielleicht nicht eigentlich schön, hatten aber viel Farbe und ein kräftiges, munteres Aussehen. Ihre Manieren waren sehr frei und angenehm, und so meinte Oliver, daß sie sehr artige Mädchen wären, was sie auch ohne Zweifel waren.
Sie blieben lange. Es wurden geistige Getränke gebracht, da die jungen Damen über innerliche Kälte klagten, und die munterste Unterhaltung entspann sich. Endlich erinnerte sich Charley Bates, daß es Zeit sei, auszugehen. Der gute alte Herr gab ihm und dem Baldowerer verschiedene Anweisungen und Geld zum Ausgeben, worauf sie sich nebst Betsy und Nancy entfernten.
«Ist's nicht ein angenehmes Leben, das meine Knaben führen?» sagte Fagin.
«Sind sie denn auf Arbeit ausgegangen?» fragte Oliver.
«Allerdings», erwiderte der Jude; «und sie arbeiten den ganzen Tag unverdrossen, wenn sie nicht werden gestört. Nimm sie dir zum Muster, mein Kind; tu alles, was sie dir heißen; und folg' jederzeit ihrem Rat, besonders dem des Baldowerers. Er wird werden ein großer Mann und auch aus dir machen 'nen großen Mann, wenn du dir ihn zum Vorbilde nimmst. Hängt mein Taschentuch aus der Tasche, mein Lieber?»
«Ja, Sir!» sagte Oliver.
«So sieh einmal zu, ob du es herausziehen kannst, ohne daß ich's fühle, wie du's vorhin gesehen hast von den beiden.»
Oliver erinnerte sich genau, wie er es Jack hatte tun sehen, und tat es ihm nach.
«Ist's heraus?»
«Hier ist es, Sir.»
«Du bist ein kluger Knabe», sagte der alte Herr, ihm die Wange klopfend; «ich habe niemals gesehen ein anstelligeres Kind. Da hast du 'nen Schilling. Fährst du so fort, so wirst du werden der größte Mann deiner Zeit. Doch will ich dir jetzt zeigen, wie man herauslöst die Buchstaben.»
Oliver konnte gar nicht begreifen, wie er ein großer Mann dadurch werden könne, daß er dem alten Herrn das Tuch aus der Tasche zöge, meinte jedoch, daß es der so viel ältere besser wissen müsse als er, und war bald eifrig mit seinen neuen Studien beschäftigt.
10. Kapitel.
Oliver gewinnt Erfahrung um einen hohen Preis.
Oliver blieb acht bis zehn Tage im Zimmer des Juden, wurde fortwährend beschäftigt, Zeichen aus den Taschentüchern, von denen eine große Menge nach Hause gebracht wurde, herauszutrennen, und nahm bisweilen an dem beschriebenen Spiele teil, das täglich gespielt wurde. Er fing immer mehr an, sich nach frischer Luft zu sehnen, und bat den alten Herrn mehrmals auf das dringendste, ihn mit seinen beiden Kameraden zum Arbeiten ausgehen zu lassen.
Endlich wurde ihm eines Morgens die Erlaubnis erteilt, unter Jacks und Charleys Aufsicht auszugehen. Es waren keine Taschentücher mehr da, an denen Oliver hätte arbeiten können, und vielleicht war dies der Grund, weshalb der alte Herr seine Zustimmung gab. Die Knaben gingen und gerieten sogleich in ein sehr langsames Schlendern, was Oliver höchst mißbilligte, eingedenk der vielfachen Warnungen des alten Herrn vor dem verderblichen Müßiggange. Der Baldowerer verübte mannigfachen Mutwillen an Knaben, und Charley erlaubte sich sogar, die Heiligkeit des Eigentums zu verletzen, wenn er an einem Apfel- oder Zwiebelkorbe vorüberkam. Oliver war daher schon im Begriff, unwillig heimzukehren, als seine Begleiter auf einmal anfingen, sich äußerst geheimnisvoll zu benehmen, wodurch er von seinem Vorhaben abgelenkt wurde.
Sie umschlichen einen alten Herrn, auf den sie ihn aufmerksam gemacht hatten, ohne seine Fragen anders als durch einige ihm unverständliche Worte und Winke zu beantworten. Er hielt sich einige Schritte hinter ihnen und stand endlich, unschlüssig, ob er weitergehen oder sich zurückziehen solle, verwundert zuschauend da.
Der alte Herr sah sehr respektabel aus, trug Puder in den Haaren und eine goldene Brille. Er hatte sich vor einen Bücherladen hingestellt, ein Buch zur Hand genommen, las darin, sein spanisches Rohr unter dem linken Arme, und hörte und sah offenbar nicht, was um ihn her vorging.
Wer beschreibt Olivers Bestürzung, als der Baldowerer dem alten Herrn das Tuch aus der Tasche zog, es Charley Bates reichte, und als darauf beide spornstreichs davonliefen! Im Augenblick war ihm das Geheimnis der Taschentücher, Uhren und Kleinodien klar. Das Blut stockte ihm in den Adern, ihm schwindelte vor Furcht und Schrecken, und ohne zu wissen, was er tat, lief er seinen Kameraden nach, so schnell seine Füße ihn tragen mochten. In demselben Augenblick griff der alte Herr nach seinem Tuche in die Tasche, vermißte es, drehte sich rasch um, sah Oliver laufen und erhob den Ruf: «Halt den Dieb!» -- den magischen Ruf, auf welchen sofort alles lebendig wird, der Krämer aus seinem Laden auf die Straße stürzt, der Gemüsehändler seinen Korb, der Milchmann seinen Eimer, der Pflasterer seine Ramme, der Schulknabe seine Bücher im Stiche läßt und alles nachläuft.
Jack und Charley hatten Aufsehen zu vermeiden gewünscht und waren daher nur bis um die nächste Ecke gelaufen, worauf sie sich unter einem Torwege neugierigen Blicken zu entziehen suchten. Sobald sie das Geschrei «Halt den Dieb!» vernahmen, stimmten sie aus allen Kräften ein und schlossen sich wie gute Bürger den Verfolgern an. Diese Anwendung des großen Naturgesetzes der Selbsterhaltung war Oliver vollkommen neu. Er wurde noch mehr verwirrt und bestürzt und verdoppelte seine Eile, sah sich indes nach einiger Zeit eingeholt und wurde obendrein zu Boden geschlagen.
In wenigen Augenblicken war ein zahlreicher Haufen um ihn versammelt. «Drückt ihn doch nicht tot!» -- «Verdient er's besser?» -- «Wo ist der bestohlene Herr?» -- «Da kommt er schon; macht Raum für den Herrn!» -- «Ist dies der Bursch, Sir?» -- «Ja!»
Oliver lag da, mit Schmutz bedeckt, blutend aus Nase und Mund, und sah betäubt und geängstet umher.
«Ich fürchte, daß es der Knabe ist», sagte der Herr sehr milde.
«Das fürchten Sie? Der ist auch wohl der Rechte.»
«Der arme Kleine hat sich beschädigt!» fuhr der Herr fort.
«Das hab' ich getan», fiel ein vierschrötiger Mensch, hervortretend, ein; «traf ihn gerade mit der Faust auf die Schnauze -- ich hab' ihn aufgehalten für Sie, Sir.»
Er zog grinsend den Hut, eine Belohnung seiner Dienstfertigkeit erwartend; allein der alte, dicke Herr blickte ihn unwillig an und hätte sich offenbar gern entfernt, wenn sich nicht ein Polizist, der in solchen Fällen gewöhnlich zuletzt kommt, in diesem Augenblick durch die Menge gedrängt und Oliver beim Kragen gepackt hätte.
«Steh auf!» sagte der Mann barsch.
«Ich bin es wirklich nicht gewesen, Sir, wirklich und wahrhaftig nicht. Es waren zwei andere Knaben», sagte Oliver, die Hände bittend zusammenlegend. «Sie müssen hier irgendwo in der Nähe sein.»
«O nein, sie sind nicht hier», entgegnete der Beamte. Er meinte dies ironisch, aber es war die volle Wahrheit, denn der Baldowerer und Charley Bates hatten sich längst aus dem Staube gemacht. «Steh auf!»
«Tun Sie ihm nichts zuleide», sagte der menschenfreundliche Herr.
«O nein, ich werde ihm nichts zuleide tun», erwiderte der Polizist, indem er zum Beweise dafür Oliver die Jacke halb vom Rücken riß. «Komm nur; ich kenne dich schon. Willst du mal auf deinen Füßen stehen, verdammter kleiner Strolch!»
Oliver machte einen Versuch, sich zu erheben, konnte sich aber kaum aufrecht erhalten und wurde am Kragen seiner Jacke im Laufschritt durch die Straßen geschleppt. Der alte Herr ging mit, und ein immer anwachsender Volkshaufen folgte johlend und lärmend den drei nach der nächsten Polizeiwache.
11. Kapitel.
Wie Mr. Fang die Gerechtigkeit handhabte.
Der Diebstahl war im Bezirke dieses Polizeiamtes begangen worden. Als der Zug auf der Wache anlangte, wurde Oliver vorläufig in ein kellerartiges Gemach eingeschlossen, das über alle Beschreibung schmutzig war, denn sechs Betrunkene hatten es fast drei Tage inne gehabt. Doch das will nichts sagen. Sperrt man doch Tag für Tag und Nacht für Nacht Männer und Weiber um der geringfügigsten, leichtfertigsten Anschuldigungen willen in Spelunken ein, gegen welche die Zellen der schwersten und bereits verurteilten Verbrecher im Newgategefängnisse für Prunkgemächer gelten könnten!
Der alte Herr sah Oliver mitleidig und wehmütig nach. --
«Es liegt ein Ausdruck in den Zügen des Knaben, der mich ganz wunderbar ergreift», sprach er bei sich selbst. «Sollte er nicht unschuldig sein? Er sah aus, als wenn er -- hm! -- ist mir's doch in der Tat, als wenn ich dieses Gesicht oder ein ganz ähnliches schon gesehen hätte.»
Er sann und sann, rief sich die Züge seiner Freunde, Feinde und Bekannten, alter und neuer, längst vergessener, längst im Grabe ruhender ins Gedächtnis zurück, vermochte sich aber dennoch auf keines zu entsinnen, mit welchem Oliver Ähnlichkeit gehabt hätte. «Nein, es muß Einbildung sein», sagte er endlich seufzend und kopfschüttelnd.
Er wurde durch eine Berührung an der Schulter aus seinem Sinnen aufgeschreckt und bemerkte, als er sich umwandte, den Schließer, der ihn aufforderte, ihm ins Amtszimmer zu folgen. Als er eintrat, saß Mr. Fang, der Polizeirichter, bereits hinter einer Barriere am oberen Ende, und neben der Tür befand sich eine Art von hölzernem Verschlag, in dem der arme Oliver, an allen Gliedern zitternd, hockte. Mr. Fangs Antlitz hatte den Ausdruck der Härte und war sehr rot. Wenn er nicht mehr zu trinken pflegte, als ihm gut war, so hätte er gegen sein Gesicht eine Injurienklage anstellen können, und sicher würden ihm beträchtliche Entschädigungsgelder zuerkannt worden sein.
Der alte Herr verbeugte sich ehrerbietig.
«Hier ist mein Name und meine Adresse, Sir!» sagte er und reichte Mr. Fang seine Karte.
Mr. Fang, der eben seine Zeitung las, war unwillig über die Störung und blickte ärgerlich auf.
«Wer sind Sie?»
Der alte Herr wies ein wenig erstaunt auf seine Karte.
Mr. Fang stieß sein Zeitungsblatt nebst der Karte verächtlich zur Seite.
«Gerichtsdiener! Wer ist dieser Mensch?»
«Sir, ich heiße Brownlow», fiel der alte Herr mit dem Anstande eines Gentleman in starkem Kontrast zu Mr. Fang ein. «Erlauben Sie, daß ich um den Namen des Richters bitte, der einen anständigen Mann ohne alle Veranlassung im Gerichtslokale beleidigt.»
«Gerichtsdiener!» herrschte Fang; «wessen ist dieser Mensch angeklagt?»
«Er ist nicht angeklagt, Ihr Edeln, sondern erscheint als Ankläger des Knaben.»
Seine Edeln wußten das sehr wohl, konnten jedoch auf die Weise ganz sicher unangenehme Dinge sagen.
«Erscheint als Ankläger des Knaben -- so!» sagte Fang, Brownlow verächtlich von Kopf bis zu den Füßen betrachtend. «Nehmen Sie ihm den Eid ab.»
«Bevor das geschieht, muß ich mir ein paar Worte erlauben», fiel Brownlow ein. «Ich würde nämlich, ohne daß es mir wirklich widerfahren wäre, niemals geglaubt haben --»
«Halten Sie den Mund, Sir!» unterbrach ihn Fang in befehlshaberischem Tone.
«Ich will und werde reden!» sagte Brownlow ebenso bestimmt.
«Sie halten augenblicklich den Mund, Sir, oder ich lasse Sie hinausbringen. Sie sind ein unverschämter Mensch! Wie können Sie es wagen, sich den Anordnungen eines Richters widersetzen zu wollen?»
Dem alten Herrn stieg das Blut ins Gesicht.
«Vereidigen Sie dieses Individuum!» rief Fang dem Schreiber zu. «Ich will durchaus nichts mehr hören.»
Brownlow war im höchsten Grade entrüstet, glaubte aber, dem Knaben möglicherweise schaden zu können, wenn er seine Gefühle nicht unterdrückte, und legte daher den Eid ab.
«Wohin geht Ihre Anklage?» fragte ihn Fang darauf. «Was haben Sie zu sagen, Sir?»
«Ich stand vor einem Bücherladen», begann Brownlow, allein Fang unterbrach ihn.
«Schweigen Sie, Sir. Wo ist der Polizist? Vereidigen Sie den Polizisten. Polizist -- reden Sie!»
Der Polizist berichtete mit gebührender Unterwürfigkeit, wie er den Knaben gefunden, und wie er ihm die Taschen durchsucht und nichts gefunden habe; -- mehr wisse er nicht.
«Sind Zeugen vorhanden?» fragte Fang.
«Nein, Ihr Edeln.»
Fang saß ein paar Minuten schweigend da, wendete sich darauf zu Brownlow und sagte in großer Hitze: «Denken Sie Ihre Anklage gegen den Knaben anzubringen oder nicht? Sie haben geschworen. Verweigern Sie Ihr Zeugnis, so werd' ich Sie wegen Nichtachtung der Richterbank in Strafe nehmen; das werd' ich, beim --»
Es ist und bleibt unbekannt, bei wem; denn der Schreiber hustete im rechten Augenblick und ließ ein Buch zur Erde fallen -- natürlich nur zufällig.
Brownlow konnte endlich vorbringen, was er zu sagen hatte, und fügte hinzu, daß er die Hoffnung hege, der Richter werde die Gesetze so mild wie möglich anwenden, wenn er es als erwiesen annehmen sollte, daß der Knabe, wenn er nicht selbst ein Dieb sei, doch mit Dieben in Verbindung stehe.
«Er ist bereits hart beschädigt,» schloß er, «und ich fürchte, daß ihm sehr unwohl ist.»
«Unwohl -- so, so!» sagte Fang mit einem höhnischen Lächeln. «Du spielst mir hier keine Komödie, du kleiner Landstreicher, das sag' ich dir; kommst mir damit nicht durch. Wie heißest du?»
Oliver wollte antworten, aber die Zunge versagte den Dienst. Er war totenblaß, und alles schien sich mit ihm zu drehen.
«Wie heißest du, du verhärteter Schlingel?» donnerte ihn Fang wiederholt an. «Gerichtsdiener, wie heißt der Bube?»
Der Gerichtsdiener beugte sich über Oliver und wiederholte die Frage, gewahrte aber, daß der Knabe wirklich nicht imstande war zu antworten, und sagte daher, weil er wußte, daß der Richter sonst nur noch wütender werden und eine noch härtere Strafe diktieren würde: «Er sagt, sein Name wäre Tom White, Ihr Edeln.»
«Wo wohnt er?» fragte Fang weiter.
«Wo er eben kann!» erwiderte der gutherzige Gerichtsdiener abermals für Oliver.
«Hat er Eltern?»
«Er sagt, sie wären in seiner Kindheit gestorben, Ihr Edeln!» entgegnete der Gerichtsdiener. Es war die gewöhnliche Antwort in Fällen dieser Art.
Oliver hob bei der letzten Frage den Kopf empor, sah mit flehenden Blicken umher und bat mit schwacher Stimme um ein Glas Wasser.
«Albernheiten!» sagte Fang. «Hab' mich ja nicht zum Narren, Bursch!»
«Ich glaube wirklich, daß ihm unwohl ist, Ihr Edeln!» wendete der Gerichtsdiener ein.
«Ich weiß es besser», fuhr Fang auf.
«Gerichtsdiener, halten Sie ihn!» rief der alte Herr, «oder er sinkt zu Boden.»
«Zurück da, Gerichtsdiener!» tobte Fang; «mag er, wenn's ihm beliebt.»
Oliver bediente sich der freundlichen Erlaubnis und fiel ohnmächtig von seiner Bank herunter.
Der Richter befahl, ihn liegen zu lassen, bis er wieder zu sich käme; der Schreiber fragte leise, wie Mr. Fang zu verfahren gedächte.
«Summarisch», erwiderte Mr. Fang. «Er wird drei Monate eingesperrt -- natürlich bei harter Arbeit.»
Zwei Schließer schickten sich an, den ohnmächtigen Knaben in seine Zelle zu tragen, als plötzlich ein ältlicher, ärmlich, aber anständig gekleideter Mann atemlos hereintrat.
«Halt -- halt!» rief er; «um des Himmels willen noch einen Augenblick Geduld.»
Obgleich die Polizeibeamten die willkürlichste Gewalt über die Freiheit, den guten Ruf und Namen, ja fast das Leben der königlichen Untertanen, besonders der ärmeren Klassen, zu üben pflegen, und obgleich in den Polizeigerichten genug Dinge vorgehen, um den Engeln blutige Tränen auszupressen, so erfährt das Publikum doch nichts davon, ausgenommen durch das Medium der Tagespresse. Mr. Fang war daher nicht wenig entrüstet, einen ungebetenen Gast eintreten und so ordnungswidrig auftreten zu sehen.
«Was ist das? Wer ist das? Werft den Menschen hinaus!» rief er.
«Ich will und muß reden, Sir; ich lasse mich nicht hinauswerfen; hab's alles angesehen. Ich bin der Besitzer des Buchladens. Ich verlange, vereidigt zu werden. Mr. Fang, Sie müssen mich anhören -- Sie können es nicht wagen, mein Zeugnis zurückzuweisen, Sir.»
Er war im Recht und sah zu entschlossen aus, als daß der Richter es hätte wagen dürfen, ihn abzuweisen. Fang ließ ihm daher den Eid abnehmen und fragte darauf, was er zu sagen habe.
«Ich sah drei Knaben -- zwei andere und diesen hier -- um den Herrn da herumschleichen, der vor meinem Laden stand und las. Der Diebstahl wurde von einem anderen Knaben begangen, und dieser war ganz erstaunt darüber -- sah aus, als wenn ihn der Schlag gerührt hätte.»
«Warum kamen Sie nicht schon früher her?»
«Ich hatte niemand, nach meinem Laden zu sehen, und bin hergelaufen, sobald ich jemand auftreiben konnte.»
«Also der Ankläger las?»
«Ja, Sir -- in dem Buche, das er in diesem Augenblicke in der Hand hat.»
«Ah -- ist es bezahlt?»
«Nein!» erwiderte der Buchhändler lächelnd.
«Mein Himmel, das hab' ich ganz vergessen!» rief der zerstreute alte Herr ganz unbefangen aus.
«Vortrefflich! -- Und Sie werfen sich zum Ankläger eines unglücklichen, armen Knaben auf!» bemerkte Fang mit komisch aussehender Anstrengung, eine menschenfreundliche Miene anzunehmen. «Es scheint mir, Sir, daß Sie unter sehr verdächtigen und unehrenhaften Umständen zu dem Buche gelangt sind, und Sie können sich sehr glücklich schätzen, wenn der Eigentümer nicht als Ankläger gegen Sie auftreten will. Nehmen Sie sich dies zur Lehre, mein Freund, oder Sie verfallen noch einmal dem Gesetze. Der Knabe ist freizulassen. Räumen Sie das Gerichtszimmer!»
Der alte Herr wurde unter Ausbrüchen der Entrüstung, die er nicht länger mehr zurückzuhalten vermochte, hinausgeführt. Er stand im Hofraume, und sein Zorn verschwand. Oliver lag auf dem Steinpflaster; man hatte ihm die Schläfe mit Wasser gewaschen; er war weiß wie eine Leiche und zitterte krampfhaft am ganzen Leibe. «Armes Kind, armes Kind!» sagte Mr. Brownlow, sich über ihn hinunterbeugend. «Leute, ich bitte, schaff' mir doch jemand sogleich einen Mietwagen.»
Gleich darauf fuhr ein leerer Wagen vorüber, Oliver wurde sorgfältig hineingehoben und auf einen Sitz gelegt, während der alte Herr auf dem anderen Platz nahm.
«Darf ich Sie begleiten?» fragte der Buchhändler.
«Ja, ja, mein werter Herr!» erwiderte Brownlow. «Ich habe Sie vergessen; verzeihen Sie. Und da hab' ich auch das unglückliche Buch noch. Steigen Sie geschwind ein, es ist keine Zeit zu verlieren.»
Der Buchhändler setzte sich zu Brownlow, und sie fuhren ab.
12. Kapitel.
In welchem für Oliver bessere Fürsorge getragen wird, als er sie noch in seinem ganzen Leben erfahren. Die Geschichte kehrt zu dem lustigen alten Herrn und seinen hoffnungsvollen Zöglingen zurück.
Der Wagen hielt nach ziemlich langer Fahrt vor einem hübschen Hause in einer stillen Straße, nicht weit von Pentonville. Mr. Brownlow ließ Oliver sogleich zu Bett bringen und sorgte mit einem Eifer für Pflege jeder Art, der keine Grenzen kannte. Sein Schützling verfiel in ein heftiges Fieber und erwachte erst nach acht Tagen aus einem langen und unruhigen Traume, wie es ihm schien. «Wo bin ich?» rief er mit schwacher Stimme. «Wer hat mich hierher gebracht?»
Der Vorhang seines Bettes wurde rasch zurückgeschoben, und eine mütterlich aussehende, sauber gekleidete alte Frau beugte sich über ihn und sagte: «Ruhig, mein Söhnchen, du mußt ganz still liegen oder wirst sonst wieder krank werden. Denn du hast an der Schwelle des Todes gestanden; also verhalte dich ja recht ruhig.»
Sie sah so freundlich und liebevoll dabei aus und strich ihm so sorglich das Haar von der Stirn zurück, daß er sich nicht enthalten konnte, seine abgezehrte Hand auf die ihrige zu legen und einige, wenn auch unverständliche Worte gerührten Dankes zu murmeln.
«Was es für ein lieber Kleiner ist!» sagte sie mit Tränen in den Augen. «Wie würde sich seine Mutter freuen, wenn sie so wie ich bei ihm gesessen hätte und ihn jetzt sähe!»
«Vielleicht sieht sie mich,» flüsterte Oliver und faltete seine Hände. «Vielleicht war sie bei mir, Ma'am. Es ist mir fast, als wäre sie hier gewesen.»
«Das macht das Fieber, mein Kind», bemerkte Frau Bedwin.
«Kann wohl sein», erwiderte Oliver nachdenklich; «denn der Himmel ist sehr fern, und die Seligen haben es dort zu gut, als daß sie an das Krankenbett eines armen Knaben herunterkommen sollten. Wenn sie es aber gewußt hat, daß ich krank war, so hat sie gewiß Mitleid mit mir gehabt, denn sie war selbst sehr krank, ehe sie starb. Aber -- sie mag wohl nichts von mir wissen, denn wenn sie mich hätte niederschlagen sehen, so würde sie sehr betrübt geworden sein, und ihr Gesicht war immer so froh und vergnügt, wenn ich von ihr geträumt habe.»
Frau Bedwin wischte sich die Augen, brachte ihm zu trinken und ermahnte ihn abermals, ganz still zu liegen, weil er sonst wieder krank werden würde. Er schwieg daher und hielt sich vollkommen ruhig, teils weil er der guten Frau nicht ungehorsam sein wollte, und andernteils, weil er durch das, was er gesagt hatte, bereits vollkommen erschöpft war. Er schlief ein, und als er erwachte, stand ein Herr an seinem Bette, der seinen Puls fühlte. «Nicht wahr, mein Kind, du fühlst dich weit besser?» fragte ihn der Herr.
«Ja, ich danke, Sir!» antwortete Oliver.
«Das wußte ich wohl. Und du bist hungrig -- nicht wahr?»
«Nein, Sir.»
«Hm! Ja, ganz recht. Du kannst auch in der Tat keinen Hunger empfinden. Er ist nicht hungrig, Frau Bedwin», sagte der Herr mit sehr weiser Miene.
Frau Bedwin neigte ehrfurchtsvoll den Kopf, wodurch sie andeuten zu wollen schien, daß sie den Doktor für einen äußerst gescheiten Mann hielte. Der Doktor schien vollkommen derselben Meinung zu sein.
«Du bist müde, nicht wahr, mein Sohn?» sagte er.
«Nein, Sir.»
«Nicht?» wiederholte der Doktor; «das freut mich, und ich dachte es wohl. Aber durstig bist du?»
«Ach ja, Sir», erwiderte Oliver.
«Ganz wie ich es erwartet habe. Frau Bedwin, es ist sehr natürlich, daß er Durst fühlt. Sie können ihm ein wenig Tee mit Weißbrot ohne Butter geben. Halten Sie ihn nicht zu warm, Ma'am, und haben Sie acht, daß er nicht zu kalt wird.»
Frau Bedwin knixte, und der Doktor ging. Oliver schlief bald wieder ein, und als er erwachte, war es fast zwölf Uhr. Frau Bedwin sagte ihm gute Nacht und überwies ihn der Pflege einer eingetretenen alten Frau, die in ihrem Bündel ein kleines Gebetbuch und eine große Nachtmütze mitgebracht hatte, sich an den Kamin setzte und sehr bald einschlief.
Oliver lag noch einige Zeit wach. Es herrschte eine feierliche Stille, und als er daran dachte, daß der Tod viele Tage und Nächte über seinem Bette geschwebt hätte und das Gemach auch wohl noch mit Schmerz und Wehe erfüllen könnte, begann er inbrünstig zu beten. Er versank darauf wieder in jenen festen Schlummer, den nur heitere Ruhe nach erduldeten Leiden gibt und aus welchem man nicht ohne Bedauern erwacht. Wenn es der Tod wäre -- wer möchte aus ihm wieder aufwachen wollen zu den Mühen und Ängsten des Lebens, zu den Nöten der Gegenwart, den Sorgen um die Zukunft, und zumal den trüben Erinnerungen an die Vergangenheit!
Es war heller Tag, als Oliver die Augen aufschlug, er fühlte sich heiter und froh, die Krise war überstanden, und er gehörte der Welt wieder an. -- Nach drei Tagen konnte er, durch Kissen gestützt, in einem Lehnstuhle sitzen. Frau Bedwin ließ ihn in ihr kleines Zimmer hinunterbringen, setzte sich zu ihm an das Feuer und fing vor Freude von Herzen zu schluchzen an.
«Sie sind sehr gütig gegen mich, Ma'am», sagte Oliver.
Sie wollte nichts davon hören und bereitete ihm sorglich ein für seinen Zustand passendes Frühstück. Oliver heftete unterdes seine Blicke auf ein ihm gerade gegenüber an der Wand hängendes Porträt. Sie wurde aufmerksam darauf.
«Magst du gern Bilder leiden, mein Kleiner?»
«Ich habe noch wenige gesehen; aber wie schön und liebevoll das Gesicht der Dame ist!»
«Ah, die Maler machen die Damen immer hübscher, als sie sind, denn sie würden sonst keine Kundschaft haben. Der Mann, der die Konterfeimaschine erfand, hätte vorauswissen können, daß es nichts damit wäre, denn es ist viel zu viel Ehrlichkeit dabei.»
Sie lachte, Oliver aber blieb ernst und fragte: «Wen stellt denn das Bild vor, Ma'am?»
«Ich weiß es nicht, mein Kind; aber sicher niemand, den wir beide kennen. Es scheint dir ja erstaunlich zu gefallen.»
«Ach, es ist gar zu schön!» rief Oliver aus.
«Du fängst doch nicht an, dich zu fürchten?» sagte Frau Bedwin, denn sie gewahrte mit großer Verwunderung, daß Oliver das Porträt mit einer Art von Beben betrachtete.
«O, nein, nein,» erwiderte er rasch; «aber die Augen blicken so traurig, und es ist, als wären sie gerade, wo ich sitze, auf mich geheftet. Es macht mir das Herz schlagen», setzte er mit leiser Stimme hinzu, «als wenn es lebte und zu mir reden wollte und könnte doch nicht.»
«Gott sei uns gnädig!» rief Frau Bedwin bestürzt aus; «sprich nicht so, Kind. Du mußt noch sehr schwach und fieberisch sein. So, so -- nun kannst du es nicht mehr sehen.»
Sie drehte bei diesen Worten seinen Stuhl herum; Oliver aber sah im Geiste das Bild so deutlich, als ob es ihm noch immer vor Augen hinge. Er wollte indes die gute alte Frau nicht ängstigen und lächelte ihr freundlich zu, als sie ihm seine Brühe mit Weißbrot brachte. Er hatte kaum einen Löffel voll genossen, als Mr. Brownlow eintrat.
Oliver sah noch sehr blaß und abgezehrt aus; er machte einen vergeblichen Versuch, aufzustehen, um seinem Wohltäter zu danken, dem die Tränen in die Augen traten.
«Armes Kind, armes Kind», sagte er. «Wie befindest du dich heute, mein Lieber?»
«Vortrefflich, Sir», erwiderte Oliver; «und ich bin Ihnen sehr dankbar für alle Ihre Güte.»
«Gutes Kind,» sagte sein Wohltäter, erkundigte sich darauf, was ihm Frau Bedwin zur Stärkung gegeben, und bemerkte: «Brühe -- pfui! Ein paar Gläser Portwein würden ihm besser geschmeckt haben -- nicht wahr, Tom?»
«Ich heiße Oliver, Sir!» entgegnete der kleine Patient sehr verwundert.
«Oliver! -- Wie? -- Oliver White?»
«Nein, Sir, Twist -- Oliver Twist!»
«Kurioser Name; -- warum sagtest du denn dem Richter, daß du White hießest?»
«Das hab' ich ihm ganz und gar nicht gesagt», erwiderte Oliver äußerst verwundert.
Dies sah einer Lüge so ähnlich, daß ihn der alte Herr etwas strenge ansah. Allein es war unmöglich, seine Aussage zu bezweifeln, denn aus allen seinen Zügen leuchtete die klarste Wahrheit hervor. Brownlow meinte, daß ein Mißverständnis obwalten müsse, sein Verdacht schwand gänzlich, und doch vermochte er die Blicke von Oliver nicht abzuwenden, denn abermals drängte sich ihm die Ähnlichkeit des Knaben mit bekannten Zügen auf. Oliver hob flehend die Augen zu ihm empor.
«Sie sind mir doch nicht böse, Sir?»
«Nein, nein; -- aber -- barmherziger Himmel! Was ist das? Frau Bedwin -- sehen Sie, sehen Sie!»
Und während er hastig die Worte sprach, wies er nach dem Bilde über Olivers Lehnstuhl und dann auf Oliver selbst hin. Es konnte keine größere Ähnlichkeit geben; der Knabe war der Dame auf dem Bilde aus den Augen geschnitten.
Oliver gewahrte die Ursache des plötzlichen Ausrufs seines Wohltäters nicht; der Schrecken war ihm zu viel gewesen; er war ohnmächtig geworden. --
Sobald der Baldowerer und Master Bates ihren Zweck erreicht hatten, alle Aufmerksamkeit von sich ab und auf Oliver zu lenken, schlüpften sie in eine Seitengasse, um eiligst nach Hause zurückzukehren. Sobald sie wieder zu Atem gekommen waren, fing Master Bates laut zu lachen an und rief sich und dem Freunde mit grenzenlosem Vergnügen die unendlich spaßhafte Szene in das Gedächtnis zurück, wie der geängstete Oliver gelaufen und überall angerannt war, und wie er selber und der Baldowerer ihn eifrigst mit gehetzt und das Tuch in der Tasche gehabt hatten. Sein Freund unterbrach jedoch bald seinen Redefluß und warf das Bedenken auf, was Fagin dazu sagen würde?
«Was soll er sagen?» meinte Charley.
«Hm!» sagte Jack, pfiff und schnitt sehr bedeutsame Gesichter.
Charley folgte ihm nachdenklich, bald darauf langten sie zu Hause an. Bei dem Geräusch von Fußtritten auf der krachenden Treppe fuhr der lustige alte Herr, der vor dem Feuer saß und sich sein Mittagessen zubereitete, empor. Auf seinem weißen Gesicht lag ein hämisches Lächeln, als er sich umdrehte und mit einem scharfen Blicke unter seinen dichten, roten Augenbrauen hervor sein Ohr der Tür zuwandte und horchte.
«Wie? Was ist das?» murmelte der Jude erschrocken vor sich hin. «Nur zwei? Wo ist der dritte? Sie werden ihn in dem Gedränge doch nicht verloren haben? Horch!»
Die Fußtritte kamen näher und näher; endlich öffnete sich die Tür, und der Baldowerer und Charley Bates traten in das Zimmer.
13. Kapitel.
Der Leser macht einige neue Bekanntschaften.
«Wo ist Oliver?» fragte der Jude, sich drohend erhebend. «Wo ist der Junge?»
Die jugendlichen Diebe sahen ihren Lehrmeister erschrocken über dessen Heftigkeit an und blickten unsicher einander an. Aber sie antworteten nicht.
«Was ist aus dem Jungen geworden?» fragte der Jude, indem er den Baldowerer mit festem Griffe beim Kragen packte und fürchterliche Verwünschungen ausstieß. «Sprich, oder ich erdrossele dich! -- Willst du sprechen?» fuhr er fort, als keine Antwort erfolgte, und schüttelte den Baldowerer heftig.
Charley erhob ein jammervolles Geheul, sein Freund riß sich los, ergriff ein Messer und war im Begriff, es dem Juden in die Seite zu stoßen, als die Tür geöffnet wurde und ein Vierter, gefolgt von einem knurrenden, zerbissenen Hunde, eintrat.
«Was gibt's hier, zu allen Teufeln? Spitzbube von Juden, was soll das bedeuten?»
Die grobe, polternde Stimme gehörte einem vierschrötigen Manne von etwa fünfundvierzig Jahren mit einem breiten Gesicht und düster grollendem Blicke an. Sein Bart war seit mehreren Tagen nicht abgenommen und das eine Auge von einem Schlage angeschwollen, den er erst vor kurzem erhalten haben mußte. Arm- und Beinschellen dachte man sich bei der ganzen Erscheinung leicht hinzu.
Er setzte sich gemächlich. «Was sind das hier für Sachen?» fuhr er fort. «Warum mißhandelst du die Jungen, du alter, unersättlicher Filz und Pascher?[K] Ich wundere mich nur, daß sie dir die Kehle nicht abschneiden, was ich unfehlbar tun würde, wenn ich in ihrer Haut steckte. Ich hätt's längst getan, wenn ich dein Lehrling wäre. Freilich -- verkaufen hätt' ich deinen Haut- und Knochenkadaver nicht können; du bist zu nichts gut, denn als ein merkwürdiges Stück von Häßlichkeit in Spiritus aufbewahrt zu werden, und sie blasen so große Gläser nicht.»
[K] Hehler.
«Pst, pst! Mr. Sikes,» fiel der zitternde Jude ein, «nicht so laut, nicht so laut!»
«Ich will dich bemistern; du hast immer Teufeleien im Sinn, wenn du damit kommst. Du weißt meinen Namen, und ich werd' ihm keine Unehre machen, wenn die Zeit kommt.»
«Schon gut, schon gut; also Bill Sikes», sagte der Jude kriechend demütig. «Ihr scheint übler Laune zu sein, Bill.»
Bill überhäufte ihn zur Erwiderung abermals mit Vorwürfen und Schimpfwörtern und deutete dabei auf so verdächtige Dinge hin, daß ihn Fagin angstvoll und mit einem Seitenblicke nach den beiden Knaben fragte, ob er wahnsinnig geworden wäre. Bill machte pantomimisch einen Knoten unter seinem linken Ohre, wies durch eine Kopfbewegung über seine rechte Schulter, welche Symbolik der Jude vollkommen zu verstehen schien, forderte ein Glas Branntwein und fügte die Erinnerung hinzu, es aber nicht zu vergiften. Er sagte dies scherzend; hätte er jedoch den satanischen Blick sehen können, mit welchem der Jude sich umwendete, um nach dem Schranke zu gehen, so würde ihm die Warnung keineswegs unnötig erschienen sein.
Nachdem er einige Gläser hinuntergestürzt, ließ er sich herab, die jungen Herren anzureden, was zu einem Gespräch führte, in dessen Laufe ihm Olivers Gefangennehmung umständlich und mit solchen Ausschmückungen erzählt wurde, wie sie der Baldowerer für nötig erachtete.
«Ich fürchte, daß er wird etwas lehmern, wodurch wir kommen in Ungelegenheit», bemerkte der Jude.
«Sehr wahrscheinlich», sagte Bill mit einem boshaften Grinsen. «Du bist verloren, Fagin.»
Der Jude tat, als ob er die Unterbrechung nicht beachtet hätte, behielt Sikes scharf im Auge und fuhr fort: «Ich fürchte nur, wenn mir das Handwerk gelegt würde, möcht's auch noch anderen mehr gelegt werden, und daß die Geschichte ein schlechteres Ende nimmt für Euch, als für mich, mein Lieber.»
Sikes fuhr zusammen und blickte den Juden wütend an, der jedoch die Achseln zuckend gerade vor sich hinstarrte. Nach einem langen Stillschweigen sagte er mit leiserer Stimme: «Wir müssen zu erfahren suchen, was sich auf der Polizei zugetragen hat.»
Fagin nickte beifällig.
«Hat er nichts ausgeschwatzt und ist ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt worden, so ist nichts zu befürchten, bis er wieder loskommt; dann aber müssen wir seiner so bald wie möglich wieder habhaft zu werden suchen.»
Der Jude nickte abermals. Der Rat war offenbar gut, nur war die Ausführung schwierig, da alle vier Gentlemen einen unüberwindlichen Widerwillen dagegen hegten, einem Polizeiamte nahezukommen. Sie blickten einander verlegen an, als die beiden jungen Damen eintraten, deren Bekanntschaft Oliver vor einigen Tagen gemacht hatte. Der Fall wurde ihnen vorgetragen, und Fagin sprach seine Zuversicht aus, daß Betsy den Auftrag übernehmen werde. Die junge Dame war zu wohlerzogen und zu feinfühlend, um einem Mitgliede der Gesellschaft geradezu oder vielleicht gar mit Schärfe zu widersprechen oder eine Bitte abzuschlagen. Sie sagte daher keineswegs entschieden nein, sondern begnügte sich mit der Versicherung, daß sie sich hängen lassen wollte, wenn sie's täte.
Der Jude wendete sich an ihre Freundin: «Liebe Nancy, was sagst du?»
«Daß ich mich schönstens hüten werde; also gebt Euch nur weiter keine Mühe, Fagin.»
«Wie soll ich das nehmen?» fiel Sikes grollend ein.
«Just wie ich's gesagt habe, Bill», entgegnete die Dame sehr ruhig.
«Du bist aber eben die rechte Person dazu; es kennt dich hier herum niemand.»
«Und es tut auch gar nicht not, daß mich jemand kennen lernt, was ganz gegen meinen Wunsch wäre.»
«Sie geht, Fagin», sagte Sikes.
«Nein, sie läßt's wohl bleiben», eiferte Nancy.
«Ja, ja, sie geht doch», wiederholte Sikes.
Und er hatte recht. Nancy ließ sich endlich durch Geschenke, Versprechungen und Drohungen bewegen, den Auftrag zu übernehmen. Auch hatte sie in der Tat weniger als ihre Freundin zu besorgen, mit einem ihrer zahlreichen Bekannten zusammenzutreffen, da sie erst seit ganz kurzer Zeit die entlegene, sehr anständige Vorstadt Ratcliffe mit der Gegend von Fieldlane vertauscht hatte. Der Jude staffierte sie aus seinen unerschöpflichen Vorräten so aus, wie es dem Zwecke am angemessensten erschien, und gab ihr einen Korb und einen Hausschlüssel in die Hand.
«Ach, mein Bruder! mein armer, lieber, kleiner Bruder», begann Nancy mit überströmenden Tränen und händeringend zu wehklagen. «Ach, was ist aus meinem Bruder geworden -- wo soll ich ihn finden? O haben Sie Erbarmen, liebe Herren, und sagen Sie mir, was aus ihm geworden ist!»
Ihre Zuhörer waren entzückt; sie hielt inne, blinzelte lächelnd und bedeutungsvoll und verschwand.
«Die Nancy ist 'ne gescheite Dirne», sagte der Jude mit feierlichem, nachdenklichem Kopfnicken zu seinen beiden jungen Freunden, als wenn er sie mahnen wollte, das eben geschaute glänzende Beispiel nachzuahmen.
«Sie ist 'ne Zierde ihres Geschlechts», stimmte Sikes, sein Glas füllend und nachdrücklich auf den Tisch schlagend, ein. «Sie lebe hoch, und möchten ihr alle gleich werden!»
Die Vielgepriesene eilte unterdes nach dem Polizeiamte, wo sie bald, trotz ein wenig natürlicher Schüchternheit, allein und ohne Beschützer die Straßen zu durchwandern, glücklich und ohne Gefährde anlangte. Nach einigen mißlungenen Versuchen wendete sie sich weinend und wehklagend an den Gefängniswärter, von welchem sie in Erfahrung brachte, daß Olivers Unschuld ans Licht gekommen und daß er von dem beraubten Herrn mit fortgenommen worden sei, der in der Gegend von Pentonville wohne, wohin zu fahren er den Kutscher angewiesen habe. Mit dieser Auskunft kehrte sie zum Juden zurück.
Sobald sie ihren Bericht erstattet hatte, rief Bill Sikes hastig seinen Hund, stülpte den Hut auf den Kopf und entfernte sich, ohne sich Zeit zu der Formalität zu nehmen, der Gesellschaft einen guten Morgen zu wünschen.
«Wir müssen ihn ausfindig machen; wir müssen wissen, wo er steckt», sagte der Jude in großer Aufregung. «Charley, geh auf die Lauer, bis du etwas von ihm siehst oder hörst. Beste Nancy, ich muß ihn wiederhaben -- ich verlasse mich ganz auf dich und den Baldowerer. Da, da habt ihr Geld. Ich entferne mich heut' abend von hier -- ihr wißt, wo ich zu finden bin. Macht, daß ihr fortkommt -- ihr dürft keinen Augenblick länger hierbleiben.»
Er stieß alle hinaus, verschloß die Tür hinter ihnen und steckte seine Kostbarkeiten zu sich. «Er hat nichts ausgeschwatzt auf der Polizei», murmelte er; «tut er's aber gegen die Leute, bei denen er sich jetzt aufhält -- wir werden ihn wiederbekommen und wollen ihm schon stopfen den Mund.»
14. Kapitel.
In welchem Mr. Grimwig auftritt.
Oliver erholte sich bald wieder von der Ohnmacht, in die er bei dem kurzen Ausrufe Mr. Brownlows gefallen war. Der alte Herr und Frau Bedwin vermieden sorgfältig jedes Gespräch, durch das er wieder an das Bild oder seine Herkunft und Lage hätte erinnert werden können, und suchten ihn auf jede Weise angenehm zu unterhalten, ohne ihn aufzuregen. Als er jedoch am folgenden Tage wieder in das Zimmer der Haushälterin herunterkam, hob er sogleich die Augen nach der Wand empor, in der Hoffnung, das Bild der schönen Dame zu erblicken. Er sah sich getäuscht; es war entfernt worden. Frau Bedwin hatte ihn jedoch beobachtet.
«Ah!» sagte sie, «es ist nicht mehr da, mein Kind.»
«Ich seh' es, Ma'am!» erwiderte Oliver seufzend. «Warum ist es denn fortgenommen worden?»
«Weil Mr. Brownlow sagte, es schiene dich unruhig zu machen und könnte daher deiner Wiederherstellung schaden.»
«Ach, es machte mich gar nicht unruhig, Ma'am. Ich freute mich, es anzusehen, und hatte es gar zu lieb gewonnen.»
«Nun, nun, mein Kind,» sagte die gute Frau, «es geht dir ja zusehends besser, und es soll schon wieder aufgehängt werden; ich verspreche es dir. Laß uns jetzt aber von anderen Dingen sprechen.»
Sie hatte ihm in seiner Krankheit so viel Liebe erwiesen, daß er sich vornahm, einstweilen nicht mehr an das Bild zu denken. Er hörte ihr daher aufmerksam zu, als sie begann, ihm von ihren wohlgeratenen Kindern und ihrem guten, seligen Ehemann zu erzählen. Sodann wurde Tee getrunken, worauf sie ihn Cribbage spielen lehrte, was er schnell begriff und eifrig mit ihr spielte, bis es Zeit war, zu Bett zu gehen.
Es folgten nun selige Tage für Oliver. Alles um ihn her war so still, sauber und ordentlich, und jedermann war so liebevoll gegen ihn, daß er fast im Himmel zu sein glaubte. Als er imstande war, sich wieder ordentlich anzukleiden, hatte Mr. Brownlow schon für einen ganz neuen Anzug gesorgt, und da ihm gesagt wurde, er könnte mit seinen alten Kleidern tun, was er wollte, so gab er sie der Magd, die sehr gefällig gegen ihn gewesen war, und sagte ihr, sie möchte sie an einen Juden verkaufen und das Geld behalten. Die Magd machte sogleich Gebrauch von der erhaltenen Erlaubnis, Oliver sah durch das Fenster, wie der Jude seine ganze alte Garderobe zusammenwickelte, einsackte und fortging; und er freute sich nicht wenig darüber, da er nun nicht mehr zu fürchten brauchte, die traurigen Lumpen je wieder anlegen zu müssen.
Es mochte etwa eine Woche vergangen sein, als eines Nachmittags Mr. Brownlow herunterschickte und Oliver zu sich rufen ließ. Frau Bedwin ordnete eiligst den Anzug und das Haar ihres kleinen Pfleglings und begleitete ihn selbst bis an Mr. Brownlows Tür. Das Zimmer war mit Büchern angefüllt, und das einzige Fenster wies in einen kleinen Blumengarten. Mr. Brownlow legte ein Buch aus der Hand und sagte Oliver, er möchte näher kommen und sich setzen. Oliver tat, wie ihm geheißen war, und dachte, wo die Leute wohl gefunden werden könnten, eine solche Menge von Büchern zu lesen, die geschrieben zu sein schienen, um die Welt klüger zu machen -- eine Sache, welche fortwährend erfahreneren Leuten zu schaffen macht, als Oliver Twist es war.
«Du siehst hier sehr viel Bücher, nicht wahr, mein Kind?» fragte Mr. Brownlow.
«Ja, sehr viele», erwiderte Oliver; «ich habe noch nie eine solche Menge von Büchern gesehen.»
«Du sollst sie, wenn du dich gut beträgst, auch lesen, was dir noch besser gefallen wird als das bloße Beschauen der Bände -- wenn auch nicht immer; denn es gibt allerdings Bücher, an welchen die Einbände bisweilen das Beste sind. Möchtest du wohl ein recht gescheiter Mann werden und selbst Bücher schreiben?»
«Ich möchte lieber in Büchern lesen, Sir», entgegnete Oliver.
«Wie, du möchtest also kein Bücherschreiber sein?» sagte der alte Herr.
Oliver besann sich ein wenig und erwiderte endlich, es bedünke ihn weit besser, ein Buchhändler zu sein, worüber der alte Herr herzlich lachte, und wozu er bemerkte, Oliver habe da etwas sehr Gescheites gesagt. Oliver freute sich über diese Anerkennung, obgleich er durchaus nicht begriff, wodurch er sie verdient haben möchte.
«Sei nur ohne Furcht», sagte der alte Herr; «ich werde dich nicht zum Schriftsteller machen, solange es noch ein anderes ehrliches Geschäft oder Handwerk gibt, das du erlernen kannst.»
«Ich danke, Sir», entgegnete Oliver, und der alte Herr lachte abermals über den großen Ernst, mit dem er antwortete, und sagte ein paar Worte von einem merkwürdigen Instinkt, welche Oliver nicht sehr beachtete, da er sie nicht verstand. Brownlow fuhr darauf in einem womöglich noch freundlicheren, aber zugleich ernsteren Tone, als er gegen Oliver bis dahin angenommen, fort: «Sei jetzt recht aufmerksam auf das, was ich dir sagen werde. Ich denke ohne Rückhalt mit dir zu reden, weil ich überzeugt bin, daß du mich ebensogut verstehen wirst wie viel ältere Personen.»
Oliver erschrak. «Ach!» rief er aus, «sagen Sie nicht, daß Sie mich fortschicken wollen, Sir; weisen Sie mir nicht die Tür, daß ich wieder auf den Straßen umherirren muß. Lassen Sie mich bei Ihnen bleiben und Ihnen dienen. Schicken Sie mich nicht in das schreckliche Haus zurück, woher ich gekommen bin. Erbarmen Sie sich eines armen, verlassenen Knaben, bester Herr!»
«Mein liebes Kind,» sagte der alte Herr gerührt, «du brauchst nicht zu fürchten, daß ich meine Hand von dir abziehe, solange du mir keine Ursache dazu gibst.»
«Das will ich nie, niemals, Sir!»
«Ich hoffe, daß du es nicht tun wirst, glaube es auch nicht. Ich bin oft getäuscht und betrogen von Leuten, denen ich wohltun wollte, bin aber trotzdem sehr geneigt, dir zu vertrauen, und ich empfinde eine größere Teilnahme für dich, als ich sie sogar mir selbst erklären kann. Die ich am meisten geliebt habe, ruhen längst in ihren Gräbern, und ich habe auch meines Lebens Glück und Zier begraben -- nicht aber meine Herzenswärme. Auch herber Kummer hat sie nicht ausgelöscht, sondern nur noch stärker angefacht; wie denn allerdings Schmerz und Leid unser Inneres stets reinigen und läutern sollten.» -- Er hatte dies mit leiser Stimme und mehr vor sich hin als zu Oliver gesprochen, der ganz still dasaß und kaum zu atmen wagte. -- «Doch ich sagte das nur,» fuhr der alte Herr wieder heiterer fort, «weil du ein junges Gemüt hast, und wenn du weißt, daß ich viel gelitten habe, dich vielleicht noch sorgfältiger hüten wirst, mir abermals wehe zu tun. Du sagst, daß du eine Waise wärest und ganz allein in der Welt daständest. Alles, was ich in Erfahrung habe bringen können, bestätigt deine Angaben. Erzähle mir nun, wer deine Eltern gewesen sind, wo du erzogen und wie du in die Gesellschaft geraten bist, in welcher ich dich gefunden habe. Sage die Wahrheit, und wenn ich finde, daß du kein Verbrechen begangen hast, so soll es dir niemals, solange ich lebe, an einem Freunde fehlen.»
Oliver vermochte vor Schluchzen ein paar Minuten nicht zu antworten, und als er sich endlich gefaßt hatte und seine Erzählung beginnen wollte, ließ sich ein Herr zum Tee anmelden.
«Es ist ein Freund von mir, Mr. Grimwig», sagte Brownlow zu Oliver. «Er hat ein wenig rauhe Manieren, ist aber im Herzen ein sehr wackerer Mann.»
Oliver fragte, ob er hinuntergehen solle, allein Brownlow hieß ihn bleiben, und in demselben Augenblick trat Mr. Grimwig, ein korpulenter alter Herr, gestützt auf einen tüchtigen Handstock -- denn er hatte ein etwas lahmes Bein --, schon in das Zimmer. Oliver hatte nie ein so verzwicktes Gesicht gesehen. Grimwig hielt dem Freunde sogleich auf Armeslänge ein Stückchen Zitronenschale entgegen und polterte, dergleichen würde ihm überall in den Weg geworfen. «Ich will meinen eigenen Kopf aufessen, wenn Zitronenschale nicht noch mein Tod ist!» beteuerte er.
Es war seine gewöhnliche Beteuerung; allein wenn die Erfindung, den eigenen Kopf zu verspeisen, auch noch gemacht werden sollte, so würde es einem Herrn, wie Mr. Grimwig war, doch jedenfalls stets sehr schwerfallen, in einer einzigen Mahlzeit damit zustande zu kommen.
Mr. Grimwig erblickte Oliver, trat ein paar Schritte zurück und fragte Brownlow verwundert, wer der Knabe wäre.
«Der Oliver Twist, von welchem ich Ihnen erzählt habe», erwiderte Brownlow.
Oliver verbeugte sich.
«Doch nicht der Knabe, der das Fieber gehabt hat?» sagte Grimwig, sich noch etwas weiter zurückziehend.
«Gehabt hat», wiederholte Brownlow lächelnd.
Grimwig setzte sich, ohne seinen Handstock zur Seite zu stellen, beäugelte den hocherrötenden Oliver durch seine Lorgnette und redete ihn nach einiger Zeit an. «Wie befindest du dich?»
«Danke, Sir, sehr viel besser», erwiderte Oliver.
Brownlow schien zu besorgen, daß sein absonderlicher Freund etwas Unangenehmes sagen möchte, und hieß Oliver daher hinuntergehen und Frau Bedwin ankündigen, daß die Herren den Tee erwarteten. Oliver ging mit Freuden.
«Er ist ein artig aussehender Knabe, nicht wahr?»
«Kann's nicht sagen», entgegnete Grimwig verdrießlich.
«Sie können es nicht sagen?»
«Nein. Ich kann nie einen Unterschied an Knaben entdecken. Ich kenne nur zwei Arten von Knaben -- Milchsuppengesichter und Rindfleischgesichter.»
«Zu welcher Art gehört Oliver?»
«Zu den Milchsuppengesichtern. Ich kenne einen Freund, der einen Knaben mit einem Rindfleischgesicht hat -- einen schönen Knaben, wie ihn seine Eltern nennen, mit rundem Kopf, roten Wangen und glänzenden Augen -- einen abscheulichen Knaben, wie ich ihn nenne -- mit einem Körper und Gliedern, die die Nähte seines blauen Anzugs zu sprengen drohen, mit der Stimme eines Matrosen und einem Wolfshunger. Ich kenne ihn -- den Bengel!»
«Dann gleicht er Oliver nicht, dem Sie daher nicht zürnen dürfen.»
«Freilich gleicht er dem Oliver nicht, der vielleicht noch schlimmer ist.»
Brownlow hustete ungeduldig, was seinen Freund höchlich zu ergötzen schien.
«Ja, ja, er ist vielleicht noch schlimmer», fuhr Grimwig fort. «Woher stammt er? Wer ist er? Was ist er? Er hat ein Fieber gehabt. Gute Menschen pflegen keine Fieber zu bekommen, wohl aber schlechte. Ich habe einen Menschen gekannt, der in Jamaika aufgehängt wurde, weil er seinen Herrn ermordet hatte. Er hatte sechsmal das Fieber gehabt und wurde deshalb nicht zur Begnadigung empfohlen.»
Grimwig war im innersten Herzensgrunde sehr geneigt, anzuerkennen, daß Oliver ein außerordentlich einnehmender Knabe wäre; allein er liebte noch mehr den Widerspruch, die Zitronenschale hatte ihn gereizt, er war entschlossen, sich von niemand sein Urteil über einen Knaben vorschreiben zu lassen, und hatte sich aus diesen triftigen Gründen von Anfang an vorgenommen, seinem Freunde in allem zu widersprechen. Als Brownlow daher zugestand, daß seine bisherigen Erkundigungen noch ungenügend wären, lächelte Grimwig ziemlich boshaft und fragte, ob die Haushälterin auch wohl regelmäßig das Silbergeschirr nachsähe und wegschlösse, denn er würde sich eben nicht wundern, wenn sie einmal einige Löffel oder dergleichen vermißte, usw.
Brownlow, obgleich selbst etwas heftigen Temperaments, ertrug dies alles sehr gutlaunig, da er die Sonderbarkeiten seines Freundes kannte; und da sich dieser mit dem Tee und den Semmeln zufrieden zeigte, so ging alles weit besser, als man hätte erwarten sollen, und Oliver, der wieder heraufgerufen war, fühlte sich in des sauertöpfischen Herrn Anwesenheit leichter als zuvor. Als das Teegeschirr hinweggeräumt wurde, fragte Grimwig, wann sein Freund den Knaben zu veranlassen gedächte, ihm einen ausführlichen und wahrhaften Bericht über seine Lebensumstände und Schicksale zu erstatten?
«Morgen früh», erwiderte Brownlow. «Ich wünsche dabei unter vier Augen mit ihm zu sein. Komm morgen vormittag um zehn Uhr zu mir herauf, Oliver.»
«Ja, Sir», sagte Oliver. Er antwortete mit einigem Stocken, weil er dadurch in Verwirrung geraten war, daß Mr. Grimwig ihn bei seiner Frage so scharf angesehen hatte.
«Ich will Ihnen etwas sagen», flüsterte Grimwig Brownlow in das Ohr; «er kommt morgen früh nicht herauf zu Ihnen. Ich habe ihn beobachtet. Er betrügt Sie, lieber Freund.»
«Ich schwöre darauf, daß er's nicht tut», entgegnete Brownlow mit Wärme.
«Ich will meinen Kopf aufessen, wenn er's nicht tut.»
«Und ich bürge mit meinem Leben für seine Wahrhaftigkeit.»
«Und ich mit meinem Kopfe für seine Lügenhaftigkeit.»
«Wir werden sehen», sagte Brownlow, seinen Unwillen bemeisternd.
«Ja, ja, wir werden allerdings sehen», wiederholte Grimwig mit einem herausfordernden Lächeln.
Das Schicksal wollte es, daß gerade in diesem Augenblick Frau Bedwin mit einigen Büchern hereintrat, welche Brownlow an demselben Tage von dem mehrerwähnten Buchhändler gekauft hatte. Sie legte sie auf den Tisch und schickte sich an, wieder hinauszugehen.
«Lassen Sie den Ladenburschen noch warten», sagte Brownlow; «er soll etwas mit zurücknehmen -- ein Päckchen Bücher und das Geld für die gekauften.»
Der Ladenbursche war aber schon wieder fortgegangen.
«Ah, das ist mir aber sehr unangenehm», fuhr Brownlow fort. «Der Mann braucht sein Geld, und ich würde es auch gern gesehen haben, daß er die Bücher noch heute zurückerhalten hätte.»
«Schicken Sie sie doch durch Oliver», fiel Grimwig mit einem ironischen Lächeln ein. «Sie wissen, er wird sie ohne Zweifel richtig abliefern.»
«Ja, lassen Sie sie mich hintragen, Sir», sagte Oliver eifrig. «Ich will auch den ganzen Weg laufen.»
Brownlow wollte eben erklären, daß er Oliver unter keiner Bedingung hinschicken werde, als ein boshaftes Husten seines Freundes ihn bestimmte, seinen Beschluß abzuändern, um Grimwig der Ungerechtigkeit seines Argwohns zu überführen. Er hieß Oliver die Bücher hintragen und gab ihm zugleich eine Fünfpfundnote, worauf er zehn Schillinge zurückbekommen würde.
Oliver versicherte, er würde in zehn Minuten wieder da sein, verbeugte sich ehrerbietig und eilte hinaus. Frau Bedwin folgte ihm vor die Haustür, gab ihm ausführliche Anweisungen in betreff des nächsten Weges und entließ ihn unter vielen wiederholten Ermahnungen, sich nicht zu überlaufen, sich nicht zu erkälten usf. Es war ihr höchst unangenehm, ihn aus den Augen lassen zu müssen. Sie hätte auf Mr. Brownlow zürnen mögen und sah Oliver nach, bis er an der nächsten Ecke angelangt war, wo er sich noch einmal umwandte und ihr freundlich zunickte.
«Er ist in höchstens zehn Minuten wieder hier», sagte Brownlow und legte seine Uhr auf den Tisch. «Es wird bis dahin dunkel geworden sein.»
«Sie glauben also wirklich, daß er wiederkommt?»
«Sie nicht?» entgegnete Brownlow lächelnd.
In seinem Freunde regte sich der Widerspruchsgeist gerade mit besonderer Lebhaftigkeit, und Brownlows Lächeln verstärkte ihn noch. «Nein!» erwiderte er mit großer Bestimmtheit. «Er steckt in einem nagelneuen Anzuge, hat ein Paket wertvoller Bücher unter dem Arme und eine Fünfpfundnote in der Tasche; er wird sich sofort wieder zu seinen alten Spießgesellen begeben und Sie auslachen. Ich will meinen Kopf aufessen, wenn er sich jemals wieder hier blicken läßt.»
Er rückte näher an den Tisch, und beide saßen in stummer Erwartung da. Es ist der Bemerkung wert und wirft ein Licht auf die Bedeutung, welche wir unseren eigenen Urteilen beilegen, und den Stolz, mit welchem wir uns auf unsere übereiltesten Schlüsse verlassen, daß Grimwig, obgleich er kein schlechtes Herz hatte, obgleich es ihn wirklich betrübt haben würde, wenn er seinen geschätzten Freund betrogen gesehen, im Augenblick ebenso lebhaft wünschte wie hoffte, Oliver möchte nicht wiederkommen. Aus solchen Widersprüchen ist die menschliche Natur zusammengesetzt!
Es wurde so dunkel, daß die Zahlen auf dem Zifferblatt der Uhr nicht mehr zu erkennen waren; allein die beiden alten Herren saßen fortwährend da und hefteten schweigend die Blicke auf die Uhr.
15. Kapitel.
Was Oliver auf dem Wege zum Buchhändler begegnete.
Olivers Rückkehr wurde beiden Herren immer zweifelhafter, zu Grimwigs Triumph und Brownlows tiefer Betrübnis. Ich hätte nun hier in meinem Prosaepos die kostbarste Veranlassung, die Leser mit vielen weisen Betrachtungen über die offenbare Unklugheit zu unterhalten, seinen Mitmenschen Gutes zu erweisen ohne Aussicht auf irdischen Lohn, oder vielmehr darüber, wie sehr es die Klugheit erfordere, in einem besonders hoffnungslosen Falle einige Liebe und Menschenfreundlichkeit an den Tag zu legen, und sodann dergleichen Schwachheiten für immer abzulegen. Die Vorteile liegen auf der Hand. Hält sich der, dem ihr unter die Arme gegriffen, gut und dient ihm euer geleisteter Beistand zum Wohlergehen, so erhebt er euch bis in den Himmel, ihr werdet sehr geachtete Leute und gelangt in den Ruf, unendlich viel Gutes im Verborgenen zu tun, wovon nur der zwanzigste Teil bekannt werde; zeigt er sich als ein Undankbarer und Nichtswürdiger, so habt ihr euch in die vortreffliche Stellung gebracht, daß man euch nachsagt, ihr hättet euch höchst uneigennützig, mildtätig und dienstfertig erwiesen, wäret nur durch erfahrenen Undank und Verrat menschenfeindlich geworden, und man könne euch euer Gelübde nicht verdenken, nie wieder einem Menschenkinde beizuspringen, um nicht durch abermalige Täuschungen verletzt zu werden. Ich kenne eine Menge Personen, welche die angegebene Klugheitsregel befolgt haben, und kann versichern, daß sie in der allgemeinsten und natürlich verdientesten Achtung stehen.
Brownlow gehörte indes zu ihrer Zahl nicht, denn er blieb hartnäckig dabei, Gutes zu tun um des Guten selbst und um der Herzensberuhigung und Freude willen, die es ihm gewährte. Täuschungen raubten ihm sein Vertrauen und seine Milde und seine Menschenfreundlichkeit nicht, und Undankbarkeit von seiten einzelner führte ihn nicht zu dem Entschlusse, sich dafür an der ganzen leidenden Menschheit zu rächen. Ich werde daher die fraglichen vielen weisen Betrachtungen unangestellt lassen, und sollte dieser Grund ungenügend erscheinen, so kann ich noch hinzufügen, daß es obendrein gänzlich außer meiner ursprünglichen Absicht liegt.
Im finsteren Gastzimmer einer kläglichen Winkelschenke, gelegen in der schmutzigsten Gasse von Little Saffron Hill, saß bei einem Bierkruge und Branntweinglase ein Mann, in welchem trotz des herrschenden Halbdunkels kein irgend erfahrener Polizeiagent Bill Sikes verkannt haben würde. Zu seinen Füßen lag sein weißer, rotäugiger Hund, und sei es, daß Bill seine Zeit nicht besser anzuwenden wußte, oder daß er seine üble Laune an irgendeinem Gegenstande auszulassen wünschte, genug, er versetzte dem Tiere einen derben Fußtritt. Dem Hunde mißfiel der offenbare Mutwille dieser Behandlung so sehr, daß er nach seines Herrn Beinen schnappte, Bill ergriff wütend das Schüreisen und sein Messer, als die Tür sich auftat und der Hund hinausschoß. Zu einem Streite gehören dem Sprichworte gemäß zwei, und Bill setzte daher den einmal begonnenen sogleich mit dem Eintretenden fort.
«Verdammter Jude, was trittst du zwischen mich und meinen Hund?» schrie er ihm entgegen.
«Ich wußt's ja nicht, mein Lieber, wußt's ja nicht, daß Ihr wolltet dem Hunde zu Leibe», erwiderte Fagin demütig.
«Spitzbube, hast du den Lärm nicht gehört?»
«So wahr mir Gott gnädig ist, nein, Bill, nicht 'nen einzigen Laut.»
«Ja freilich, du hörst nichts, gar nichts», entgegnete Sikes höhnisch; «ebenso wie du selbst ein und aus schleichst, ohne daß man dich hört. Ich wollte nur, daß du jetzt der Hund wärst.»
«Warum denn?» fragte Fagin mit einem gezwungenen Lächeln.
«Weil die Regierung, die das Leben solcher Halunken schützt, wie du einer bist, und die nicht halb so viel Mut haben wie die schlechtesten Hunde, jedermann erlaubt, seinen Hund abzuschlachten, wenn's ihm beliebt -- darum!» erwiderte Sikes, sein Messer mit einem sehr bedeutungsvollen Blicke wieder einsteckend.
Der Jude rieb sich die Hände, setzte sich an den Tisch und zwang sich, über die Spaßhaftigkeit seines Freundes zu lachen, jedoch war ihm offenbar dabei nicht besonders wohl zumute.
«Grinse nur, ja grinse nur», sagte Sikes, ihn mit verächtlichem Trotze anblickend; «über mich sollst du doch nicht lachen, es müßte denn unter der Nachtmütze sein am Galgen. Ich habe die Hand oben, Fagin, und will verdammt sein, wenn ich dir den Daumen nicht auf'm Auge halte. Baumele ich, baumelst du auch; also hüte dich vor mir und trag' hübsch Sorge für mich.»
«Schon gut, mein Lieber», fiel der Jude ein; «ich weiß das alles; Gewinn und Gefahr ist gemeinschaftlich bei uns.»
«Hm!» murrte Sikes, als wenn er dächte, der Gewinn möchte wohl zumeist auf des Juden Seite sein. «Was hast du mir denn aber zu sagen?»
«'s ist alles in den Schmelztiegel gewandert und glücklich wieder heraus -- da ist Euer Anteil. Ihr erhaltet eigentlich mehr, als Ihr solltet, mein Lieber; doch da ich weiß, daß Ihr mir schon mal wieder sein werdet gefällig, und --»
«Haltet ein mit dem Schwätzen», unterbrach ihn Sikes ungeduldig. «Wo ist's? Her damit!»
«Ja, ja doch, Bill; gönnt mir nur Zeit. Da ist's», versetzte Fagin, zog ein altes, baumwollenes Taschentuch hervor, knöpfte einen Knoten auf und reichte Sikes ein Päckchen, der es öffnete und die Goldstücke hastig zu zählen anfing.
«Ist das alles?» fragte Sikes.
«Ja, alles.»
«Hast du auch das Päckchen nicht aufgemacht auf dem Wege und ein paar Stück verschluckt? Stell dich nur nicht beleidigt -- hast's ja schon oft getan. Greif an den Bimbam.»
Fagin klingelte, und es erschien ein anderer Jude, der jünger war, aber nicht weniger abstoßend und spitzbübisch aussah. Sikes wies stumm nach dem leeren Kruge hin. Jener verstand den Wink und ging wieder hinaus, jedoch nicht, ohne Fagin vorher einen Blick zugeworfen zu haben, den dieser durch ein kaum bemerkbares Kopfschütteln beantwortete. Sikes hatte sich zufällig gebückt; hätte er den Blick des einen und das Kopfschütteln des anderen Juden gewahrt, so möchte er der Meinung gewesen sein, daß ihm diese Pantomimen nichts Gutes bedeuteten.
«Ist niemand hier, Barney?» fragte Fagin den wieder eintretenden Juden.
«Bloß Miß Nancy.»
«Schick sie herein!» sagte Sikes.
Barney blickte Fagin fragend an, ging und kehrte gleich darauf mit Nancy zurück.
«Du bist auf der Spur, Nancy, nicht wahr, mein Engel?» fragte Bill und reichte ihr ein gefülltes Glas.
«Ja, Bill», erwiderte die junge Dame, nachdem sie das Glas geleert hatte; «hab' aber Mühe genug gehabt. Er ist krank gewesen und --»
Nancy bemerkte ein Augenzwinkern Fagins, das eine Warnung vor übergroßer Mitteilsamkeit zu bedeuten schien. Sie brach ab und fing an von anderen Gegenständen zu reden. Nach zehn Minuten bekam Fagin einen Husten, worauf Nancy erklärte, daß es Zeit sei, zu gehen. Sikes sagte, daß er sie eine Strecke begleiten wolle, da er denselben Weg habe. Sie entfernten sich daher miteinander. Der Hund folgte in einiger Entfernung. Fagin sah Sikes durch das Fenster nach, schüttelte die geballte Faust hinter ihm, murmelte eine grimmige Verwünschung, setzte sich mit einem schauerlichen Grinsen wieder an den Tisch und war bald darauf in die Lektüre des Londoner Polizeiblattes vertieft.
Oliver befand sich unterdes auf dem Wege zum Buchhändler, ohne zu ahnen, daß er dem lustigen alten Juden so nahe wäre. Er geriet in eine Nebengasse unweit Clerkenwell, bemerkte seinen Irrtum erst, als er sie bereits über die Hälfte durchwandert hatte, und hielt es für das beste, um keine Zeit zu verlieren, ihr zu folgen, da sie ihn, wie er meinte, auch an sein Ziel führen müsse. Er trabte munter vorwärts und dachte an sein Glück, und was er darum geben würde, wenn er den armen kleinen Dick daran teilnehmen lassen könnte, als er durch den lauten Ruf: «O mein lieber kleiner Bruder!» aus seinen Träumereien aufgeschreckt wurde. Als er aufblickte, umschlossen ihn schon die Arme eines jungen Mädchens.
«Lassen Sie mich los!» rief Oliver, sich sträubend. «Wer sind Sie? Was halten Sie mich an?»
Die einzige Antwort darauf war ein Schwall lauter Klagen von seiten des jungen Mädchens, das einen kleinen Korb und einen Hausschlüssel in der Hand hatte.
«O gütiger Himmel!» rief das Mädchen aus. «Endlich hab' ich dich gefunden. Ach, Oliver, o du böser Junge, was hab' ich um deinetwillen ausgestanden! Gott sei Dank, daß ich dich endlich gefunden habe!»
Das junge Frauenzimmer brach in eine Tränenflut aus und schien so heftige Krämpfe zu bekommen, daß ein paar mitleidige Frauen einen dastehenden Fleischerburschen fragten, ob er nicht meinte, daß er zu einem Doktor laufen müsse, worauf der Fleischerbursche, der eine sehr große Ruhe, wo nicht ein beträchtliches Phlegma zu besitzen schien, erwiderte, daß seine Meinung nicht dahin ginge.
«Nein, nein, laßt mich nur», rief jetzt auch das junge Mädchen; «ich fühle mich schon besser. Und nun komm, mein Junge, geh sogleich mit mir, mein böser kleiner Liebling.»
«Was gibt's denn?» fragte eine der umstehenden Frauen.
«Ach, er ist vor vier Wochen seinen Eltern entlaufen, guten Leuten, die sich redlich von ihrer Hände Arbeit nähren, und hat sich unter Gauner und Landstreicher begeben, daß seine Mutter fast vor Kummer gestorben wäre.»
«O du kleiner Taugenichts! -- Mach, daß du nach Hause kommst, du ungeratener Bengel!» riefen die Weiber.
«Ich bin meinen Eltern nicht entlaufen!» rief Oliver in großer Angst. «Ich habe weder Schwester noch Eltern. Ich bin eine Waise und wohne in Pentonville.»
«Ach du gütiger Himmel, wie trotzig er schon geworden ist!» schluchzte das junge Mädchen.
«Ei, Nancy!» rief Oliver, der jetzt erst ihr Gesicht sah, im höchsten Erstaunen aus.
«Sie sehen, er kennt mich», sagte Nancy. «Helfen Sie mir ihn nach Hause bringen, liebe Leute; seine Eltern und wir alle sterben sonst noch vor Kummer über ihn.»
«Zu allen Teufeln, was ist das hier?» schrie ein aus einem Bierladen hervorstürzender Mann. «Oliver, Satansbrut, komm augenblicklich mit nach Hause zu deiner armen Mutter. Sofort kommst du mit!»
«Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich kenne sie nicht, Hilfe, Hilfe!» rief Oliver, indem er sich unter dem festen Griff des Mannes verzweifelt wand.
«Hilfe!» polterte Sikes. «Ich will dir gleich helfen. Was sind das für Bücher? -- Ohne Zweifel gestohlen -- her damit!»
Er entriß ihm das Päckchen und versetzte ihm damit einen heftigen Schlag auf den Kopf.
«So ist's recht; das wird ihn schon wieder zur Besinnung bringen!» riefen die Weiber.
«Sollt's auch meinen», rief der Mann, gab Oliver noch ein paar Schläge auf den Kopf und packte ihn beim Kragen. «Komm, du kleiner Taugenichts! Hier, Tyras, paß auf ihn auf! Paß auf!»
Noch geschwächt von seiner Krankheit, betäubt durch die Schläge und das Überraschende des ganzen Vorganges, in Schrecken gesetzt durch das Knurren des Hundes und die Brutalität des baumstarken Mannes, und überwältigt durch den Beifall, den die Umstehenden seinen Angreifern gaben -- was konnte das geängstete Kind tun? Es war dunkel geworden, die Gasse sah an sich selbst schon verdächtig aus, Hilfe war nirgends zu erblicken, Widerstand nutzlos. Ohne recht zu wissen, wie ihm geschah, fühlte sich Oliver durch ein Labyrinth von engen Straßen geschleppt, und sein jeweiliges Rufen verhallte um so mehr, da er so schnell fortgerissen wurde, daß er keinen Augenblick zu Atem kommen konnte; doch würde es auch von niemand beachtet worden sein.
* * * * *
Die Gaslampen waren angezündet; Frau Bedwin erwartete mit herzpochender Ungeduld, daß die Haustür sich auftun sollte; die Magd war zwanzigmal die Straße hinuntergelaufen, um nach Oliver auszusehen; die beiden alten Herren saßen beharrlich im Dunkeln neben der zwischen ihnen liegenden Uhr.
16. Kapitel.
Was sich mit dem entführten Oliver begab.
Die engen Straßen und Gäßchen mündeten endlich auf einen weiten, offenen Platz, um den rings Stallungen standen zum Zeichen, daß hier ein Viehmarkt war. Sikes verlangsamte seinen Schritt, als sie diese Gegend erreichten, da das Mädchen völlig außerstande war, den Laufschritt, den sie bisher angeschlagen hatten, länger auszuhalten. Sich an Oliver wendend, befahl er ihm barsch, Nancys Hand zu fassen.
«Hörst du nicht?» brummte Sikes, als Oliver zögerte und sich umsah.
Sie befanden sich in einem finsteren, ganz abgelegenen Stadtteil, und Oliver sah nur zu gut ein, daß Widerstand nutzlos war. Er streckte seine Hand aus, die Nancy fest mit der ihrigen umklammerte.
Der Abend war dunkel und feucht; die Lichter in den Läden konnten kaum gegen den Nebel ankämpfen, der immer dichter wurde und die Straßen und Häuser in ein undurchdringliches Grau hüllte. Sie hatten Smithfield erreicht, als tiefe Glockenschläge die Stunde verkündeten. Sikes und Nancy standen bei den ersten Schlägen still und wandten sich nach der Richtung um, aus welcher die Töne erschallten.
«Acht Uhr, Bill», sagte Nancy, als die Glocke aufhörte zu schlagen.
«Ich habe selbst Ohren», erwiderte Sikes mürrisch.
«Ich möchte wohl wissen, ob *sie* es schlagen hören können?» fuhr Nancy fort.
«Natürlich können sie's», sagte Sikes. «Es war um Bartholomäi, als ich in Dobes[L] gesteckt wurde, und auf dem ganzen Markt schnarrte keine Pfennigtrompete, die ich nicht gehört hätte. Nachdem ich für die Nacht eingeschlossen war, machte der Lärm und das Getöse draußen das vermaledeite alte Gefängnis so still und einsam, daß ich mir den Kopf hätte einrennen mögen an den Basteln[M].»
[L] Gefängnis.
[M] Eisenstäbe.
«Die armen Kerls! Ach, Bill, was sie für schmucke junge Leute sind!»
«Ja, ja, so sprecht ihr Weibsbilder alle!» erwiderte Sikes in einem Anfluge von Eifersucht. «Schmucke junge Leute! Doch sie sind so gut wie tot, also mag's gleichviel sein.»
Er faßte den Knaben wieder fester und trieb zur Eile an.
«Noch einen Augenblick», sagte das Mädchen; «ich würde nicht vorbeilaufen, wenn Ihr's wär't, der zum Galgen herausgeführt würde, wenn's wieder acht schlägt. Ich würde auf und nieder travallen, bis ich niedersänke, und wenn fußhoher Schnee läge, und ich hätte kein warmes Tuch, mich einzuhüllen.»
«Das sollte mir wohl viel helfen», bemerkte der nichtsentimentale Sikes. «Könnt'st du mir nicht ä Kulm[N] und ä zwanzig Ellen Kabot[O] 'neinpraktizieren, so möcht'st du fünfzig Meilen laufen oder ganz zu Hause bleiben, es wäre mir alles nichts nütze. Vorwärts, steh' hier nicht länger und paternelle[P] nicht!»
[N] Feile.
[O] Seil, Strick.
[P] mach keine Predigten.
Das Mädchen brach in ein Gelächter aus, ergriff Olivers Hand, und sie eilten weiter. Oliver fühlte, daß ihre Finger zitterten, und als sie an einer Gaslampe vorüberkamen, sah er, daß ihr Gesicht totenblaß war.
Sie lenkten nach einer halben Stunde in eine enge, schmutzige Gasse ein, die fast ganz von Trödlern bewohnt zu sein schien, und standen vor einem verschlossenen Laden still. Das Haus schien unbewohnt zu sein und sah halb verfallen aus. Über der Tür war eine Tafel angenagelt, auf welcher zu lesen war, daß das Haus zu vermieten sei; sie schien jedoch dort schon jahrelang befestigt gewesen zu sein.
Nancy bückte sich, und Oliver hörte den Ton einer Glocke. Sie gingen auf die entgegengesetzte Seite der Straße und stellten sich unter eine Laterne. Ein Geräusch ließ sich hören, als ob ein Fenster vorsichtig in die Höhe geschoben würde, und gleich darauf öffnete sich geräuschlos die Tür. Mr. Sikes packte den erschrockenen Knaben jetzt ohne Umstände beim Kragen, und im nächsten Augenblick befanden sich alle drei im Innern des Hauses. Hier war es stockfinster. Sie warteten, bis die Person, die sie eingelassen hatte, die Tür wieder verschlossen und mit einer Sicherheitskette verwahrt hatte.
«Ist jemand hier?» fragte Sikes.
«Nein!» erwiderte eine Stimme, die Oliver bekannt vorkam.
«Ist der Alte hier?» fragte der Dieb.
«Ja,» antwortete die Stimme, «und er wird sicher sehr erfreut sein, Sie zu sehen.»
«Machen Sie Licht,» versetzte Sikes, «oder wir brechen uns den Hals oder treten auf den Hund. Nehmen Sie Ihre Beine in acht, wenn Sie es tun.»
«Bleiben Sie einen Augenblick stehen; ich werde Licht bringen», erwiderte die Stimme. Man hörte, wie sich der Sprecher entfernte, und eine Minute später erschien die Gestalt John Dawkins', genannt der «gepfefferte Baldowerer». Der junge Herr gab nur durch ein spöttisches Grinsen kund, daß er Oliver wiedererkannt habe, und bat die Besucher, ihm eine Anzahl Stufen hinunter zu folgen. Sie gingen durch eine leere Küche und traten in ein niedriges, dumpfiges Gemach ein. Ein lautes Gelächter schallte ihnen entgegen. Charley Bates wälzte sich im eigentlichen Sinne vor Vergnügen über den gar zu kostbaren Spaß auf dem Boden, riß sodann Jack Dawkins das Licht aus der Hand, hielt es Oliver dicht vor das Gesicht und beschaute ihn von allen Seiten, während ihm Fagin scherzhafterweise tiefe Verbeugungen machte und der Baldowerer, der von ernsterem Wesen war und sich nicht leicht der Heiterkeit überließ, wenn es Geschäfte zu verrichten galt, sorgfältig seine Taschen durchsuchte.
«Ich freue mich unendlich, Sie so wohl zu sehen, mein Lieber», sagte der Jude. «Der Gepfefferte soll Ihnen geben einen anderen Anzug, damit Sie den sonntäglichen nicht verderben gleich. Warum schrieben Sie's nicht, daß Sie kommen wollten -- wir hätten dann treffen können noch bessere Vorbereitungen -- aber Sie sollen dennoch etwas Warmes bekommen zum Abendbrot.»
Jetzt lächelte sogar der Baldowerer; da er jedoch in diesem Augenblicke die Fünfpfundnote hervorzog, so ist es zweifelhaft, ob der Witz Fagins oder die erfreuliche Entdeckung seine Heiterkeit erregte.
«Holla, was ist das?» rief Sikes und trat auf den Juden zu, als derselbe die Banknote hinnahm. «Diese ist mein, Fagin!»
«Nein, nein, mein Lieber», entgegnete der Jude. «Mein, Bill, mein; Ihr sollt die Bücher haben.»
«Bekomm' ich und Nancy sie nicht,» sagte Sikes, mit entschlossener Miene den Hut aufsetzend, «so bring' ich den Buben wieder zurück.»
Der Jude fuhr empor und Oliver gleichfalls, obgleich aus einem ganz anderen Grunde; er hoffte, der Streit würde damit enden, daß man ihn wieder nach Pentonville zurückbrächte. Allein Sikes entriß dem Juden unter Schelten und Drohen die Banknote, faltete sie kaltblütig zusammen und knüpfte sie in den Zipfel seines Halstuchs.
«'s ist für unsere Mühe und noch nicht halb genug», sagte er. «Behaltet Ihr die Bücher, wenn Ihr gern lest, und wo nicht, schlaget sie los!»
«Es sind prächtige Bücher; nicht wahr, Oliver?» fiel Charley Bates ein, als er die klägliche Miene gewahrte, mit der Oliver zu seinen Peinigern emporblickte.
«Sie gehören dem alten Herrn», sagte Oliver händeringend, «dem lieben, guten alten Herrn, der mich in sein Haus nahm und mich pflegen ließ, als ich todkrank lag. O bitte, schicken Sie sie zurück, schicken Sie ihm die Bücher und das Geld zurück! Behalten Sie mich hier mein Leben lang, aber bitte, bitte, schicken Sie sie nur zurück. Er wird glauben, daß ich sie gestohlen hätte -- und die alte Dame und alle, die so freundlich gegen mich waren werden es denken. O haben Sie Erbarmen und schicken Sie die Bücher und das Geld zurück!»
Oliver fiel vor dem Juden auf die Knie nieder und hob flehend und ganz in Verzweiflung die Hände zu ihm empor.
«Der Bube hat recht», sagte Fagin, listig umherblickend und die buschigen Augenbrauen zusammenkneifend. «Du hast recht, Oliver, hast ganz recht; sie werden allerdings glauben, daß du sie gestohlen hast. Ha, ha, ha!» kicherte er und rieb sich die Hände; «es hätte sich ganz unmöglich treffen können besser, und wenn wir noch so gut gewählt hätten die Zeit.»
«Versteht sich», fiel Sikes ein; «ich wußt's gleich im selbigen Augenblick, als ich ihn durch Clerkenwell mit den Büchern unterm Arm daherkommen sah. 's ist nun alles gut. Es müssen schwachköpfige Betbrüder sein -- hätten ihn sonst gar nicht zu sich genommen; und sie werden auch keine Nachfrage anstellen, aus Furcht, daß sie ihn anklagen müßten und ihn gerumpelt[Q] zu sehen. Wir haben ihn jetzt fest genug.»
[Q] Auf den Schub bringen -- deportieren.
Oliver hatte unterdes bald Sikes, bald Fagin angesehen, als wenn er ganz betäubt wäre und kaum verstände, was gesprochen wurde; allein bei Bills letzten Worten sprang er plötzlich empor und stürzte unter einem Geschrei nach Hilfe aus der Tür hinaus, daß die nackten Wände des Hauses davon widerhallten.
«Halt den Hund zurück, Bill,» schrie Nancy, eilte vor die Tür und verschloß sie, als der Jude mit seinen beiden Zöglingen Oliver nachgestürzt war; «halt den Hund zurück; er reißt ihn in Stücke!»
«Ist ihm gerade recht!» rief Sikes und suchte sich von dem Mädchen loszumachen. «Laß mich los, oder ich renn dir den Kopf gegen die Wand!»
«Ist mir alles gleichviel, Bill, ist mir alles gleichviel», schrie das Mädchen, sich heftig gegen ihn sträubend; «er soll nicht von dem Hunde zerrissen werden, und wenn es mein Tod ist!»
«So!» tobte Sikes; «sollst nicht lange warten auf deinen Tod, wenn du nicht im Augenblick ablässest!»
Er schleuderte sie in die fernste Ecke des Gemachs, gerade als der Jude, Jack und Charley den Flüchtling wieder hereinschleppten.
«Was gibt's hier?» fragte Fagin.
«Ich glaube, die Dirne ist toll geworden», erwiderte Sikes in Wut.
«Nein, ich bin nicht toll», rief Nancy blaß und atemlos dazwischen; «nein, Fagin, glaubt's nicht!»
«Dann sei ruhig -- willst du wohl?» sagte der Jude mit drohender Gebärde.
«Das will ich auch nicht!» erwiderte Nancy mehr schreiend als redend. «Was willst du nun?»
Mr. Fagin war mit den Sitten und Gebräuchen der Spezies von Menschenkindern hinlänglich bekannt, welcher Miß Nancy angehörte, um sich ziemlich überzeugt zu fühlen, daß es einigermaßen gefährlich sein würde, die Unterhaltung mit ihr für den Augenblick fortzusetzen. Er wendete sich daher, um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft abzulenken, zu Oliver.
«Du wolltest also fortlaufen, mein Lieber?» sagte er, einen Knotenstock aufhebend, der am Kamine lag; «wolltest rufen die Polizei -- nicht wahr, mein Schatz? Ich will dich von der Krankheit kurieren, lieber Engel!»
Er hatte bei diesen Worten Oliver beim Arme gefaßt, versetzte ihm einen Schlag über den Rücken und hob den Knotenstock wieder empor, als Nancy auf ihn zustürzte, ihm den Stock aus der Hand riß und in das Feuer schleuderte.
«Ich leid's nimmermehr, Fagin!» schrie sie. «Ihr habt den Knaben, und was wollt Ihr mehr? Laßt ihn -- laßt ihn zufrieden, oder ich tue etwas an Euch, das mich vor meiner Zeit an den Galgen bringt!» Sie stampfte bei dieser Drohung heftig mit den Füßen und blickte mit verbissenen Lippen, geballten Fäusten und blaß vor Zorn und Wut abwechselnd den Juden und Sikes an.
«Ah, Nancy!» sagte der Jude nach einer kurzen, verlegenen Pause beschwichtigend; «du -- du übertriffst dich wirklich heute abend selbst -- ha, ha, ha! -- spielst ganz prachtvoll deine Rolle, liebes Kind!»
«So!» entgegnete Nancy; «nehmt Euch nur in acht, daß ich sie nicht zu gut für Euch spiele. Ich sage es Euch vorher, Ihr werdet Euch sehr schlecht dabei stehen!»
Es gibt wenige Männer, die sich nicht gern enthielten, ein in Wut geratenes und obendrein von nichtsachtender Verzweiflung beseeltes Frauenzimmer noch mehr zu reizen. Der Jude sah ein, daß es ihm nichts helfen könne, sich noch länger zu stellen, als wenn er Nancys Zorn für bloß erkünstelt hielte, fuhr unwillkürlich einige Schritte zurück und blickte halb zitternd, halb verzagend nach Sikes. Dieser mochte glauben, sein persönliches Ansehen fordere es, Nancy baldigst wieder zur Vernunft zu bringen, und begann daher seine Operationen mit zahlreichen und kräftigen Drohungen und Verwünschungen, wobei er den Beweis lieferte, daß er es in diesem Genre in der Tat zur Meisterschaft gebracht hatte. Als sie keinen sichtbaren Eindruck machten, ging er zu noch überzeugenderen Argumenten über. «Was soll das bedeuten, Dirne?» tobte er unter Hinzufügung einer Verwünschung, die die Blindheit so gewöhnlich als die Masern machen würde, wenn der Himmel sie nur halb so oft wahr machte, als man sie auf Erden hört. «Was willst du damit bezwecken? Weißt du, zum Geier, wer du bist -- was du bist?»
«O ja, ja; ich weiß es nur zu gut!» erwiderte Nancy unter krampfhaftem Lachen, dabei den Kopf hin und her wiegend, um gleichgültig zu erscheinen, was ihr jedoch schlecht gelang.
«Dann sei ruhig, oder ich werde dich auf 'ne lange Zeit zum Stillschweigen bringen.»
Sie lachte abermals, blickte flüchtig nach Sikes, wendete das Gesicht ab und biß sich die Lippen blutig.
«Du bist mir die Rechte, dich auf die menschenfreundliche und honette Seite zu legen!» fuhr er verächtlich fort. «Der Bursch würde 'ne saubere Freundin an dir haben, wozu du dich aufwirfst!»
«Und beim allmächtigen Gott, ich bin es!» rief sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit; «und ich wollte lieber, daß ich auf der Straße tot niedergefallen oder in das Gefängnis geworfen wäre, statt derer, denen wir so nahe waren, als daß ich mich dazu hergegeben hätte, ihn hierher zu bringen. Er ist von heute abend an ein Dieb, ein Lügner, ein Mörder, ein Teufel und alles, was nur schlecht und verworfen heißen mag; -- ist das nicht genug für den alten Halunken -- muß er ihn obendrein schlagen?»
«Hört, Bill,» fiel der Jude dringend und nach dem mit gespanntem Ohr zuhörenden Knaben hindeutend ein, «wir müssen freundliche Worte gebrauchen, freundliche Worte, Bill.»
«Freundliche Worte!» schrie das in seiner Wut schrecklich aussehende Mädchen; «freundliche Worte, Ihr Schuft! Ja, die verdient Ihr auch von mir! Ich habe gestohlen für Euch, als ich noch nicht halb so alt war wie dies Kind hier, und bin in demselben Geschäft und demselben Dienst seit zwölf Jahren gewesen; wißt Ihr das nicht? Sprecht, wißt Ihr es nicht?»
«Ja, ja doch», erwiderte der Jude besänftigend; «du hast ja aber auch davon dein Brot.»
«Freilich, ich habe mein Bettelbrot davon,» schrie sie immer heftiger, «und die kalten, nassen, schmutzigen Straßen sind meine Wohnung; und Ihr seid der ruchlose Mann, der mich Tag und Nacht hinaustreibt und mich Tag und Nacht hinaustreiben wird, bis ich im Grabe liege.»
«Ich füge dir ein Leid zu,» versetzte der Jude, durch diese Vorwürfe gereizt, «ein Leid, das schlimmer ist als das, von dem du sprichst, wenn du noch ein Wort sagst.»
Nancy erwiderte nichts mehr, zerraufte aber in einem Übermaß von Leidenschaft ihr Haar, stürzte auf Fagin zu, und auf seinem Gesichte würden ohne Zweifel sichtbare Spuren ihrer Rache zurückgeblieben sein, hätte nicht Sikes eben noch zur rechten Zeit ihre Arme festgehalten. Sie bemühte sich vergeblich, sich von ihm loszureißen, und sank in Ohnmacht. «Es ist nun alles wieder in Ordnung», bemerkte Sikes, sie in eine Ecke tragend. «Sie besitzt außerordentliche Körperkräfte, wenn sie sich in diesem Zustand befindet.» Der Jude wischte sich die Stirn und lächelte, und sowohl er wie Sikes und die Knaben schienen den ganzen Vorfall als einen gewöhnlichen, im Geschäft häufig vorkommenden zu betrachten.
«Es ist doch das Schlimmste, mit Weibern zu tun zu haben», bemerkte der Jude, den Stock wieder beiseite stellend; «aber sie sind schlauer als wir, und wir können ohne sie nicht fertig werden. Charley, bringe Oliver zu Bett.»
«Nicht wahr, Fagin, er soll morgen seine besten Kleider nicht tragen?» fragte Charley Bates grinsend, und der Jude verneinte, Charleys liebliches Grinsen erwidernd. Master Bates schien sich seines Auftrages höchlich zu freuen, führte Oliver in das anstoßende Gemach, in welchem einige Betten der Art standen, wie er sie bereits kennen gelernt, und zog mit unbezwinglichem Gelächter die alten Kleidungsstücke hervor, die sich Oliver so gefreut hatte, ablegen zu dürfen, und die Fagin auf die erste Spur seines Aufenthaltes bei Mr. Brownlow gebracht hatten.
«Zieh' die Sonntägischen aus,» sagte Charley, «ich will sie Fagin zum Aufheben geben. Welch' ein prächtiger Spaß!»
Der arme Oliver gehorchte widerstrebend und wurde darauf von Charley im Dunkeln gelassen und eingeschlossen. Master Bates' Gelächter und die Stimme Betsys, die nach einiger Zeit erschien, und ihre Freundin zum Bewußtsein zurückzurufen sich bemühte, wären gar wohl geeignet gewesen, ihn unter anderen Umständen wach zu erhalten; allein er war erschöpft und unwohl und schlief daher bald ein.
17. Kapitel.
Olivers Schicksal bleibt fortwährend günstig.
In jedem guten Melodrama, in dem viel von Hauen und Stechen die Rede ist, wechseln auf der Bühne komische und tragische Szenen so regelmäßig wie die roten und weißen Lagen eines Stücks durchwachsenen Specks. Diese Abwechselungen erscheinen uns abgeschmackt, sind indes keineswegs unnatürlich. Die Übergänge im wirklichen Leben von wohlbesetzten Tischen zu Sterbebetten oder von Trauer- zu Festtagskleidern sind nicht minder schroff oder gefühlverletzend -- wir aber sind beschäftigte Mitspielende statt bloßer Zuschauer, was einen unermeßlichen Unterschied bildet; den Schauspielern sind die plötzlichen Übergänge nicht auffällig, sie haben sozusagen keine Augen für dieselben, die von den Zuschauern verkehrt, unnatürlich, extravagant genannt werden. Verdamme mich daher nicht zu voreilig, geneigter Leser, wenn du in meinem Buche einen häufigen Wechsel des Schauplatzes und der Szenen findest, sondern erzeige mir die Gunst, zu prüfen, ob ich recht oder unrecht dabei gehabt habe. Meine Erzählung soll meiner Absicht nach wahr sein und ohne unnötige Abschweifungen auf ihr Ziel lossteuern. Ich bitte, folge mir für jetzt vertrauensvoll nach der Stadt, in welcher mein kleiner Held das Licht der Welt erblickte.
Mr. Bumble trat eines Morgens früh aus dem Armenhause mit der wichtigsten Miene heraus, und durchschritt die Straßen mit einer Haltung und einem Wesen, daß man es ihm sogleich ansah, sein Inneres war von Gedanken erfüllt, zu groß, um sie aussprechen zu können. Er hielt sich nicht unterwegs auf, um sich mit den kleinen Krämern und anderen, die ihn anredeten, in herablassender Weise zu unterhalten, sondern erwiderte ihre Begrüßungen nur mit einer hoheitsvollen Handbewegung, und hemmte seinen würdevollen Schritt erst, als er vor der Anstalt stand, in der Mrs. Mann die Armenkinder mit parochialer Sorgfalt pflegte.
«Dieser verwünschte Kirchspieldiener!» sagte Mrs. Mann zu sich selbst, als sie das bekannte Rütteln an der Pforte hörte. «Ob er nicht schon in aller Herrgottsfrühe herauskommt! Schau, Mr. Bumble, soeben habe ich an Sie gedacht. Ja, verehrter Herr, es ist mir ein wirkliches Vergnügen, Sie wieder einmal zu sehen! Treten Sie, bitte, näher.»
Der erste Satz war zu Susanne gesprochen worden, die Freudenbezeigungen dagegen zu Mr. Bumble, als die gute Dame die Gartenpforte öffnete und ihn mit großer Höflichkeit und Ehrerbietung ins Haus nötigte.
«Mrs. Mann,» sagte Mr. Bumble, indem er sich mit großer Feierlichkeit und Würde auf einen Stuhl niederließ, «Mrs. Mann, Ma'am, ich biete Ihnen einen guten Morgen.»
«Ich danke Ihnen und biete Ihnen auch meinerseits einen guten Morgen», erwiderte Mrs. Mann freundlich lächelnd; «ich hoffe, Sie befinden sich wohl, Sir.»
«So -- so, Mrs. Mann,» antwortete der Kirchspieldiener; «man ist in der Parochie nicht immer auf Rosen gebettet.»
«Ach ja, das ist man in der Tat nicht», versetzte die Dame, und alle Armenkinder würden ihr laut beigepflichtet haben, falls sie ihre Worte gehört hätten.
«Ein Leben im Dienste der Parochie», fuhr Mr. Bumble fort, «ist ein Leben voller Mühseligkeiten und Plagen, Ma'am; aber alle öffentlichen Charaktere, darf ich wohl sagen, müssen unter Verfolgungen leiden.»
Mrs. Mann, die nicht genau wußte, was der Kirchspieldiener meinte, erhob ihre Hände mit einem Seufzer des Einverständnisses.
«Ach ja,» bemerkte Mr. Bumble, «Sie haben wohl ein Recht zu seufzen, Ma'am.»
Da Mrs. Mann fand, sie habe richtig gehandelt, seufzte sie von neuem, offenbar zur Befriedigung des «öffentlichen Charakters»; denn Mr. Bumble sagte, ein wohlgefälliges Lächeln unterdrückend: «Mrs. Mann, ich gehe nach London.»
«Was Sie sagen, Mr. Bumble!» erwiderte Mrs. Mann erstaunt.
«Nach London, Ma'am,» wiederholte der Kirchspieldiener unerschütterlich, «und zwar in einer Postkutsche. Ich und zwei Arme, Mrs. Mann.»
«Sie benutzen eine Postkutsche, Sir?» fragte Mrs. Mann. «Ich glaubte, es wäre immer üblich, Arme auf offenen Karren zu verschicken.»
«Das geschieht, wenn sie krank sind», entgegnete der Kirchspieldiener; «wir setzen die kranken Armen bei Regenwetter auf offene Karren, damit sie sich nicht erkälten. Die Postkutsche nimmt diese beiden außerdem um ein sehr Billiges mit, und wir finden, es kommt uns um zwei Pfund wohlfeiler zu stehen, wenn wir sie in ein anderes Kirchspiel schaffen können, als wenn wir sie hier begraben müssen. Hahaha! -- Aber wir vergessen das Geschäft, Ma'am,» fuhr er ernst werdend fort; «hier ist das Kostgeld für den Monat.»
Mr. Bumble holte eine kleine Rolle mit Silbergeld aus seiner Brieftasche hervor und bat um eine Quittung; Mrs. Mann schrieb sie sofort.
«Ich danke Ihnen recht sehr, Mr. Bumble; ich bin Ihnen in der Tat für Ihre Liebenswürdigkeit sehr verbunden.»
Mr. Bumble nickte gnädig in Anerkennung der Höflichkeit Mrs. Manns, und erkundigte sich sodann nach dem Befinden der Kinder.
«Gott segne ihre lieben kleinen Herzchen», erwiderte Mrs. Mann bewegt; «sie befinden sich den Umständen angemessen wohl, die lieben Kleinen! Natürlich bis auf die zwei, die vergangene Woche gestorben sind, und den kleinen Dick.»
«Geht es mit dem Jungen immer noch nicht besser?» fragte Mr. Bumble. Mrs. Mann schüttelte den Kopf.
«Er ist ein schlecht beanlagtes, lasterhaftes Parochialkind mit üblen Angewohnheiten», sagte Mr. Bumble ärgerlich. «Wo ist er?»
«Ich werde ihn Ihnen in einer Minute herbringen, Sir», gab Mrs. Mann zur Antwort.
Nach einigem Suchen wurde Dick entdeckt und nach gründlicher Säuberung unter der Pumpe Mr. Bumble vorgeführt.
Das Kind war bleich und mager; seine Wangen waren eingesunken und seine Augen groß und fieberisch glänzend. Die armselige Parochialkleidung, die Livree seines Elends, hing schlotternd um seinen schwächlichen Körper, und seine jungen Glieder waren welk wie die eines alten Mannes.
«Wie geht es dir?» fragte Mr. Bumble den Knaben, der zitternd dastand und seine Augen nicht vom Fußboden zu erheben vermochte.
«Ich glaube, daß ich bald sterben muß,» erwiderte der kleine Patient, «und ich freue mich auch recht darauf, denn ich habe ja keine Freude hier. Sagen Sie doch Oliver Twist, wenn ich erst tot bin, ich hätte ihn sehr lieb gehabt und tausendmal an ihn gedacht, wie er allein und hilflos umherwandern müßte --»
Er hatte die Worte mit einer Art von Verzweiflung gesprochen, ohne sich durch Frau Manns pantomimische Drohungen irren zu lassen; doch erstickten endlich Tränen seine Stimme.
«Frau Mann,» bemerkte Bumble, «ich sehe wohl, der eine ist wie der andere. Sie sind samt und sonders durch den Taugenichts Oliver Twist verführt und verdorben worden. Ich werde dem Direktorium Anzeige von dem Falle machen, damit strengere Maßregeln angeordnet werden. Lassen Sie ihn sogleich wieder hinausbringen!»
Dick wurde in den Kohlenkeller gebracht, und Bumble begab sich wieder zur Stadt zurück, wo er sich in kürzester Frist reisefertig machte und mit den beiden nach London zu schaffenden Armen die bestellten Außenplätze der Postkutsche einnahm. Die beiden Armen klagten viel über Kälte; Bumble hüllte sich dicht in seinen Mantel, philosophierte ziemlich mißvergnügt über den Undank und die unablässigen unzufriedenen Klagen der Menschen und fühlte sich erst wieder recht behaglich, als er in dem Gasthause, in welchem die Kutsche anhielt, sein gutes Abendessen eingenommen, seinen Stuhl an den Kamin gestellt hatte, sich niederließ und ein Zeitungsblatt zur Hand nahm. Wer beschreibt sein Erstaunen, als er gleich darauf nachstehenden Artikel fand:
«*Fünf Guineen Belohnung*.
Am vergangenen Donnerstag abend hat sich ein Knabe namens Oliver Twist aus seiner Wohnung in Pentonville entfernt und mit oder ohne seine Schuld nichts wieder von sich hören lassen. Es werden hierdurch demjenigen fünf Guineen geboten, der eine Mitteilung zu machen geneigt und imstande ist, die zur Wiederauffindung des besagten Oliver Twist führen kann, oder über denselben, seine Herkunft usw. genauere Auskunft gibt.»
Diesem Anerbieten folgte eine genaue Beschreibung Olivers und Mr. Brownlows Adresse. Bumble las dreimal mit großem Bedacht, faßte darauf rasch seinen Entschluß und war nach wenigen Minuten auf dem Wege nach Pentonville. Im Hause Mr. Brownlows angelangt, kündigte er sogleich den Zweck seines Besuchs an. Frau Bedwin war außer sich vor Freude und Rührung, erklärte, es immer gewußt und gesagt zu haben, daß Oliver bald wiedergefunden werden würde, brach in Tränen aus, und die Magd eilte zu Mr. Brownlow hinauf, der ihr gebot, den Angemeldeten augenblicklich hereinzuführen.
Bumble trat ein, und Mr. Grimwig, der sich zufällig bei seinem Freunde befand, faßte ihn scharf in das Auge und rief aus: «Ein Kirchspieldiener -- so wahr ich lebe, ein Kirchspieldiener!»
«Ich bitte, lieber Freund, jetzt keine Unterbrechung», sagte Brownlow. «Setzen Sie sich, Sir. -- Sie kommen zu mir infolge der Anzeige, die ich in verschiedenen Blättern habe einrücken lassen?»
«Ja, Sir.»
«Sie sind ein Kirchspieldiener?»
«Ja, Sir», erwiderte Bumble stolz.
«Wissen Sie, wo sich das arme Kind gegenwärtig befindet?» fragte Brownlow ziemlich ungeduldig.
«Nein, Sir.»
«Was wissen Sie denn aber von ihm? Reden Sie, wenn Sie etwas zu sagen haben. Was wissen Sie von ihm?»
«Sie werden wohl eben nicht viel Gutes von ihm wissen!» fiel Grimwig kaustisch ein, nachdem er Bumbles Mienen sorgfältig geprüft hatte.
Bumble erkannte sogleich mit großem Scharfsinn den Wunsch des Herrn, Ungünstiges über Oliver zu vernehmen, und antwortete durch ein feierlich-bedenkliches Kopfschütteln.
«Sehen Sie wohl?» sagte Grimwig zu Brownlow mit einem triumphierenden Blicke.
Brownlow sah Bumble besorgt an, und forderte ihn auf, was er von Oliver wüßte, in möglichst kurzen Worten mitzuteilen. Bumble räusperte sich und begann. Er sprach mit umständlicher Weitschweifigkeit; der kurze Sinn von allem, was er vorbrachte, war, Oliver sei ein armer Kirchspielknabe von armen und lasterhaften Eltern, habe von seiner Geburt an nur Falschheit, Bosheit und Undankbarkeit gezeigt und seiner Gottlosigkeit dadurch die Krone aufgesetzt, daß er einen mörderischen und feigherzigen Angriff auf einen harmlosen Knaben gemacht habe und darauf seinem Lehrherrn entlaufen sei.
«Ich fürchte, daß Ihre Angaben nur zu wahr sind», sagte Brownlow traurig; «hier sind die fünf Guineen. Ich würde Ihnen gern dreimal so viel gegeben haben, wenn Sie mir etwas Vorteilhafteres über den Knaben hätten sagen können.»
Hätte Brownlow das früher gesagt, so würde Bumble seinem Bericht wahrscheinlich eine ganz andere Färbung gegeben haben. Es war jedoch zu spät, er schüttelte daher mit bedeutsamer Miene den Kopf, steckte die fünf Guineen ein und ging.
Mr. Brownlow war so niedergeschlagen, daß selbst Grimwig ihn nicht noch mehr betrüben mochte. Er zog endlich heftig die Klingelschnur. «Frau Bedwin,» sagte er, als die Haushälterin eintrat, «der Knabe, der Oliver, war ein Betrüger.»
«Das kann nicht sein, Sir; kann nicht sein», entgegnete Frau Bedwin nachdrücklich.
«Ich sage Ihnen aber, daß es so ist. Wir haben soeben einen genauen Bericht über ihn angehört. Er ist von seiner ersten Kindheit an durch und durch verderbt gewesen.»
«Und ich glaube es doch nicht, Sir -- nimmermehr, Sir», erwiderte Frau Bedwin bestimmt.
«Ihr alten Weiber glaubt an nichts als an Quacksalber und Lügengeschichten», fiel Grimwig mürrisch ein. «Ich hab's von Anfang an gewußt. Warum hörten Sie nicht sogleich auf meine Meinung und meinen Rat? Sie würden es sicher getan haben, wenn der kleine Schelm nicht am Fieber krank gelegen hätte!»
«Er war kein Schelm,» entgegnete Frau Bedwin sehr unwillig, «sondern ein sehr liebes, gutes Kind. Ich verstehe mich auf Kinder sehr wohl, Sir, seit vierzehn Jahren, Sir; und wer nie Kinder gehabt hat, darf gar nicht mitreden über sie -- das ist meine Meinung, Sir!»
Mr. Grimwig lächelte nur, und Frau Bedwin war im Begriff, fortzufahren, allein Brownlow kam ihr zuvor.
«Schweigen Sie!» sagte er mit einer Entrüstung in Ton und Mienen, die freilich seinen Gefühlen vollkommen fremd war. «Sie erwähnen den Knaben nie wieder; ich habe geklingelt, um Ihnen das zu sagen. Hören Sie -- nie -- niemals, und unter keinerlei Vorwande. Sie können gehen -- und wohl zu merken, ich habe im Ernst gesprochen!»
In Mr. Brownlows Hause waren betrübte Herzen an diesem Abende, und Oliver zagte das Herz gleichfalls, als er seiner gütigen Beschützer und Freunde gedachte. Es war indes gut für ihn, daß er nicht wußte, was sie über ihn gehört; er hätte die Nacht vielleicht nicht überlebt.
18. Kapitel.
Wie Oliver seine Zeit in der sittenverbessernden Gesellschaft seiner achtungswürdigen Freunde zubrachte.
Als am folgenden Morgen der Baldowerer und Charley Bates zu ihren gewöhnlichen Geschäften ausgegangen waren, benutzte Mr. Fagin die Gelegenheit, Oliver einen langen Sermon über die schreiende Sünde der Undankbarkeit zu halten, deren er sich, wie ihm Fagin klärlich bewies, in einem sehr hohen Maße schuldig gemacht, indem er sich absichtlich von seinen liebevollen und treuen Freunden entfernt, ja sogar ihnen zu entfliehen versucht habe, nachdem sie so viele Mühe und Kosten aufgewandt hätten, ihn wieder zurückzubringen. Der alte Herr legte großes Gewicht auf den Umstand, daß er Oliver zu sich genommen und verpflegt habe, als derselbe in Gefahr gewesen wäre, Hungers zu sterben, und erzählte ihm die ergreifende und schreckliche Geschichte eines jungen Burschen, dem er unter ähnlichen Umständen aus gewohnter Menschenfreundlichkeit seinen Beistand habe angedeihen lassen, der sich aber des ihm erwiesenen Vertrauens unwürdig gezeigt, sich mit der Polizei in Rapport zu setzen versucht habe und im Old-Bailey-Gerichtshofe verurteilt und gehenkt worden sei. Der alte Herr bemühte sich durchaus nicht, seinen Anteil an der Katastrophe zu verheimlichen, sondern beklagte es mit Tränen in den Augen, daß es durch die Verkehrtheit und Verräterei des jungen Burschen nötig geworden, ihn als ein Opfer fallen zu lassen, und demnach mit Zeugnissen gegen ihn aufzutreten, die, wenn auch nicht vollkommen in der Wahrheit begründet, doch unumgänglich gewesen wären, wenn seine (Fagins) und einiger erlesener Freunde Sicherheit nicht hätte gefährdet werden sollen. Der alte Herr schloß damit, daß er ein sehr unerfreuliches Gemälde von den Unannehmlichkeiten des Gehenktwerdens entwarf und mit großer Freundschaftlichkeit und Höflichkeit die Hoffnung ausdrückte, niemals genötigt zu werden, Oliver Twist einer so widerwärtigen Operation zu unterwerfen.
Dem kleinen Oliver erstarrte das Blut in den Adern, während er den Worten des Juden zuhörte. Die darin enthaltenen dunklen Drohungen waren ihm nicht ganz unverständlich. Er wußte bereits, daß die Gerechtigkeit selbst den Unschuldigen für schuldig halten konnte, wenn er sich mit dem Schuldigen in Gemeinschaft befunden hatte; und daß tief angelegte Pläne, unbequeme Mitwisser oder zum Schwatzen Geneigte zu verderben, von dem alten Juden wirklich geschmiedet und ausgeführt wären, dünkte ihn keineswegs unwahrscheinlich, als er sich des Streites entsann, den Fagin mit Sikes gehabt. Als er furchtsam die Augen aufschlug und seine Blicke denen des Juden begegneten, fühlte er, daß seine Blässe und sein Zittern dem schlauen Bösewicht nicht entgangen waren und daß sich derselbe innerlich darüber freute.
Der Jude lächelte boshaft, klopfte Oliver die Wangen und sagte ihm, wenn er sich ruhig verhielte und sich des Geschäfts annähme, so würden sie sicher noch sehr gute Freunde werden. Er griff darauf zum Hute, zog einen alten, geflickten Oberrock an, ging hinaus und verschloß die Tür hinter sich.
So blieb sich Oliver während des ganzen Tages und während noch vieler nachfolgender Tage vom frühen Morgen bis Mitternacht selbst überlassen, und die langen Stunden vergingen ihm gar traurig, denn er gedachte natürlich fortwährend seiner gütigen Freunde in Pentonville und der Meinung, welche sie von ihm gefaßt haben müßten. Am siebenten oder achten Tage ließ der Jude die Tür des Zimmers unverschlossen, und Oliver durfte frei im Hause umhergehen. -- Das ganze Haus war äußerst schmutzig und öde; die Zimmer im oberen Stockwerke waren ohne Mobilien, geschwärzt und mit Spinngeweben überdeckt; indes schloß Oliver aus dem Täfelwerke und den Resten alter Tapeten und anderer Verzierungen, daß sie vor langer Zeit von reichen Leuten bewohnt gewesen sein müßten, so kläglich sie auch jetzt aussahen. Oft, wenn er leise in ein Zimmer eintrat, liefen die Mäuse erschreckt in ihre Löcher zurück; sonst aber sah und hörte er kein lebendiges Wesen, und manches Mal, wenn er es müde war, aus einem Gemach in das andere zu wandern, schmiegte er sich in den Winkel des Flurs an der Haustür, um den Menschen so nahe wie möglich zu sein, und erwartete horchend und mit Beben die Rückkehr des Juden oder der Knaben.
In allen Zimmern waren die Fensterläden fest mit Schrauben verwahrt und ließen nur wenig Licht durch kleine, runde Löcher ein, was die Zimmer noch düsterer machte und sie mit seltsamen Schattengestalten füllte. Ein hinteres Dachstübchen hatte ein mit starken Stäben verwahrtes Fenster ohne Läden. Oliver schaute stundenlang traurig hinaus, obwohl er nichts sehen konnte als eine verworrene, gedrängte Masse von Dächern, geschwärzten Schornsteinen und Giebeln. Bisweilen zeigte sich auf ein paar Augenblicke in der Dachluke eines fernen Hauses ein nur undeutlich zu erkennendes Gesicht; allein es verschwand bald, und da das Fenster von Olivers Observatorium vernagelt und durch Regen und Rauch von Jahren trüb und blind gemacht worden war, so war es ihm nur möglich, die Formen ferner Gegenstände undeutlich zu erkennen, und er konnte nicht daran denken, sich bemerkbar zu machen, zumal auch die Nachbarschaft sicher nicht die achtbarste und vertrauenerweckendste war.
Eines Nachmittags kehrten der Baldowerer und Charley Bates nach Hause zurück, um sich auf eine Abendunternehmung vorzubereiten, die es erfordern mochte, daß sie sich sorgfältiger als gewöhnlich ankleideten. Der Baldowerer gebot Oliver, ihm die Stiefel zu reinigen, und Oliver war froh, nur einmal Menschen zu sehen und sich nützlich machen zu können, wenn es ohne Verletzung der Redlichkeit geschehen konnte. Während er beschäftigt war, dem Geheiß Folge zu leisten, wobei Jack auf einem Tische saß, blickte der junge Gentleman zu ihm hernieder, seufzte und sagte halb zerstreut und halb zu Charley Bates: «'s ist doch Jammer und Schade, daß er kein Kochemer ist.»
«Ah,» sagte Charley Bates, «er weiß nicht, was ihm gut ist.»
«Du weißt wohl nicht mal, Oliver, was ein Kochemer ist?» fragte der Baldowerer.
«Ich glaube es zu wissen», erwiderte Oliver schüchtern; «ein Dieb -- bist du nicht ein Dieb?»
«Ja,» sagte Jack, «und ich rechn' es mir zur Ehre. Ich bin ä Dieb; Charley ist's, Fagin ist's, Sikes ist's; Nancy und Betsy sind gleichfalls Diebinnen. Wir sind samt und sonders Diebe, bis herunter zu Sikes Hund, und der geht noch über uns alle.»
«Und ist kein Angeber», bemerkte Charley Bates.
«Er würde in der Zeugenloge nicht mal bellen, um sich nicht zu verraten oder verdächtig zu machen», fuhr Jack fort. «Doch das hat nichts zu schaffen mit unserm Musjö Grün.»
«Warum begibst du dich nicht unter Fagins Oberbefehl, Oliver?» fiel Charley ein.
«Könntest doch dein Glück so schön machen», setzte Jack hinzu, «und von deinem Gelde leben wie ein Gentleman, wie ich's zu tun denke im nächstkommenden fünften Schaltjahr und am zweiundvierzigsten Dienstag in der Fastenwoche.»
«Es gefällt mir nicht», sagte Oliver furchtsam. «Ich wollte, daß Fagin mich fortgehen ließe.»
«Das wird Fagin bleiben lassen», bemerkte Charley.
Oliver wußte dies nur zu gut, und in der Meinung, es möchte gefährlich sein, seine Gedanken noch offener auszusprechen, fuhr er seufzend in seinem Geschäfte fort.
«Schäme dich!» hub der Baldowerer wieder an. «Hast du denn gar kein Ehrgefühl? Ich möchte um nichts in der Welt meinen Freunden zur Last fallen, am wenigsten, ohne 'nen Finger zu rühren, um ihnen zum wenigsten meine Erkenntlichkeit zu beweisen.»
«Es ist wahrhaftig zu gemein und niedrig», sagte Charley Bates, einige seidene Taschentücher hervorziehend und in eine Kommode legend.
«Es wäre mir ganz unmöglich!» rief Jack Dawkins, sich in die Brust werfend, aus.
«Und doch könnt ihr eure Freunde im Stich lassen», bemerkte Oliver mit einem halben Lächeln, «und zusehen, daß sie für Dinge bestraft werden, die ihr getan habt.»
«Es geschah bloß aus Rücksicht gegen Fagin», erwiderte Jack kaltblütig. «Die Schoderer[R] wissen, daß wir gemeinschaftlich arbeiten, und er hätte in Ungelegenheit kommen können, wenn wir nicht davongelaufen wären. Schau hier», setzte er hinzu, griff in die Tasche und zeigte Oliver eine Handvoll Schillinge und Halbpence. «Wir führen ä flottes Leben, und was tut's, woher das Geld dazu kommt? Da, nimm hin; wo's her ist, da ist noch mehr von der Sorte. Du willst nicht? O Dümmling, Dümmling aller Dümmlinge!»
[R] Gerichtsdiener.
«Er ist ä Bösewicht, nicht wahr, Oliver?» fiel Charley Bates ein. «Er wird noch geschnürt werden, nicht wahr?»
«Ich weiß nicht, was das ist», sagte Oliver.
Charley Bates nahm sein Taschentuch, knüpfte es sich um den Hals und stellte die Hängeoperation pantomimisch und vollkommen kunstgerecht dar. «Das ist's», sagte er endlich unter schallendem Gelächter.
«Du bist schlecht erzogen,» bemerkte Jack Dawkins ernsthaft; «indes wird Fagin doch schon noch etwas aus dir machen, oder du wärst der erste, der sich ganz unbrauchbar gezeigt. Also fang nur, je eher, desto lieber, an, denn du wirst mitarbeiten im Geschäft, eh' du's meinst, und verlierst nur Zeit, Oliver.»
Charley Bates fügte noch mehrere moralische Betrachtungen hinzu, schilderte mit glühenden Farben die zahllosen Annehmlichkeiten des Lebens, das sie, er und Jack, führten, und bemühte sich mit einem Worte auf das eifrigste, Oliver zu überzeugen, daß er nichts Besseres tun könne, als baldmöglichst um Fagins Gunst durch dieselben Mittel zu werben, die er und Jack zum gleichen Zwecke angewendet.
«Und vor allen Dingen, Nolly[S],» sagte Jack, als sie den Juden kommen hörten, «bedenk' das: nimmst du keine Schneichen und Zwiebeln --»
[S] Oliver.
«Was hilft's, daß du so zu ihm redest?» unterbrach Charley; «weiß er doch nicht, was du damit sagen willst!»
«Nimmst du keine Taschentücher und Uhren,» fuhr der Baldowerer, zu Olivers Fassungskraft sich herablassend, fort, «so tut's der erste beste andere, und der hat was davon, und du hast nischt, da du doch ein ebenso gutes Recht dazu hast.»
«'s ist ganz klar -- ja, ja -- ganz klar,» sagte der Jude, der unbemerkt von Oliver eingetreten war, «klar wie die Sonne, mein Kind. Glaub' dem Baldowerer; er kennt den Katechismus seines Geschäfts aufs Haar.»
Das Gespräch wurde indes für jetzt abgebrochen, da Fagin mit Miß Betsy und einem Gentleman angelangt war, den Oliver noch nicht gesehen hatte und den der Baldowerer Tom Chitling nannte, als er eintrat, nachdem er draußen ein wenig verweilt, um mit der Dame einige Galanterien zu wechseln.
Tom Chitling war älter an Jahren als der Baldowerer, da er etwa achtzehn Winter zählen mochte, bezeigte demselben aber eine Ehrerbietung, woraus man klärlich sah, daß er sich bewußt war, an Genie und Geschäftserfahrung ihm untergeordnet zu sein. Tom hatte kleine, blinzelnde Augen und ein pockennarbiges Gesicht und trug eine Pelzkappe, eine Jacke aus dunklem Tuch, fettige Barchenthosen und eine Schürze. Er sah in der Tat ziemlich abgerissen aus, entschuldigte sich jedoch bei der Gesellschaft damit, daß «seine Zeit» erst seit einer Stunde aus gewesen sei, daß er seine Uniform sechs Wochen getragen und noch nicht daran habe denken können, die Garderobe zu wechseln. Er schloß mit der Bemerkung, daß er zweiundvierzig Tage angestrengt gearbeitet, und «bersten wolle, wenn er in der ganzen Zeit 'nen Tropfen gekostet und nicht so trocken sei wie ein Sandfaß».
«Was meinst du, Oliver, woher der junge Mensch wohl kommt?» fragte der Jude grinsend, während Charley eine Branntweinflasche auf den Tisch stellte.
«Ich -- ich kann's nicht sagen, Sir», erwiderte Oliver.
«Wer ist denn der?» fragte Tom Chitling, Oliver verächtlich anblickend.
«Ein junger Freund von mir, mein Lieber», antwortete Fagin.
«Dann hat er's gut genug», bemerkte Tom, dem Juden einen bedeutsamen Blick zuwerfend. «Kümmere dich nicht darum, Bursch, woher ich komme; es gilt 'ne Krone, wirst bald genug selber da sein!»
Es wurde gelacht, Fagin flüsterte mit Tom, alle versammelten sich am Kamine, der Jude forderte Oliver auf, sich zu ihm zu setzen, und lenkte das Gespräch auf Gegenstände, von welchen er erwarten konnte, daß seine Zuhörer den lebhaftesten Anteil daran nehmen würden; nämlich die großen Vorteile des Geschäfts, die Talente des Baldowerers, die Liebenswürdigkeit Charleys und die Freigebigkeit Fagins. Als sie erschöpft waren und Tom Chitling gleichfalls Zeichen der Erschöpftheit an den Tag legte (denn das Besserungshaus ermüdet sehr nach einigen Wochen), entfernte sich Miß Betsy, und die übrigen begaben sich zur Ruhe.
Von diesem Tage an wurde Oliver nur noch selten allein gelassen und in eine fortwährende enge Verbindung mit Jack und Charley gebracht, die mit dem Juden täglich das alte Spiel spielten -- Fagin wußte am besten, ob zu ihrer eigenen oder Olivers Belehrung und Vervollkommnung. Zu anderen Zeiten erzählte ihnen Fagin Geschichten von Diebstählen und Räubereien, die er in seinen jüngeren Tagen begangen, und mischte so viel Merkwürdiges, Spaßhaftes und Drolliges ein, daß Oliver sich oft nicht enthalten konnte, herzlich zu lachen und den Beweis zu liefern, daß er trotz seiner besseren Gefühle Wohlgefallen an diesen Geschichten fand.
Kurzum, der schlaue alte Jude hatte den Knaben sozusagen im Netze und war, nachdem er ihn durch Einsamkeit und die Qual derselben dahin gebracht, jede Gesellschaft seinen traurigen Gedanken in einem so öden, finsteren Hause vorzuziehen, eifrig darüber aus, seinem Herzen das Gift langsam einzuflößen, das, wie er hoffte, die Farbe desselben verändern und es für immer schwärzen sollte.
19. Kapitel.
In welchem ein verhängnisvoller Plan besprochen und beschlossen wird.
Es war ein kalter, feuchter und stürmischer Abend, als der Jude seinen eingeschrumpften Leib in einen Oberrock einhüllte, den Kragen über die Ohren zog, so daß von seinem Gesicht nur die Augen zu sehen waren, und sich aus seiner Höhle entfernte. Er blieb vor der Haustür stehen, bis sie inwendig verschlossen und verriegelt war, und eilte darauf mit leisen und flüchtigen Schritten die Straße hinunter.
Das Haus, in welches Oliver gebracht worden war, befand sich nahe bei Whitechapel; der Jude stand an der nächsten Ecke ein paar Augenblicke still, schaute forschend umher und schlug sodann die Richtung nach Spitalfields ein.
Auf dem Pflaster lag dicker Schlamm, und ein dichter Nebel machte die Dunkelheit noch dunkler. Für den Ausflug eines dämonischen Wesens, wie es der Jude war, konnten Zeit, Wetter und alle Umgebungen nicht passender sein. Der greuliche Alte glich, während er verstohlen durch Nacht und Nebel und Kot dahineilte, einem ekelhaften Gewürm, das in nächtlicher Finsternis aus seinem Verstecke herauskriecht, um wühlend im Schlamme ein leckeres Mahl nach seiner Art zu halten.
Er setzte seinen Weg durch viele enge und winklige Gassen fort, bis er Bethnal Green erreichte, wandte sich dann nach links und verschwand in einem wahrhaften Labyrinth schmutziger Winkel, Straßen und Gassen jenes zahlreich bevölkerten Stadtviertels, ohne jedoch ein einziges Mal zu irren oder fehlzugehen, lenkte endlich in eine Sackgasse ein, klopfte an die Tür eines Hauses und wurde, nachdem er ein paar Worte durch das Schlüsselloch geflüstert, eingelassen und hinaufgeführt.
Als er auf den Griff einer Tür faßte, knurrte ein Hund, und eine grobe Mannsstimme fragte, wer da wäre.
«Ich bin's, Bill, ich, mein Lieber», antwortete der Jude hineinschauend.
«So bringt Eur'n Leichnam 'rein», sagte Sikes. «Lieg' still, dumme Bestie! Kennst den Teufel nicht, wenn er'n Überrock anhat?»
Der Hund schien in der Tat durch Fagins Verhüllung getäuscht zu sein; denn sobald der Jude den Oberrock aufknöpfte, legte er sich, mit dem Schweife wedelnd, wieder nieder.
«Nun?» sagte Sikes.
«Ja -- nun», erwiderte der Jude. «Ah, Nancy.»
Er schien etwas verlegen und zweifelhaft zu sein, wie er von Miß Nancy empfangen werden würde, denn er hatte seine junge Freundin seit dem Abend noch nicht wiedergesehen, an welchem sie so leidenschaftlich für Oliver aufgetreten war. Das Benehmen der jungen Dame machte jedoch bald aller Ungewißheit ein Ende. Sie schob ihren Stuhl zur Seite und forderte Fagin auf, ohne Groll oder noch viel Worte sich mit an den Kamin zu setzen, denn es wäre ein kalter Abend.
«Ja, 's ist bitter kalt, liebe Nancy», sagte Fagin und begann seine knöchernen Hände über dem Feuer zu wärmen. «'s ist, als wenn der Wind einem wehte durch und durch bis ins Innerste.»
«Das muß wirklich scharf sein, was bis an dein Herz dringt», bemerkte Sikes. «Gib ihm 'nen Tropfen zu trinken, Nancy. Alle Donnerwetter, mach geschwind! Man wird ganz übel davon, das alte Gerippe so schaudern zu sehn wie'n häßliches Gespenst, das eben aus'm Grabe gestiegen ist.»
Nancy holte schnell eine Flasche aus dem Schranke; Sikes schenkte ein Glas Branntwein ein und hieß den Juden es austrinken; Fagin berührte es jedoch nur mit den Lippen und setzte es wieder auf den Tisch.
«Ausgetrunken, Spitzbube!» rief Sikes.
«Habe schon genug, danke, Bill!»
«Wie -- was? Fürchtest dich, daß wir dir ä Streich spielen?» fragte Sikes, seine Augen scharf auf den Juden richtend.
Mit einem heiseren, verächtlichen Brummen ergriff Mr. Sikes das Glas und goß den Inhalt in die Asche; dann füllte er es von neuem und stürzte es hinunter.
Fagin blickte im Zimmer umher, nicht aus Neugierde, denn es war ihm wohlbekannt, sondern unruhig, verstohlen, argwöhnisch, wie es ihm zur Gewohnheit geworden war. Das Gemach war sehr schlecht möbliert. Nur der Inhalt des Schrankes schien anzudeuten, daß es von einem gewöhnlichen Arbeiter bewohnt würde; auch sah man nichts Verdächtiges, mit Ausnahme einiger schwerer Knüttel, die in einem Winkel standen, und eines «Lebensretters», der über dem Kaminsimse hing.
«Was hast du zu sagen, verdammter Jude?» fragte Sikes. «Weshalb bist du hergeschlichen?»
«Wegen des Bayes[T] in Chertsey, Bill», erwiderte der Jude, dicht zu ihm rückend und flüsternd.
[T] Haus.
«Nun -- und was weiter?»
«Ah -- Ihr wißt ja recht gut, was ich meine, Bill. Nicht wahr, Nancy, er weiß es recht gut?»
«Nein, er weiß es nicht», fiel Sikes höhnisch ein, «oder will es nicht wissen, was dasselbe ist. Sprich rein 'raus, nenn' die Dinge beim rechten Namen und stell' dich nicht an, als wenn du nicht der erste gewesen wärst, der an den Einbruch gedacht hat.»
«Pst, Bill, pst!» sagte Fagin, der sich vergebens bemüht hatte, Sikes zum Stillschweigen zu bringen; «es wird uns jemand hören, mein Lieber, es wird uns jemand hören!»
«Laß hören, wer will!» tobte Sikes; «'s ist mir alles gleich.»
Er sprach jedoch die letzten Worte schon weniger laut und heftig, da ihm der Gedanke kam, daß es doch *nicht* gleich wäre oder sein könnte.
«Seid doch ruhig, Bill,» sagte der Jude besänftigend. «Es war ja nur meine Vorsicht -- weiter nichts. Also wegen des Bayes in Chertsey, mein Lieber. Wann soll's sein, Bill -- wann soll's sein? Solch Silberzeug, Bill, solch Silberzeug!» setzte er händereibend und mit leuchtenden Augen hinzu.
«Gar nicht», erwiderte Sikes trocken.
«Gar nicht?» wiederholte der Jude und lehnte sich erstaunt auf seinem Stuhle zurück.
«Nein, gar nicht», sagte Sikes; «zum wenigsten kann's nicht so ausgeführt werden, wie wir meinten.»
«Dann ist's nicht geschickt und ordentlich angegriffen», versetzte der Jude, vor Verdruß erblassend. «Aber Ihr spaßt nur, Bill.»
«Ich lasse mich lieber hängen, als daß ich mit dir spaße, altes Gerippe. Toby Crackit hat sich seit vierzehn Tagen die erdenklichste Mühe gegeben, aber keinen von der Dienerschaft --»
«Ihr wollt doch nicht sagen, Bill,» unterbrach ihn der Jude ungeduldig, doch aber ruhiger in dem Maße, als Sikes wieder heftig zu werden anfing; «Ihr wollt doch nicht sagen, daß keiner von den beiden Bedienten könnte werden gewonnen, zu machen Kippe?»
«Das will ich allerdings sagen», antwortete Sikes. «Sie sind seit zwanzig Jahren bei der alten Frau im Dienst gewesen und würden's nicht tun für fünfhundert Pfund.»
«Aber die weibliche Dienerschaft, mein Lieber -- läßt sich die auch nicht beschwatzen?»
«Nein!»
«Wie -- auch nicht vom schmucken, geriebenen Toby Crackit?» entgegnete der Jude ungläubig. «Bedenkt doch nur, wie die Weibsen sind, Bill!»
«Nein, auch nicht von Toby Crackit», erwiderte Sikes. «Er hat die ganze Zeit, daß er's Bayes umschlichen, falsche Knebelbärte und 'ne gelbe Weste getragen; hat aber alles nicht helfen wollen.»
«Er hätt's versuchen sollen mit 'nem Schnurrbart und Soldatenhosen, mein Lieber», sagte der Jude nach einigem Besinnen.
«Das hat er auch schon getan, und 's ist ebenso vergeblich gewesen.»
Der Jude machte eine verdrießliche und verlegene Miene dazu, versank auf ein paar Minuten in tiefes Nachsinnen und sagte endlich mit einem schweren Seufzer, wenn man sich auf Toby Crackits Berichte verlassen könnte, so fürchte er, daß der Plan aufgegeben werden müsse. «'s ist aber sehr betrübend, Bill,» setzte er, die Hände auf die Knie stützend, hinzu, «so viel zu verlieren, wenn man einmal den Sinn hat gesetzt darauf.»
«Freilich,» sagte Sikes, «'s ist ganz verdammt ärgerlich!»
Es folgte ein langes Stillschweigen. Der Jude war in tiefe Gedanken verloren, und sein Gesicht nahm einen Ausdruck wahrhaft satanischer Spitzbüberei an. Sikes blickte ihn von Zeit zu Zeit verstohlen von der Seite an, und Nancy heftete, aus Furcht, den Wohnungsinhaber zu erzürnen, die Augen auf das Feuer, als wenn sie bei allem, was gesprochen worden, taub gewesen wäre.
«Fagin,» unterbrach Sikes endlich die allgemeine Stille, «schafft's fünfzig Füchse extra, wenn's durch Einbruch vollbracht wird?»
«Ja!» rief der Jude, wie aus einem Traume erwachend.
«Abgemacht?» fragte Sikes.
«Ja, mein Lieber,» erwiderte der Jude, indem er ihm die Hand reichte; und jede Muskel seines Gesichts gab Zeugnis, wie freudig und lebhaft er durch diese Frage überrascht worden war.
Sikes schob die Hand des Juden verächtlich zurück und fuhr fort: «Dann mag's geschehen, sobald du willst, Alter. Toby und ich sind vorgestern über die Gartenmauer g'wesen und haben die Türen und Fensterläden untersucht. Die Bayes ist nachts verrammelt wie'n Dobes; wir haben aber 'ne Stelle gefunden, wo wir leise und mit Sicherheit schränken[U] können.»
[U] einbrechen.
«Wo ist denn die Stelle, Sikes?» fragte der Jude sehr gespannt.
«Man geht über den Rasenplatz,» flüsterte Sikes, «und dann --»
«Nun, und dann?» unterbrach ihn der Jude, sich ungeduldig vorbeugend.
«Dann --» sagte der Schränker, brach jedoch kurz ab, denn Nancy gab ihm, kaum den Kopf bewegend, einen Wink, nach des Juden Gesicht zu sehen. «'s ist ganz gleich, wo die Stelle ist», fuhr er fort. «Ich weiß, daß du's nicht kannst ohne mich; aber man tut wohl daran, sich auf Nummer Sicher zu setzen, wenn man mit dir zu tun hat.»
«Nach Eurem Belieben, Bill, nach Eurem Belieben», erwiderte der Jude, sich auf die Lippen beißend. «Könnt Ihr's mit Toby allein, und braucht Ihr weiter keinen Beistand?»
«Nein; bloß ein Dreheisen und 'nen Knaben. Das Eisen haben wir, den Buben mußt du uns schaffen.»
«'nen Knaben!» rief der Jude aus. «Ah, dann ist's ein Paneel -- wie?»
«Es kann dir gleichviel sein, was es ist», erwiderte Sikes. «Ich brauche 'nen Buben, und er darf nicht groß sein. Wenn mir nur nicht der von Ned, dem Schornsteinfeger, durch die Lappen 'gangen wäre! Er hielt ihn mit Absicht klein und schmächtig und lieh ihn aus für'n Billiges. Aber so geht's, der Vater wird gerumpelt[V], und wie der Blitz ist der Verein für verlassene Kinder da und nimmt den Jungen aus 'nem Geschäft, darin er Geld hätte verdienen können, lehrt ihn Lesen und Schreiben, und der Bube wird dann Lehrling, Gesell, endlich Meister,» sagte Sikes mit steigendem Zorn über einen so unrechtmäßigen Verlauf, «und so geht's mit den meisten; und hätten sie immer Geld genug, was sie Gott Lob und Dank nicht haben, so würden wir nach ein paar Jahren keinen einzigen Jungen mehr im Geschäft halten.»
[V] deportiert.
«Ja, ja», stimmte der Jude ein, der unterdes überlegt und nur die letzten Worte gehört hatte. «Bill!»
«Was gibt's?»
Der Jude deutete verstohlen auf Nancy hin, die noch immer in das Feuer schaute, und gab Sikes durch Zeichen seinen Wunsch zu erkennen, mit ihm allein gelassen zu werden. Sikes zuckte ungeduldig die Achseln, als wenn er die Vorsicht für überflüssig hielte, forderte indes Nancy auf, ihm einen Krug Bier zu holen.
«Ihr seid nicht durstig, Bill», sagte Nancy mit der vollkommensten Ruhe und schlug die Arme übereinander.
«Ich sage dir, ich bin durstig!» entgegnete Sikes.
«Dummes Zeug! Fahrt fort, Fagin. Ich weiß, was er sagen will, Bill; ich kann's auch hören.»
Der Jude zögerte, und Sikes sah etwas verwundert bald ihn, bald das Mädchen an.
«Brauchst dich vor dem alten Mädchen nicht zu scheuen, Fagin», sagte er endlich. «Hast sie lange genug gekannt und kannst ihr trauen, oder der Teufel müßte drin sitzen. Sie wird nicht mosern[W]; nicht wahr, Nancy?»
[W] verraten.
«Ihr sollt's wohl meinen», erwiderte sie, ihren Stuhl an den Tisch schiebend und den Kopf auf die Ellbogen stützend.
«Nein, nein, liebes Kind», fiel der Jude ein; «ich weiß das sehr wohl; nur --» Er hielt wieder inne.
«Nun, was denn nur?» fragte Sikes.
«Ich weiß nur nicht, ob sie nicht vielleicht wieder werden würde unwirsch, mein Lieber, wie vor einigen Abenden», erwiderte Fagin.
Bei diesem Geständnisse brach Nancy in ein lautes Gelächter aus, stürzte ein Glas Branntwein hinunter, erklärte unter mehrfachen kräftigen Beteuerungen, daß sie alles hören könne, wolle und werde und so standhaft, mutvoll und treu sei wie eine oder einer. -- «Fagin,» sagte sie lachend, «sprecht nur ohne Umschweife zu Bill von Oliver!»
«Ah! Du bist ein so gewitztes Mädchen, wie ich je eins gesehen», versicherte der Jude und klopfte sie auf die Wange. «Ja, ich wollte wirklich sprechen von Oliver; ha, ha, ha!»
«Was ist mit ihm los?» fragte Sikes.
«Daß er der Knabe ist, den Ihr braucht, mein Lieber», erwiderte der Jude in einem heiseren Flüstern, den Finger an die Nase legend und mit einem fürchterlichen Grinsen.
«Der Oliver?!» rief Bill aus.
«Nimm ihn, Bill», sagte Nancy. «Ich tät's, wenn ich an deiner Stelle wäre. Mag sein, daß er nicht so gepfifft und dreist ist wie einer von den andern; aber das ist auch nicht nötig, wenn du ihn bloß dazu brauchen willst, daß er dir 'ne Tür aufmacht. Verlaß dich darauf, er ist petacht[X], Bill.»
[X] zuverlässig.
«Ich weiß, daß er's ist», fiel Fagin ein. «Er ist in den letzten Wochen geschult gut, und 's ist Zeit, daß er anfängt, für sein Brot zu arbeiten; außerdem sind die andern alle zu groß.»
«Ja, die rechte Größe hat er», bemerkte Sikes nachdenklich.
«Und er wird alles tun, wozu Ihr ihn nötig habt, Bill», sagte der Jude. «Er kann nicht anders -- nämlich, wenn Ihr ihn nur genug haltet in Furcht und Schrecken.»
«Das könnte geschehen -- und nicht bloß zum Spaß. Ist was nicht richtig mit ihm, wenn wir einmal erst am Werk sind -- alle Teufel! -- so siehst du ihn nicht lebendig wieder, Fagin. Bedenk' das, eh' du ihn schickst.»
Er hatte ein schweres Brecheisen unter dem Bette hervorgezogen und schüttelte es unter drohenden Gebärden.
«Ich habe alles bedacht», erwiderte der Jude entschlossen. «Ich hab' ihn beobachtet, meine Lieben, wie ein Falke die Augen auf ihn gehabt. Laßt ihn nur erst wissen, daß er einer der Unsrigen ist; laßt ihn nur erst wissen, daß er gewesen ist ein Dieb, und er ist unser -- unser auf sein Leben lang! Oho! Es hätte nicht besser können kommen!» Er kreuzte die Arme über der Brust, zog den Kopf zwischen die Schultern und umarmte sich gleichsam selbst vor Behagen und Freude.
«Unser!» höhnte Sikes. «Du willst sagen: dein.»
«Könnte vielleicht sein, mein Lieber», sagte der Jude kichernd. «Wenn Ihr's so wollt, Bill, mein.»
Sikes warf seinem angenehmen Freunde finster-grollende Blicke zu. «Und warum bemühst du dich denn so sehr um das Kreidegesicht,» sagte er, «da du doch weißt, daß jede Nacht fünfzig Buben im Common Garden[Y] dormen[Z], unter denen du die Wahl hast?»
[Y] Coventgarden.
[Z] schlafen.
«Weil ich sie nicht gebrauchen kann, mein Lieber», erwiderte der Jude ein wenig verwirrt. «Sie sind's nicht wert, daß man's versucht mit ihnen, denn wenn sie in Ungelegenheiten geraten, steht ihnen geschrieben auf der Stirn, was sie sind und was sie haben getan, und sie gehen mir alle kapores. Aber mit diesem Knaben, wenn er nur gebraucht wird geschickt, kann ich ausrichten mehr als mit zwanzig von den anderen. Außerdem,» fügte er wieder in vollkommener Fassung hinzu, «außerdem *haben wir* ihn dann fest jetzt, wenn er uns wieder entwischen könnte, und *er* muß bleiben mit uns im selben Boot, gleichviel wie er gekommen ist hinein; ich habe Macht genug über ihn, wenn er nur ein einziges Mal ist gewesen bei 'nem Schränken -- mehr brauch' ich nicht. Und wieviel ist das besser, als wenn wir müßten den armen, kleinen Knaben über die Seite schaffen, was würde gefährlich sein -- und wodurch wir verlieren würden viel!»
Sikes schwebte eine starke Mißbilligung bei Fagins plötzlicher Anwandlung von Menschlichkeit auf den Lippen, Nancy kam ihm jedoch durch die Frage zuvor, wann der Einbruch geschehen sollte.
«Ja, Bill, ja -- wann soll es sein?» fragte auch der Jude.
«Ich hab's mit Toby auf übermorgen nacht verabredet,» antwortete Sikes mürrisch, «wenn ich ihm keine anderweitige Nachricht zugehen lasse.»
«Gut», sagte der Jude; «es wird doch kein Mondschein sein?»
«Nein», erwiderte Sikes.
«Ist auch bedacht alles wegen Fortschaffens der Sechore[AA]?» fragte Fagin.
[AA] Gestohlenes Gut.
Sikes nickte.
«Und wegen --»
«Ja, ja, 's ist alles verwaldiwert[AB],» unterbrach ihn Sikes; «scher dich nur nicht weiter drum. Bring' den Buben lieber morgen abend her. Ich werde 'ne Stunde nach Tagesanbruch auf und davon sein. Und dann halt's Maul und stelle den Schmelztiegel bereit; das ist alles, was du zu tun hast.»
[AB] verabredet.
Nach einigem Hin- und Herreden, woran alle drei tätigen Anteil nahmen, wurde beschlossen, daß Nancy am folgenden Abend Oliver herbringen solle. Fagin hielt dafür, daß er Nancy am ersten folgen würde, wenn er etwa abgeneigt wäre. Ebenso wurde feierlich verabredet, daß der Knabe zum Zweck der beabsichtigten Unternehmung Sikes unbedingt übergeben werden solle, und zwar so, daß derselbe mit ihm nach Gutdünken verfahren dürfe, ohne dem Juden für irgendeinen Unfall, der ihn treffen könnte, oder irgendeine Züchtigung verantwortlich zu sein, die sein Beschützer etwa für notwendig erachten möchte; auch sollte der letztere alle seine Angaben nach seiner Rückkehr durch Toby Crackits Zeugnis bestätigen lassen. Sikes bekräftigte vorläufig den edlen Bund und die Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen durch ein Glas Branntwein nach dem andern, was die Wirkung hatte, daß er zuerst lärmte und sodann einschlief. Der Jude hüllte sich darauf wieder in seinen Überrock, sagte Nancy gute Nacht und faßte sie scharf ins Auge, während sie ihm zur Erwiderung gleichfalls wohl zu schlafen wünschte und ihre Blicke den seinigen begegneten. Sie waren vollkommen fest und ruhig. Das Mädchen war so treu und verläßlich in der Sache, wie Toby Crackit nur selbst sein konnte. Er warf Sikes, unbemerkt von ihr, noch einen Blick des Hasses und der Verachtung zu und ging, durch die Zähne murmelnd: «So sind sie alle. Das Schlimmste an den Weibsbildern ist, daß die größte Kleinigkeit aufweckt in ihnen ein längst vergessenes Gefühl -- und das Beste, daß es nicht währt lange. Hi, hi, hi! Ich wette 'nen Sack voll Gold auf den Mann gegen das Kind.»
Unter diesen angenehmen Gedanken ging Fagin seines Weges durch Schmutz und Kot hin bis zu seiner düsteren Wohnstätte. Der Baldowerer war aufgeblieben und erwartete ungeduldig die Rückkehr des Juden.
«Ist Oliver zu Bett? Ich wünsche ihn zu sprechen», war die erste Frage, die er tat, als beide die Treppe hinunterstiegen.
«Schon seit mehreren Stunden», versetzte der Baldowerer, indem er eine Tür aufstieß. «Hier ist er.»
Der Knabe lag fest schlafend auf einer harten Matratze auf dem Fußboden, so bleich vor Angst, Traurigkeit und Verlassenheit in seinem Gefängnis, daß er Ähnlichkeit mit einem Toten hatte -- nicht mit einem Toten, wie er im Sarge und auf der Bahre liegt, sondern mit einem, aus dem das Leben soeben entwichen ist, wenn ein junger, edler Geist zum Himmel entflohen ist und die schwere Luft der Welt noch keine Zeit gefunden hat, den zarten Schimmer, von dem er umgeben war, zu verdrängen.
20. Kapitel.
In welchem Oliver Sikes überliefert wird.
Als Oliver am folgenden Morgen erwachte, war er nicht wenig verwundert, ein Paar neue Schuhe mit starken, dicken Sohlen an der Stelle seiner alten, sehr beschädigten zu erblicken. Anfangs freute er sich der Entdeckung, weil er sie als eine Vorläuferin seiner Befreiung ansah; allein er gab bald alle Gedanken dieser Art auf, als er sich allein mit dem Juden zum Frühstück setzte, der ihm, und zwar auf eine Weise, die ihn mit Unruhe erfüllte, sagte, daß er am Abend zu Bill Sikes gebracht werden solle.
«Soll -- soll ich denn dort bleiben?» fragte Oliver angstvoll.
«Nein, nein, Kind, du sollst nicht dort bleiben», antwortete der Jude. «Wir würden dich gar nicht gern missen. Sei ohne Furcht, Oliver; du sollst wieder zurückkehren zu uns. Ha, ha, ha! Wir werden nicht sein so grausam, dich fortzuschicken, mein Kind. Nein, beileibe nicht!» Der alte Mann, der sich über das Feuer gebückt hatte und eine Brotschnitte röstete, sah sich bei diesen spöttischen Worten um und kicherte, wie um zu zeigen, er wisse es, daß Oliver gern entfliehen würde, wenn er könnte.
«Ich glaube, Oliver,» fuhr er, die Blicke auf ihn heftend, fort, «du möchtest wissen, weshalb du sollst zu Bill -- nicht wahr, mein Kind?»
Oliver verfärbte sich unwillkürlich, denn er gewahrte, daß der Jude in seinem Innern gelesen, erwiderte indes dreist, daß er es allerdings zu wissen wünsche.
«Nun, was meinst du wohl, weshalb?» fragte Fagin, der Antwort ausweichend.
«Ich kann es nicht erraten, Sir», erwiderte Oliver.
«Pah! So warte, bis Bill dir's sagt», versetzte Fagin, sich mißvergnügt abwendend, denn er hatte in Olivers Mienen wider Verhoffen nichts entdeckt, nicht einmal Neugierde.
Die Wahrheit ist indessen, daß der Knabe allerdings sehr lebhaft zu wissen wünschte, zu welchem Zwecke er Sikes überliefert werden sollte, aber durch Fagins forschende Blicke und sein eigenes Nachsinnen zu sehr außer Fassung geraten war, um für den Augenblick noch weitere Fragen zu tun. Später fand sich keine Gelegenheit dazu, denn der Jude blieb bis gegen Abend, da er sich zum Ausgehen anschickte, sehr mürrisch und schweigsam.
«Du kannst brennen ein Licht», sagte er und stellte eine Kerze auf den Tisch; «und da ist ein Buch, worin du kannst lesen, bis sie kommen, dich abzuholen. Gute Nacht!»
«Gute Nacht, Sir», erwiderte Oliver schüchtern.
Der Jude ging nach der Tür und sah über die Schulter nach dem Knaben zurück; dann stand er plötzlich still und rief ihn beim Namen.
Oliver blickte auf, der Jude wies nach dem Lichte hin und befahl ihm, es anzuzünden. Oliver tat, wie ihm geheißen wurde, und sah, daß Fagin mit gerunzelter Stirn aus dem dunkleren Teile des Gemachs forschend die Augen auf ihn heftete.
«Hüte dich, Oliver, hüte dich!» sagte der Alte, warnend die rechte Hand emporhebend. «Er ist ein brutaler Mann und achtet kein Blut, wenn seins ist heiß. Was sich auch zuträgt, sprich kein Wort und tu', was er dir sagt. Nimm dich in acht! -- wohl in acht!» Er hatte die letzten Worte mit scharfer Betonung gesprochen, sein finsterer, drohender Blick verwandelte sich in ein greuliches Lächeln, er nickte und ging.
Oliver legte den Kopf auf die Hand, als er allein war, und sann mit pochendem Herzen den eben vernommenen Worten nach. Je länger er über die Warnung des Juden nachdachte, in eine desto größere Ungewißheit geriet er über ihren eigentlichen Sinn und Zweck. Er konnte sich nichts Böses oder Unrechtes bei seiner Sendung zu Sikes denken, das nicht ebensogut geschehen oder erreicht werden konnte, wenn er bei Fagin blieb. Nach langem Nachsinnen kam er zu dem Schlusse, daß er ausersehen sein möchte, Sikes als Aufwärter zu dienen, bis man einen besser dazu geeigneten Knaben gefunden hätte. Er war zu sehr an Leiden und Dulden gewöhnt und hatte zu viel gelitten in dem Hause, in welchem er sich befand, als daß ihn die Aussicht auf eine Veränderung des Schauplatzes seiner Widerwärtigkeiten sehr hätte betrüben können. Er blieb noch eine Weile in Gedanken verloren, putzte seufzend das Licht und fing an in dem Buche zu lesen, das ihm der Jude zurückgelassen.
Er hatte anfangs nur geblättert, allein eine Stelle erregte seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade, und bald las er um so eifriger. Das Buch enthielt Erzählungen von berüchtigten Verbrechern aller Art und trug auf jeder Seite die Spuren eines sehr häufigen Gebrauchs. Er las hier von furchtbaren Verbrechen, die das Blut zu Eis erstarren ließen, von Raubmorden, die auf offener Landstraße verübt worden waren, von Leichen, die man vor den Augen der Menschen in den tiefen Brunnen und Schächten verborgen hatte, ohne daß es jedoch gelungen wäre, sie für die Dauer unten zu halten, so tief sie auch liegen mochten, und zu verhüten, daß sie nach vielen Jahren ans Tageslicht kamen und die Mörder durch ihren Anblick so sehr um alle Besinnung brachten, daß sie ihre Schuld eingestanden und am Galgen ihr Leben endeten. Ferner las er hier von Menschen, die in der Stille der Nacht in ihrem Bette liegend von ihren eigenen bösen Gedanken zu so gräßlichen Mordtaten, wie sie selbst sagten, aufgestachelt wurden, daß es einen kalt überlief und einem die Glieder matt am Leibe niedersanken, wenn man es las. Die fürchterlichen Beschreibungen waren so lebensgetreu und packend, daß die schmutzigen Seiten ihm mit Blut bespritzt erschienen und die Worte, die er las, in seinen Ohren widerhallten, als würden sie in hohlem Murmeln von den Geistern der Ermordeten geflüstert.
In wahnsinniger Angst schloß Oliver endlich das Buch und schleuderte es von sich, fiel auf die Knie nieder und flehte den Himmel an, ihn vor solchen Untaten zu bewahren und ihn lieber sogleich sterben als so fürchterliche Verbrechen begehen zu lassen. Er wurde allmählich ruhiger und betete mit leiser, gebrochener Stimme um Errettung aus den Gefahren, in welchen er sich befand, und, falls einem armen, verstoßenen Knaben, der nie Elternliebe und Schutz gekannt, Beistand und Hilfe aufgehoben wäre, daß sie ihm jetzt zuteil werden möchte, wo er allein und verlassen von Schuld und Ruchlosigkeit umringt war.
Er lag noch, das Gesicht mit den Händen bedeckend, auf den Knien, als ein Geräusch ihn aufschreckte. Er sah sich um, erblickte eine Gestalt an der Tür und rief: «Wer ist da?»
«Ich -- ich bin es», erwiderte eine bebende Stimme.
Er hob das Licht empor und erkannte Nancy.
«Stell das Licht wieder auf den Tisch», sagte sie, das Gesicht abwendend; «die Augen tun mir weh davon.»
Oliver sah, daß sie sehr blaß war, und fragte sie mitleidig, ob sie krank wäre. Sie warf sich auf einen Stuhl, so daß sie ihm den Rücken zukehrte, und rang die Hände, antwortete aber nicht.
«Gott verzeih' mir die Sünde!» rief sie nach einiger Zeit aus; «es ist meine Absicht nicht gewesen -- ich habe nicht -- habe nicht von fern daran gedacht!»
«Ist ein Unglück vorgefallen?» fragte Oliver. «Kann ich dir helfen? Wenn ich es kann, so will ich's auch, gern, gern!»
Sie wiegte sich unter fortwährendem heftigen Händeringen hin und her, faßte sich an die Kehle, als ob sie etwas würgte, und keuchte atemlos.
«Nancy!» rief Oliver bestürzt; «was ist dir denn?»
Sie schlug krampfhaft mit den Händen auf ihre Knie und mit den Füßen auf den Boden und hüllte sich darauf schaudernd dicht in ihren Schal. Oliver schürte das Feuer an, sie setzte sich an den Kamin, schwieg noch eine Zeitlang, hob endlich den Kopf empor und blickte umher.
«Ich weiß nicht, wie mir bisweilen wird», sagte sie und stellte sich, als wenn sie eifrig beschäftigt wäre, ihr Haar wieder zu ordnen; «ich glaube, jetzt kommt's von der dumpfen Luft hier im Zimmer. Bist du bereit, mit mir zu gehen, Nolly?»
«Soll ich mit dir fortgehen, Nancy?» fragte Oliver.
«Ja; ich komme von Bill Sikes», erwiderte sie. «Du sollst mit mir gehen.»
«Wozu denn?» fragte Oliver zurückschreckend.
«Wozu?» wiederholte sie, schlug die Augen auf und wandte das Gesicht ab, sobald sie Olivers Blicken begegneten. «Oh! zu nichts Bösem.»
«Das glaube ich dir nicht», sagte er. Er hatte sie genau beobachtet.
«So ist's gelogen, und glaub', was du willst», erwiderte sie und zwang sich zu lachen. «Zu nichts Gutem also.»
Oliver entging es nicht, daß er einige Gewalt über Nancys bessere Gefühle hatte, und wollte sich schon an ihr Mitleid mit seiner hilflosen Lage wenden; allein es fiel ihm ein, daß es kaum elf Uhr wäre, daß noch viele Leute auf den Straßen sein müßten, und daß ihm ja wohl der eine oder andere Glauben schenken würde, wenn er ihn um Beistand anspräche. Er trat vor, als ihm dieser Gedanke durch den Sinn flog, und erklärte hastig und verwirrt, daß er bereit sei.
Nancy hatte ihn indes scharf im Auge behalten, erraten, was in seinem Innern vorging, und ihr bedeutsamer Blick ließ ihn gewahren, daß sie ihn durchschaut.
«Pst!» sagte sie, beugte sich herunter zu ihm, blickte vorsichtig umher und wies nach der Tür. «Du kannst dir nicht helfen. Ich habe mir deinetwegen alle mögliche Mühe gegeben, aber vergeblich. Du bist umstellt und wirst scharf bewacht, und kannst du jemals loskommen, so ist es jetzt nicht die Zeit.»
Sie war offenbar erregt, Oliver war davon betroffen und blickte ihr sehr verwundert in das Gesicht. Sie schien die Wahrheit zu reden, war blaß und zitterte heftig.
«Ich habe dich schon einmal vor übler Behandlung geschützt, will es auch künftig tun und tue es jetzt», fuhr sie fort; «denn wenn ich dich nicht holte, würden dich andere zu Sikes bringen, die viel unglimpflicher mit dir umgehen möchten. Ich habe mich dafür verbürgt, daß du ruhig und still sein würdest, und bist du es nicht, so wirst du nur dir selbst und obendrein mir schaden, vielleicht an meinem Tode schuld sein. Sieh hier! -- dies alles hab' ich für dich schon ertragen, so wahr Gott sieht, daß ich's dir zeige.»
Sie wies ihm mehrere braune und blaue Streifen und Flecke an ihrer Schulter und den Armen und sprach rasch weiter: «Denk daran, und laß mich nicht eben jetzt noch mehr um deinetwillen leiden. Wenn ich dir helfen könnte, würde ich's gern tun, ich habe aber die Macht nicht. Sie wollen dir kein Leides zufügen, und was sie dich zwingen zu tun, ist nicht deine Schuld. Pst! jedes Wort, was du sprichst, ist soviel als ein Schlag für mich. Gib mir die Hand -- geschwind, deine Hand!»
Oliver reichte ihr mechanisch die Rechte, sie blies das Licht aus und zog ihn nach. Die Haustür wurde rasch und leise von jemand geöffnet und ebenso schnell hinter ihnen wieder verschlossen. Vor dem Hause stand ein Mietswagen, sie schob ihn hinein und ließ die Fenster herunter. Der Kutscher bedurfte keiner Weisung, sondern fuhr augenblicklich im raschesten Trabe davon.
Nancy hielt fortwährend Olivers Hand fest und flüsterte ihm Trost, Warnungen und Versprechungen in das Ohr. Alles war so überraschend gekommen, daß er kaum Zeit hatte, seine Gedanken zu sammeln, als der Wagen schon vor dem Hause hielt, in welchem der Jude am vergangenen Abend Sikes aufgesucht hatte.
Einen einzigen kurzen Augenblick schaute Oliver umher, und ein Hilferuf schwebte ihm auf den Lippen. Allein die Straße war öde und menschenleer. Nancys bittende Stimme tönte in seinem Ohr, und während er noch unentschlossen war, befand er sich schon im Hause und hörte dasselbe sorgfältig verriegeln. Sikes trat mit einem Lichte oben an die Treppe und begrüßte das Mädchen ungewöhnlich heiter und mild.
«Tyras ist mit Tom nach Hause gegangen», sagte er; «er würde im Wege gewesen sein.»
«Das ist schön», erwiderte Nancy.
«Du hast ihn also?» bemerkte Sikes, als sie in das Zimmer eintraten.
«Ja, hier ist er.»
«Ging er ruhig mit?»
«Wie ein Lamm.»
«Freue mich, es zu hören,» sagte Sikes, Oliver finster anblickend, «um seines jungen Leichnams willen. Komm her, Bursch, daß ich dir nur gleich 'ne gute Lehre gebe, je eher, desto besser.»
Er setzte sich an den Tisch, und Oliver mußte sich ihm gegenüber hinstellen.
«Weißt du, was dies ist?» fragte er, eine Taschenpistole zur Hand nehmend.
Oliver bejahte.
«Dann schau hier. Dies ist Pulver, dies 'ne Kugel und das ein Pfropfen.» -- Sikes lud die Pistole mit großer Sorgfalt und sagte, als er fertig war: «Nun ist sie geladen.»
«Ja, Sir, ich sehe es», erwiderte Oliver bebend.
Sikes faßte die Hand des Knaben mit festem Griffe und setzte ihm den Pistolenlauf an die Schläfe. Oliver konnte einen Angstschrei nicht unterdrücken.
«Nun merk wohl, Bursch,» sagte Sikes, «sprichst du ein einziges Wort, wenn du mit mir außer dem Hause bist, ausgenommen um zu antworten, wenn ich dich frage, so hast du ohne weiteres die ganze Ladung im Hirnkasten; also wenn du gesonnen sein solltest, ohne Erlaubnis zu sprechen, so sag erst dein letztes Gebet her. Soviel ich weiß, wird niemand besondere Nachforschung deinethalben anstellen, wenn dir der Garaus gemacht ist; 's ist also bloß zu deinem Besten, daß ich mir so viel Mühe gebe, dir ä Licht aufzustecken. Hast's gehört?»
Jetzt nahm Nancy das Wort und sagte sehr nachdrücklich und Oliver etwas finster anblickend, wie um ihn aufzufordern, ihr so aufmerksam als möglich zuzuhören: «Das Lange und Kurze von dem, was du sagen willst, ist dies, Bill: Wenn er dich stört bei dem, was du vorhast, so wirst du ihm, damit er nichts ausschwatzen kann, eine Kugel durch den Kopf schießen und die Gefahr auf dich nehmen, dafür zu baumeln, wie du diese Gefahr wegen sehr vieler anderer Dinge auf dich nimmst, die du im Geschäft jede Woche deines Lebens tust.»
«Ganz recht!» bemerkte Sikes wohlgefällig. «Die Weibsen verstehen sich drauf, alles mit den wenigsten Worten zu sagen, ausgenommen, wenn sie zanken und schimpfen, wo sie's desto länger machen und die Worte nicht sparen. Jetzo aber, nun er Bescheid weiß, schaff was zum Abendessen, und dann wollen wir noch ä bissel dormen[AC], eh' wir losgehen.»
[AC] schlafen.
Nancy gehorchte, deckte den Tisch und verschwand auf ein paar Minuten; dann kehrte sie mit einem Krug Porter und einer Schüssel Hammelfleisch zurück, die sie auf den Tisch stellte. Sikes aß und trank tüchtig und warf sich auf das Bett, nachdem er Nancy geboten, ihn Punkt fünf Uhr zu wecken, und Oliver, sich auf die Matratze neben seinem Bette zu legen. Nancy schürte das Feuer und setzte sich an den Kamin, um die bestimmte Zeit nicht zu verfehlen.
Oliver wachte noch lange und meinte, daß Nancy ihm vielleicht noch ein paar Worte zuflüstern würde; allein sie regte sich nicht, und er schlief endlich ein.
Als er erwachte, stand Teegeschirr auf dem Tische; Sikes steckte verschiedene Sachen in die Taschen seines über einer Stuhllehne hängenden Überrocks, und Nancy war beschäftigt, das Frühstück zu bereiten. Der Tag war noch nicht angebrochen, und das Licht brannte noch; der Regen schlug gegen die Fenster, und der Himmel sah schwarz und wolkig aus.
Sikes trieb Oliver zur Eile an, der hastig sein Frühstück einnahm, worauf ihm Nancy ein Halstuch umband; Sikes hing ihm einen großen, groben Mantel über die Schultern, faßte ihn bei der Hand, zeigte ihm den Kolben der Pistole und ging mit ihm fort, nachdem er sich von Nancy verabschiedet hatte.
Oliver drehte sich an der Tür um, in der Hoffnung, einen Blick von Nancy zu erhalten, die sich jedoch schon wieder an den Kamin gesetzt hatte und regungslos in das Feuer schaute.
21. Kapitel.
Der Aufbruch.
Es war ein unfreundlicher Morgen, als sie auf die Straße hinaustraten. Es ging ein scharfer Wind, und es regnete stark. Auf der Straße standen große Pfützen, und die Rinnsteine waren überfüllt. Am Himmel zeigte sich ein schwacher Schimmer des kommenden Tages, der aber das Düstere der Szene eher verstärkte als verminderte, da das trübe Licht nur dazu diente, das der Straßenlaternen zu dämpfen, ohne einen wärmeren oder lichteren Farbenton in das Grau der nassen Dächer und schmutzigen Straßen zu bringen. Es schien noch niemand in diesem Stadtviertel aufgestanden zu sein; die Fensterläden der Häuser waren noch fest verschlossen, und niemand ließ sich auf den öden, schmutzigen Straßen blicken.
Der Tag brach erst an, als sie sich Bethnal Green näherten. Viele Laternen waren schon gelöscht; dann und wann fuhr ein Marktwagen langsam daher, oder es rollte eine Postkutsche vorüber. Die Schenken standen schon offen und waren hell erleuchtet. Allmählich begannen sich auch einige Läden zu öffnen. Hier kamen Gruppen von Arbeitern, die zur Werkstatt oder Fabrik gingen, dort Männer und Frauen mit Fischkörben auf dem Kopfe, mit Gemüse beladene Eselkarren, Fleischerwagen mit geschlachtetem Vieh, Milchfrauen mit ihren Kannen -- ein ununterbrochener Menschenstrom, der zu Fuß oder zu Wagen in die östlichen Vorstädte hineinflutete. Als sie sich der City näherten, wurde der Lärm und der Verkehr immer stärker; als sie die Straßen zwischen Shoreditch und Smithfield durchschritten, war er zu einem sinnbetäubenden Gewühl angeschwollen. In Shoreditch und Smithfield war lautes Getümmel und Gedränge. Es war Markttag. Oliver war vor Erstaunen außer sich. Er meinte, ganz London wäre aus einer ganz besonderen Veranlassung in Bewegung. Welch eine Geschäftigkeit, welch ein Gewühl, Rufen, Lärmen, Zanken und Streiten -- jeden Augenblick neue Gegenstände, neue Gesichter und Menschenknäuel.
Sikes zog seinen Begleiter rastlos fort, beachtete kaum, was Oliver die Sinne verwirrte, nickte nur dann und wann einem begegnenden Bekannten einen Gruß zu und lenkte nach Holborn ein. Er trieb zur Eile an, Oliver vermochte, fast atemlos, kaum Schritt mit ihm zu halten und wurde so rasch fortgerissen, daß es ihm fast war, als wenn er über die Erde dahinschwebte. Auf der Straße nach Kensington hielt Sikes einen leeren Karren an und forderte den Eigentümer auf, ihn selbst und seinen Knaben bis Isleworth mitzunehmen. Er war mit dem Kärrner bald einig und hob Oliver in den Karren, wobei er nicht vergaß, bedeutsam auf seine Rocktasche zu schlagen.
Nachdem sie durch Kensington, Hammersmith, Chiswick, Kew Bridge und Brentford gefahren waren, ließ Sikes halten, stieg mit Oliver aus, wartete, bis der Fuhrmann vollständig aus seinem Gesichtskreise verschwunden war, und setzte dann mit Oliver seine Wanderung fort. Sie wandten sich erst nach links, dann nach rechts und kamen an vielen großen Gärten und schönen Villen vorüber, kehrten aber die ganze Zeit über nur einmal ein, um einen Schluck Bier zu trinken. Endlich erreichten sie eine Stadt, und Oliver sah an der Wand eines Hauses mit großen Buchstaben den Namen «Hampton» geschrieben. Sie warteten einige Stunden zwischen den Feldern und wandten sich dann nach der Stadt zurück; Sikes kehrte in einem alten, verfallenen Wirtshause mit einem verblichenen Schilde ein und bestellte ein Mittagessen beim Küchenfeuer.
Die Küche war ein alter, niedriger Raum mit einem großen Balken quer über die Decke und hochlehnigen Bänken in der Nähe des Feuers, auf denen mehrere rauh aussehende Männer rauchend und trinkend saßen. Sie beachteten Oliver gar nicht und Sikes sehr wenig, und da letzterer ebenfalls wenig Notiz von ihnen nahm, so saß er mit seinem kleinen Gefährten ganz allein in einer Ecke, ohne sich durch ihre Anwesenheit im geringsten stören zu lassen.
Sie aßen etwas kaltes Fleisch und blieben so lange sitzen, während Sikes sich den Genuß von drei bis vier Pfeifen gönnte, daß Oliver ganz sicher glaubte, sie würden heute nicht weitergehen. Da er von der weiten Wanderung ermüdet und so früh aufgestanden war, so wurde er schläfrig und versank endlich, überwältigt von den Strapazen und dem Tabakrauch, in tiefen Schlummer.
Es war schon ganz dunkel, als er durch einen Rippenstoß, den ihm Sikes versetzt hatte, geweckt wurde. Als er sich genügend ermuntert hatte, um aufrecht sitzen und sich umschauen zu können, sah er seinen würdigen Begleiter mit einem Fuhrmann, der ziemlich betrunken zu sein schien und nach Shepperton wollte, bei einem Glase Ale zusammensitzen und hörte, wie er ihn fragte, ob er ihn und den Knaben mitnehmen wolle. Der Fuhrmann willigte ein, und als es Zeit zum Abfahren war, hob Sikes Oliver in den Wagen, der sich sofort in Bewegung setzte und in scharfem Trabe aus der Stadt rasselte.
Der Abend war sehr dunkel. Ein dichter Nebel stieg von dem Flusse und dem moorigen Boden ringsherum auf und breitete sich über die nassen Felder aus. Dazu war es schneidend kalt; alles war düster und schwarz. Kein Wort wurde gesprochen; denn der Fuhrmann war schläfrig geworden, und Sikes befand sich nicht in der Stimmung, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Oliver saß zusammengekauert in einer Ecke des offenen Wagens, von Unruhe und Angst gepeinigt, und die riesigen Bäume, die wie in wilder Freude über die Trostlosigkeit der Gegend ihre Zweige heftig hin und her bewegten, kamen ihm wie gespenstische Wesen vor.
Als sie an der Kirche in Sunbury vorüberfuhren, schlug es sieben Uhr. Sie mochten noch zwei oder drei Meilen gefahren sein, als Sikes abstieg und, Oliver bei der Hand fassend, weiterging. Er kehrte, was der müde Knabe erwartet hatte, in Shepperton nicht ein, sondern ging durch den Schlamm, die Finsternis und düstere Gassen und über öde, offene Plätze weiter, bis sich die Lichter einer Stadt in geringer Entfernung zeigten. Sie gelangten an eine Brücke, und Sikes lenkte in einen Uferweg ein. Oliver erschrak heftig; er glaubte, daß Sikes ihn an diesen einsamen Ort gebracht hätte, um ihn zu ermorden. Er wollte sich schon niederwerfen, um verzweifelt für sein junges Leben zu kämpfen, als sie vor einem einzelnen, verfallenen Hause standen. Licht war darin nicht sichtbar; es schien unbewohnt zu sein. Sikes trat leise an die Tür, legte die Hand auf den Griff, und beide standen auf dem dunklen Hausflur.
22. Kapitel.
Der Einbruch.
«Wer da?» rief eine laute heisere Stimme.
«Mach keinen solchen Hamore[AD]», sagte Sikes, während er die Tür verriegelte. «Ä Chandel[AE], Toby!»
[AD] Lärm.
[AE] Licht.
«Aha, mein guter Chawwer», erwiderte dieselbe Stimme; «ä Chandel, Barney, ä Chandel! Führ den Herrn 'nein, Barney; wach aber erst auf, wenn dir's recht ist.»
Man hörte, daß irgend etwas Gewichtiges nach jemand geworfen wurde und sodann auf die Erde fiel.
«Hörst nicht?» rief dieselbe Stimme. «Da steht Bill Sikes draußen im Dunkeln, und du dormst, als wenn du 'nen Schlaftrunk g'soffen hätt'st und nichts Stärkeres. Wirst du jetzt munter, oder soll ich dich mit'm eisernen Leuchter wecken?»
Endlich schlürfte der Kellner im Hotel von Saffron Hill mit Licht heran und begrüßte Sikes mit wirklicher oder erkünstelter Freude. Sikes stieß Oliver voran in ein niedriges, düsteres Gemach mit einigen gebrechlichen Stühlen, einem Tische und einem sehr schlechten Bette, auf welchem ein Mann ausgestreckt und aus einer langen Tonpfeife rauchend lag. Er trug einen dunkelbraunen Rock mit großen Metallknöpfen, ein orangefarbenes Halstuch, eine buntfarbige Weste und hellbraune Beinkleider. Mr. Crackit (denn er war es) hatte dünnes, rötliches, in Locken gedrehtes Haar, durch das er von Zeit zu Zeit mit schmutzigen, beringten Fingern hindurchfuhr. Er war etwas über Mittelgröße, und seine Beine schienen ziemlich dünn zu sein, wodurch indes keineswegs die Bewunderung und Zufriedenheit vermindert wurde, womit er oft genug seine hohen Stiefel beäugelte. «Bill, geliebter Freund,» rief er Sikes entgegen, «ich freue mich, dich zu sehen. Fürchtete fast schon, daß du's aufgegeben hätt'st, in welchem Fall ich's auf meine eigene Faust versucht haben würde. Was der Teufel!» setzte er, als er Oliver erblickte, erstaunt hinzu, richtete sich zum Sitzen empor und fragte, wer der Knabe wäre.
«Nun, 's ist eben der Knabe», erwiderte Sikes und setzte sich an den Kamin.
«Einer von Fagin seinen», bemerkte Barney grinsend.
«Von Fagin, so?» rief Toby, nach Oliver hinblickend, aus. «Was für'n prachtvoller Junge er werden wird für die Taschen der alten Damen in Kirchen und Kapellen! Sein Ponum[AF] ist so gut wie 'n Kap'tal für ihn.»
[AF] Mund, Gesicht.
«So schweig doch still -- 's ist schon mehr als zuviel Schwätzens davon», unterbrach ihn Sikes ungeduldig und flüsterte ihm etwas in das Ohr. Toby Crackit lachte ausgelassen und starrte Oliver lange verwundert an.
«Gebt uns zu essen und zu trinken -- es wird uns Courage machen -- mir wenigstens», sagte Sikes. «Setz dich ans Feuer, Bursch, und ruh dich aus, du gehst noch mit uns aus heute nacht, wenn auch eben nicht weit.»
Oliver sah ihn in stummer und furchtsamer Verwunderung an, setzte sich ans Feuer und stützte, kaum wissend, was um ihn her und mit ihm vorging, den schmerzenden Kopf auf die Hände. Der jüdische Jüngling trug Speisen und Getränk auf, und Toby und Sikes tranken auf ein glückliches Schränken. Toby füllte ein Glas, reichte es Oliver und forderte ihn auf, es auszutrinken. Der Knabe versicherte, nicht trinken zu können, und bat mit jammervollen Mienen, ihn damit zu verschonen. Toby ließ sich jedoch nicht abweisen.
«Hinunter damit!» rief er. «Meinst du, ich wüßte nicht, was dir gut ist? Bill, sag's ihm, daß er trinkt!»
«Soll ich dich lehren, gehorsam zu sein?» sagte Sikes, die Hand in die Tasche steckend. «Gott verdamm' mich, wenn mir der Bube nicht mehr Beschwerde macht, als ein ganz Dutzend Baldowerer. Trink aus, Galgenstrick, oder --!»
Erschreckt durch die drohenden Gebärden der beiden Männer, stürzte Oliver hastig den Inhalt des Glases hinunter und wurde sofort von einem heftigen Husten befallen, worüber Toby und Barney in ein lautes Gelächter ausbrachen und sogar der grämliche Sikes den Mund verzog.
Nachdem Sikes seinen Hunger gestillt hatte (Oliver konnte außer einer Rinde Brot, die er zu essen gezwungen wurde, nichts zu sich nehmen), legten sich die beiden Männer zu einem kurzen Schlafe nieder. Oliver blieb auf seinem Stuhle am Feuer sitzen, und Barney streckte sich, in eine Decke gehüllt, dicht neben dem Kamine aus.
Sie schliefen oder schienen zu schlafen, denn es regte sich niemand außer Barney, der ein paarmal aufstand, um Kohlen in das Feuer zu werfen. Oliver verfiel in einen dumpfen Schlummer, der von schweren, ängstlichen Träumen beunruhigt wurde, bis Toby aufsprang und erklärte, es sei halb zwei Uhr. Im nächsten Augenblicke waren die beiden anderen auf den Beinen, und alle drei waren eifrig dabei, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Die beiden Schränker zogen sogleich ihre Überröcke an und verhüllten sich mit Tüchern bis über den Mund. Barney füllte eiligst ihre Taschen mit mehreren Gegenständen an, die er aus einem Schranke holte.
«Barney, meine Lupperts[AG]», sagte Toby Crackit.
[AG] Pistolen.
«Da sind sie. Ihr habt sie selbst geladen.»
«Ja, ja. Die Wurmer[AH].»
[AH] Bohrer.
«Die hab' ich», fiel Sikes ein.
«Chlamones[AI], Drehbarsel, Hänenehres[AJ], nichts vergessen?» fragte Toby, ein kleines Brecheisen einsteckend.
[AI] Diebesschlüssel.
[AJ] Laterne.
«Alles da», antwortete Sikes. «Barney, die grandige Makel. Es ist höchste Zeit.»
Barney reichte ihm und Toby große Knotenstöcke und legte Oliver den Mantel um.
«Jetzt also», sagte Sikes, seine Hand ausstreckend.
Oliver, der durch die ungewohnte Anstrengung, die schlechte Luft und das ihm aufgezwungene Getränk völlig betäubt war, legte seine Hand mechanisch in die Sikes'.
«Nimm seine andere Hand, Toby», sagte Sikes. «Schau nach, Barney, ob alles sicher ist.»
Der Kellner ging vor die Tür und kehrte mit der Meldung zurück, daß alles still sei. Die beiden Schränker eilten hinaus und zogen Oliver mit sich fort.
Die Nacht war rabenschwarz und der Nebel so dicht, daß nach wenigen Minuten große Tropfen an Olivers Augenbrauen hingen. Sie eilten im tiefsten Schweigen über die Brücke und durch den nächstgelegenen Ort und erreichten um zwei Uhr ein einzeln stehendes, von einer Mauer umgebenes Haus, die Toby Crackit sogleich erklomm. Sikes hob Oliver empor, und nach wenigen Augenblicken waren alle drei hinüber. Sikes und Toby schlichen nach dem Hause und zogen den Knaben mit sich fort, dem die Sinne fast entschwanden, denn jetzt zum erstenmal tauchte der Gedanke in ihm auf, daß Sikes auf Raub, wo nicht auf Mord ausginge und ihn als Werkzeug dabei zu gebrauchen denke. Er schlug die Hände zusammen, und seinen Lippen entfloh ein unwillkürlicher Schrei des Entsetzens. Ihm schwindelte, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, er wankte und fiel auf die Knie nieder.
«Steh auf!» flüsterte Sikes und zog bebend vor Wut die Pistole aus der Tasche; «steh auf, oder ich schieße dir den Brägen aus'm Kopfe 'raus!»
«Oh, um Gottes willen, lassen Sie mich gehen!» rief Oliver; «lassen Sie mich fortlaufen und hinter dem Zaune sterben. Ich will nie wieder nach London kommen -- nie, nie; haben Sie Barmherzigkeit mit mir und zwingen Sie mich nicht, zu stehlen. Um der Liebe der Engel willen, die im Himmel wohnen, haben Sie Erbarmen mit mir!»
Sikes stieß einen fürchterlichen Fluch aus und spannte den Hahn, Toby schob indes seine Hand zur Seite, hielt Oliver den Mund zu und zog ihn fort nach dem Hause.
«Pst!» flüsterte er; «das ist hier nichts. Ist's nicht anders und soll's sein, so sprich ein Wort, und ich schlag' ihn auf den Kopf, was ebensogut ist und kein Geräusch macht. Hierher, Bill, brich den Fensterladen auf. Ich stehe dafür, er hat jetzt Courage genug. Ich hab's g'sehn, daß ältere als er in 'ner kalten Nacht 's Kanonenfieber auf 'ne Minute oder so was g'habt haben.»
Sikes murmelte Verwünschungen gegen Fagin, ihm Oliver zu einem solchen Unternehmen geschickt zu haben, setzte das Brecheisen an, und nach kurzer Zeit war der Fensterladen geöffnet. Das kleine Gitterfenster war fünf bis sechs Fuß über der Erde im Hinterhause und gehörte zu einem kleinen, zum Waschen oder Brauen bestimmten Gemach am unteren Ende des Hausflurs. Das Gitter war gleichfalls bald durchbrochen.
«Jetzt hör' und merk, du kleiner Teufelsbraten!» flüsterte Sikes, zog eine Blendlaterne aus der Tasche und hielt sie Oliver gerade vor das Gesicht. «Ich stecke dich durch dies Fenster hier. Nimm diese Laterne, geh leise die Stufen gerade vor dir 'nauf über den Flur nach der Haustür, mach' sie auf und laß uns ein. -- Ist die Waschhaustür offen, Toby?»
Toby antwortete, nachdem er hineingesehen hatte: «Sie steht weit offen, und sie lassen sie immer offen, daß der Hund, der hier sein Lager hat, im Hause 'rumspazieren kann. Ha, ha, ha! Wie hübsch ihn Barney gestern abend weggelockt hat!»
So leise Crackit gesprochen und gekichert hatte, befahl ihm doch Sikes in gebieterischem Tone, still zu schweigen und an das Werk zu gehen. Er setzte die Laterne auf die Erde, stellte sich unter das Fenster, die Hände auf die Knie gestützt, mit dem Kopfe gegen die Wand, Sikes stieg auf den Rücken Tobys und hob Oliver durch das Fenster in das Haus hinein.
«Nimm die Leuchte», flüsterte er ihm zu. «Siehst du die Stufen da vor dir?»
Oliver keuchte, mehr tot als lebendig, ein mattes «Ja». Sikes wies mit der Pistole nach der Haustür hin und erinnerte ihn, daß er ihn bis zur Haustür fortwährend in Schußweite hätte und ihn niederschießen würde, wenn er sich verweilte oder auch nur einen Schritt zur Seite ginge.
«'s ist in 'ner Minute geschehen», flüsterte er Oliver zu. «Sobald ich dich loslasse, tu, was dir geheißen ist. Pst!»
«Was ist denn?» fragte Toby.
Sie horchten.
«Nichts», sagte Sikes und ließ Oliver los. «Jetzt vorwärts!»
Der Knabe hatte sich indes wieder einigermaßen gesammelt und den raschen und festen Entschluß gefaßt, wenn es auch sein Tod wäre, den Versuch zu machen, auf dem Hausflur zur Seite zu springen und Lärm zu machen. Von diesem Gedanken erfüllt, ging er bebend vorwärts.
«Komm zurück!» schrie Sikes plötzlich laut; «zurück, zurück!»
Erschreckt durch die plötzliche Unterbrechung der Totenstille und ein lautes Geschrei, ließ Oliver die Laterne fallen und stand still, ohne zu wissen, ob er vorwärts gehen oder entfliehen sollte. Das Geschrei wiederholte sich, es zeigte sich ein Licht -- es war ihm, als sähe er bestürzte, halb angekleidete Männer an der Tür -- es schwamm ihm vor den Augen -- ein Gewehr blitzte auf -- ein Donner traf sein Ohr -- er taumelte zurück. Sikes faßte ihn sogleich beim Kragen, feuerte nach den zurückweichenden Männern und zog ihn durch das Fenster.
«Drück den Arm dichter an den Leib», flüsterte er, während er ihn durchzog. «Toby, ein Tuch! Sie haben ihn getroffen. Geschwind! Höll' und Teufel, wie der Bursch blutet!»
Oliver war sich dunkel bewußt, daß der Lärm im Hause immer mehr zunahm und daß er rasch fortgetragen wurde. Das Geräusch verlor sich in der Ferne, die Sinne entschwanden ihm gänzlich, es war ihm, als wenn eine kalte Hand sein Herz umfaßte, es schlug, und er sah und hörte nichts mehr.
23. Kapitel.
Welches das Wesentliche einer anmutigen Unterredung zwischen Mr. Bumble und einer Dame enthält und zugleich dartut, daß sogar ein Kirchspieldiener in einigen Punkten empfänglich sein kann.
Der Abend war bitter kalt, und ein heftiger, schneidender Wind trieb dichte Schneewirbel durch die Luft. Es war ein Abend für die Wohlbehäbigen, beim lustigen, prasselnden Feuer Gott zu danken, daß sie daheim waren, und für die heimatlosen Elenden und Hungrigen, sich niederzulegen und zu sterben. Ach! viele solcher Auswürflinge der Gesellschaft schließen zu solchen Stunden die Augen auf unseren öden, verlassenen Straßen, und sie können dieselben, was auch ihr Verbrechen gewesen sein mag, kaum in einer schlimmeren Welt wieder öffnen.
So sah es draußen aus, als Mrs. Corney, die Vorsteherin des Armenhauses, in welchem Oliver Twist das Licht der Welt erblickt hatte, sich in ihrem kleinen Zimmer an ihren behaglichen Kamin setzte und wohlgefällig ihren kleinen runden Teetisch überblickte, und als sie gar von dem Tische nach der Feuerstelle hinsah, wo der denkbar kleinste aller Kessel ein leises Lied mit leiser Stimme sang, wuchs augenscheinlich ihre innere Befriedigung, und zwar in einem solchen Grade, daß Mrs. Corney lächelte.
«Ja,» sagte sie, indem sie ihren Arm auf den Tisch stützte und sinnend ins Feuer blickte, «ich bin überzeugt, wir haben alle volle Ursache, dankbar zu sein. Volle Ursache, wenn wir es nur anerkennen wollten.»
Sie schüttelte betrübt den Kopf, als wenn sie die geistige Blindheit der Armen beklagte, die es nicht erkannten, und fing an, ihren Tee zu bereiten, indem sie mit ihrem silbernen Löffel (Privateigentum!) tief in eine zinnerne Teebüchse fuhr.
Wie geringe Dinge das Gleichgewicht unserer schwachen Gemüter stören können! Der schwarze Teetopf war sehr klein und leicht gefüllt, das Wasser lief über und verbrannte ein wenig ihre Hand.
«Oh, über den verwünschten Topf!» sagte sie, ihn hastig aus der Hand setzend. «Das kleine dumme Ding hält nur ein paar Tassen. Wem ist er nütze -- ausgenommen einer armen, einsamen, verlassenen Frau, wie ich es bin! Ach, ach!»
Bei diesen Worten sank die würdige Dame auf ihren Stuhl und dachte, abermals den Arm auf den Tisch gestützt, über ihr Geschick nach. Der kleine Topf und die einzelne Tasse hatten traurige Erinnerungen an Mr. Corney (der noch nicht länger als fünfundzwanzig Jahre tot war) erweckt. Sie war davon ganz überwältigt.
«Ich bekomme niemals einen anderen,» sagte sie kummervoll und mißmutig; «bekomme niemals einen anderen -- wie ihn!»
Wir können nicht entscheiden, ob sich dieser Stoßseufzer auf ihren Seligen oder den Teetopf bezog, auf welchen zum wenigsten ihre Blicke gerichtet waren, und der also auch gemeint sein konnte. Sie hatte kaum die erste Tasse gekostet, als leise geklopft wurde.
«Herein!» rief Mrs. Corney ärgerlich. «Sicher will eins der alten Weiber sterben. Sie sterben immer, wenn ich bei Tisch sitze oder meine Tasse Tee trinke. Bleiben Sie nicht da draußen stehen; Sie lassen sonst die kalte Zugluft herein. Was ist denn schon wieder los?»
«Nichts, Ma'am, nichts», antwortete eine Männerstimme.
«Himmel! sind Sie es wirklich, Mr. Bumble?» rief die Dame jetzt weit freundlicher aus.
«Zu Diensten, Ma'am», erwiderte Bumble, der draußen stehengeblieben war, um seine Schuhe zu reinigen und den Schnee von seinem Hute zu schütteln, und der jetzt eintrat, in der einen Hand seinen dreieckigen Hut und in der anderen ein Bündel. «Darf ich die Tür schließen, Ma'am?»
Mrs. Corney zögerte verschämt, zu antworten, weil es als eine Ungeschicklichkeit angesehen werden konnte, wenn sie mit Mr. Bumble bei geschlossener Tür eine Unterredung unter vier Augen hätte, und Bumble benutzte die Zögerung, um die Tür ohne erhaltene Erlaubnis zu schließen.
«Schlechtes Wetter, Mr. Bumble», bemerkte die Matrone.
«Ja, ja, Ma'am,» sagte Bumble, «schlechte Witterung für das Kirchspiel. Wir haben heute nachmittag zwanzig Brote und anderthalb Käse weggegeben, und das Armenpack ist doch nicht zufrieden. Da ist ein Mann, der in Anbetracht seiner Frau und einer zahlreichen Familie ein großes Brot und ein ganzes Pfund Käse erhielt, und bedankte er sich, bedankte er sich wohl? Prosit die Mahlzeit! Er bettelte obendrein um Kohlen, und wenn's auch nur ein Taschentuch voll wäre, sagte er. Und was wollte er mit den Kohlen? Seine Käse darüber rösten und dann wiederkommen und um noch mehr betteln! So machen sie's, Ma'am -- so machen sie's alle. Geben Sie ihnen eine Schürze voll Kohlen, und sie werden übermorgen wiederkommen und eine neue haben wollen -- die Frechdachse! Vorgestern kam ein Mann, der kaum einen Fetzen auf seinem Leibe hatte (hier schlug Mrs. Corney verschämt die Augen nieder) -- Sie sind verheiratet gewesen, Ma'am, und so kann ich's wohl sagen -- in des Direktors Haus, als der Herr gerade eine Mittagsgesellschaft hatte, und bat um Unterstützung. Da er nicht fortgehen wollte und die Gesellschaft belästigte, ließ ihm der Direktor ein Pfund Kartoffeln und ein Maß Hafermehl reichen. >Mein Gott,< sagte der undankbare Bösewicht, >was soll ich damit? Sie könnten mir ebensogut 'ne eiserne Brille geben.< -- >Sehr wohl,< erwiderte ihm der Direktor, die Spende wieder an sich nehmend. >Ihr werdet hier sonst nichts bekommen.< -- >Dann sterb' ich auf der offenen Straße<, sagte der Landstreicher. >Das werdet Ihr wohl bleiben lassen<, sagte der Direktor. Der Bettler ging und starb auf der Straße. Was sagen Sie zu 'nem solchen Eigensinne, Mrs. Corney?»
«Es übersteigt alle Begriffe», versetzte die Dame. «Aber halten Sie als ein Mann von Erfahrung die Unterstützungen außerhalb des Armenhauses nicht für sehr nachteilig, Mr. Bumble?»
«Mrs. Corney,» erwiderte der Kirchspieldiener mit dem Lächeln bewußter Überlegenheit, «es ruht vielmehr in ihnen des Kirchspiels Schutz und Sicherheit. Ihr großes Prinzipium ist, den Armen just das zu geben, dessen sie nicht bedürfen; sie werden es dann überdrüssig, wiederzukommen. Deshalb, Mrs. Corney, ist in den impertinenten Zeitungen so oft die Rede davon, daß arme Kranke mit Käse unterstützt würden, was jetzt im ganzen Lande die Regel ist. Dies sind jedoch Dienstgeheimnisse, wovon zu reden jedermann verboten sein sollte, ausgenommen uns Kirchspielbeamten. Mrs. Corney,» fügte Bumble, sein Bündel öffnend, hinzu, «dies ist echter Portwein von bester Qualität, den das Kollegium für die Kranken abzuziehen befohlen hat.»
Er stellte die beiden mitgebrachten Flaschen auf die Kommode, steckte sein Tuch bedächtig in die Tasche und schickte sich zum Fortgehen an. Die mitleidige Dame bemerkte, es wäre recht kaltes Wetter, und fragte ihn schüchtern, ob ihm nicht beliebe, ein Schälchen Tee anzunehmen. Er legte sogleich den Hut wieder aus der Hand, nahm an dem kleinen, runden Tische Platz, lächelte und blickte Mrs. Corney so zärtlich an, daß sie verlegen wegsehen und den Teekessel anblicken mußte. Sie schenkte ihm ein, er breitete sein Taschentuch über die Knie und fing an zu trinken und zu essen, seinen Genuß von Zeit zu Zeit mit einem tiefen Seufzer begleitend, was jedoch seinem Appetit keineswegs schadete, sondern denselben vielmehr zu stärken schien.
«Ich sehe, Ma'am,» sagte er nach ziemlich geraumer Zeit, «Sie haben eine Katze und auch kleine Kätzchen.»
«Sie glauben gar nicht, wie lieb ich sie habe, und wie vergnügt und lustig sie bei mir sind, Mr. Bumble.»
«Mrs. Corney, ich muß sagen: jede Katze, die bei Ihnen und täglich um Sie wäre und Sie nicht lieb hätte, müßte ein Esel sein.»
«Ah, Mr. Bumble!»
«Es ist die Wahrheit, und ich würde sie mit Vergnügen ersäufen.»
«Mr. Bumble, was Sie für ein hartherziger Mann sind!»
«Ein hartherziger Mann?» wiederholte Bumble mit einem zärtlichen Seufzer, ergriff und drückte Mrs. Corneys kleinen Finger, rückte ein wenig um den Tisch herum und rückte immer näher, bis sein Stuhl dicht neben dem Stuhle Mrs. Corneys stand, die nicht fortrücken konnte, weil sie sonst dem Kamin zu nahe gekommen sein würde, was zwischen den beiden Feuern die noch gefährlichere Nähe war. Rechts konnten ihre Kleider Feuer fangen, links nur ihr Herz; rechts konnte sie auf den Rost, links nur in Mr. Bumbles Arme fallen. Sie war eine kluge und umsichtige Frau, berechnete ohne Zweifel die möglichen Folgen, blieb ganz still sitzen und schenkte Mr. Bumble noch eine Tasse Tee ein.
«Ein hartherziger Mann, Mrs. Corney?» sagte Bumble, seinen Tee umrührend und ihr in das Angesicht schauend; «sind Sie eine hartherzige Frau?»
«Mein Gott! Was für eine Frage für einen unverheirateten Mann!» rief die Matrone aus. «Was wollen Sie damit sagen, Mr. Bumble?»
Bumble trank bis auf den letzten Tropfen aus, verspeiste eine geröstete Butterschnitte, entfernte die Krumen von seinen Knien, wischte sich die Lippen und küßte die Matrone bedächtig.
«Mr. Bumble!» rief die keusche Dame flüsternd; denn ihr Schrecken war so groß, daß ihr die Stimme fast versagte: «Mr. Bumble, ich werde schreien!»
Bumble sagte gar nichts, sondern legte langsam und mit Würde den Arm um ihren Leib. Da sie die Absicht, schreien zu wollen, bereits angekündigt hatte, so würde sie bei dieser neuen Keckheit natürlich geschrien haben; allein es wurde unnötig, indem hastig an die Tür geklopft wurde, worauf Bumble ebenso eilig aufsprang und mit großer Vehemenz die Portweinflaschen abzustäuben anfing. Mrs. Corney rief: «Herein!» Eine alte Frau steckte den Kopf in das Zimmer und verkündete, daß die alte Sarah im Sterben läge.
«Was geht es mich an!» entgegnete Mrs. Corney verdrießlich. «Kann ich sie am Leben erhalten?»
«Das kann freilich niemand, Ma'am; ihr ist nicht mehr zu helfen. Ich habe viel Kranke sterben sehen, kleine Kinder wie Männer in ihren besten Jahren, und weiß es auf ein Haar, wann der Tod im Anzuge ist. Jedoch ist sie unruhig in ihrem Geist und sagt, daß sie Ihnen noch etwas Notwendiges anzuvertrauen hätte. Sie könnte nicht ruhig sterben, eh' Sie nicht bei ihr gewesen wären, Ma'am.»
Die würdige Matrone murmelte eine beträchtliche Anzahl von Verwünschungen gegen die alten Frauen, die niemals sterben könnten, ohne absichtlich ihre Vorgesetzten zu belästigen, hüllte sich in einen wärmenden Mantel, bat Bumble, zu bleiben, bis sie wieder da wäre, und entfernte sich verdrießlich und keifend mit der an sie abgeschickten alten Frau.
Was Mr. Bumble tat, als er sich allein sah, war etwas unerklärlich. Er öffnete nämlich den Schrank, zählte die Teelöffel, wog die Zuckerzange, prüfte einen Milchgießer, ob er auch von echtem Silber wäre, setzte, nachdem er seine Wißbegier befriedigt, den dreieckigen Hut auf und fing an, sehr gravitätisch im Zimmer umherzutanzen, nahm darauf den Hut wieder ab, setzte sich an den Kamin, blickte umher und nahm offenbar im Geist ein Inventar über die im Zimmer befindlichen Mobilien auf.
24. Kapitel.
Welches sehr kurz ist, aber doch für wichtig befunden werden könnte.
Die Alte, welche die Ruhe des Zimmers Mrs. Corneys gestört hatte, war keine unpassende Todesbotin. Die Jahre hatten ihren Leib gekrümmt, alle ihre Glieder zitterten, denn sie war vom Schlage gerührt worden, und ihr runzliges, entstelltes Antlitz glich mehr einer grotesk-phantastischen Zeichnung als einem Werke aus den Händen der Natur.
Ach! wie wenige alte Gesichter gibt es, die uns durch ihre Schönheit erfreuen! Angst, Sorgen und Kümmernisse der Welt verwandeln das menschliche Antlitz, wie sie die Herzen umwandeln, und erst wenn jene schlummern und für immer vorüber sind, schwinden die unruhig bewegten Wolken und verhüllen und verdunkeln den hellen Himmel nicht mehr. Es ist sehr häufig bei den Gesichtern der Toten der Fall, daß sie selbst in ihrer Erstarrung den längst vergessenen Ausdruck schlummernder Kinder wieder annehmen und die Züge der Kinderjahre wieder bekommen, so ruhig und friedlich wieder werden, daß diejenigen, die sie in ihrer Kindheit gekannt, mit Ehrfurchtsschauern an ihren Särgen niederknien und den Engel schon auf Erden schauen.
Die Alte humpelte ihrer keifenden Vorgesetzten voran, blieb endlich keuchend stehen, um Atem zu schöpfen, und Mrs. Corney nahm ihr das Licht aus der Hand und ging allein in das Zimmer der Sterbenden, in welchem eine Lampe düster brannte. Am Krankenbette saß eine andere alte Frau, und am Kamine stand der Lehrling des Apothekers und Doktors und schnitt einen Zahnstocher aus einem Federkiel.
«Ein kalter Abend, Mrs. Corney», bemerkte der junge Herr, als die Dame eintrat.
«Sehr kalt, in der Tat, Sir», erwiderte die Vorsteherin im höflichsten Tone.
«Sie sollten bessere Kohlen von Ihren Lieferanten verlangen», sagte der Apothekerlehrling; «diese hier taugen absolut nichts für ein so kaltes Wetter.»
«Das ist Sache des Kollegiums, Sir», erwiderte die Dame.
Hier wurde das Gespräch durch das Stöhnen der Kranken unterbrochen.
«Oh,» sagte der junge Mann, indem er sein Gesicht dem Bette zugewandt, «mit der ist's vorbei.»
«Wirklich?» fragte die Matrone.
«Ich würde mich darüber wundern, wenn sie noch eine Stunde lebte. Heda, schläft sie, Alte?»
Die Wärterin nickte. Der Lehrling machte Gebrauch von seinem Zahnstocher, während sich Mrs. Corney stumm an das Bett setzte, und schlich nach einigen Minuten auf den Zehen hinaus. Gleich darauf erschien auch die Wärterin wieder, die Mrs. Corney gerufen hatte, winkte der anderen, und beide setzten sich an den Kamin und fingen leise miteinander zu sprechen an.
«Hat sie noch mehr gesagt, Anny, wie ich fort war?»
«Kein Sterbenswörtchen.»
«Hat sie den gewärmten Wein getrunken, den ihr der Doktor verordnete?»
«Sie konnte keinen Tropfen hinunterbringen; ich trank ihn daher selbst aus, und er hat mir sehr gut geschmeckt.»
«Ich weiß die Zeit noch sehr wohl, da sie's ebenso gemacht und hinterher weidlich darüber gelacht hat.»
«Freilich; sie war 'ne lustige alte Seele, hat manch liebe Leiche angekleidet und so hübsch ausstaffiert wie 'ne Wachspuppe. Ich hab' ihr mehr als hundertmal dabei geholfen.»
Mrs. Corney hatte ungeduldig auf das Erwachen der Schlummernden gewartet, stand auf, trat zu den beiden alten Megären und fragte ärgerlich, wie lange sie denn eigentlich warten sollte.
«Nicht lange mehr, Mistreß. Wir brauchen nicht lange auf den Tod zu warten. Geduld, Geduld! er wird uns allen bald genug kommen.»
«Halten Sie den Mund und sagen Sie mir, Martha, hat die Patientin früher auch schon so gelegen?»
«Oft genug.»
«Wird's aber nicht wieder tun», fiel die andere Wärterin ein; «ich meine, sie wird nur noch einmal wieder aufwachen, und wohl zu merken, Mrs. Corney, nur auf eine kurze Zeit.»
«Ob sie auf eine lange oder kurze Zeit erwacht, sie wird mich nicht hier finden. Ihr alle beide, belästigt mich nicht noch einmal um nichts und wieder nichts, sonst geht's euch schlecht. Ich habe durchaus nicht die Verpflichtung, alle alten Weiber im Hause sterben zu sehen, und was noch mehr sagen will, ich mag's und will's nicht. Merkt euch das, ihr unverschämten alten Schlumpen! Habt ihr mich noch einmal zur Närrin, so nehmt euch in acht, das sag' ich euch.»
Sie ging hinaus, als ein Schrei der beiden Wärterinnen, die wieder an das Bett getreten waren, sie zum Stillstehen brachte. Die Kranke hatte sich kerzengerade emporgerichtet und streckte die Arme nach ihnen aus. «Wer ist da?» rief sie mit hohler Stimme.
«Pst, pst! Legen Sie sich nieder», sagte eine der Wärterinnen.
«Ich lege mich lebendig nimmermehr, nimmermehr wieder nieder», rief die Patientin. «Ich will mit ihr sprechen. Kommen Sie, Mrs. Corney, daß ich Ihnen ins Ohr flüstern kann.»
Sie faßte die Vorsteherin beim Arme und drückte sie auf einen Stuhl, der neben dem Bette stand, nieder und war im Begriff, zu sprechen, als sie bemerkte, daß die beiden Wärterinnen so nahe wie möglich herangetreten waren, um zu horchen, und sagte mit matter Stimme: «Schicken Sie sie hinaus -- geschwind, o geschwind!»
Mrs. Corney befahl ihnen, hinauszugehen, und die Sterbende fuhr fort: «Hören Sie mich nun an! In diesem selbigen Zimmer -- diesem selbigen Bette lag einst eine hübsche, junge Frau. Sie ward mit blutenden Füßen, staub- und schmutzbedeckt ins Haus gebracht, wurde von einem Knaben entbunden und starb. Ich war ihre Wärterin. Ich will mich besinnen -- in welchem Jahre war es doch?»
«Auf das Jahr kommt's nicht an», unterbrach Mrs. Corney ungeduldig. «Was haben Sie mir von ihr zu sagen?»
«Was ich von ihr zu sagen habe -- oh, ich weiß es wohl», murmelte die Sterbende, richtete sich plötzlich mit gerötetem Gesicht und vorspringenden Augen wieder empor und schrie fast: «Ich bestahl sie! Sie war noch nicht kalt -- noch nicht kalt -- als ich's tat.»
«Sie bestahlen sie? -- Um Gottes willen, was nahmen Sie ihr?»
«Es -- das einzige, was sie hatte. Sie bedurfte Kleider, um sich vor der Kälte zu schützen, und Speise, um nicht Hungers zu sterben, hatte es aber trotzdem aufbewahrt, trug es im Busen; und es war von Gold, und sie hätte sich damit vom Tode erretten können.»
«Gold! -- Weiter, weiter, Frau. Wer war die Mutter -- wann starb sie?»
«Sie gab mir den Auftrag, es aufzubewahren, und vertraute mir als der einzigen Frau, die um sie war. Ich stahl es ihr schon in Gedanken, als sie's mir zeigte; und vielleicht bin ich auch am Tode des Kindes schuld! Man würde den Knaben besser behandelt haben, wenn man alles gewußt hätte.»
«Alles gewußt! -- Sprechen Sie, sprechen Sie!»
«Der Knabe ward seiner Mutter so ähnlich, daß ich immer an sie denken mußte, wenn ich ihn sah. Ach, die Ärmste! -- und sie war so jung -- und so sanft und geduldig! Ich muß Ihnen aber noch mehr sagen -- noch viel mehr; -- hab' ich's Ihnen noch nicht alles gesagt?»
«Nein, nein, nein -- nur schnell -- oder es wird zu spät werden!»
«Als die Mutter ihren Tod herannahen fühlte, flüsterte sie mir ins Ohr, wenn das Kind am Leben bliebe, so würde der Tag erscheinen, wo es sich beim Nennen des Namens seiner Mutter nicht beschimpft achten, und Freunde finden --»
«Wie wurde das Kind getauft?»
«Oliver. Das Gold, das ich stahl -- war --»
«Was, ums Himmels willen, was war es?»
Frau Corney beugte sich in höchster Spannung über die Sterbende, die noch ein paar unverständliche Worte murmelte und leblos auf das Kissen zurücksank. --
«Mausetot!» bemerkte eine der Wärterinnen, als Frau Corney die Tür wieder geöffnet hatte.
«Und hatte gar nichts zu erzählen», sagte Frau Corney und entfernte sich, als wenn nur etwas ganz Gewöhnliches vorgegangen wäre.
25. Kapitel.
Worin die Erzählung wieder zu Fagin und Konsorten zurückkehrt.
Während sich die erzählten Ereignisse im Armenhause zutrugen, kauerte Fagin brütend an einem matten, rauchigen Feuer in seiner alten Höhle -- derselben, aus welcher Oliver von Nancy entfernt worden war. Er hielt einen Blasebalg auf seinen Knien, mit dem er sich augenscheinlich bemühte, das Feuer zu hellerer Flamme anzufachen. Aber er war in tiefe Gedanken versunken und blickte unverwandt, die Ellbogen auf den Blasebalg gestützt und das Kinn auf seinen Daumen ruhen lassend, auf das rostige Gitter.
An einem Tische hinter ihm saßen der gepfefferte Baldowerer, Charley Bates und Tom Chitling bei einer Partie Whist. Der Baldowerer spielte mit dem Strohmanne und gewann fortwährend, die Karten mochten fallen, wie sie wollten. Chitling zahlte, sprach seine Verwunderung über Dawkins' stets glückliches Spiel aus und erklärte, daß nicht gegen ihn «anzukommen» sei. Charley Bates lachte ausgelassen, und Fagin blickte auf und bemerkte, Tom müsse sehr früh aufstehen, um gegen den Baldowerer zu gewinnen.
«Ja, du mußt früh aufstehen, wenn du das willst, Tom,» fiel Charley ein, «und obendrein die Stiefel über Nacht anbehalten und 'ne doppelte Brille aufsetzen.»
Dawkins hörte die ihm gezollten Lobsprüche mit philosophischem Gleichmute an, und zeichnete sinnig den Grundriß vom Newgategefängnis mit Kreide auf den Tisch.
«Du bist grausam langweilig, Tommy», sagte der Baldowerer nach einer Pause von mehreren Minuten. «Woran sollte er wohl denken, Fagin?»
«Wie kann ich's wissen?» antwortete der Jude. «Vielleicht an seinen Verlust oder seinen angenehmen Aufenthalt auf dem Lande, woher er gekommen ist erst soeben. Ha, ha, ha! Ist's das?»
«Falsch geraten», fuhr der Baldowerer fort. «Was meinst du, Charley?»
«Nun, ich meine,» erwiderte Master Bates grinsend, «daß er zuckersüß gegen Betsy war. Schau, wie rot er wird! 's ist zum Totlachen -- Tommy verliebt! O Fagin, Fagin, welch ein Hauptspaß!»
«Laß ihn zufrieden», sagte der Jude, Dawkins einen Wink gebend und Bates einen mißbilligenden Stoß mit dem Blasebalg versetzend. «Betsy ist 'ne schmucke Dirne. Mach dich immerhin an sie, Tom; mach dich immerhin an sie 'ran!»
«Fagin,» nahm Chitling zornig das Wort, «das geht hier niemand was an.»
«O nein», erwiderte der Jude. «Laß Charley doch schwatzen und lachen; er läßt's einmal nicht. Betsy ist 'ne artige Dirne. Tu, was sie dir sagt, Tom, und du wirst machen dein Glück.»
«Ich tue, was sie mir sagt,» fuhr Tom fort, «und wäre nicht in die Tretmühle gesteckt worden, hätt' ich ihren Rat nicht befolgt. Ihr habt aber am Ende 'nen guten Rebbes dabei gemacht -- nicht wahr, Fagin? Und was wollen sechs Wochen sagen? Es kommt doch einmal, früher oder später, und im Winter ist's just am besten, wenn einem nicht daran gelegen ist, so oft auszugehen -- he, Fagin?»
«Sehr richtig, mein Lieber», versetzte der Jude.
«Es wird dir gewiß gleich viel ausmachen, Tom, noch einmal in die Mühle zu kommen,» fiel der Baldowerer, Fagin und Bates zublinzelnd, ein, «wenn nur alles mit Betsy in Richtigkeit wäre.»
«Ja, das würd's -- seht!» erwiderte Tom noch erzürnter, «und ich möchte doch wissen, wer mir's nachtäte, Fagin?»
«Das fällt ein keiner Seele», antwortete Fagin. «Ich weiß keinen außer dir, der's würde tun.»
«Ich hätte ganz davonkommen können, hätt' ich mosern wollen -- he, Fagin?» fuhr der halb blödsinnige Bursche, immer zorniger werdend, fort. «Ich hätte nur ein einziges Wort zu sagen brauchen, nicht wahr, Fagin? Ich schwatzte aber nicht -- und was ist denn nun dabei zu lachen?»
Fagin eilte, ihm zu versichern, daß niemand lache, nicht einmal Charley Bates, der jedoch, als er den Mund öffnete, um auch seinerseits zu erklären, daß alle ohne Ausnahme äußerst ernsthaft gestimmt wären, in ein unbezähmbares Gelächter ausbrach. Tom Chitling sprang wütend auf, um dem Frechen einen Schlag zu versetzen, allein Charley bückte sich gewandt, und der Schlag traf den munteren alten Herrn dermaßen vor die Brust, daß derselbe gegen die Wand taumelte, und daß ihm der Atem verging.
«Still! ich hab' den Bimbam g'hört», rief der Baldowerer in diesem Augenblick, nahm das Licht vom Tische, schlich leise die Treppe hinauf, kehrte nach einer halben Minute zurück und flüsterte Fagin etwas in das Ohr.
«Wie?» rief der Jude. «Allein?»
Der Baldowerer nickte und gab Charley Bates einen freundschaftlichen Wink, er täte besser daran, seine Heiterkeit etwas zu zügeln. Dann blickte er wieder den Juden an und erwartete dessen Anweisungen.
Der alte Mann biß sich auf seine gelben Finger und sann einige Augenblicke nach. Sein Gesicht arbeitete währenddessen heftig, als sei er erschrocken und fürchte, das Schlimmste zu erfahren. Endlich erhob er den Kopf und fragte: «Wo ist er?»
Der Baldowerer deutete nach oben und machte Miene, das Zimmer zu verlassen.
«Ja,» sagte der Jude als Antwort auf diese stumme Frage, «bring ihn herunter. Pst, still, Charley und Tom, still, still!»
Die Angeredeten gehorchten sofort. Sie gaben keinen Laut von sich, als der Baldowerer, das Licht in der Hand, die Treppe herabkam und ihm dicht auf den Fersen ein Mann folgte, der, nachdem er sich hastig im Zimmer umgeblickt hatte, ein großes Tuch abwarf, das bisher den unteren Teil seines Gesichts verdeckte, so daß die hageren, ungewaschenen und unrasierten Züge des blonden Toby zum Vorschein kamen. Er begrüßte Fagin, der ihn ängstlich fragend ansah, und erklärte sogleich, von Geschäften nicht eher reden zu können, als bis er gegessen und getrunken hätte. Der Jude befahl Dawkins, aufzutragen, was vorhanden wäre; es geschah, und Toby machte sich begierig darüber her, ohne die mindeste Neigung zu zeigen, das Gespräch zu beginnen und der Ungeduld und Herzensangst des Juden ein Ende zu machen, der auf und ab laufend mit seinen Blicken jeden Bissen zählte und verwünschte, den Toby zum Munde führte. Toby lächelte, während er speiste, selbstgefällig und schmunzelnd wie immer, und der Jude hätte vor Ingrimm vergehen mögen. Endlich hub er an: «Vor allen Dingen, Fagin --»
«Ja, ja doch -- vor allen Dingen --»
«Vor allen Dingen, Fagin, wie steht's mit Bill?»
«Wie -- mit Bill!» kreischte der Jude, vom Stuhle aufspringend, denn er hatte sich hörbegierig dicht neben Toby gesetzt.
«Zum Geier -- Ihr wollt doch nicht sagen --» fuhr Crackit erblassend fort.
«Was soll ich nicht wollen sagen?» schrie der Jude, wütend mit den Füßen stampfend. «Wo sind sie? -- Sikes und der Knabe -- wo sind sie? -- wo sind sie geblieben? -- wo sind sie versteckt? -- warum sind sie nicht hier?»
«Der Einbruch mißglückte», erwiderte Toby mit unsicherer Stimme.
«Ich weiß es», sagte der Jude, ein Zeitungsblatt aus der Tasche nehmend und es Toby vorhaltend. «Was weiter?»
«Es wurde geschossen und der Knabe getroffen. Wir machten uns mit ihm davon -- rannten und setzten über Hecken und Gräben, als wenn der Teufel selbst hinter uns wäre. Wir wurden verfolgt -- Gott verdamm' mich, die ganze Umgegend war lebendig, und wir hatten die Hunde auf den Fersen.»
«Aber der Knabe, der Knabe!» keuchte Fagin.
«Bill trug ihn auf dem Rücken; wir hielten an mit Laufen, um ihn zwischen uns zu nehmen; er ließ den Kopf hängen und war steif und kalt. Sie waren dicht hinter uns, und da galt's, jeder sich selbst der Nächste, wenn er nicht der erste am Galgen sein wollte. Wir rissen aus, der eine hier, der andere da hin, und ließen den Burschen in 'nem Graben liegen -- ob tot oder lebendig, ich kann's nicht sagen. Das ist alles, was ich von ihm weiß.»
Der Jude stieß einen gellenden Schrei aus, fuhr mit den Händen in das Haar und stürzte aus dem Zimmer und zum Hause hinaus.
26. Kapitel.
In welchem eine geheimnisvolle Person auftritt und viel von der Erzählung Untrennbares geschieht.
Der alte Mann hatte die Straßenecke erreicht, bevor er anfing, sich von dem Schrecken wieder zu erholen, den ihm Tobys Mitteilungen eingejagt hatten. Er eilte soviel wie möglich durch Nebenstraßen und Gassen, fast sinnlos immer vorwärts, so daß er beinahe von einem Mietswagen überfahren worden wäre, und langte endlich auf Snow-Hill an, wo er seine Schritte noch beschleunigte, bis er in eine lange und enge Gasse eingebogen war. Jetzt schien er sich auf seinem Terrain zu fühlen und freier zu atmen, denn er lief nicht mehr, sondern verfiel in seinen gewöhnlichen, halb trippelnden, halb schlürfenden Gang.
Nicht weit von der Stelle, wo Snow-Hill und Holborn-Hill zusammenstoßen, öffnet sich rechter Hand, wenn man aus der City kommt, eine nach Saffron-Hill führende enge und erbärmliche Straße -- Field-Lane -- mit zahllosen schmutzigen Läden, in welchen die Taschentücher feilgeboten werden, welche die Ladenbesitzer von den Taschendieben erhandelt haben. Die Straße hat ihren eigenen Barbier, ihr Kaffeehaus, ihre Bierstube und ihre Garküche. Sie bildet eine eigene Handelskolonie, ist der Stapelplatz für tausenderlei Artikel, die Industriefrüchte der kleineren Diebe, und wird am frühen Morgen und in der Abenddämmerung von schweigsamen Handelsleuten besucht, die in finsteren Hinterzimmern ihre Geschäfte abmachen und auf so absonderliche Art gehen, wie sie kommen.
In Field-Lane lenkte der Jude ein. Er war den Bewohnern sehr wohl bekannt, von denen einer nach dem andern dem Vorübergehenden vertraulich zunickte. Er erwiderte ihre Begrüßungen auf dieselbe Weise, hielt sich indes nirgends auf, bis er den Ausgang der Straße erreicht hatte, wo er einen Handelsmann von sehr kleiner Statur anredete, der in seinem Laden saß und behaglich seine Pfeife rauchte. Er fragte ihn, wie er sich befände.
«Vortrefflich! Aber in aller Welt, Mr. Fagin, wie, bekommt man Euch einmal wieder zu sehen?» erwiderte das Männchen.
«Die Nachbarschaft hier war zu heiß ein wenig, Lively!» sagte Fagin, die Augenbrauen emporziehend und die Hände über der Brust kreuzend.
«Hm! ich habe wohl schon ein paarmal darüber klagen hören; sie kühlt sich indes bald wieder ab -- findet Ihr das nicht auch?»
Fagin nickte, wies nach Saffron-Hill und fragte, ob dort zu Abend jemand wäre.
«In den Krüppeln?» fragte der kleine Handelsmann.
Der Jude bejahte.
«Wartet mal», fuhr der Handelsmann nachsinnend fort. «Ja, es ist ein halbes Dutzend hineingegangen, soviel ich gesehen habe. Ich glaube aber nicht, daß Euer Freund dort ist.»
«Ist Sikes nicht da?» fragte Fagin mit der Miene getäuschter Erwartung.
«Nein», erwiderte der Kleine, mit einem unsagbar schlauen Ausdruck den Kopf schüttelnd. «Habt Ihr nichts zu handeln heute?»
«Heute nicht», erwiderte der Jude im Fortgehen.
«Geht Ihr in die Krüppel, Fagin?» rief ihm der kleine Handelsmann nach. «Ich will mitgehen und 'nen Tropfen mit Euch trinken.»
Fagin winkte ihm mit der Hand, ihm bedeutend, daß er allein zu bleiben wünsche, und die Krüppel wurden somit für dieses Mal der Ehre des Besuchs Mr. Livelys beraubt, zumal der kleine Mann nicht leicht von seinem Geschäft abkommen konnte. Während er sich erhoben hatte, war der Jude verschwunden, und nachdem Mr. Lively sich vergebens auf die Zehen gestellt hatte, um ihn nochmals zu Gesicht zu bekommen, mußte er sich notgedrungen wieder auf seinen Stuhl setzen und nahm nach einem bedenklichen und mißtrauischen Kopfschütteln seine Pfeife wieder zur Hand.
Die Krüppel waren das Gasthaus, in welchem Sikes und sein Hund bereits figuriert haben. Fagin gab einem Manne am Schenktische nur ein stummes Zeichen und ging geradeswegs die Treppe hinauf, öffnete eine Tür, trat sacht hinein und blickte ängstlich suchend und die Augen mit der Hand beschattend, umher.
Das Zimmer war durch zwei Gasflammen erleuchtet, man hatte aber die Fensterläden verschlossen und die Vorhänge dicht zugezogen. Die Decke war geschwärzt, damit ihre Farbe unter dem Qualm der Lampen nicht litte, und der ganze Raum dergestalt mit Tabaksrauch angefüllt, daß Fagin anfangs kaum einen Gegenstand zu unterscheiden vermochte. Allmählich erkannte er jedoch die zahlreiche Gesellschaft, deren Anwesenheit ihm zuerst nur durch verworrenen Lärm kund geworden war. Oben an der Tafel saß mit einem Präsidentenhammer der Wirt, ein plumper, vierschrötiger Mann, der, als ein munteres Lied gesungen wurde, sich gänzlich der allgemeinen Heiterkeit hinzugeben schien, die Augen und Ohren aber -- und zwar sehr scharfe Augen und Ohren -- offen und überall hatte. Ihm gegenüber an einem verstimmten Fortepiano saß ein Musiker mit bläulicher Nase und Zahnschmerzen halber verbundener Wange. Die Sänger ließen sich ihre Gläser noch weit besser als die ihnen gespendeten Lobsprüche behagen, und die Gesichter ihrer Bewunderer drückten fast jedes Laster in jeglicher Abstufung aus und waren unwiderstehlich anziehend, weil grenzenlos abstoßend. Man sah überall die mannigfachsten und wahrhaftesten Bilder der Verschmitztheit, Brutalität und Trunkenheit, und die -- sämtlich noch mehr oder minder jugendlichen -- Frauenzimmer trugen die abschreckendsten Spuren der Ausschweifung an sich, während in ihrem wüsten Aussehen keine Spur edler Weiblichkeit mehr zu entdecken war, so daß sie die schwärzeste und betrübendste Schattenpartie des Gemäldes bildeten.
Fagin ließ sich jedoch durch Gedanken solcher Art nicht von fern beunruhigen. Seine Blicke schweiften gespannt von einem Gesicht zum andern, schienen aber vergebens zu suchen. Er winkte endlich unbemerkt dem vorsitzenden Wirte, und schlich so sacht wieder hinaus, wie er hineingeschlichen war.
«Was wünscht Ihr von mir, Mr. Fagin?» fragte der Wirt leise, sobald er beim Juden draußen an der Treppe stand. «Wollt Ihr Euch nicht zu uns setzen? Die ganze Gesellschaft würde sich sehr freuen.»
Der Jude schüttelte ungeduldig den Kopf und flüsterte: «Ist er hier?»
«Nein.»
«Keine Nachricht von Barney?»
«Nein. Er wird sich auch nicht rühren, bis alles sicher ist. Verlaßt Euch drauf, sie sind ihm auf der Spur, und wenn er sich blicken ließe, würde er die ganze Geschichte verraten. 's ist alles ganz richtig mit ihm: ich hätte sonst von ihm gehört. Laßt ihn nur zufrieden; ich stehe dafür, daß er sich mit großer Klugheit benimmt.»
«Wird er nicht kommen heut' abend?»
«Meint Ihr Monks?» lautete des Wirtes zögernde Gegenfrage.
«Pst! Ja doch!»
«Ich hab' ihn schon erwartet, und wenn Ihr nur zehn Minuten verweilen wollt --»
«Nein, nein», unterbrach ihn der Jude hastig, als ob es ihn beruhigt hätte, zu hören, daß der Mann, nach welchem er gefragt, nicht anwesend sei, so begierig er, wie es schien, gewesen war, ihn zu sehen. «Sagt ihm, daß ich ihn gesucht hätte hier, und daß er noch heute abend müßte kommen zu mir -- doch nein, sagt morgen. Da er einmal nicht hier ist, wird's auch morgen noch sein Zeit genug.»
«Gut! Habt Ihr noch ein Anliegen?»
«Nein, gute Nacht!» erwiderte Fagin im Hinuntergehen.
«Holla!» rief ihm der Wirt flüsternd nach, «was dies für 'ne Gelegenheit zu 'nem Geschäftchen sein würde! Ich hab' da den Phil Barker drinnen so sternig[AK], daß ihn ein Kind brennen[AL] könnte.»
[AK] betrunken.
[AL] betrügen.
«Ah so! 's ist aber noch nicht für Phil Barker die Zeit», rief der Jude ebenso leise zurück. «Phil hat noch zu tun etwas, bis wir können ihn entbehren. Geht also wieder zu Eurer Gesellschaft, mein Lieber, und sagt den Leuten, daß sie lustig möchten leben -- solange sie noch am Leben sind. Ha, ha, ha!»
Der Wirt stimmte in das heisere Lachen des alten Mannes ein und kehrte zu seinen Gästen zurück. Sobald der Jude allein war, wurden auch seine Mienen wieder nachdenklich und besorgt. Nach einem kurzen Besinnen rief er einen Mietskutscher an, befahl ihm, nach Bethnal Green zu fahren, stieg einige tausend Schritte vor Sikes' Wohnung wieder aus und eilte zu Fuß weiter.
«Jetzt wird sich's schon zeigen, mein Mädchen,» murmelte er vor sich hin, als er an die Haustür klopfte; «führst du was Geheimes im Schilde, so will ich's bald haben heraus, so listig du auch bist.»
Er schlich leise hinauf und trat, ohne anzuklopfen, in Nancys Zimmer. Sie war allein und lag mit dem Kopfe, um den das Haar unordentlich herumhing, auf dem Tische. «Sie hat getrunken», dachte er gleichgültig, «oder ist vielleicht bloß unwirsch.»
Der alte Mann drückte die Tür wieder zu, während er diese Betrachtung anstellte, und das dadurch hervorgebrachte Geräusch weckte sie aus ihrem Schlummer oder Hinbrüten; sie begegnete ruhig seinen forschenden Blicken, fragte, was es Neues gäbe, und er erzählte ihr, was er von Toby Crackit vernommen hatte. Sie hörte ihm zu, legte, ohne ein Wort zu sprechen, den Kopf wieder auf den Tisch, stieß dann das Licht ungeduldig von sich und scharrte mit den Füßen; dies war jedoch alles.
Der Jude blickte unruhig umher, als ob er sich überzeugen wollte, daß Sikes nicht insgeheim zurückgekehrt wäre. Befriedigt, wie es schien, durch sein Umherspähen, hustete er ein paarmal und machte ebensoviele Versuche, ein Gespräch anzuknüpfen; allein das Mädchen beachtete ihn nicht mehr, als wenn er eine Bildsäule gewesen wäre. Endlich nahm er sich zusammen und sagte händereibend und im freundlichsten Tone: «Was meinst du denn, liebes Kind, wo wohl sein mag Bill?»
Das Mädchen murmelte in kaum verständlichen Worten, sie könne es nicht sagen, und es schien ihm, als ob sie leise schluchze.
«Und wo wohl mag sein der kleine Oliver?» fuhr er fort, die Augen anstrengend, um etwas von ihrem Gesichte zu erspähen. «Das arme Kind -- denk nur, Nancy -- wie sie's haben lassen liegen in einem Graben!»
«Da ist ihm wohler als unter uns», sagte das Mädchen, plötzlich aufblickend; «und wenn für Bill nichts Schlimmes daraus entsteht, so will ich hoffen und wünschen, daß der Kleine tot im Graben liegt, und daß seine jungen Gebeine darin verfaulen.»
Den Lippen des Juden entfloh ein Ausruf des Erstaunens.
«Ja, das hoff' und wünsch' ich», fuhr Nancy, seinen Blicken begegnend, fort. «Ich freue mich, daß er mir aus den Augen, und zu wissen, daß das Schlimmste vorüber ist. Ich *kann* ihn nicht um mich haben; ich verabscheue mich selbst und euch alle, wenn ich ihn sehe.»
«Pah!» fiel der Jude verächtlich ein. «Du bist betrunken, Mädchen.»
«So -- betrunken!» höhnte Nancy. «Eure Schuld ist's freilich nicht, wenn ich's nicht bin. Ich wäre niemals nüchtern, wenn's nach Eurem Willen ginge, jetzt ausgenommen! -- Meine Laune scheint Euch nicht zu behagen.»
«Nein, durchaus nicht!» sagte der Jude wütend.
«So ändert sie», fuhr das Mädchen mit Lachen fort.
«Sie ändern!» schrie der Jude, durch die unerwartete Hartnäckigkeit des Mädchens und die Verdrießlichkeiten des Abends über alle Maßen erbittert. «Ja, ich will sie ändern! Hör', was ich werde dir sagen, du liederliches Weibsbild! Ich, der ich nur zu sprechen brauche sechs Worte, und Sikes wird zugeschnürt die Kehle so gewiß, wie ich würde ihn dämpfen, hätt' ich jetzt zwischen meinen Fingern seinen Stierhals. Kommt er zurück, ohne mitzubringen den Knaben -- kommt er glücklich davon und bringt mir nicht ihn, lebendig oder tot, Mädchen, so morde deinen Bill selbst, wenn du willst, daß er entgehen soll dem Galgen, und tu' es ja, sobald er den Fuß hier setzt hinein ins Zimmer; denn merk', es wird sonst sein zu spät!»
«Was sagt Ihr da?» rief das Mädchen unwillkürlich aus.
«Was ich sage?» fuhr der Jude, vor Wut fast von Sinnen, fort. «Dies sag' ich! Wenn das Kind ist wert viele hundert Pfund für mich, soll ich verlieren, was mir zugewürfelt hat der Zufall, durch die Tollheiten einer betrunkenen Bande, deren Leben in meiner Gewalt ist -- und indem ich obenein gesellt bin mit 'nem eingefleischten Teufel, der nur braucht zu wollen und hat die Macht, zu ... zu ...» --
Er keuchte atemlos, sprudelte vor Wut, bemühte sich vergebens, Worte zu finden; plötzlich aber bezwang er seinen Zorn und nahm ein ganz anderes Wesen an. Er sank zusammengekrümmt auf einen Stuhl nieder und bebte vor Angst, geheimste Schurkereien selbst offenbart zu haben. Nach einem kurzen Stillschweigen wagte er es, nach Nancy hinzublicken und schien etwas ruhiger zu werden, als er sie wieder in derselben achtlos gleichgültigen Stellung sah, in welcher er sie gefunden hatte.
«Nancy, liebes Kind,» krächzte er in seinem gewöhnlichen Tone, «hast du gehört, was ich habe gesagt?»
«Laßt mich jetzt in Ruhe, Fagin», antwortete sie, den Kopf matt und schläfrig emporrichtend. «Wenn es Bill diesmal nicht getan hat, so wird er's ein andermal tun; er hat manch schönes Geschäft für Euch ausgerichtet und wird Euch noch viele ausrichten, wenn er kann; kann er's aber einmal nicht, so kann er's nicht. Und nun sprecht nicht mehr davon.»
«Aber was anbelangt den Oliver, Kind?» sagte der Jude, indem er sich unruhig die Hände rieb.
«Er muß das Schicksal der anderen teilen,» fiel Nancy hastig ein; «und ich sag' es noch einmal, ich hoffe, daß er tot ist und vor Schaden und vor Euch sicher ist -- das heißt, wenn Bill nichts Schlimmes begegnet; und ist Toby gut davongekommen, so wird er's ohne Zweifel auch sein, denn was der kann, kann Bill tausendmal.»
«Und was anbelangt das, was ich sagte, Kind?» sagte der Jude, sie doppelt scharf in das Auge fassend.
«Ihr müßt's alles noch einmal wiederholen, wenn Ihr wollt, daß ich etwas tun soll,» entgegnete Nancy, «und sagt mir es lieber morgen. Ihr hattet mich auf 'nen Augenblick aufgestört, aber ich bin jetzt wieder so müd' und dämlich wie vorher.»
Der Jude legte ihr noch mehrere andere Fragen in derselben Absicht vor, um zu erfahren, ob sie die ihm in einem unbewachten Augenblicke entschlüpften Andeutungen beachtet und verstanden hätte; allein sie antwortete und hielt seine forschenden Blicke so unbefangen aus, daß er seinen ersten Gedanken, daß sie zuviel getrunken, vollkommen bestätigt zu sehen glaubte. Und Miß Nancy war allerdings nicht frei von der unter Fagins Zöglingen gewöhnlichen Schwäche, der Neigung zum übermäßigen Genuß geistiger Getränke, in der sie in ihren zarteren Jahren eher bestärkt wurden, als daß man sie davon zurückgehalten hätte. Ihr wüstes Aussehen und der das Gemach anfüllende starke Genevergeruch dienten zum bekräftigenden Beweise der Richtigkeit der Annahme des Juden; und als sie endlich zu weinen und gleich darauf wieder zu lachen anfing und wiederholt rief: «Heisa, wer wollte den Kopf hängen lassen!» so zweifelte er, der in Sachen dieser Art seinerzeit große eigene Erfahrungen gemacht hatte, nicht mehr und freute sich höchlich der Gewißheit, daß ihre Trunkenheit in der Tat schon einen hohen Grad erreicht hatte.
Er empfand infolge dieser Entdeckung eine große Erleichterung und entfernte sich sehr zufrieden, seinen doppelten Zweck erreicht zu haben, dem Mädchen zu hinterbringen, was ihm von Toby mitgeteilt worden war, und sich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß Sikes nicht zurückgekehrt wäre. Es war eine Stunde vor Mitternacht und bitterlich kalt; er säumte daher nicht, seine Wohnung baldmöglichst zu erreichen. Als er an der Ecke der Straße, in welcher sie lag, angelangt war und schon in der Tasche nach dem Hausschlüssel suchte, trat plötzlich und unhörbar ein Mann hinter ihn und flüsterte seinen Namen dicht an seinem Ohre. Er wendete sich rasch um und sagte: «Ist das --»
«Ja, ich bin's», unterbrach ihn der Mann barsch. «Hab' hier seit zwei Stunden aufgepaßt. Wo zum Teufel seid Ihr gewesen?»
«Beschäftigt mit Euren Angelegenheiten, mein Lieber», erwiderte der Jude, ihn unruhig anblickend und einen langsameren Schritt annehmend. «Den ganzen Abend beschäftigt mit Euren Angelegenheiten.»
«Ei, natürlich», sagte der andere höhnisch. «Was habt Ihr denn ausgerichtet?»
«Nicht viel Gutes», antwortete Fagin.
«Ich will hoffen, nichts Schlimmes», fiel der Vermummte, stillstehend und den Juden wild ansehend, ein.
Fagin schüttelte den Kopf und stand im Begriff, ihm eine Antwort zu geben, als ihn der Vermummte unterbrach und sagte, er wolle lieber drinnen im Hause anhören, was er würde hören müssen, denn er wäre halb erfroren. Der Jude sah ihn mit einer Miene an, die offenbar genug verkündete, daß er des Besuches zu einer so späten Stunde gar gern überhoben wäre, und murmelte, daß er kein Feuer habe, und Ähnliches; allein der unwillkommene Gast wiederholte seine Erklärung, mit ihm gehen zu wollen, mit großer Bestimmtheit, und Fagin schloß die Haustür auf und sagte ihm, er möge sie leise wieder verschließen, während er selbst Licht holen wolle.
«'s ist hier so finster wie im Grabe», bemerkte der Besucher, ein paar Schritte vorwärts tappend. «Macht geschwind, ich kann solche Dunkelheit nicht leiden.»
«Verschließt die Tür», flüsterte Fagin unten auf dem Hausflur, und während er sprach, wurde die Türe mit donnerndem Schalle zugeworfen.
«Das hab' ich nicht getan», sagte Fagins Peiniger, sich vorwärts fühlend. «Der Wind schlug sie zu, oder sie schloß sich von selber. Macht geschwind, daß Ihr Licht bekommt, oder ich stoße mir in diesem verwünschten Loche den Kopf noch ein.»
Fagin schlich in die Küche hinunter und kehrte bald darauf mit einem angezündeten Lichte und der Kunde zurück, daß Toby Crackit unten im Hinter- und die Knaben im Vorderzimmer schliefen. Er winkte seinem ungebetenen Gaste und führte ihn die Treppe hinauf in ein Zimmer des oberen Stockwerks.
«Wir können sagen hier die paar Worte, die wir haben zu sagen,» begann er, als sie eingetreten waren, «und ich will das Licht setzen draußen an die Treppe, denn in den Fensterläden sind Löcher, und wir lassen niemals sehen die Nachbarn, daß wir Licht haben.»
Er stellte den Leuchter der Tür des Zimmers gegenüber, in welchem sich nur ein gebrechlicher Sessel und hinter der Tür ein altes Sofa ohne Überzeug befand, auf das sich der müde Fremde warf. Der Jude setzte sich vor ihn in den Sessel. Da die Tür halb offen stand, so war es im Zimmer nicht ganz finster, und das draußen stehende Licht warf einen schwachen Schein auf die Wand gegenüber.
Sie flüsterten einige Zeit so leise miteinander, daß ein Horcher von ihrer Unterredung nur etwa so viel hätte verstehen können, um daraus zu entnehmen, daß sich Fagin gegen Beschuldigungen des Fremden verteidigte, und daß sich dieser in einer sehr gereizten Stimmung befand. Sie mochten etwa eine Viertelstunde geflüstert haben, als Monks -- denn so hatte der Jude seinen Besucher mehrere Male genannt -- etwas lauter sagte: «Ich wiederhol's Euch, es war schlecht ausgedacht. Warum habt Ihr ihn nicht hier behalten bei den anderen und ohne weiteres 'nen jämmerlichen Taschendieb aus ihm gemacht?»
«Hör' einer an!» rief der Jude achselzuckend aus.
«Wollt Ihr damit sagen, daß Ihr's nicht gekonnt hättet, wenn Ihr gewollt?» fragte Monks unwillig. «Habt Ihr's nicht bei hundert anderen Knaben verstanden? Hättet Ihr höchstens zehn bis zwölf Monate Geduld gehabt, so wär's Euch doch ein leichtes gewesen, zu machen, daß er verurteilt und vielleicht auf Lebenszeit deportiert wurde.»
«Wem würde dabei gewesen sein gedient, mein Lieber?» fragte der Jude im demütigsten Tone.
«Mir!»
«Aber mir nicht», fuhr Fagin fast noch unterwürfiger fort. «Wenn zwei Leute sind beteiligt bei einem Geschäft, so ist's doch nur billig, daß berücksichtigt wird der Vorteil beider.»
«Was weiter?»
«Ich sah, daß es nicht leicht war, ihn zu erziehen zum Geschäft; er hatte nicht denselben Charakter wie andere Knaben.»
«Hol' ihn der Satan, nein! denn er wäre sonst schon längst ein Spitzbube gewesen.»
«Ich hatte kein Mittel in Händen, ihn zu machen schlimmer», fuhr der Jude, angstvoll Monks Mienen beobachtend, fort; «er hatte in nichts die Hand drin; ich konnt' ihm mit gar nichts einjagen Furcht und Schrecken, und wir arbeiten immer vergeblich, wenn das nicht angeht. Was konnt' ich tun? Ihn ausschicken mit dem Baldowerer und Charley? Es geschah, und wir hatten genug an dem einen Male, mein Bester; ich mußte zittern für uns alle.»
«*Das* war meine Schuld nicht», bemerkte der finstere Monks.
«Freilich; nein, o nein, mein Lieber, und ich mache Euch auch keinen Vorwurf deshalb; denn wär's nicht geschehen, so wären Eure Blicke vielleicht nicht gefallen auf den Knaben, und wir hätten vielleicht niemals gemacht die Entdeckung, daß er es war, den Ihr suchtet. Nun gut; ich bracht' ihn wieder in meine Gewalt durch die Nancy, und jetzt fängt sie an und wirft sich auf zu seiner Freundin.»
«Schnürt ihr die Kehle zu!» sagte Monks ungeduldig.
«Geht jetzt eben nicht an, mein Lieber,» versetzte Fagin lächelnd; «und außerdem machen wir in dergleichen keine Geschäfte, sonst wär mir's schon lieb, wenn es geschähe über kurz oder lang. Monks, ich kenne diese Dirne, sobald anfängt der Knabe verhärtet zu werden, wird sie sich nicht kümmern um ihn mehr, als um 'nen Holzblock. Ihr wollt, daß er werden soll ein Dieb; ist er noch am Leben, so kann ich ihn jetzt dazu machen; und wenn -- wenn -- 's ist freilich nicht wahrscheinlich -- aber wenn sich das Schlimmste hat ereignet, und er ist tot --»
«Wenn er's ist, so ist's meine Schuld nicht!» unterbrach ihn Monks mit bestürzter Miene und mit bebender Hand den Juden beim Arme fassend. «Merkt wohl, Fagin! ich habe keine Hand dabei im Spiel gehabt. Ich hab's Euch von Anfang an gesagt, alles -- nur nicht, daß er sterben sollte. Ich mag kein Blut vergießen -- es kommt stets heraus und peinigt einen außerdem! Ist er totgeschossen, so kann ich nichts dafür; hört Ihr, Fagin? -- Was -- ist der Teufel in dieser verwünschten Spelunke los? -- was war das?»
«Was -- in aller Welt?» schrie der Jude, Monks mit beiden Armen umfassend, als derselbe plötzlich im höchsten Schrecken emporsprang. «Was -- wo?»
«Dort!» erwiderte der bebende Monks, nach der Wand gegenüber hinzeigend. «Der Schatten -- ich sah den Schatten eines Frauenzimmers in 'nem Mantel und Hut, wie 'nen Hauch an dem Täfelwerk dahingleiten.»
Der Jude ließ ihn los, und beide stürzten aus dem Zimmer hinaus. Das vom Zugwinde flackernde Licht, das an der Stelle stand, wo es Fagin hingestellt hatte, zeigte ihnen nur die leere Treppe und ihre erbleichten Gesichter. Sie horchten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, allein die tiefste Stille herrschte im ganzen Hause.
«'s ist nichts gewesen als Eure Einbildung», sagte der Jude, das Licht aufhebend und zu Monks sich wendend.
«Ich will darauf schwören, daß ich's wirklich sah», versetzte Monks, fortwährend heftig zitternd. «Es beugte sich vor, als ich's erblickte, und verschwand, als ich zu Euch davon zu sprechen anfing.»
Der Jude warf ihm einen verächtlichen Blick zu, forderte ihn auf, ihm zu folgen, wenn es ihm beliebe, und ging voran die Treppe hinauf. Sie schauten in alle Gemächer hinein, begaben sich wieder hinunter auf den Hausflur, in die Keller, durchsuchten jeden Winkel, allein vergebens. Es war im ganzen Hause öde und still wie der Tod.
«Was meint Ihr nun, mein Guter?» sagte der Jude, als sie wieder auf dem Hausflur standen. «'s ist im Hause kein lebendiges Wesen außer uns und Toby Crackit und den Knaben, und die sind wohl verwahrt. Schaut!»
Er nahm zwei Schlüssel aus der Tasche und fügte hinzu, daß er, als er zuerst hinuntergegangen, Toby, Dawkins und Charley eingeschlossen habe, um jede Störung des Gesprächs unmöglich zu machen. Monks wurde wankend in seinem Glauben und erklärte endlich, daß ihm seine erhitzte Einbildungskraft einen Streich gespielt haben müsse, wollte die Unterredung jedoch für diesmal nicht fortsetzen, erinnerte sich plötzlich, daß ein Uhr vorüber sei, und das liebenswürdige Freundespaar trennte sich.
27. Kapitel.
In dem die Unhöflichkeit eines früheren Kapitels bestmöglich wieder gutgemacht wird.
Da es der geringen Person eines Schriftstellers schlecht anstehen würde, einen so wichtigen Mann wie einen Kirchspieldiener mit den Rockschößen unter dem Arme am Feuer stehen zu lassen, bis es dem Autor eben beliebte, ihn zu erlösen; und da ihm seine Stellung oder seine Galanterie noch weniger erlaubt, auf ähnliche Weise eine Dame zu vernachlässigen, auf welche besagter Kirchspieldiener ein wohlgeneigtes und zärtliches Auge geworfen und in deren Ohren er süße Worte geflüstert, welche, aus dem Munde eines solchen Mannes kommend, in den Herzenssaiten jeglicher Jungfrau oder Matrone Anklang finden mußten: so eilt der gewissenhafte Erzähler dieser Geschichte, der die gebührende Ehrfurcht vor denjenigen hegt, welche mit hoher und wichtiger Autorität bekleidet sind, ihnen jene Achtung zu zollen, welche ihre Stellung erfordert, und ihnen die ganze pflichtmäßige, rücksichtsvolle Behandlung angedeihen zu lassen, zu welcher ihr hoher Rang und folglich ihre großen Tugenden sie auf das vollkommenste berechtigen. Es war seine Absicht, zu diesem Zwecke hier eine Abhandlung einzufügen, in welcher das göttliche Recht der Kirchspieldiener erörtert und der Satz, daß ein Kirchspieldiener kein Unrecht tun könne, ins Licht gestellt werden sollte, -- eine Abhandlung, die für den verständigen und wohlgesinnten Leser sowohl angenehm wie nützlich hätte werden müssen; allein der Mangel an Zeit und Raum nötigt ihn unglücklicherweise, sie für jetzt noch zurückzustellen. Sobald es indes an Zeit und Raum nicht mehr gebricht, wird er zeigen, daß ein Kirchspieldiener in der wahren und höchsten Potenz -- das will sagen ein solcher, der beim Kirchspielarmenhause angestellt ist und in seiner amtlichen Eigenschaft die Kirchspielkirche besucht -- nach den Rechten und kraft seines Amtes alle Vortrefflichkeiten und mit einem Worte die besten Eigenschaften der menschlichen Natur besitzt, und daß bloße Vereins- oder Kapellen- oder Gerichtsdiener oder Pedelle auf jene Vortrefflichkeiten auch nur die mindesten begründeten Ansprüche keineswegs machen können.
Mr. Bumble hatte wiederholt die Teelöffel gezählt, die Zuckerzange gewogen, den Milchgießer geprüft und sämtliche Mobilien bis auf die Pferdehaarkissen der Stühle einer genauen Besichtigung unterworfen, ehe er daran dachte, daß es nachgerade wohl Zeit wäre, daß Mrs. Corney zurückkehrte. Sie ließ jedoch noch immer nichts von sich weder sehen noch hören, ein Gedanke pflegt einen anderen hervorzurufen, und so dachte Mr. Bumble weiter, daß er sich zum Zeitvertreibe nicht unschuldiger und gottseliger beschäftigen könne, als wenn er seine Neugier durch einen flüchtigen Blick in Mrs. Corneys Kommode befriedigte.
Nachdem er daher an der Tür gehorcht hatte, ob auch niemand in der Nähe wäre, fing er seine Untersuchung bei der untersten Schublade an, und die Kleider aus guten Stoffen, welche er fand, schienen ihm ausnehmend zu gefallen. In der obersten entdeckte er eine verschlossene Büchse, die er schüttelte, und das Geldgeklapper deuchte seinen Ohren gar liebliche Musik. Nachdem er sich eine Zeitlang daran ergötzt hatte, stellte er sich wie zuvor an den Kamin und sagte mit feierlich-ernster Miene: «Ich tu's», schien durch ein schlaues, wohlgefälliges Lächeln hinzufügen zu wollen, was er doch für ein rüstiger, lustiger und pfiffiger alter Knabe sei, und betrachtete endlich mit vielem Vergnügen und Interesse seine Waden im Profil.
Er war noch in sotane, befriedigende Wadenschau vertieft, als Mrs. Corney hastig hereintrat, sich atemlos auf einen Stuhl am Kamin warf, mit der einen Hand die Augen bedeckte, die andere auf das Herz legte und nach Atem rang.
«Mrs. Corney,» sagte Bumble, sich über sie beugend, «was ist Ihnen, Ma'am? Hat sich ein Unglück ereignet? Ich bitte, antworten Sie mir; ich stehe hier auf -- auf --» Mr. Bumble konnte sich in seiner Bestürzung nicht auf das Wort «Kohlen» besinnen, er sagte daher: «wie auf Zuckerzangen».
«Oh, Mr. Bumble,» rief die Dame aus, «ich bin ganz wie zerschlagen!»
«Zerschlagen -- wie?» zürnte Bumble. «Wer hat sich unterfangen -- ah, ich weiß es schon,» fügte er mit angeborener Würde und Feierlichkeit hinzu, «abermals so ein Stück von den spitzbübischen, gottvergessenen Armen!»
«'s ist schrecklich, nur daran zu denken!» sagte die Dame schaudernd.
«So denken Sie nicht daran, Ma'am», sagte Bumble.
«Ich kann's nicht lassen», entgegnete Frau Corney zimperlich.
«So stärken Sie sich durch einen Tropfen Wein», riet der Kirchspieldiener in mitleidigem Tone.
«Nicht um die Welt!» erwiderte Mrs. Corney. «Es wäre mir ganz unmöglich! Geistige Getränke -- nein -- nie -- Ach, ach! auf dem obersten Simse rechter Hand; ach, ach!»
Die gute Frau hatte offenbar heftige Krämpfe und hatte schon die Besinnung verloren, als sie nach dem Eckschranke hinwies. Bumble flog auf denselben zu, fand eine grüne Flasche darin, nahm sie heraus, füllte eine Tasse mit ihrem Inhalt und hielt sie der Dame an die Lippen.
«Mir ist wohler!» sagte Mrs. Corney, nachdem sie die Arznei halb ausgetrunken hatte.
Bumble hob zum Zeichen seiner dankbaren Gefühle die Augen zur Decke empor, senkte sie nieder auf den Rand der Tasse und hielt dieselbe unter seine Nase.
«Pfefferminzwasser», sagte Mrs. Corney mit matter Stimme, aber dem Kirchspieldiener zulächelnd. «Kosten Sie doch einmal -- es ist noch ein wenig sonst was drin.»
Bumble kostete den heilkräftigen Trank, kostete noch einmal mit weiser, prüfender Miene, und stellte die Tasse leer auf den Tisch.
«Es bekommt vortrefflich», bemerkte die Patientin.
Bumble erklärte, derselben Meinung zu sein, setzte sich neben Frau Corney und fragte zärtlich: «Was ist Ihnen aber begegnet, Ma'am?»
«O nichts», erwiderte sie; «ich bin eine recht törichte, erregbare, schwache Frau.»
«Schwach, Ma'am», sagte Bumble, ein wenig näher rückend. «Sind Sie wirklich schwach, Mrs. Corney?»
«Wir sind alle schwache Geschöpfe», versetzte Mrs. Corney, einen allgemeinen Satz aufstellend.
«Sehr wahr», stimmte Bumble ein.
Ein paar Minuten lang schwiegen beide, und nach Ablauf derselben hatte Mr. Bumble den allgemeinen Satz praktisch dadurch erläutert, daß er seinen linken Arm von Mrs. Corneys Stuhllehne entfernt und um ihr Schürzenband gelegt, wo er nunmehr mit sanftem Drucke ruhte.
«Wir sind allesamt schwache Geschöpfe», wiederholte er.
Mrs. Corney seufzte.
«Seufzen Sie doch nicht, Ma'am!»
«Ach! Wenn ich's nur lassen könnte!» Sie seufzte abermals.
«Dies Zimmerchen ist sehr nett und behaglich, Ma'am. Es würde mit noch so einem eine artige Wohnung ausmachen.»
«Es würde zu viel sein für eine einzelne Person», murmelte die Dame.
«Aber nicht für zwei, Ma'am», fiel Bumble schmachtend ein. «Was sagen Sie, Mrs. Corney?»
Mrs. Corney senkte den Kopf bei diesen Worten Mr. Bumbles, und Mr. Bumble senkte den seinigen gleichfalls, um ihr in das Gesicht schauen zu können. Mrs. Corney blickte mit großer Züchtigkeit seitwärts, machte ihre Hand los, um nach ihrem Taschentuche zu greifen, und ließ sie unwillkürlich in die Hand Mr. Bumbles sinken.
«Gibt Ihnen die Direktion nicht freie Feuerung, Mrs. Corney?» fragte der Kirchspieldiener, ihr zärtlich die Hand drückend.
«Und freies Licht», erwiderte Mrs. Corney, den Druck leise erwidernd.
«Feuerung, Licht und Wohnung frei», fuhr Bumble fort. «Oh, Mrs. Corney, welch ein Engel Sie sind!»
Die Dame war gegen einen solchen Gefühlserguß nicht unempfindlich genug, um noch länger widerstehen zu können, sondern sank in die Arme Mr. Bumbles, welcher Gentleman ihr im Sturme seiner Gefühle einen leidenschaftlichen Kuß auf die keusche Nase drückte.
«Oh, Sie Ausbund aller Kirchspielvollkommenheiten!» rief Mr. Bumble ganz verzückt aus. «Sie wissen doch, meine Himmlische, daß Mr. Slout heut' abend viel kränker geworden ist?»
«Ach ja», sagte Mrs. Corney verschämt.
«Der Doktor sagt, daß er keine acht Tage mehr leben könnte», fuhr Bumble fort. «Sein Tod hat die Vakanz des Haushofmeisterpostens zur Folge. Oh, Mrs. Corney, welche Aussichten eröffnen sich da! -- welche Aussichten auf die allerseligste Herzens- und Haushaltsverschmelzung!»
Mrs. Corney schluchzte.
«O meine bezaubernde Mrs. Corney!» sprach Bumble weiter, «das kleine Wörtchen -- nur das kleine, süße Wörtchen!»
«Ja -- a -- a!» hauchte Mrs. Corney.
«Und noch eins -- nur das eine noch -- wann soll es sein?»
Sie versuchte zweimal zu reden, doch vergebens. Endlich faßte sie sich ein Herz, schlang die Arme um Bumbles Nacken und sagte, sobald es ihm nur irgend gefiele, und er wäre ein gar zu lieber und ganz unwiderstehlicher Mann.
Nachdem die Angelegenheit auf diese freundschaftliche und befriedigende Weise geordnet war, wurde der Vertrag durch eine zweite Tasse Pfefferminzwasser feierlich besiegelt, was bei der Erregtheit und Beklemmung der Dame um so notwendiger war; und während die Tasse geleert wurde, erzählte Mrs. Corney ihrem Zukünftigen von dem Tode der alten Frau.
«Schön», bemerkte Bumble, sein Pfefferminzwasser schlürfend. «Ich will auf meinem Rückwege nach Hause bei Sowerberry vorsprechen und die erforderlichen Anordnungen treffen. Was war es denn aber, worüber Sie so ganz außer sich zu sein schienen, meine Liebe?»
«Oh, es war nichts Besonderes, Bester», erwiderte die Dame ausweichend.
«Ei, es muß doch etwas Besonderes gewesen sein. Warum wollen Sie es Ihrem Bumble nicht sagen?»
«Ein anderes Mal -- wenn wir erst verheiratet sind, mein Teuerster.»
«Wenn wir erst verheiratet sind! Es wird sich doch kein Armer eine Unverschämtheit gegen Sie herausgenommen haben?»
«O nein, nein, durchaus nicht!» fiel die Dame hastig ein.
«Wenn ich das auch annehmen müßte,» fuhr der Kirchspieldiener fort, «denken müßte, daß es ein Armer gewagt hätte, seine gemeinen Augen zu dem liebenswürdigen Antlitze zu erheben --»
«Das hätte keiner gewagt -- nimmermehr --»
«Ich wollt's ihnen auch wohl raten!» zürnte Bumble, die Faust schüttelnd. «Ich will den Menschen sehen, arm oder nicht arm, der sich's unterfinge, und kann ihm nur so viel versichern, daß er's nicht zum zweitenmal tun würde.»
Die Worte hätten vielleicht wie eine nicht eben große Schmeichelei gegen die Reize der Dame geklungen, wenn sie nicht durch heftiges Gebärdenspiel verschönt gewesen wären; da jedoch Bumble seine Drohung mit vielen kriegerischen Gestikulationen begleitete, so erblickte Mrs. Corney darin sehr gerührt nur einen Beweis seiner aufopfernden Ergebenheit und versicherte ihm bewundernd und mit großer Wärme, daß er wahrhaftig ein Täubchen wäre.
Mr. Bumble knöpfte den Rock bis unter das Kinn zu, setzte seinen dreieckigen Hut auf, umarmte seine Taube zärtlich und lange und ging, um abermals dem Sturme und der Kälte Trotz zu bieten, nachdem er zuvor bloß noch fünf Minuten im Zimmer der männlichen Armen verweilt und gegen dieselben ein wenig getobt hatte, um zu erproben, ob er der Stelle des Haushofmeisters auch mit der gebührenden Autorität würde vorstehen können. Nachdem er sich von seiner Befähigung überzeugt, verließ er das Haus mit einem leichten, fröhlichen Herzen und glänzenden Vorausahnungen seiner bevorstehenden Beförderung.
Mr. und Mrs. Sowerberry befanden sich in einer Abendgesellschaft, und da Noah Claypole zu keiner Zeit geneigt war, sich einem größeren Maße physischer Anstrengung zu unterziehen, als durch eine gemächliche Betätigung der Funktionen des Essens und Trinkens erfordert wird, so war der Laden noch nicht verschlossen, obgleich die Stunde längst vorüber war, zu welcher es hätte geschehen sollen. Bumble klopfte mehreremal mit seinem Rohre auf den Ladentisch; allein da niemand erschien, und da er durch das Glasfenster des kleinen Zimmers hinter dem Laden Licht schimmern sah, so trat er näher, um nachzusehen, was in dem Zimmerchen vorginge, und war nicht wenig erstaunt, zu sehen, was er sah.
Der Tisch war gedeckt, und auf ihm standen Brot und Butter, Teller und Gläser, ein Krug mit Porter und eine Weinflasche. Noah Claypole ruhte in nachlässigster Stellung in einem Sessel und hatte ein mächtiges Butterbrot in der Hand. Dicht neben ihm stand Charlotte und öffnete Austern, welche Noah sich herabließ, mit großem Behagen zu verschlingen. Eine mehr als gewöhnliche Röte in der Gegend der Nase des jungen Herrn und ein gewisses Blinzeln seines rechten Auges verkündigten, daß er ein wenig angetrunken war, und die besagten Symptome erhielten noch eine Verdeutlichung durch seine augenscheinliche Begier nach den Austern, die er offenbar hauptsächlich wegen ihrer kühlenden Eigenschaften bei innerlicher Glut genoß.
«Da ist 'ne prächtige, fette, Noah!» sagte Charlotte. «Die mußt du probieren.»
«Wie wundervoll doch Austern schmecken!» bemerkte Noah; «und wie schade ist's, daß man sich immer unbehaglich fühlt, wenn man sie in einiger Menge genossen hat.»
«'s ist wirklich grausam und unrecht», sagte Charlotte. «Hier ist wieder 'ne ganz herrliche.»
«Tut mir leid, ich kann nicht mehr. Komm her, Charlotte, daß ich dich küsse», sagte Noah.
«Wie -- was?» schrie Bumble, hineinstürzend. «Sag das noch einmal, Bursch!»
Charlotte stieß einen Schrei aus und verbarg ihr Gesicht hinter der Schürze, während Noah, ohne seine Lage zu verändern, den Kirchspieldiener mit dem Starrblicke der Trunkenheit angaffte.
«Sag' das noch einmal, du schändlicher, schamloser Schlingel!» fuhr Bumble fort. «Wie kannst du es wagen, von Küssen zu sprechen? Und Sie, freches Weibsbild, wie unterstehen Sie sich, ihn dazu aufzumuntern? Küssen! Pfui!» rief er in starker und gerechter Entrüstung aus.
«Ich wollt' es gar nicht!» sagte Noah bestürzt und flehend. «Sie küßt mich immer, ich mag es haben wollen oder nicht.»
«O Noah!» rief Charlotte mit einem Blicke des Vorwurfs.
«Ja, es ist wahr,» sprudelte Noah, «du tust's immer. Mr. Bumble, sie läßt's und läßt's nicht und klopft mich immer unter das Kinn und flattiert mir auf alle ersinnliche Weise.»
«Schweig!» donnerte Bumble. «Sie packen sich sogleich hinaus, und du, Musjö Noah, verschließt den Laden und sprichst, bis dein Herr nach Hause kommt, kein Wort mehr, auf deine eigene Gefahr; und wenn er nach Hause kommt, so sag ihm, ich ließe ihm sagen, er möchte morgen früh nach dem Frühstück 'nen Sarg für 'ne alte Frau schicken. Hörst du? -- Küssen! Die Sündhaftigkeit und Gottlosigkeit der geringeren Klasse in diesem Kirchspielbezirke hat eine schreckliche Höhe erreicht, und zieht das Parlament ihre Verdorbenheit nicht in Betracht, so ist das Land zugrunde gerichtet und die Sittlichkeit des Volkes für immer zum Henker!»
Mit diesen Worten schritt er majestätisch und düster hinaus; und da wir ihn nun so weit auf seinem Heimwege begleitet und alle nötigen Anordnungen zum Begräbnisse der alten Frau getroffen haben, wollen wir uns nach Oliver Twist umsehen und unsere Wißbegier befriedigen, ob er noch in dem Graben liegt, in welchem Bill Sikes und Toby Crackit ihn haben liegen lassen.
28. Kapitel.
Was Oliver nach dem mißlungenen Einbruche begegnete.
«Daß euch die Wölfe zerrissen!» murmelte Sikes zähneknirschend. «Wollte, daß ich einem von euch nahe genug wäre, er sollte mir erst Ursache zum Heulen bekommen!»
Indem Sikes mit dem wütendsten Ingrimme, dessen er fähig war, diese Worte vor sich hin sprach, legte er den verwundeten Knaben über sein niedergebeugtes Knie und sah sich nach seinen Verfolgern um. Er vermochte in dem Nebel und der Finsternis nichts zu unterscheiden, allein desto heller und lauter tönte das Rufen und Schreien der Nachsetzenden, das Gebell der Hunde rings umher und der Schall der Lärmglocke durch die Nacht.
«Steh, feiger Schuft!» schrie Sikes Toby Crackit nach, der den eilfertigsten Gebrauch von seinen langen Beinen zu machen angefangen hatte, und schon eine Strecke voraus war. «Steh' augenblicklich!»
Toby gehorchte, da er noch nicht vollkommen gewiß war, außer Schußweite zu sein, und deutlich erkannte, daß Sikes nicht in der Stimmung wäre, mit sich scherzen zu lassen.
«Hilf mir den Knaben forttragen», tobte der Wütende. «Komm zurück -- hierher!»
Toby kehrte langsam einige Schritte zurück, wagte indes leise und atemlos einige bescheidene Gegenvorstellungen.
«Geschwinder!» schrie Sikes, legte den Knaben in einen trockenen Graben und zog eine Pistole hervor. «Hab' mich ja nicht zum Narren!»
Gerade in diesem Augenblick verdoppelte sich der Lärm, und Sikes konnte erkennen, daß die Verfolger bereits über die Umzäunung des Feldes kletterten, auf welchem er sich mit Toby und Oliver befand, und daß ihnen ein paar Hunde mehrere Schritte voraus waren.
«'s ist nichts mehr zu machen, Bill», sagte Toby; «laßt den Schreiling[AM] und nehmt die Bein' untern Arm!»
[AM] Knabe.
Er mochte sich lieber der Möglichkeit aussetzen, von dem Freunde niedergeschossen zu werden, als unfehlbar dem Feinde in die Hände zu fallen, und rannte daher, so schnell ihn seine Füße tragen wollten, davon. Sikes biß die Zähne zusammen, warf einen Tuchkragen über den Knaben, lief an der nächsten Hecke hin, um die Verfolger zu täuschen, stand vor einer zweiten still, die mit jener in einem rechten Winkel zusammenstieß, schleuderte seine Pistole hoch in die Luft, wagte einen verzweifelten Sprung und rannte in einer anderen Richtung als Toby fort.
Seine Eile war unnötig, denn während er über Stock und Block davoneilte, rief schon einer der drei Nachsetzenden die Hunde zurück, die gleich ihren Herren kein großes Behagen an der Verfolgung zu finden schienen und daher augenblicklich gehorchten. Das Kleeblatt war nur wenige Schritte weit auf das Feld vorgedrungen und stand still, um zu beraten.
«Mein Rat, oder wenigstens mein Befehl ist der,» sagte der dickste der drei Männer, «daß wir auf der Stelle umkehren und wieder nach Hause gehen.»
«Mir ist alles recht, was Mr. Giles recht ist», fiel ein kleinerer Mann ein, der indes auch keineswegs schmächtig genannt werden konnte und sehr blaß und sehr höflich war, wie es die Leute häufig sind, wenn die Furcht sie beherrscht.
«Meine Herren,» nahm der dritte das Wort, der die Hunde zurückgerufen hatte, «ich möchte nicht gern ungezogen erscheinen. Mr. Giles muß es am besten wissen.»
«Ja, ja,» fiel der kleinere ein, «was Mr. Giles sagt, dem dürfen wir nicht widersprechen; nimmermehr, ich kenne meine Stellung Gott sei Dank zu gut, um mir's herauszunehmen.»
Der kleine Mann schien seine Stellung in der Tat nicht bloß genau zu kennen, sondern auch sehr unangenehm zu empfinden, denn er stand zähneklappernd neben den beiden andern.
«Sie fürchten sich, Brittles», sagte Mr. Giles.
«Nicht im mindesten», sagte Brittles.
«Sie fürchten sich allerdings!»
«Sie irren, Mr. Giles.»
«Sie lügen, Brittles.»
Das Zwiegespräch war eine Folge davon, daß Mr. Giles Verdruß empfand, und sein Verdruß war aus seinem Unwillen darüber entsprungen, daß die Verantwortlichkeit wegen der Rückkehr nach Hause in der Form eines Kompliments auf ihn zurückgewälzt worden war. Der dritte Mann beendete den Streit sehr philosophisch. «Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie es ist», fiel er ein; «wir fürchten uns alle.»
«Sie reden nach Ihrer eigenen Erfahrung», versetzte Mr. Giles, der der blässeste von den dreien war.
«Allerdings», sagte der Angeredete. «'s ist unter solchen Umständen ganz natürlich und schicklich, daß man sich fürchtet.»
«Nun, ich fürchte mich auch», sagte Brittles; «aber warum ist es notwendig, es einem so geradezu in das Gesicht zu sagen?»
Diese offenen Geständnisse besänftigten Mr. Giles, der sofort einräumte, auch seinerseits einige Furcht zu empfinden, worauf alle drei in der vollkommensten Einmütigkeit zurückzueilen anfingen. Nicht lange nachher trug jedoch Mr. Giles, der den kürzesten Atem hatte und eine große Heugabel trug, auf ein kurzes Verweilen an, um sich wegen seiner Ausfälle zu entschuldigen.
«Man glaubt es aber gar nicht,» schloß er, «wozu man fähig ist, wenn einem das Blut warm geworden. Wahrhaftig, ich würde einen Mord begangen haben -- ich weiß es -- hätten wir einen der Bösewichter gefangen.»
Die anderen beiden hatten ähnliche Überzeugungen und konnten nur nicht begreifen, wie es zugegangen, daß in ihrer Stimmung eine so plötzliche Änderung eingetreten war.
«Ich weiß es», sagte Giles; «es kam von der Umzäunung her. Ja, die Umzäunung des Feldes, auf welchem wir die Halunken fast ertappt hätten, unterbrach alle Mordgedanken und hemmte die innere Wut. Ich fühlte sie bei mir im Hinübersteigen vergehen.»
Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen hatten die beiden andern dasselbe Gefühl genau in demselben Augenblick empfunden, so daß Mr. Giles ganz offenbar recht gehabt hatte, als er sagte: es kam von der Umzäunung her -- namentlich, da hinsichtlich des Zeitpunktes, in dem die Veränderung Platz gegriffen hatte, gar kein Zweifel obwalten konnte, da sich alle drei entsannen, daß sie in dem Augenblicke, da sie eintrat, die Einbrecher zu Gesicht bekommen hätten.
Dieses Gespräch führten die beiden Männer, welche die Einbrecher überrascht hatten, und ein wandernder Kesselflicker, der in einem Nebengebäude geschlafen und sich nebst seinen beiden Hunden hatte entschließen müssen, an dem gefahrvollen Abenteuer der Diebesverfolgung teilzunehmen. Mr. Giles diente der alten Dame, welche das Haus bewohnte, in der doppelten Eigenschaft als Keller- und Haushofmeister, und Brittles war Bedienter, Gärtner, Ausläufer usw. Die alte Dame hatte ihn in ihren Dienst genommen, als er noch ein kleiner, vielversprechender Knabe gewesen war, und er wurde noch immer als ein solcher behandelt, obgleich er in den Dreißigern stand.
Die drei kühnen Männer setzten unter ermutigenden und die Zeit kürzenden angenehmen Gesprächen in geschlossener Phalanx ihren Rückzug fort und bewiesen, obwohl ihnen noch mancher ungewöhnlich starke Windstoß Schrecken einjagte, die Geistesgegenwart, ihre Laterne abzuholen, die sie hinter einem Baume hatten stehen lassen, damit sie den Dieben nicht anzeigte, wohin sie schießen müßten, falls sie etwa Feuer zu geben geneigt wären.
Sie waren längst zu Hause angelangt, die Luft wurde immer kälter, je näher der Morgen kam, der Nebel bewegte sich am Boden entlang wie eine dichte Rauchwolke, das Gras war feucht, die Fußwege und niedrig gelegenen Stellen waren kotig und schlammig, ein naßkalter Wind verkündete sein Nahen durch ein hohles Brausen -- und Oliver lag noch immer bewußtlos in dem Graben, wo ihn Sikes niedergelegt hatte. Im Osten zeigte sich das erste matte Morgengrauen -- eher dem Tode der Nacht als der Geburt des Tages zu vergleichen. Die Gegenstände, die in der Finsternis unheimlich ausgesehen hatten, nahmen immer bestimmtere Umrisse an und erhielten allmählich ihre gewöhnliche Gestalt. Der Regen rauschte in Strömen nieder und schlug klatschend auf die entlaubten Büsche -- aber Oliver empfand kein Ungemach davon; er lag fortwährend hilflos und ohnmächtig auf seinem harten, feuchten Bette von Erde.
Endlich weckte ihn ein empfindlicher Schmerz; er schrie laut auf und erwachte. Sein linker, in der Eile mit einem Tuche verbundener Arm hing schwer und gelähmt an seiner Seite, und das Tuch war mit Blut getränkt. Er war so schwach, daß er sich kaum in eine sitzende Stellung emporzurichten vermochte; er blickte matt nach Hilfe umher und ächzte vor Schmerz. Bebend an allen Gliedern vor Kälte und Erschöpfung, suchte er sich aufzurichten, fiel aber ohnmächtig der Länge nach wieder nieder.
Eine ihn überfallende Ohnmachtsempfindung, die ihm die Warnung zuzuraunen schien, er werde unfehlbar sterben müssen, wenn er noch länger daläge, brachte ihn zum Bewußtsein zurück. Er stand mühsam auf, ihm schwindelte jedoch, und er wankte gleich einem Betrunkenen von einer Seite zur anderen. Er hielt sich nichtsdestoweniger aufrecht und taumelte mit gesenktem Kopfe vorwärts, ohne zu wissen wohin.
In seinem Innern drängten sich ängstigende, verwirrte Gedanken und Bilder. Es war ihm, als wenn er noch zwischen Sikes und Crackit ginge, die ergrimmt miteinander zankten; ihre Worte tönten noch in seinen Ohren, und als ihn ein Fehltritt zum Bewußtsein zurückrief, machte er die Entdeckung, daß er zu den beiden schrecklichen Männern redete, als wenn er sich noch in ihrer Gewalt befände. Dann kam es ihm wieder vor, als wenn er mit Sikes allein wäre, der ihm seine Rolle bei dem beabsichtigten Einbruche einzuprägen suchte. Unbestimmte, düstere Gestalten schwebten an ihm hin und wieder, er schreckte zusammen bei dem vermeintlichen Knalle eines Feuergewehrs, er hörte lautes Rufen und Schreien, vor seinen Augen flimmerten und verschwanden Lichter, es summte ihm vor den Ohren, alles vor Verwirrung und Lärmen, er fühlte sich durch eine unsichere Hand fortgetragen; und während er so halb wachend träumte, peinigte und ängstigte ihn fortwährend ein undeutliches Schmerzgefühl, ein Halbbewußtsein seiner unsäglich jammervollen Lage.
So wankte er weiter und weiter, fast mechanisch durch Gitter oder Lücken in den Hecken kriechend, bis er einen Weg erreicht hatte; und jetzt fing es an so stark zu regnen, daß er wirklich erwachte. Er blickte umher und sah in geringer Entfernung ein Haus, bis zu welchem er sich fortschleppen zu können meinte. Die Bewohner desselben hatten vielleicht Mitleid mit ihm, und wo nicht, so war es doch besser, wie er dachte, in der Nähe menschlicher Wesen zu sterben als allein auf den öden Feldern. Er sammelte seine letzten Kräfte, und eilte so rasch er konnte, dem Hause zu.
Als er näher kam, war es ihm, als wenn er es schon gesehen hätte, wenn er sich auch seiner einzelnen Teile nicht erinnern konnte. Doch ach, die Gartenmauer! Und dort an jener Stelle hatte er sich in der vergangenen Nacht auf die Knie niedergeworfen und die beiden Männer um Erbarmen angefleht. Es war dasselbe Haus, das sie zu berauben versucht hatten. Auf ein paar Augenblicke überkam ihn ein Gefühl so entsetzlichen Schreckens, daß er den Schmerz seiner Wunde vergaß und nur an Flucht dachte. Flucht! Er war kaum imstande, sich auf den Füßen zu halten, und hätte er die Kräfte dazu gehabt, wohin hätte er fliehen sollen? Die Gartentür stand offen, er wankte über den Grasplatz, stieg mit Mühe die Stufen des Portals vor der Haustür hinan und klopfte leise; die Kräfte schwanden ihm, und er sank ohnmächtig nieder.
Gerade zu derselben Stunde stärkten sich Mr. Giles, Brittles und der Kesselflicker nach den Strapazen und Schrecken der Nacht in der Küche durch ein Schälchen Tee, und was es sonst Gutes gab. Nicht, daß es Mr. Giles' Gewohnheit gewesen wäre, zu große Vertraulichkeit mit der niederen Dienerschaft zu pflegen, gegen welche er sich vielmehr der Regel nach nur mit einer leutseligen Herablassung benahm, die stets an seine höhere Stellung in der Gesellschaft erinnerte. Allein Todesfälle, Feuersbrünste und Einbrüche machen alle Menschen gleich, und Mr. Giles saß mit ausgestreckten Füßen am Herde, hatte den linken Arm auf den Tisch gestützt, illustrierte mit dem rechten einen genauen und glühenden Bericht über den nächtlichen Raubanfall, und sein Publikum -- zumal die Köchin und das Hausmädchen -- hörte ihm in atemloser Spannung zu.
«Es mochte halb zwei Uhr sein,» sagte Mr. Giles, «indes kann ich nicht darauf schwören, ob's nicht dreiviertel war, als ich aufwachte, mich im Bett herumdrehte, ungefähr so» (er drehte sich bei diesen Worten auf seinem Stuhle herum und zog den Zipfel des Tischtuches über die Schultern, um bildlich desto lebhafter die Vorstellung einer Bettdecke hervorzurufen), «und ein Geräusch zu hören glaubte.»
Hier erblaßte die Köchin und forderte das Hausmädchen auf, die Küchentür zu verschließen; das Hausmädchen hieß es Brittles, der es den Kesselflicker hieß, der sich stellte, als ob er nicht hörte.
«Ein Geräusch zu hören glaubte», wiederholte Mr. Giles. «Ich dachte zuerst bei mir selbst: 's ist eine Täuschung! und legte mich schon wieder zum Einschlafen zurecht, als ich das Geräusch abermals und vollkommen deutlich vernahm.»
«Was war es denn für eine Art von Geräusch?» fragte die Köchin.
«Ein krachendes», erwiderte Mr. Giles.
«Ich denke, es war mehr, wie wenn eine eiserne Stange auf einem Reibeisen gerieben wird», fiel Brittles ein.
«So war es, als *Sie* es hörten», sagte Giles; «zu der Zeit aber, als ich es vernahm, hatte es einen krachenden Ton. Ich warf die Bettdecke zurück» (er wiederholte die Bewegung mit dem Tischtuche), «richtete mich zum Sitzen empor und horchte.»
Die Köchin und das Hausmädchen riefen zugleich aus: «Daß sich Gott erbarm'!» und rückten zusammen.
«Ich hörte es so deutlich, als wenn es dicht vor meinem Bette wäre», fuhr Giles fort, «und dachte: Da wird eine Tür oder ein Fenster aufgebrochen. Was ist zu tun? Ich will den guten Jungen Brittles wecken und ihn retten, damit er nicht in seinem Bette ermordet wird; tu' ich's nicht, so kann ihm die Kehle vom rechten bis zum linken Ohre abgeschnitten werden, ohne daß er es merkt.»
Hier richteten sich aller Blicke auf Brittles, der die seinigen auf den Redner heftete und ihn mit weit geöffnetem Munde anstarrte, während seine Mienen den grenzenlosesten Schrecken ausdrückten.
«Ich stieß die Bettdecke von mir,» sprach Giles, das Tischtuch von sich schleudernd und die Köchin und das Hausmädchen scharf fixierend, «stieg leise aus dem Bette, zog --»
«Es sind Damen anwesend, Mr. Giles!» murmelte der Kesselflicker.
«-- Meine Pantoffel an, Sir,» fuhr Giles, sich zu ihm wendend und den stärksten Nachdruck auf seine Pantoffel legend, fort, «nahm die geladene Pistole zur Hand, die immer mit dem Silberzeugkorbe hinaufgebracht wird, ging auf den Zehen in Brittles Kammer und sagte, sobald ich ihn aus dem Schlafe gerüttelt hatte: >Brittles, erschrecken Sie nicht!<»
«Ja, das sagten Sie, Mr. Giles», fiel Brittles mit bebender Stimme ein.
«>Brittles, ich glaube, wir sind verloren<, sagt' ich,» fuhr Giles fort, «>aber seien Sie nur ohne Furcht.<»
«Zeigte er denn auch keine Furcht?» fragte die Köchin.
«Nein», antwortete Giles; «er war so unverzagt -- fast so unverzagt wie ich selber.»
«Ich wäre auf der Stelle gestorben, wenn ich's gewesen wäre», bemerkte das Hausmädchen.
«Sie sind ein junges Mädchen», fiel Brittles ein, der ziemlich herzhaft zu werden anfing.
«Brittles hat recht», sagte Giles mit beiläufigem Kopfnicken; «von einem Mädchen war nichts anderes zu erwarten. Wir aber, als Männer, nahmen eine Blendlaterne aus Brittles' Kammer und fühlten uns in der Pechrabenfinsternis hinunter.» (Er war aufgestanden, hatte die Augen geschlossen, tappte ein paar Schritte vorwärts und durchsägte, um seine Schilderung mit angemessener Aktion zu begleiten, mit den Armen die Luft, bis er mit der Köchin in eine unangenehme Berührung kam und die Köchin und das Hausmädchen zu schreien anfingen, worauf er nach seinem Stuhle zurückeilte.) «Was hat das zu bedeuten?» unterbrach er sich plötzlich; «es wird geklopft -- öffne jemand die Haustür!»
Niemand regte sich.
«Das ist doch seltsam, daß zu einer so frühen Morgenstunde geklopft wird», fuhr Giles, umherschauend und bleichen Antlitzes nur bleiche Gesichter gewahrend, fort; «allein die Tür muß geöffnet werden. He! Holla! hört denn niemand?»
Mr. Giles richtete bei diesen Worten die Blicke auf Brittles; allein der von Natur blöde, bescheidene Jüngling hielt sich mutmaßlich in der Tat für niemand und meinte sicher, daß die Frage unmöglich an ihn gerichtet sein könne. Jedenfalls gab er keine Antwort. Mr. Giles sendete dem Kesselflicker auffordernde Blicke zu, allein der Kesselflicker war urplötzlich eingeschlafen. Die Frauenzimmer kamen nicht in Betracht.
«Wenn Brittles die Tür etwa lieber in Gegenwart von Zeugen öffnen will,» sagte Mr. Giles nach einem kurzen Stillschweigen, «so bin ich bereit, einen solchen abzugeben.»
«Ich auch», sagte der Kesselflicker, ebenso plötzlich wieder aufwachend, wie er eingeschlafen war.
Brittles kapitulierte auf diese Bedingungen, und als man beim Öffnen der Fensterläden die Entdeckung machte, daß es heller Tag war, und dadurch gar sehr an Mut gewann, so zog die kleine, tapfere Schar aus, die Hunde voran und die Frauenzimmer in der Nachhut. Gemäß dem Rate Mr. Giles' sprachen alle sehr laut, um dem Feinde sogleich kundzutun, wie zahlreich sie waren, und gemäß einer unübertrefflichen, von demselben Gentleman ausgesonnenen Kriegslist wurden auf dem Hausflur die Hunde in die Schwänze gekniffen, damit sie ein wütendes Bellen erheben möchten, was sie auch taten.
Nachdem diese Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, faßte Mr. Giles den Kesselflicker fest am Arme (damit er nicht fortliefe, wie Mr. Giles scherzend sagte) und gab den Befehl, die Tür zu öffnen. Brittles gehorchte. Einer blickte dem anderen bebend über die Schultern, und die Schar gewahrte nichts Fürchterlicheres als den armen, kleinen Oliver Twist, der bleich und erschöpft die Augen aufschlug und stumm um Mitleid flehte.
«Ein Knabe!» rief Mr. Giles, den Kesselflicker mutig zurück- und sich selber vordrängend, aus. «Was ist das -- wie -- Brittles -- erkennen Sie ihn?»
Brittles, der beim Öffnen der Tür hinter dieselbe getreten war, stieß einen Schrei des Wiedererkennens aus, sobald er Oliver erblickte. Giles faßte den Knaben bei einem Beine und einem Arme -- zum Glücke nicht bei dem verwundeten -- zog ihn herein und legte ihn der Länge nach auf die Steinplatten nieder. «Hier, hier!» schrie Mr. Giles in größter Erregtheit die Treppe hinauf, «hier ist einer von den Dieben, Ma'am! Wir haben einen Dieb, Miß -- einen Verwundeten, Miß! Ich traf ihn, Miß, und Brittles hielt das Licht!»
«In einer Laterne, Miß!» schrie Brittles, eine Hand an den Mund haltend, damit sein Ruf desto sicherer hinaufdränge.
Die Köchin und das Hausmädchen liefen hinauf, um der Herrschaft zu verkündigen, daß Mr. Giles einen Räuber gefangen habe, und der Kesselflicker bemühte sich, Oliver zum Bewußtsein zurückzubringen, damit er nicht stürbe, bevor er gehängt würde. Nach einiger Zeit ertönte von oben durch den Lärm eine sanfte und wohlklingende, einer jungen Dame angehörende Stimme: «Giles, Giles!»
«Hier, Miß, hier bin ich! Erschrecken Sie nicht, Miß; ich habe keinen bedeutenden Schaden genommen! Er leistete keinen sehr verzweifelten Widerstand, Miß; ich überwältigte ihn sehr bald.»
«Still doch; Sie erschrecken ja meine Tante fast ebensosehr, wie es die Diebe selbst getan haben. Ist der arme Mensch stark beschädigt?»
«Er hat eine furchtbare Wunde, Miß», rief Giles mit unbeschreiblichem Wohlbehagen hinauf.
«Er sieht aus, als wenn er den Geist aufgeben will, Miß», schrie Brittles, wie zuvor eine Hand an den Mund haltend. «Wollen Sie nicht herunterkommen, Miß, und ihn sehen, falls er --»
«So schreien Sie doch nicht so entsetzlich. Seien Sie einen Augenblick still; ich will mit meiner Tante sprechen.»
Die Sprecherin eilte mit leisen Fußtritten fort, kehrte bald wieder zurück und erteilte den Befehl, den Verwundeten vorsichtig hinauf in Mr. Giles' Zimmer zu tragen; Brittles sollte sogleich den Pony satteln, nach Chertsey reiten und eiligst einen Konstabler und den Doktor holen.
«Wollen Sie ihn aber nicht erst einmal sehen, Miß?» rief Giles mit so viel Stolz, wie wenn Oliver ein seltener und prachtvoller Vogel wäre, den er heruntergeschossen hätte.
«Nicht um die Welt!» erwiderte die junge Dame. «Der arme Mensch! Giles, behandeln Sie ihn ja recht gut, und wenn es auch nur um meinetwillen wäre!»
Der alte Diener des Hauses blickte, als sie sich entfernte, zu ihr hinauf, so stolz und wohlgefällig, als ob sie sein eigenes Kind gewesen wäre, und half sodann Oliver mit der liebevollen Sorgfalt und Aufmerksamkeit einer Frau hinauftragen.
29. Kapitel.
Von den Bewohnern des Hauses, in welchem Oliver sich befand.
In einem artigen Zimmer -- dessen Mobilien freilich mehr nach altmodischer Bequemlichkeit als nach moderner Eleganz aussahen -- saßen zwei Damen an einem wohlbesetzten Frühstückstische. Mr. Giles wartete im vollständigen schwarzen Anzuge auf. Er stand kerzengerade in der Mitte zwischen dem Schenk- und Frühstückstische mit zurückgeworfenem und fast unmerklich zur Seite geneigtem Kopfe, den linken Fuß vorangestellt und mit der rechten Hand im Busen, während die herunterhängende Linke einen Präsentierteller hielt, und sah aus, als wenn er sich des angenehmen Bewußtseins seiner Verdienste und Wichtigkeit freute.
Die eine der beiden Damen war betagt, allein die hohe Lehne ihres Stuhles war nicht gerader als ihre Haltung. Ihr Anzug war ein Muster von Sauberkeit und Genauigkeit, altmodisch, doch nicht ohne Spuren der Einwirkung des Tagesgeschmacks. So saß sie stattlich da, die gefalteten Hände auf dem Tische vor ihr, die Augen -- denen die Jahre nur wenig von ihrem Glanze genommen -- aufmerksam auf die jüngere Dame geheftet, die in der ersten zarten Blüte der Weiblichkeit stand, eine der jungfräulichen Gestalten, von welchen wir ohne Sünde annehmen mögen, daß Engel sie bewohnen, wenn der Allmächtige zur Ausführung seiner Absichten jemals zuläßt, daß sich die Himmelsbewohner in Gestalten der Sterblichen verkörpern dürfen.
Sie befand sich noch im siebzehnten Jahre, und ihre Figur war so leicht und ätherisch, so zart und edel, so lieblich und schön, als wäre die Erde ihre Wohnstätte nicht, als könnten die gröberen Wesen dieser Welt keine zu ihr passende Mitgeschöpfe sein. Der Geist, der aus ihren dunkelblauen Augen leuchtete und aus ihren edlen Zügen sprach, schien ihrem Alter zuvorgeeilt und kaum von dieser Welt zu sein; und doch verkündete der lebensvolle, freundlich-holde Ausdruck ihrer Mienen, die tausend Lichter, die auf ihrem rosigen Antlitz spielten und keinen Schatten auf ihm lagern ließen, ihr Lächeln -- ihr frohes, seliges Lächeln -- die höchste Gesinnungsschöne, den reinsten Herzensadel, die wärmste Liebe und Zärtlichkeit, die besten Gefühle und Eigenheiten der menschlichen Natur. Ihr Lächeln, ihr heiteres, glückstrahlendes Lächeln war für häuslichen Frieden, häusliches Glück geschaffen.
Sie war eifrig mit den kleinen Anordnungen zum Frühstück beschäftigt, und als sie zufällig die Augen aufschlug, während die ältere Dame sie anblickte, strich sie freundlich ihr einfach auf der Stirn gescheiteltes Haar zurück, und aus ihren Blicken leuchtete eine solche tief-innige Zärtlichkeit und natürlich-ungefälschte Liebenswürdigkeit hervor, daß selige Geister gelächelt haben möchten, sie so zu schauen.
Die ältere Dame lächelte, doch ihr Herz war schwer, und sie trocknete eine Zähre in dem freundlichen Auge ab.
«Brittles ist also schon seit einer Stunde fort?» fragte sie nach einem kurzen Stillschweigen.
«Eine Stunde und zwölf Minuten, Ma'am», antwortete Giles, auf seine silberne Uhr blickend, die er an einem schwarzen Bande herauszog.
«Er ist immer langsam», bemerkte die alte Dame.
«Er war von jeher ein langsamer Bursche, Ma'am», sagte Giles, und in Anbetracht dessen, daß Brittles, beiläufig gesagt, einige dreißig Jahre ein langsamer Bursche gewesen war, war es nicht eben wahrscheinlich, daß er jemals ein hurtiger werden würde.
«Ich glaube, er wird eher schlimmer als besser», fuhr die alte Dame fort.
«Es würde gar nicht zu entschuldigen sein, wenn er sich aufhielte, um etwa mit anderen Knaben zu spielen», fiel die junge Dame lächelnd ein.
Mr. Giles überlegte offenbar, ob er sich mit Schicklichkeit auch ein ehrerbietiges Lächeln erlauben dürfe, als ein Gig vorfuhr, ein dicker Herr heraussprang, in das Haus hereinstürmte und so eilig in das Zimmer hereinpolterte, daß er fast Mr. Giles und den Teetisch umgeworfen hätte.
«So etwas ist mir ja in meinem ganzen Leben nicht vorgekommen!» rief er aus. «Meine beste Mrs. Maylie -- daß sich der Himmel erbarme -- und obendrein in der Stille der Nacht -- es ist ganz unerhört, ganz unerhört!» Er schüttelte bei diesen Beileidsbezeigungen beiden Damen die Hände, nahm Platz und erkundigte sich nach ihrem Befinden. -- «'s ist ein Wunder, daß der Schreck Sie nicht getötet -- auf der Stelle getötet hat!» fuhr er fort. «In aller Welt, warum schickten Sie nicht zu mir? Wahrhaftig, mein Bedienter hätte in einer Minute hier sein sollen oder ich selbst und mein Assistent -- jedermann würde mit Freuden herbeigeeilt sein. Es versteht sich ja ganz von selbst -- unter solchen Umständen -- Himmel! -- und so unerwartet -- und in der Stille der Nacht!»
Der Doktor schien besonders durch den Umstand ganz außer sich geraten zu sein, daß der Einbruch unerwartet und zu nächtlicher Zeit versucht worden war, als wenn es die feststehende Gewohnheit der im Fache des Einbrechens arbeitenden Gentlemen wäre, ihre Geschäfte um Mittag abzumachen und ihr Erscheinen ein paar Tage vorher durch die Briefpost anzukündigen.
«Und Sie, Miß Rose», sagte der Doktor zu der jungen Dame; «ich --»
«Ich befinde mich vortrefflich», unterbrach sie ihn; «aber oben liegt ein Verwundeter, und die Tante wünscht, daß Sie ihn besuchen.»
«Ah, ich entsinne mich», versetzte der Doktor. «Wie ich höre, haben Sie ihm die Wunde beigebracht, Giles.»
Mr. Giles, der in einem Fieber von Aufregung die Tassen geordnet hatte, errötete sehr stark und erwiderte, daß er die Ehre habe.
«Die Ehre?» sagte der Doktor. «Doch mag sein, daß es ebenso ehrenvoll ist, einen Dieb in einem Waschhause, wie einen Gegner auf zwölf Schritte weit zu treffen. Bilden Sie sich ein, er hätte in die Luft geschossen und Sie haben ein Duell gehabt, Giles.»
Mr. Giles, der in dieser scherzhaften Behandlung der Sache einen ungerechten Versuch erblickte, seinen Ruhm zu verkleinern, erwiderte ehrerbietig, daß es seinesgleichen nicht zukäme, ein Urteil darüber auszusprechen, allein er lebe doch des Glaubens, daß die Sache für den Getroffenen kein Spaß gewesen sei.
«Beim Himmel, das ist wahr!» sagte der Doktor. «Wo ist er? Führen Sie mich zu ihm. Ich werde bald wieder bei Ihnen sein, Mrs. Maylie. Das ist das kleine Fenster, durch das er eingestiegen ist? Es ist kaum zu glauben.»
Er folgte, fortwährend sprechend, Mr. Giles die Treppe hinauf, und während er hinaufgeht, sei dem Leser gesagt, daß Mr. Losberne, der auf zehn Meilen im Umkreise unter dem Namen des «Doktors» bekannte Wundarzt, mehr infolge eines heiteren Temperaments als guten Lebens beleibt geworden und ein so gutherziger und biederer, nebenher auch wunderlicher alter Junggeselle war, daß man in einem fünfmal größeren Umkreise kaum seinesgleichen finden dürfte.
Der Doktor blieb weit länger fort, als es die Damen vermutet hatten. Es wurde ein langer, flacher Kasten aus dem Gig geholt, häufig geklingelt, die Dienerschaft lief treppauf, treppab; mit einem Worte, es mußte wohl etwas Wichtiges vorgehen. Endlich trat er mit einer äußerst geheimnisvollen Miene wieder herein, verschloß die Tür sorgfältig und sagte, während er mit dem Rücken an sie gelehnt stehenblieb, als wenn er verhindern wollte, daß jemand hereinkäme: «Mrs. Maylie, dies ist ein ganz wunderbarer Fall.»
«Ich will doch hoffen, daß der Patient sich nicht in Gefahr befindet?» fragte die alte Dame.
«Es würde den Umständen nach nicht zu verwundern sein,» erwiderte Losberne, «obwohl ich es nicht glaube. Haben Sie den Dieb gesehen?»
«Nein.»
«Auch sich ihn nicht beschreiben lassen?»
«Nein.»
«Bitt' um Vergebung, Ma'am», fiel Giles ein; «ich wollte Ihnen eben eine Beschreibung von ihm geben, als Doktor Losberne erschien.»
Die Sache verhielt sich indes so, daß sich Mr. Giles nicht hatte überwinden können, das Geständnis zu machen, daß er nur einen Knaben getroffen habe. Er hatte wegen seines mutvollen Benehmens so große Lobsprüche erhalten, daß er nicht umhin gekonnt, die Aufhellung der Sache noch ein paar entzückende Minuten aufzuschieben, um noch ein Weilchen in dem süßen Bewußtsein des Ruhmes einer unerschütterlichen Herzhaftigkeit zu schwelgen.
«Rose wünschte den Mann zu sehen,» sagte Mrs. Maylie, «allein ich wollte nichts davon hören.»
«Hm!» sagte der Doktor. «Er sieht aber nicht eben sehr fürchterlich aus. Möchten Sie ihn auch nicht in meiner Gegenwart sehen?»
«Warum nicht, wenn Sie es für notwendig halten?» erwiderte die alte Dame.
«Ich muß es für notwendig erklären oder bin doch jedenfalls überzeugt, daß Sie es gar sehr bedauern würden, es nicht getan zu haben, wenn Sie ihn später zu sehen bekämen. Er ist vollkommen ruhig, und wir haben auch in allen Beziehungen für ihn gesorgt. Erlauben Sie mir Ihren Arm, Miß Rose. Auf meine Ehre, Sie brauchen nicht im mindesten Furcht zu hegen.»
30. Kapitel.
Was die beiden Damen Maylie und Doktor Losberne von Oliver denken.
Der Doktor legte unter noch viel anderen redseligen Versicherungen, daß die Damen durch den Anblick des Verbrechers angenehm überrascht werden würden, den Arm der jüngeren in den seinigen, bot Mrs. Maylie seine andere freie Hand und führte sie mit der förmlichsten Galanterie die Treppe hinauf.
«Lassen Sie mich nun hören, was Sie von ihm denken», sagte er, als sie vor der Tür des Patienten standen. «Er hat sich seit vielen Tagen den Bart nicht abnehmen lassen, sieht aber trotzdem keineswegs wie ein Gurgelabschneider aus.»
Er führte die Damen hinein und an das Bett, schob die Vorhänge zurück, und sie erblickten statt eines grimmig aussehenden Banditen, den sie zu sehen erwartet hatten -- einen vor Schmerz und Erschöpfung eingeschlafenen Knaben. Olivers verbundener Arm lag auf seiner Brust, und sein Kopf ruhte auf dem andern, der durch sein langes, wallendes Haar fast versteckt war. Rose setzte sich, während Losberne im Anschauen des Knaben verloren dastand, oben an das Bett des letzteren, beugte sich über ihn und strich ihm leise das Haar von der Stirn, auf welche ein paar Tränen aus ihrem Auge herabfielen.
Der Knabe bewegte sich und lächelte im Schlafe, als wenn ihn diese Zeichen des Mitgefühls und zarten Erbarmens in einen süßen Traum von nie gekannter Liebe und Zärtlichkeit versenkt hätten, so wie entfernte Töne einer lieblichen Melodie oder das Rauschen des Wassers an einem heimlichen Plätzchen oder der Duft einer Blume oder selbst das Aussprechen eines teuren Namens bisweilen plötzlich unbestimmte Bilder in diesem Dasein nie erlebter Szenen, die gleich einem Hauche wieder verschwinden, vor die Seele zaubert, Szenen, die aus der dunklen Erinnerung eines längst vergangenen glücklichen Daseins emporzutauchen scheinen, denn keine Kraft der menschlichen Seele vermag es, sie wieder zurückzurufen.
«Ich bin fast außer mir vor Verwunderung», flüsterte die alte Dame. «Dieses arme Kind kann nun und nimmermehr ein Diebes- und Räuberzögling sein.»
«Das Laster schlägt seinen Wohnsitz in gar vielerlei Tempeln auf», versetzte Losberne seufzend, indem er den Vorhang wieder fallen ließ, «und erscheint oft genug in lieblicher Gestalt.»
«Aber doch nicht bei solcher Jugend», fiel Rose ein.
«Meine teure Miß,» entgegnete der Wundarzt mit traurigem Kopfschütteln, «das Verbrechen beschränkt sich gleich dem Tode nicht auf die Bejahrten und Abgelebten allein. Die Jugendlichsten und Schönsten sind nur zu oft seine auserwählten Opfer.»
«O Sir, können Sie wirklich glauben, daß dieser zarte Knabe sich freiwillig den schlimmsten Bösewichtern zugesellt hat?» wandte Rose lebhaft ein.
Losberne schüttelte den Kopf mit einer Miene, als ob er es für sehr möglich hielte, und führte die Damen in das anstoßende Zimmer, damit der kleine Patient, wie er sagte, nicht gestört würde.
«Aber selbst, wenn er ruchlos gewesen wäre,» fuhr Rose fort, «so bedenken Sie, wie jung er ist; daß er vielleicht nie eine liebevolle Mutter, vielleicht nicht einmal ein elterliches Haus gekannt hat, und wie wahrscheinlich es ist, daß ihn schlechte Behandlung, Schläge oder Hunger genötigt haben, sich an Menschen anzuschließen, die ihn zum Verbrechen zwangen. Tante, beste Tante, bedenken Sie das doch ja, ehe Sie zugeben, daß der kranke Kleine in ein Gefängnis geschleppt wird, das auf alle Fälle das Grab jeder Hoffnung der Besserung bei ihm sein würde. Oh, so gewiß Sie mich liebhaben und wissen, daß ich bei Ihrer Güte und Zärtlichkeit meine Elternlosigkeit nie empfunden, daß ich sie aber schmerzlich hätte fühlen können und gleich hilf- und schutzlos wie dies arme Kind sein könnte, haben Sie Mitleid mit ihm, ehe es zu spät ist.»
«Mein liebes Kind,» sagte die ältere Dame, das weinende Mädchen an die Brust drückend, «glaubst du, ich würde auch nur ein Haar seines Hauptes krümmen lassen wollen?»
«O nein, nein, beste Tante, Sie wollen und könnten es nicht!» rief Rose mit Lebhaftigkeit aus.
«Nein, sicherlich nicht,» fuhr Mrs. Maylie mit bebender Lippe fort, «meine Tage neigen sich ihrem Ende zu, und möge ich Barmherzigkeit erfahren, wie ich sie anderen erweise. Was kann ich zur Rettung des Knaben tun, Sir?»
«Lassen Sie mich nachdenken, Ma'am,» erwiderte der Doktor, «lassen Sie mich nachdenken.»
Mr. Losberne steckte seine Hände in die Taschen und ging einigemal im Zimmer auf und nieder, stand dann wieder still, wiegte sich auf seinen Fußspitzen, rieb heftig die Stirn und sagte endlich: «Ich hab's, Ma'am. -- Ja -- ich sollte meinen, daß ich es schon einrichten könnte, wenn Sie mir unbeschränkte Vollmacht geben wollen, Giles und Brittles, den großen Jungen, in das Bockshorn zu jagen. Giles ist ein alter Diener Ihres Hauses und ein treuer Mensch, das weiß ich; und Sie können es bei ihm auf tausenderleiweise wieder gutmachen und ihn obendrein dafür belohnen, daß er ein so guter Schütze ist. Sie haben doch nichts dawider?»
«Wenn es kein anderes Mittel gibt, das Kind zu retten, nein», antwortete Mrs. Maylie.
«Auf mein Wort, es gibt kein anderes Mittel», versicherte Losberne.
«Dann bekleidet Tante Sie mit Vollmacht», sagte Rose, durch Tränen lächelnd; «aber bitte, setzen Sie den beiden guten Leuten nicht härter zu, als es unumgänglich notwendig ist.»
«Sie scheinen zu glauben,» entgegnete der Doktor, «daß alle Welt heute zu Hartherzigkeit geneigt ist, Sie selbst allein ausgenommen, Miß Rose. Ich will nur um des aufwachsenden männlichen Geschlechts willen insgeheim hoffen, daß der erste Ihrer würdige junge Mann, der Ihr Mitleid in Anspruch nimmt, seine Werbung bei Ihnen anbringt, wenn Sie sich in einer ebenso verwundbaren und weichherzigen Stimmung befinden, und wünschte nichts mehr, als daß ich selbst ein junges Herrlein sein möchte, um sogleich einen so günstigen Augenblick wie den gegenwärtigen benutzen zu können.»
«Sie sind ein ebenso großer Knabe wie unser guter Brittles», sagte Rose errötend.
«Dazu gehört eben nicht viel», versetzte der Doktor herzlich lachend. «Doch um auf den kleinen Knaben zurückzukommen: wir haben die Hauptsache bei unserem Vertrage noch nicht erwähnt. Er wird ohne Zweifel in ungefähr einer Stunde aufwachen, und obgleich ich dem breitmäuligen Konstabler unten gesagt habe, daß bei Gefahr seines Lebens nicht mit ihm gesprochen werden dürfe, so denke ich doch, daß wir es ganz dreist tun können. Ich mache nun die Bedingung -- daß ich ihn in Ihrer Gegenwart examiniere, und daß er, wenn wir seinen Aussagen nach urteilen müssen, und wenn ich Ihnen zur Befriedigung Ihres kalten Verstandes dartun kann, daß er (was mehr als möglich) durch und durch verderbt ist, seinem Schicksale ohne weitere Einmischung -- zum wenigsten von meiner Seite -- überlassen wird.»
«Nein, Tante, nein!» flehte Rose.
«Ja, Tante, ja!» sagte der Doktor. «Sind wir einig?»
«Er kann nicht im Laster verhärtet sein», sagte Rose; «es ist unmöglich.»
«Desto besser», entgegnete Losberne; «dann ist um so mehr Grund vorhanden, meinen Vorschlag dreist anzunehmen.»
Der Vertrag wurde endlich geschlossen, und man setzte sich, um in großer Spannung Olivers Erwachen abzuwarten.
Die Geduld der beiden Damen sollte indes auf eine längere Probe gestellt werden, als sie nach des Doktors Äußerungen gefürchtet hatten, denn eine Stunde verging nach der andern, und Oliver lag fortwährend im festesten Schlummer. Es war Abend geworden, als ihnen der gutherzige Losberne die Nachricht brachte, daß der Patient endlich hinreichend wach geworden sei, um Rede und Antwort stehen zu können. Er sei sehr krank, wie Losberne sagte, und sehr schwach infolge des Blutverlustes, allein sein Gemüt, durch den Wunsch, etwas zu enthüllen, so beunruhigt, daß es unbedingt besser sei, ihn reden zu lassen, als -- was sonst geschehen sein würde -- darauf zu bestehen, daß er sich bis zum folgenden Morgen ruhig verhalten solle.
Die Unterredung dauerte lange, denn Oliver erzählte ihnen seine ganze Lebensgeschichte, und oft nötigten ihn Schmerz oder Erschöpfung, innezuhalten. Die schwache Stimme des kranken Knaben, sein rührend schauerlicher Bericht über eine lange Reihe trostloser Leiden und Mißgeschicke, von verhärteten Menschen über ihn verhängt, hörte sich in dem verdunkelten Zimmer gar feierlich an. Oh, wieviel weniger Unrecht und Ungerechtigkeit, Leid und Grämen, Grausamkeit und Elend, wie es jeder Tag mit sich bringt, würde es auf dieser Welt geben, wenn wir -- während wir unsere Mitmenschen unterdrücken und quälen -- nur mit einem einzigen Gedanken an die finster drohenden Anklagen gegen uns dächten, die gleich dichten, schweren Wolken freilich langsam, aber desto gewisser zum Himmel emporsteigen, um dereinst ihre Racheblitze auf unsere Häupter herabzusenden -- wenn wir im Geist nur einen Augenblick hören wollten auf das schauerliche Zeugnis der Stimmen der Toten und zu ihrem und unserem Schöpfer und Richter Hinübergegangenen, die keine menschliche Macht oder Gewalt unterdrücken, kein Stolz verstummen machen kann!
Olivers Kissen war in dieser Nacht durch Frauenhände geglättet, und Liebenswürdigkeit und Tugend bewachten seinen Schlummer. Er empfand eine selige Ruhe und hätte sterben mögen ohne Murren.
Sobald die Unterredung mit ihm beendet und er, was fast augenblicklich geschah, wieder eingeschlummert war, trocknete der Doktor seine Augen, verwünschte sie wie gewöhnlich wegen ihrer Schwäche und begab sich darauf in die Küche hinunter, um seinen Feldzug gegen Mr. Giles und Konsorten zu beginnen. Er fand die ganze Dienerschaft nebst dem Konstabler und dem Kesselflicker versammelt, der in Anbetracht seiner geleisteten Dienste eine besondere Einladung erhalten hatte, den ganzen Tag zu bleiben und sich wieder zu stärken und zu erquicken. Der Konstabler war ein Gentleman mit einem großen Stabe, großem Kopfe, großem Munde und großen Halbstiefeln und sah aus, als wenn er sehr reichlich im gespendeten Ale gezecht hätte, was auch in der Tat der Fall war. Als der Doktor eintrat, wurden noch immer die Abenteuer der vergangenen Nacht besprochen, Mr. Giles verbreitete sich über seine Geistesgegenwart, und Brittles bekräftigte, mit einem Alekrug in der Hand, alles, was Mr. Giles erst noch sagen wollte.
«Bleibt sitzen», sagte der Doktor mit einer Handbewegung.
«Schönen Dank, Sir», sagte Mr. Giles. «Misses befahlen mir, ein wenig Ale auszuteilen, und da es mir in meinem eignen kleinen Zimmer zu eng war, und da mich nach Gesellschaft verlangte, so trinke ich meinen Anteil hier.»
Brittles und die übrigen drückten durch ein leises Gemurmel ihr Vergnügen über Mr. Giles' Herablassung aus, und Mr. Giles blickte mit einer Gönnermiene umher, welche deutlich sagte, daß er, solange sie ein schickliches Benehmen beobachteten, ihre Gesellschaft sicher nicht verlassen würde.
«Wie befindet sich der Patient heute abend, Sir?» fragte Giles.
«Nicht eben gar zu gut», erwiderte der Doktor. «Ich fürchte, Giles, daß Sie sich selbst in eine arge Klemme gebracht haben.»
«Ich will doch hoffen, Sir, Sie wollen nicht sagen, daß er sterben werde», sagte Giles zitternd. «Ich könnte nie wieder ruhig werden, wenn es geschähe. Sir, ich möchte um alles Silberzeug im Lande keinem Knaben das Leben nehmen, nicht einmal Brittles.»
«Das ist nicht der Kernpunkt der Sache», fuhr der Doktor geheimnisvoll fort. «Fürchten Sie Gott, und haben Sie ein Gewissen, Giles?»
«Ja, Sir, ich sollte meinen», stotterte der sehr blaß gewordene Haushofmeister.
«Und wie steht es mit Ihnen, junger Mensch -- haben Sie auch ein Gewissen, Brittles?»
«Barmherziger Himmel, Sir -- wenn Mr. Giles ein Gewissen hat, hab' ich auch eins.»
«Dann sagt mir beide -- alle beide: wollt ihr es auf euer Gewissen nehmen, zu beschwören, daß der verwundete, oben liegende Knabe derselbe ist, der gestern nacht durch das kleine Fenster gesteckt wurde? Heraus mit der Sprache! Sagt an, sagt an!»
Der Doktor, der aller Welt als der sanftmütigste Mann von der Welt bekannt war, sprach diese Worte in einem so schauerlich-zornigen Tone, daß Giles und Brittles, die durch Ale und Aufregung ziemlich außer Fassung waren, einander vollkommen betäubt anstarrten. -- «Achten Sie auf die Antwort, welche erfolgen wird, Konstabler», sprach der Doktor weiter und hob mit großer Feierlichkeit den Zeigefinger empor; «es kann früher oder später viel darauf ankommen.»
Der Konstabler nahm eine so weise Miene an, wie er nur konnte, und griff zu seinem Stabe.
«Sie werden bemerken, es handelt sich einfach um die Identität der Person», fuhr der Doktor fort.
«Sie haben vollkommen recht, Sir», sagte der Konstabler unter heftigem Husten, denn er hatte rasch seinen Krug geleert, wovon ihm etwas in die unrechte Kehle gekommen war.
«Es wird in das Haus eingebrochen,» sagte der Doktor, «und zwei Leute sehen einen Knaben auf einen einzigen flüchtigen Augenblick, mitten im Pulverdampfe, in der Verwirrung des nächtlichen Schreckens und Aufruhrs. Am folgenden Morgen kommt ein Knabe in dieses Haus, und weil er zufällig den Arm verbunden hat, legen die Leute gewaltsam Hand an ihn, bringen sein Leben dadurch in die augenscheinlichste Gefahr und schwören, daß er an dem Einbruch teilgenommen habe. Die Frage ist nun die, ob das Verhalten besagter Leute durch die Umstände gerechtfertigt erscheint, und wo nicht, in was für eine Lage sie sich selber versetzen? Und nun noch einmal,» donnerte der Doktor, während der Konstabler Giles und Brittles mit bedenklich-mitleidiger Miene ansah, «seid ihr gewillt und imstande, vor Gott und auf das heilige Evangelium die Identität des Knaben zu beschwören?»
Brittles blickte Giles und Giles Brittles zweifelhaft und fragend an; der Konstabler hielt die Hand hinter das Ohr, damit ihm ja nichts von der Antwort entgehen möchte; die Köchin, das Hausmädchen und der Kesselflicker beugten sich vor, um zu lauschen, und der Doktor schaute mit scharfen Blicken umher, als das Heranrollen eines Wagens und gleich darauf das Läuten der Gartentorglocke vernommen wurde.
«Es sind die Polizeimänner aus London», rief Brittles, sich sehr erleichtert fühlend, aus.
«In aller Welt, wie kommen denn die hierher?» fragte der Doktor, seinerseits erschreckend.
«Ich und Mr. Giles haben heute morgen nach ihnen geschickt,» antwortete Brittles, «und ich wundere mich nur, daß sie so spät kommen.»
«Ah, Sie schickten nach ihnen! Ei, so wollt' ich, daß dieser und jener Sie holte! Ihr seid hier doch lauter verwünschte Dummköpfe!» sagte der Doktor im Hinauseilen.
31. Kapitel.
Eine kritische Situation.
«Wer ist hier?» fragte Brittles, indem er die Haustür ein wenig öffnete und die Kerze mit der Hand beschattend, hinausschaute.
«Öffnen Sie die Tür», entgegnete ein Mann von draußen. «Es sind die Polizeibeamten aus Bow-Street, nach denen heut' geschickt worden ist.»
Durch diese Auskunft völlig beruhigt, öffnete Brittles die Tür in ihrer vollen Breite und stand einem stattlichen Manne in einem großen Mantel gegenüber, der sofort ohne weiteres eintrat und sich die Stiefel so ruhig auf der Matte reinigte, als gehöre er ins Haus.
«Schicken Sie sofort jemand, der meinem Kollegen die Sorge für Pferd und Wagen abnimmt. Haben Sie nicht eine Remise hier, daß wir den Wagen kurze Zeit unterstellen können?»
Als Brittles eine bejahende Antwort gab und auf das Gebäude deutete, schritt der stattliche Mann zur Gartenpforte zurück und half seinem Kollegen beim Aussteigen aus dem Gig, wobei ihnen Brittles mit dem Ausdruck hoher Bewunderung leuchtete. Hierauf kehrten beide Beamte nach dem Hause zurück und legten, ins Besuchszimmer geleitet, ohne weiteres Überrock und Hut ab. Der erste, der geklopft hatte, war ein starker Mann von Mittelgröße, etwa fünfzig Jahre alt, und hatte glänzendes, ziemlich kurz geschnittenes Haar, ein rundes Gesicht und scharfe Augen. Der andere war ein Rotkopf und hager, trug Stulpenstiefel und hatte ein abstoßendes Gesicht und eine aufgeworfene, widerwärtige Nase.
«Melden Sie Ihrer Herrschaft, daß Blathers und Duff hier wären», sagte der stattlichere von beiden, sein Haar niederstreichend und ein Paar Handfesseln auf den Tisch legend. «Ah! guten Abend, Sir. Kann ich ein Wörtchen allein mit Ihnen reden?»
Diese Anrede war an Mr. Losberne gerichtet, der eben mit den beiden Damen eintrat und Brittles einen Wink gab, hinauszugehen. «Dies ist die Dame des Hauses», sagte Losberne mit einer Handbewegung auf Mrs. Maylie zu.
Mr. Blathers machte eine Verbeugung. Auf die Aufforderung, Platz zu nehmen, stellte er seinen Hut auf den Fußboden, setzte sich und veranlaßte Duff, das gleiche zu tun. Der letztere, der sich weniger in guter Gesellschaft bewegt zu haben schien oder sich doch jedenfalls nicht mit großer Leichtigkeit darin bewegte, nahm erst nach manchem umständlichen Kratzfuße Platz und legte dann sofort den Knauf seines Handstockes an den Mund.
«Lassen Sie uns nun aber sogleich auf den hier verübten Einbruch kommen, Sir», sagte Blathers. «Wie verhält es sich mit der Sache?»
Losberne wünschte Zeit zu gewinnen und berichtete der Länge nach und mit großer Weitschweifigkeit. Die Herren Blathers und Duff hörten mit äußerst weisen Mienen zu und blinzelten einander dann und wann sehr pfiffig zu.
«Ich kann über die Sache natürlich nicht eher etwas Gewisses sagen,» bemerkte Blathers, als Losberne mit seinem Bericht zu Ende war, «als bis ich die Stelle in Augenschein genommen habe, wo der Einbruch versucht worden ist; jedoch meine Meinung ist rund heraus die -- denn ich stehe, selbst auf die Gefahr, zu irren, nicht an, so weit zu gehen -- daß er von keinem Kaffer verübt ist -- was sagst du, Duff?»
Duff war derselben Meinung.
«Sie wollen sagen,» versetzte Losberne lächelnd, «der Einbruch sei von keinem Landmanne, von keinem Nicht-Londoner verübt?»
«Ganz recht, Sir. Wissen Sie noch etwas über das Verbrechen zu sagen?»
Losberne verneinte.
«Was ist denn das aber mit dem Knaben, von dem die Dienerschaft im Hause spricht?»
«O ganz und gar nichts», erwiderte der Doktor. «Der Haushofmeister hatte es sich in seiner Bestürzung in den Kopf gesetzt, der Knabe wäre bei dem Einbruche, der Himmel weiß wie, beteiligt gewesen -- 's ist aber durchaus nichts als Torheit und alberne Einbildung gewesen.»
«Das heißt die Sache gar zu sehr auf die leichte Achsel nehmen», bemerkte Duff.
«Du hast ganz recht, Duff», sagte Blathers mit bekräftigendem Kopfnicken und mit den Handfesseln spielend, als wenn sie ein Paar Kastagnetten gewesen wären. «Wer ist der Knabe? Welche Auskunft gibt er über sich? Woher kam er? Er wird doch nicht aus den Wolken gefallen sein, Sir?»
«Natürlich, nein», sagte Losberne, den Damen einen unruhigen Blick zuwerfend. «Mir ist indessen sein ganzer Lebenslauf bekannt, und -- doch wir können nachher darüber sprechen. Wollen Sie nicht vor allen Dingen die Stelle sehen, wo die Diebe einzubrechen versuchten?»
«Allerdings,» erwiderte Blathers. «Wir nehmen zuerst die Stelle in Augenschein und verhören sodann die Dienerschaft. Das pflegt der gewöhnliche Gang des Geschäfts zu sein.»
Es wurde Licht gebracht, und die Herren Blathers und Duff, in Begleitung des Konstablers des Ortes, Brittles', Giles' und, mit einem Worte, sämtlicher sonstiger Hausbewohner, begaben sich in das kleine Gemach am Ende des Hausflurs und sahen aus dem Fenster, gingen darauf hinaus und sahen in das Fenster hinein, besichtigten den Fensterladen, spürten den Fußtritten nach beim Scheine einer Laterne und durchstachen die Büsche vermittels einer Heugabel. Nachdem dies alles geschehen war und alle das Vorgehen der Beamten mit atemloser Teilnahme verfolgt hatten, gingen Blathers und Duff wieder hinein und vernahmen Giles und Brittles über ihren Anteil an den Begebenheiten der Schreckensnacht; beide Diener erzählten sechsmal statt einmal und widersprachen einander beim ersten nur in einem einzigen wichtigen Punkte und beim letzten nur in einem Dutzend wesentlicher Aussagen. Nach Beendigung des Verhörs wurden Giles und Brittles entlassen, und die Herren Blathers und Duff hielten eine lange Beratung ab, im Vergleich zu der in Beziehung auf Heimlichkeit und Feierlichkeit eine Konsultation berühmter Doktoren über den schwierigsten Krankheitsfall bloßes Kinderspiel gewesen wäre.
Losberne ging unterdessen im anstoßenden Zimmer sehr unruhig auf und ab, und Mrs. Maylie und Rose schauten ihm mit noch größerer Unruhe zu.
«Auf mein Wort,» sagte er, plötzlich stillstehend, «ich weiß kaum, was hier zu tun ist.»
«Wenn den beiden Männern», versetzte Rose, «die Geschichte des unglücklichen Knaben erzählt würde, wie sie ist, es wäre sicher genug, ihn in ihren Augen von Schuld zu entlasten.»
«Das muß ich bezweifeln, meine werte junge Dame», wandte der Doktor kopfschüttelnd ein. «Ich glaube nicht, daß es sie oder auch die höheren Polizei- oder Justizbeamten befriedigen würde. Sie würden sagen, er sei jedenfalls ein fortgelaufener Kirchspielknabe und Lehrling. Nach rein weltlich-verständigen Erwägungen und Wahrscheinlichkeiten beurteilt, unterliegt seine Geschichte großen Zweifeln.»
«Sie schenken ihr doch Glauben?» fiel Rose hastig ein.
«Ich schenke ihr Glauben, so befremdlich sie lautet, und bin vielleicht ein großer Tor, weil ich es tue,» versetzte der Doktor; «allein nichtsdestoweniger halte ich sie keineswegs für eine solche, die einen erfahrenen Polizeibeamten zufriedenstellen würde.»
«Warum aber nicht?» fragte Rose.
«Meine schöne Inquirentin,» erwiderte Losberne, «weil in ihr, wenn man sie mit den Augen jener Herren betrachtet, so viele böse Umstände vorkommen. Der Knabe kann nur beweisen, was übel, und nichts von dem, was gut aussieht. Die verwünschten Spürhunde werden nach dem Warum und Weshalb fragen und nichts als wahr gelten lassen, was ihnen nicht vollständig bewiesen wird. Er sagt selbst, daß er sich eine Zeitlang in der Gesellschaft von Diebesgelichter befunden, eines Taschendiebstahls angeklagt vor einem Polizeiamte gestanden hat, und aus dem Hause des bestohlenen Herrn gewaltsam entführt ist, er kann selbst nicht angeben, hat nicht einmal eine Vermutung, wohin. Er wird von Männern nach Chertsey hergebracht, die ganz vernarrt in ihn zu sein scheinen und ihn durch ein Fenster stecken, um ein Haus zu plündern; und gerade in dem Augenblicke, wo er die Bewohner wecken und tun will, was seine Unschuld ins Licht setzen würde, verrennt ihm der verwünschte Haushofmeister den Weg und schießt ihn in den Arm, gleichsam recht absichtlich, um ihn daran zu hindern, etwas zu tun, das ihm nützen könnte. Leuchtet Ihnen das alles nicht ein?»
«Natürlich leuchtet es mir ein», erwiderte Rose, den Eifer des Doktors belächelnd; «allein ich sehe nur noch immer nichts darin, wodurch die Schuld des armen Kindes erwiesen würde.»
«Nicht -- ei!» rief Losberne aus. «O, über die hellen, scharfen Äugelein der Damen, womit sie, sei es zum Guten oder Bösen, immer nur die eine Seite an einer Sache oder Frage sehen, und zwar stets die, die sich ihnen eben zuerst dargeboten hat!»
Nachdem er seinem Herzen Luft dadurch gemacht, daß er Miß Rose diesen Erfahrungssatz zu Gemüt geführt, steckte er die Hände in die Taschen und fing wieder an, mit noch rascheren Schritten als zuvor im Zimmer auf und ab zu gehen. «Je mehr ich darüber nachdenke,» fuhr er fort, «desto zahlreichere und größere Schwierigkeiten sehe ich voraus, den beiden Leuten die Geschichte des Knaben glaubhaft zu machen. Ich bin überzeugt, daß sie ihm schlechterdings keinen Glauben schenken werden, und selbst wenn sie ihm am Ende nichts anhaben können, so werden doch ihre Zweifel und der Verdacht, den diese wieder auf ihn werfen müssen, von sehr wesentlichem Nachteile für den wohlwollenden Plan sein, ihn aus dem Elende zu retten.»
«O bester Doktor, was ist da zu tun?» rief Rose aus. «Du lieber Himmel, daß Giles auch den unseligen Einfall hat haben müssen, nach der Polizei zu schicken!»
«Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn es nicht geschehen wäre», fiel Mrs. Maylie ein.
«Ich weiß nur eins,» sagte der Doktor, sich mit einer Art Ruhe der Verzweiflung hinsetzend, «daß ich die Kerle mit göttlicher Unverschämtheit aus dem Hause zu bringen suchen muß. Der Zweck ist ein guter, und darin liegt die Entschuldigung. Bei dem Knaben zeigen sich starke Fiebersymptome, und er befindet sich in einem Zustande, daß er für jetzt nicht mehr befragt werden darf; das ist ein Trost. Wir müssen seine Lage so gut wie möglich zu benutzen suchen, und wenn es nicht glücken will, so ist es nicht unsere Schuld. Herein!»
Blathers und Duff erschienen, und der erstere sprach sogleich ein Urteil über den Einbruch in einem Kauderwelsch aus, das weder Losberne noch die Damen verstanden. Um eine Erklärung gebeten, sagte er, dem Doktor einen verächtlichen Blick zuwerfend und sich mitleidig zu den Damen wendend, er meine, daß die Dienerschaft bei dem beabsichtigten Raube nicht im Einverständnisse gewesen sei.
«Wir haben auch durchaus keinen Verdacht gegen sie gehabt», bemerkte Mrs. Maylie.
«Mag wohl sein, Ma'am», entgegnete Blathers; «sie konnte aber auch Hand im Spiele gehabt haben.»
«Und eben weil kein Verdacht sie traf,» fiel Duff ein, «mußte um so mehr danach geforscht werden.»
«Wir haben gefunden, daß der Einbruch Londoner Werk ist», fuhr Blathers fort; «die Kerle haben meisterhaft gearbeitet.»
«In Wahrheit sehr wackere Arbeit», bemerkte Duff leise.
«Der Einbrecher sind zwei gewesen,» berichtete Blathers weiter, «und sie haben einen Knaben bei sich gehabt, was aus der Größe des Fensters klar ist. Mehr läßt sich für jetzt nicht sagen. Zeigen Sie uns doch den Burschen, den Sie im Hause haben.»
«Die Herren nehmen aber wohl erst ein wenig zu trinken an, Mrs. Maylie», sagte der Doktor mit erheiterten Mienen, als wenn ihm ein neuer Gedanke aufgegangen wäre.
«Gewiß», fiel Rose eifrig ein. «Es steht Ihnen sogleich alles zu Diensten, wenn Sie befehlen.»
«Besten Dank, Miß», sagte Blathers, mit dem Rockärmel über den Mund fahrend. «So ein Verhör ist trockene Arbeit. Was Sie eben zur Hand haben, Miß; machen Sie sich unsertwegen keine Ungelegenheiten.»
«Was belieben Sie?» fragte der Doktor, der jungen Dame nach dem Eckschrank folgend.
«Wenn's Ihnen gleichviel ist, 'nen Tropfen Branntwein, Sir», erwiderte Blathers. «Wir hatten 'ne kalte Fahrt von London her, und der Branntwein läuft einem so warm übers Herz.»
Er richtete die letzteren Worte an Mrs. Maylie, und der Doktor schlüpfte unterdes aus dem Zimmer.
«Ah, meine Damen,» fuhr Blathers, das ihm gereichte Glas vor das Auge emporhaltend, fort, «ich habe in meinem Leben die schwere Menge solcher Geschichten erlebt.»
«Zum Beispiel den Einbruch in Edmonton, Blathers», fiel Duff ein.
«Ja, ja», sagte Blathers; «der war diesem allerdings ähnlich genug. Er wurde von dem Conkey Chickweed begangen.»
«Das hast du immer behauptet», entgegnete Duff; «aber ich sage dir, die Familie Pet hat ihn verübt, und Conkey hat nicht mehr die Hand im Spiele dabei gehabt als ich.»
«Ei was,» sagte Blathers, «ich weiß es besser. Entsinnst du dich noch, wie sich Conkey sein Geld stehlen ließ? Es war 'ne Geschichte, noch merkwürdiger, als sie in 'nem Buche vorkommen kann.»
«Erzählen Sie doch», nahm Rose das Wort, um die unwillkommenen Gäste bei guter Laune zu erhalten.
«Es war 'ne Spitzbüberei, worauf so leicht niemand verfallen sein würde, Miß», begann Blathers. «Nämlich der Conkey Chickweed --»
«Conkey bedeutet soviel als Emmesgatsche[AN], Ma'am», bemerkte Duff.
[AN] Verräter, Angeber.
«Das wird die Dame ja wohl wissen», bemerkte Blathers. «Unterbrich mich doch nicht immer. Also, Miß, der Conkey Chickweed hatte ein Wirtshaus oberhalb Battle-Bridge und 'nen Raum, den viele junge Lords besuchten, um den Hahnenkämpfen, Dachshetzen und dergleichen zuzuschauen, was man nirgends besser sehen konnte. Er gehörte zu der Zeit noch nicht zur Kabrusche[AO], und einst wurden ihm mitten in der Nacht dreihundertsiebenundzwanzig Guineen aus seiner Schlafkammer von 'nem großen Manne mit 'nem schwarzen Pflaster über dem einen Auge gestohlen, der sich unter dem Bett versteckt gehabt hatte und mit dem Gelde aus dem Fenster sprang. Er war dabei flink genug; Conkey aber war auch geschwind; das Geräusch hatte ihn aufgeweckt; er sprang aus dem Bette, schoß hinter dem Diebe drein und machte die Nachbarn wach. Sie erhoben sogleich ein allgemeines Hallo und fanden, daß Conkey den Dieb getroffen haben mußte, denn sie entdeckten und verfolgten auf einer ganzen Strecke Blutspuren, die sich indes endlich verloren. Das Geld war fort, und Chickweed machte Bankerott. Er ging ein paar Tage ganz außer sich umher, zerraufte sich das Haar und erregte so sehr das allgemeine Mitleid, daß ihm von allen Seiten milde Gaben zugeschickt, Subskriptionen für ihn eröffnet wurden usw. Eines Tages kam er in das Polizeibureau hereingestürzt und hatte eine geheime Unterredung mit dem Friedensrichter, der darauf Jem Spyers (Jem war einer der tätigsten Geheimpolizisten) beorderte, Chickweed bei Gefangennehmung des Diebes Beistand zu leisten. >Spyers<, sagte Chickweed, >ich habe ihn gestern morgen vor meinem Hause vorbeigehen sehen.< -- >Warum haben Sie ihn nicht sogleich angehalten?< fragte Spyers. >Ich war so bestürzt, daß Sie mir den Hirnschädel mit 'nem Zahnstocher hätten entzweischlagen können,< antwortete der arme Mensch; >wir werden ihn aber gewiß attrapieren, denn heut' abend zwischen zehn und elf Uhr kommt er wieder vorüber.< Spyers ging sogleich mit ihm und pflanzte sich an ein Wirtshausfenster hinter den Vorhang. Er rauchte in guter Ruh', aber mit dem Hut auf dem Kopfe, seine Pfeife, als Chickweed plötzlich anfing zu schreien: >Da ist er! Haltet den Dieb! Mordjo, mordjo!< Jem Spyers stürzte hinaus und sah Chickweed im vollen Laufe hinter dem Diebe herrennen. Er fing auch an zu laufen, was hast du, was kannst du, geriet endlich ins Gedränge und fand Chickweed darin wieder, allein der Dieb war entkommen, was merkwürdig genug war. Am anderen Morgen war Spyers abermals auf seinem Posten, sah sich die Augen nach 'nem großen Manne mit 'nem schwarzen Pflaster müde, so daß er sie endlich mal wegwenden und ruhen lassen mußte, und im selbigen Augenblick, als er's tat, fing Chickweed wiederum an zu schreien. Jem stürzt hinaus und ihm nach, sie laufen zweimal so weit wie am vorigen Tage, und endlich ist der Dieb wiederum zum Geier. Und so ging's noch mehrere Male, so daß die Nachbarn sagten, der Teufel selbst hätte Chickweed bestohlen und spielte ihm hinterher noch schlechte Streiche; andere aber sagten, der unglückliche Chickweed wäre vor Kummer verrückt geworden.»
[AO] Gaunergenossenschaft.
«Was sagte denn Jem Spyers?» fragte der Doktor, der wieder in das Zimmer zurückgekehrt war.
«Jem Spyers,» erwiderte der Erzähler, «sagte 'ne lange Zeit gar nichts und horchte auf alles, ohne daß man's ihm ansah, zum Zeichen, daß er sich auf sein Geschäft verstand. Eines Morgens aber trat er zu Chickweed und sagte: >Guter Freund, ich hab's jetzt heraus, wer den Diebstahl begangen hat.< -- >Wirklich!< rief Chickweed aus; >o mein bester Spyers, machen Sie nur, daß ich mich an dem Halunken rächen kann, so werd' ich dermaleinst zufrieden sterben. Bester Spyers, wie heißt der Bösewicht?< -- >Guter Freund,< antwortete Spyers, ihm eine Prise anbietend, >lassen Sie die Narretei! Sie haben es selbst getan.< Und so war's auch, Chickweed hatte sich dadurch ein anständiges Stück Geld gemacht, und es würde auch niemand dahintergekommen sein, wenn er nicht so übereifrig gewesen wäre, den Verdacht von sich fernzuhalten.»
«Ein seltsamer Fall», bemerkte der Doktor. «Wenn es Ihnen aber beliebt, so können Sie jetzt hinaufgehen.»
Die beiden Konstabler begaben sich mit Losberne in Olivers Zimmer. Giles leuchtete ihnen. Der kleine Patient hatte geschlummert und sah kränker und fieberischer aus als am Tage. Der Doktor stützte ihn, so daß er sich eine kurze Weile emporrichten konnte, und er starrte umher, ohne zu wissen, was mit ihm vorging, oder sich zu erinnern, wo er sich befand oder was mit ihm vorgegangen war.
«Dies ist der Knabe,» sagte Losberne leise, aber dessenungeachtet mit großer Lebhaftigkeit, «der in einem Garten hier in der Nähe bei einer kleinen Übertretung, wie sie bei Kindern häufig vorkommt, durch einen Selbstschuß verwundet ist, in Mrs. Maylies Hause Beistand gesucht, und den der scharfblickende Herr da mit dem Lichte in der Hand sogleich festgehalten und dermaßen mißhandelt hat, daß das Leben des Patienten, was ich ärztlich bescheinigen kann, beträchtlich gefährdet worden ist.»
Blathers und Duff hefteten die Blicke auf den solchermaßen ihrer Beachtung empfohlenen Giles, dessen Mienen das spaßhafteste Gemisch von Furcht und Verwirrung ausdrückten.
«Sie werden nicht leugnen wollen?» fügte Losberne, Oliver wieder niederlegend, hinzu.
«Es geschah alles zum -- zum Besten, Sir!» antwortete Giles. «Ich hielt ihn für den Knaben; hätte mich sonst sicher nicht mit ihm befaßt. Ich bin wahrlich kein Unmensch, Sir.»
«Für was für 'nen Knaben hielten Sie ihn?» fragte Blathers.
«Für den Gehilfen der Einbrecher», erwiderte Giles. «Sie -- sie hatten einen Knaben bei sich.»
«Halten Sie ihn jetzt noch für den Knaben?»
«Kann's wirklich nicht sagen -- könnt's nicht beschwören, daß er es ist.»
«Was glauben Sie aber?»
«Ich weiß wirklich nicht, was ich glauben soll. Ich glaube nicht, daß es der Knabe ist; ich bin so gut wie gewiß, daß er es nicht ist, Sie wissen, daß er es nicht sein kann.»
«Hat der Mann getrunken, Sir?» fragte Blathers den Doktor.
Losberne hatte unterdes Olivers Puls gefühlt, stand auf und bemerkte, die Herren möchten, wenn sie Zweifel hegten, im anstoßenden Zimmer Brittles befragen. Man begab sich in das anstoßende Zimmer, und Brittles wurde gerufen und verwickelte sich, wie Mr. Giles, in ein solches Irrsal neuer Widersprüche und Unmöglichkeiten, daß durchaus nichts klar wurde als seine eigene Unklarheit, und daß nur einige seiner Aussagen einiges Licht gaben: er würde den Knaben nicht wiedererkennen, hätte Oliver nur für denselben gehalten, weil Giles gesagt, daß er es wäre, und Giles hätte noch vor fünf Minuten in der Küche erklärt, daß er zu voreilig gewesen zu sein fürchte.
Unter anderen scharfsinnigen Fragen wurde auch die aufgeworfen, ob Mr. Giles wirklich jemand getroffen habe, und als sein zweites Pistol untersucht wurde, fand sich, daß es nur mit Pulver geladen war, -- eine Entdeckung, welche großen Eindruck auf alle machte, den Doktor ausgenommen, der zehn Minuten zuvor die Kugel herausgezogen hatte. Den größten Eindruck machte sie aber auf Mr. Giles selbst, der in der schrecklichsten Angst geschwebt hatte, ein unglückliches Kind verwundet zu haben, und nunmehr nach Kräften die Vermutung begünstigte, daß auch das erste Pistol nur mit Pulver geladen gewesen sei. Endlich entfernten sich Blathers und Duff, ohne sich um Oliver viel zu kümmern, den Konstabler aus Chertsey zurücklassend und unter dem Versprechen, am anderen Morgen wiederzukommen.
Am anderen Morgen verbreitete sich in dem Städtchen, in welchem sie übernachtet, das Gerücht, daß zwei Männer und ein Knabe in der Nacht unter verdächtigen Umständen angehalten und nach Kingston gebracht wären, wohin sich demgemäß Blathers und Duff begaben. Die verdächtigen Umstände schrumpften indes bei genauerer Nachforschung zu dem einen Umstande zusammen, daß die Delinquenten in einem Heuschober geschlafen hatten, was, obwohl ein großes Verbrechen, doch nur mit Gefängnis bestraft werden kann und in den gnadenvollen Augen des englischen, mit gemeinsamer Liebe alle Untertanen umfassenden Gesetzes, in Ermangelung aller sonstigen Indizien, nicht als genügender Beweis gilt, daß der oder die Schläfer gewaltsamen Einbruch begangen haben und deshalb der Todesstrafe verfallen sind. Blathers und Duff kehrten daher gerade so klug zurück, wie sie hingereist waren.
Kurz, nach mehrfachen Verhandlungen ließ sich der nächstwohnende Friedensrichter leicht bewegen, Mrs. Maylies und Mr. Losbernes Bürgschaft für Olivers Erscheinen vor Gericht anzunehmen, falls er zitiert werden sollte, und Blathers und Duff gingen, nachdem sie durch ein paar Guineen belohnt waren, mit geteilten Meinungen nach London zurück, indem der letztere, nach reiflicher Überlegung aller betreffenden Umstände, zu der Annahme hinneigte, daß der Einbruchsversuch von der Familie Pet ausgegangen sei, wogegen der erstere ebenso sehr geneigt war, das ganze Verdienst der Tat dem großen Conkey Chickweed zuzuschreiben.
Mit Oliver besserte es sich unter der vereinten sorgfältigen Behandlung und Pflege Mrs. Maylies, Roses und des gutherzigen Doktors. Wenn glühende Bitten, aus Herzen von Dankbarkeit überfließend, im Himmel erhört werden -- und was sind Gebete, wenn der Himmel sie nicht erhört? --, so vernahm er die Segnungen, die das verwaiste Kind auf seine Wohltäter herabflehte, die dadurch mit Friede und Freude in ihrem Innern belohnt wurden.
32. Kapitel.
Von dem glücklichen Leben, das Oliver bei seinen gütigen Gönnerinnen zu führen anfing.
Oliver litt nicht wenig. Zu den Schmerzen der Schußwunde kam noch ein heftiges Fieber, die Folge der Kälte und Nässe, der er nach seiner Verwundung ausgesetzt gewesen war. Er lag mehrere Wochen fest zu Bett, fing indes allmählich an zu genesen und konnte bald unter Tränen mit wenigen Worten ausdrücken, wie tief er die Güte der beiden freundlichen, liebevollen Damen empfände, und wie sehr er wünschte und hoffte, wenn er wiederhergestellt wäre, imstande zu sein, ihnen Beweise seiner Dankbarkeit zu geben, etwas zu tun, und wenn es noch so wenig wäre, ihnen die Liebe zu zeigen, die sein Herz erfüllte, ihnen die Überzeugung zu verschaffen, daß sie ihre Güte an keinen Unwürdigen verschwendeten, sondern daß der arme, verlassene Knabe, den sie vom Elende oder Tode errettet, den glühenden Wunsch hege, ihnen nach all seinen Kräften und mit tausend Freuden zu dienen.
«Armes Kind!» sagte Rose, als er eines Tages mit bleichen Lippen Worte des Dankes zu stammeln versuchte. «Du sollst viele Gelegenheiten erhalten, uns zu dienen, wenn du willst. Wir gehen auf das Land, und meine Tante beabsichtigt, dich mitzunehmen. Die ländliche Ruhe, die reine Luft und die Freuden und Schönheiten des Frühlings werden bald deine gänzliche Genesung bewirken, und wir wollen dir hundert kleine Geschäfte auftragen, sobald du der Mühe gewachsen bist.»
«Der Mühe!» sagte Oliver. «Ach, wenn ich nur für Sie arbeiten -- Ihnen nur Freude machen könnte, dadurch, daß ich Ihre Blumen begösse, Ihre Vögel fütterte, den ganzen Tag hin und wieder für Sie liefe, was würde ich darum geben!»
«Du sollst gar nichts darum geben,» versetzte Rose lächelnd, «denn wie ich es dir schon gesagt habe, wir denken dich auf die vielfachste Weise zu beschäftigen, und du wirst mir die größte Freude bereiten, wenn du nur halb so viel tust, wie du jetzt versprichst.»
«Ihnen Freude bereiten -- o wie gütig Sie sind!» rief Oliver aus.
«Du wirst mir mehr Freude bereiten, als ich es dir sagen kann», versetzte die junge Dame. «Es gewährt mir schon unsägliches Vergnügen, zu denken, daß meine liebe, gute Tante ein Werkzeug in den Händen der Vorsehung gewesen ist, einen Knaben aus einer so entsetzlichen Lage zu erretten, wie du sie uns beschrieben hast; allein zu erfahren, daß ihr kleiner Schützling dankbar und liebevoll gegen sie für ihre Wohltätigkeit und ihr Mitleid ist, wird mich weit glücklicher machen, als du es dir vorstellen kannst. Verstehst du mich, Oliver?» fragte sie, Olivers nachdenkliches Gesicht betrachtend.
«O ja, ja, ich verstehe Sie wohl; aber ich meinte nur, daß ich jetzt undankbar wäre.»
«Gegen wen denn?»
«Gegen den gütigen Herrn und die gute alte Frau, denen ich so große Wohltaten verdanke, die sich meiner so liebevoll annahmen. Gewiß, sie würden sich freuen, wenn sie es wüßten, wie gut ich es hier habe.»
«Das glaube ich auch, und Mr. Losberne hat schon versprochen, dich mitzunehmen zu ihnen, sobald es deine Kräfte erlauben würden.»
«Hat er das versprochen? Oh, ich weiß nicht, was ich vor Freude tun werde, wenn ich sie einmal wiedersehe!»
Oliver war nach einiger Zeit hinlänglich wiederhergestellt, um stark genug zu einer Ausfahrt zu sein, und fuhr eines Morgens mit Mr. Losberne in Mrs. Maylies Wagen ab. Als sie an die Brücke von Chertsey kamen, erblaßte Oliver plötzlich und stieß einen lauten Ausruf der Überraschung und Bestürzung aus.
«Was gibt es?» rief der Doktor mit seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit. «Siehst du etwas -- hörst du etwas -- hast du Schmerz -- was gibt's?»
«Da, Sir!» sagte Oliver, aus dem Wagenfenster zeigend. «Da, jenes Haus!»
«Was ist mit dem Hause? Halt, Kutscher! -- He -- was willst du sagen?»
«Die Diebe -- in das Haus schleppten sie mich», flüsterte Oliver.
«Ist es möglich! Halt, halt, Kutscher!» rief der Doktor, sprang aus dem Wagen, noch ehe derselbe hielt, lief nach dem verödet aussehenden Hause und fing an wie toll gegen die Tür zu hämmern.
«Zum Teufel, was soll das?» sagte ein kleiner, häßlicher, buckliger Mann, der die Tür so plötzlich öffnete, daß Losberne fast in das Haus hineingefallen wäre.
«Was das soll?» rief der Doktor, ihn ohne Umstände beim Kragen fassend. «Sehr viel soll's. Es handelt sich um Diebstahl und Einbruch.»
«Und es wird sich auch sogleich um Mord handeln,» erwiderte der Bucklige kaltblütig, «wenn Sie nicht sogleich von mir ablassen. Hören Sie?»
«Ich höre sehr wohl», sagte der Doktor, ihn kräftig schüttelnd. «Wo ist -- wie heißt der verwünschte Halunke gleich -- ja, Sikes -- Spitzbube, wo ist Sikes?»
Der Bucklige starrte ihn erstaunt und wütend an, entschlüpfte ihm, stieß eine Flut der schrecklichsten Verwünschungen aus und ging in das Haus zurück. Bevor er jedoch die Tür wieder verschließen konnte, stürmte der Doktor in das nächste Zimmer hinein und blickte forschend umher, allein von allem, was er sah, wollte nichts mit Olivers Beschreibung zusammenstimmen.
«Was soll das bedeuten, daß Sie auf solche Weise in mein Haus eindringen?» fragte nach einigen Augenblicken der Bucklige, der ihn scharf beobachtet hatte. «Wollen Sie mich bestehlen oder ermorden?»
«Hast du jemals einen Mann in solcher Absicht aus einer Equipage aussteigen sehen, du lächerliche, alte Mißgeburt?» lautete des reizbaren Doktors Gegenfrage.
«Was wollen Sie denn aber sonst?» fuhr ihn der Bucklige an. «Packen Sie sich augenblicklich aus meinem Hause, oder es wird Sie reuen.»
«Ich werde gehen, sobald es mir beliebt,» sagte Losberne, in das andere Zimmer hineinblickend, das gleichfalls keine Ähnlichkeit mit dem von Oliver beschriebenen hatte, «und will dir schon noch hinter die Schliche kommen!»
«So!» höhnte der Krüppel. «Wenn Sie mich suchen, ich bin hier zu finden. Ich habe hier nicht als ein Verrückter und ganz allein seit fünfundzwanzig Jahren gewohnt, um mich von Ihnen hudeln zu lassen. Sie sollen mir dafür büßen, sollen mir dafür büßen!»
Der mißgestaltete kleine Dämon fing darauf an, auf das schrecklichste und ungebärdigste zu schreien und zu toben, der Doktor murmelte vor sich hin: «Dumme Geschichte! Der Knabe muß sich geirrt haben», warf dem Buckligen ein Stück Geld zu und kehrte zu dem Wagen zurück. Der Bucklige folgte ihm unter beständigen Schimpfreden und Verwünschungen, sah, während Losberne dem Kutscher ein paar Worte sagte, in den Wagen hinein und warf Oliver einen so grimmigen, stechenden, rachsüchtigen und giftigen Blick zu, daß ihn der kleine Rekonvaleszent monatelang wachend oder schlafend nicht wieder vergessen konnte. Losberne stieg ein, und sie fuhren ab, hörten aber den Buckligen noch lange schreien und toben, der sich vor Wut schäumend das Haar zerraufte, mit den Füßen stampfte und ganz außer sich zu sein schien.
«Ich bin ein Esel!» sagte der Doktor nach einem langen Stillschweigen. «Hast du das schon gewußt, Oliver?»
«Nein, Sir.»
«Dann vergiß es ein anderes Mal nicht. -- Selbst wenn es das Haus war,» fuhr er nach einer abermaligen Pause fort, «und die Diebe darin gewesen wären -- was hätt' ich als einzelner tun können? Und hätt' ich Beistand gehabt, so wäre auch nichts weiter dabei herausgekommen, als daß meine Voreiligkeit und die Weise kund geworden, wie ich den unangenehmen Handel zu vertuschen gesucht. Es wäre mir freilich gerade recht geschehen, und ich würde nicht dümmer danach geworden sein, denn ich bringe mich selbst in eine Patsche nach der andern, indem ich immer bloß nach den fatalen Eindrücken des Augenblicks handle.»
Der treffliche Doktor hatte in seinem ganzen Leben nur nach ihnen gehandelt, und es lag kein geringes Lob der in ihm vorherrschenden oder ihn bestimmenden Eindrücke in dem Umstande, daß er, weit entfernt, jemals in ernstliche Unannehmlichkeiten durch sie geraten zu sein, bei allen, die ihn kannten, die wärmste und größte Hochachtung genoß. Muß die Wahrheit gesagt sein, so war er ein paar Minuten übler Laune, sich in der Hoffnung getäuscht zu sehen, sogleich bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit Zeugnisse für die Wahrheit der Erzählung Olivers zu erhalten. Sein Gleichmut war jedoch bald wiederhergestellt, und da die Antworten des Knaben auf seine erneuerten Fragen klar und zusammenhängend waren und blieben und mit derselben offenbaren Aufrichtigkeit wie früher gegeben wurden, so nahm er sich vor, ihnen von nun an vollkommenen Glauben zu schenken.
Da Oliver die Straße zu nennen wußte, in welcher Mr. Brownlow wohnte, so waren keine Kreuz- und Querfragen erforderlich, und als sie hineinfuhren, klopfte des Knaben Herz so heftig, daß er kaum zu atmen imstande war. Losberne forderte ihn auf, das Haus zu bezeichnen.
«Das da!» rief Oliver, eifrig aus dem Fenster zeigend. «Das weiße Haus! Oh, lassen Sie rasch fahren, recht rasch. Es ist mir, als wenn ich sterben müßte, eh' ich hinkomme; ich kann mir vor Zittern nicht helfen!»
«Nur Geduld, mein lieber Kleiner», sagte Losberne, ihn auf die Schulter klopfend. «Du wirst deine Freunde sogleich sehen, und sie werden sich freuen, dich gesund und wohlbehalten wiederzufinden.»
«Oh, das hoff' ich auch», versetzte Oliver. «Sie waren so gütig, so sehr, sehr gütig gegen mich, Sir.»
Der Wagen hielt, und Oliver blickte mit Tränen der freudigsten Erwartung nach den Fenstern hinauf. Doch ach! Das weiße Haus war unbewohnt; ein Anschlag verkündigte, daß es zu vermieten sei. Losberne stieg aus, zog den Knaben mit sich fort, klopfte an die nächste Tür und fragte die öffnende Magd, ob sie wisse, wohin sich Mr. Brownlow gewendet, der nebenan gewohnt habe. Sie wußte es nicht, lief hinauf, um sich zu erkundigen, kehrte zurück und brachte die Nachricht, er habe sein Haus und seine Mobilien verkauft und sei vor sechs Wochen nach Westindien gegangen. Oliver schlug die Hände zusammen und wäre bald zu Boden gesunken.
«Hat er auch seine Haushälterin mitgenommen?» fragte Losberne nach einem kurzen Stillschweigen.
«Ja, Sir; der alte Herr, die Haushälterin und ein Freund von ihm sind miteinander abgereist.»
«Wir kehren sogleich nach Hause zurück», rief der Doktor dem Kutscher zu; «und fahren Sie rasch, daß wir sobald wie möglich aus dem verwünschten London wieder hinauskommen.»
«Der Buchhändler, Sir -- wollen wir nicht zu ihm?» fiel Oliver ein. «Ich weiß, wo er wohnt. O bitte, lassen Sie uns zu ihm fahren.»
«Mein liebes Kind, wir haben für einen Tag der Täuschung genug gehabt», erwiderte Losberne. «Führen wir zum Buchhändler, so würden wir sicher hören, daß er sein Haus angezündet hat, oder davongegangen oder tot wäre. Nein, wir wollen für heute sogleich wieder nach Chertsey zurückkehren.»
Er wiederholte, gemäß dem Eindruck des Augenblicks, seinen Befehl, und sie kehrten nach Chertsey zurück.
Die erfahrene bittere Täuschung verursachte Oliver mitten in seinem Glücke viel Kummer; denn wie oft hatte er sich während seiner Krankheit an der Vorstellung gelabt, was Mr. Brownlow und Mrs. Bedwin zu ihm sagen würden, und welche Wonne es sein müßte, ihnen zu erzählen, wie viele lange Tage und Abende er zugebracht in der Erinnerung an das, was sie für ihn getan, und in Tränen über seine schreckliche Entführung aus ihrem Hause. Die Hoffnung, sich von Verdacht bei ihnen reinigen zu können, hatte ihn in mancher bösen Stunde aufrecht erhalten; und nun war der Gedanke, daß sie außer Landes gegangen in dem Glauben, daß er ein Dieb und Betrüger sei -- einem Glauben, in welchem sie vielleicht bis zu ihrer Sterbestunde verharrten -- fast mehr, als er zu ertragen vermochte.
Das Benehmen seiner Wohltäter und Gönner gegen ihn blieb jedoch unverändert. Als nach vierzehn Tagen schönes Frühlingswetter war, die Bäume im jungen, frischen Grün zu prangen und die Blumen zu blühen anfingen, trafen sie die erforderlichen Vorbereitungen, ihre Wohnung in Chertsey auf einige Monate zu verlassen. Das Silbergerät, das die Begierde des Juden erregt hatte, wurde in sicheren Gewahrsam gebracht, Giles mit einem zweiten Diener zur Bewachung des Hauses zurückgelassen, und sie reisten ab auf das Land und nahmen Oliver mit.
Wer vermöchte das selige Entzücken, den Seelenfrieden und die süße, trauliche Ruhe zu schildern, die der noch immer schwache Knabe in der balsamischen Luft, auf den grünen Hügeln und in den schönen Waldungen empfand, die das kleine Dorf, seinen neuen Wohnsitz, umgaben! Wer könnte es mit Worten beschreiben, welche Stille, welche Frische, welche Lust ein Frühling auf dem Lande in die Herzen geplagter Stadtbewohner senkt! Selbst von Leuten, die in engen, menschengefüllten Straßen ihr Leben unter stetem Geräusch und in fortwährender Plackerei zugebracht haben, und in denen nie ein Wunsch nach Veränderung ihrer Lage aufgestiegen ist, und die das Mauerwerk und die Steine, die engen Grenzmarken ihrer kleinen, täglichen Ausflüge, fast zu lieben angefangen -- selbst von ihnen, wenn die Todesstunde sich ihnen nahte, weiß man es, daß sie sich endlich nach einem flüchtigen Blicke des Antlitzes der Natur sehnten, daß sie, hinweggeführt von dem Schauplatze ihrer Mühen, Schmerzen und Freuden, gleichsam verjüngt zu werden schienen, Tag für Tag ein grünes, sonniges Plätzchen aufsuchten und in dem bloßen Schauen des blauen Himmels, der blumenübersäten Wiesen und des glitzernden Stromes einen Vorgeschmack des Himmels selbst empfanden, der ihre letzten Leiden versüßte, so daß sie friedlich wie die untergehende Sonne in ihre Gräber sanken, gleich der Sonne, die sie mit Entzücken am Fenster ihres einsamen, stillen Kämmerchens sinken sahen. Die Erinnerungen, welche durch friedliche ländliche Szenen hervorgerufen werden, sind nicht von dieser Welt und ihren Gedanken oder Hoffnungen. Ihr süßes, lindes Einwirken kann uns lehren, frische Kränze für die Gräber unserer Lieben zu winden, unsere Herzen zu läutern und unseren alten Haß, unsere Feindschaften zu verscheuchen und auszutilgen; und durch das alles zieht sich auch bei minder sinnigen Gemütern ein halbes, unbestimmtes Bewußtsein, Gefühle solcher Art einst in einer fernen, längstentflohenen Zeit empfunden zu haben -- ein Bewußtsein, das feierlich-ernste Ahnungen einer entfernten kommenden Zeit erweckt, und Stolz und Weltsinn dämpft und unterdrückt.
Das Dörfchen, wohin sie sich begaben, lag äußerst angenehm, und Oliver war es, als wenn ein neues Leben für ihn begonnen hätte, denn er hatte seine Tage von frühester Kindheit an in engen, oft schmutzigen Räumen und unter Geräusch und Lärm zugebracht. Rosen und Geißblatt bedeckten die Wände des Häuschens seiner Gönnerin, die Stämme der Bäume waren mit Efeu bewachsen, und die Gartenblumen erfüllten die Luft mit köstlichen Düften. Dicht neben dem Häuschen lag ein kleiner Friedhof, nicht angefüllt mit hohen, widerwärtigen Grabsteinen, sondern voll von bescheidenen Gras- und Mooshügelchen, unter welchen die alten Leute des Dorfes von ihren Mühen ausruhten. Oliver besuchte ihn oft und setzte sich, des elenden Grabes seiner Mutter gedenkend, bisweilen nieder und weinte ungesehen; doch wenn er dann die Augen emporhob zu dem klaren blauen Himmel über ihm, so dachte er sie sich nicht mehr ruhend im Schoße der Erde, sondern droben in den Wohnungen der Seligen und weinte wohl fort um sie, doch ohne Schmerz.
Es war eine schöne, glückliche Zeit. Die Tage vergingen friedlich und heiter, und die Abende brachten weder Furcht noch Sorge, kein Schmachten in einem düsteren Kerker, nicht den Anblick heimkehrender, verworfener Menschen mit sich, sondern nur süße, traute Gedanken. Jeden Morgen ging Oliver zu einem silberhaarigen, alten Manne, der dicht neben der kleinen Kirche wohnte und ihn lesen und schreiben lehrte, und so freundlich mit ihm redete und sich so sehr um ihn bemühte, daß Oliver sich selbst nie genug tun konnte, ihm Freude zu machen. Zu anderen Tagesstunden lustwandelte er mit Mrs. Maylie und Miß Rose und hörte ihrer Unterhaltung zu oder saß bei ihnen an einem schattigen Plätzchen und horchte dem Vorlesen der jüngeren Dame, ohne sich jemals satthören zu können. Zu anderen Zeiten war er eifrig mit seiner Lektion auf den folgenden Tag in einem kleinen Zimmer beschäftigt, dessen Fenster in den Garten ging; und wenn der Abend herankam, ging er wieder mit den Damen aus und war überglücklich, wenn er ihnen eine Blume pflücken konnte, nach welcher sie etwa Begehrung trugen, oder wenn sie etwas vergessen hatten und ihm auftrugen, es zu holen. War es dämmerig geworden, so pflegte sich Rose an das Fortepiano zu setzen und zu spielen oder ein altes Lied zu singen, das ihre Tante zu hören wünschte, und Oliver saß dann am Fenster und horchte den lieblichen Tönen, und Zähren wehmütiger Lust rannen über seine Wangen hinab.
Wie ganz anders wurde der Sonntag hingebracht, als ihn Oliver je verlebt hatte, und welch ein schöner Tag war er gleich den anderen Tagen in dieser glücklichen Zeit! Morgens wurde die kleine Kirche besucht, vor deren Fenstern sich grüne Blätter im Winde bewegten, und draußen zwitscherten die Vögel, und durch die niedrige Tür drang die reine, erquickende Luft herein. Die armen Landleute erschienen so sauber und reinlich und knieten bei den Gebeten so ehrfurchtsvoll nieder, daß ihr Gottesdienst wie eine Freude und nicht wie eine beschwerliche Pflichtübung erschien; und wenn der Gesang auch weniger als kunstlos war, so kam er doch vom Herzen und klang zum wenigsten Olivers Ohre wohltönender als alle Kirchenmusik, die er in seinem ganzen Leben gehört hatte. Und dann wurden die Spaziergänge wie gewöhnlich gemacht, und manche reinliche Hütte im Dorfe ward besucht; abends las dann Oliver einige Kapitel aus der Bibel vor, die ihm in der Woche vorher erklärt waren, und er empfand dabei eine so stolze Freude, als wenn er der Geistliche selbst gewesen wäre.
Morgens früh um sechs Uhr war er auf und draußen und streifte in den Feldern umher, Sträuße von wilden Blumen pflückend, mit denen er den Frühstückstisch schmückte. Auch brachte er frisches Kreuzkraut für Roses Vögel mit nach Hause, und waren dieselben besorgt, so hatte er fast täglich einen kleinen Mildtätigkeitsauftrag im Dorfe auszurichten, oder es war etwas im Garten zu tun, wobei er unter der Anleitung des Gärtners den lebhaftesten Eifer bewies, bis Miß Rose erschien und ihn durch manches Lächeln, manchen freundlichen Lobspruch belohnte.
So vergingen drei Monate -- drei Monate, die im Leben der Glücklichsten schön zu nennen gewesen sein würden, für Oliver aber, nach seinen unruhigen, trüben Tagen, die ungemischteste Seligkeit waren. Bei reinster und edelster Liebe und Großmut auf der einen und bei der wahrhaft innigsten und wärmsten Dankbarkeit auf der anderen Seite war es in der Tat kein Wunder, daß Oliver am Schlusse dieses kurzen Zeitabschnittes bei der alten Dame und ihrer Nichte vollkommen heimisch geworden war, und daß beide durch ihren Stolz auf ihn und ihre Freude an ihm die heiße Zuneigung seines jungen und lebhaft empfänglichen Herzens vergalten.
33. Kapitel.
In dem Olivers und seiner Gönnerinnen Glück eine plötzliche Störung erleidet.
Der Frühling schwand rasch dahin, und der Sommer kam, und war alles umher schön gewesen im Lenz, so blühte und glänzte es nun in vollster, üppigster Pracht. Die Bäume streckten ihre Arme über den durstigen Boden aus, verwandelten offene und nackte Stellen in dunkle, heimliche Plätzchen, und wie köstlich ließen sich aus ihrem stillen, hehren Schatten die sonnigen Felder beschauen! Die Erde hatte sich mit ihrem glanzvoll grünsten Mantel geschmückt, und Millionen Blüten durchdufteten die Luft. Alles grünte, blühte, strahlte von Lust und verkündete Freude.
Das ruhige Leben in Mrs. Maylies Landhäuschen nahm seinen Fortgang, und heiter und froh genossen die Bewohner die schöne Zeit. Oliver war gesund und kräftig geworden, ohne daß -- wie es sonst wohl der Fall ist -- eine Änderung in seinen Gefühlen oder seinem Benehmen eingetreten wäre. Er war fortwährend derselbe sanfte, zärtliche, liebevolle Knabe, der er gewesen, als unter Krankheit und Schmerz seine Kräfte geschwunden waren und seine Schwäche ihn auch bei den kleinsten Wünschen und Bedürfnissen von seinen Pflegerinnen abhängig gemacht hatte.
Einst an einem schönen Abende machte er mit Mrs. Maylie und Rose einen ungewöhnlich langen Spaziergang; es war sehr heiß gewesen, doch kühlte jetzt ein linder Wind die Luft, und am Himmel glänzte schon der Vollmond. Rose war sehr munter und wohlgemut, sie gingen unter fröhlichem Gespräche weiter, als sie gewöhnlich zu tun pflegten, Mrs. Maylie empfand endlich Ermüdung, und sie kehrten langsamer nach Hause zurück. Rose legte nur ihren Hut ab, setzte sich wie gewöhnlich an das Piano, schlug einige Akkorde an, ging zu einer langsam-feierlichen Weise über und fing, während sie dieselbe spielte, zu schluchzen an.
«Was weinst du, liebes Kind?» fragte Mrs. Maylie; allein Rose antwortete nicht und spielte nur ein wenig rascher, als wenn sie aus einem schmerzlichen Sinnen aufgeweckt worden wäre.
«Liebes Kind, was ist dir?» fragte Mrs. Maylie, hastig aufstehend und sich über sie beugend. «Dein Gesicht ist in Tränen gebadet. Was betrübt dich denn, bestes Kind?»
«Nichts, Tante, nichts», erwiderte Rose. «Ich weiß selbst nicht, wie mir ist -- ich kann es nicht beschreiben -- ich fühle mich so matt, so --»
«Du bist doch nicht krank, Rose?» fiel Mrs. Maylie ein.
«O nein, nein», sagte die junge Dame schaudernd, als wenn sie plötzlich von einem Fieberfroste geschüttelt würde; «mir wird wenigstens sogleich wieder besser sein. Schließe das Fenster, Oliver.»
Oliver eilte, ihr Geheiß zu erfüllen, sie zwang sich, heiter zu scheinen und spielte eine muntere Weise; allein die Hände fielen ihr kraftlos in den Schoß, sie stand auf, sank auf das Sofa nieder, bedeckte ihr Antlitz und ließ den Tränen freien Lauf, die sie nicht mehr zu unterdrücken vermochte.
«Mein liebes Kind!» rief Mrs. Maylie, sie an die Brust drückend, aus; «ich habe dich ja noch nie so gesehen!»
«Ich beunruhige Sie nur sehr ungern,» erwiderte Rose, «kann aber trotz aller Mühe dies Weinen nicht unterdrücken. Ich fürchte, daß ich doch krank bin, Tante.»
Sie war es in der Tat; denn als Licht gebracht wurde, gewahrten alle, daß sich ihre Farbe in der kurzen Zeit seit der Rückkehr von dem Spaziergange in Marmorblässe verwandelt hatte. Ihr Antlitz hatte nichts von seiner Schöne verloren, und doch war mit ihren Zügen eine Wandlung vorgegangen, und es lag ein Ausdruck der Unruhe und Abspannung darin, den sie noch niemals gezeigt hatten. Nach Verlauf einer Minute waren ihre Wangen wieder von Purpurröte übergossen, ihre sanften, blauen Augen bekamen einen stechenden, unheimlichen Blick, und auch dieser verschwand bald wieder, gleich einem vorüberziehenden Wölkchen, und die Leichenblässe kehrte zurück.
Oliver, der die alte Dame genau beobachtet hatte, bemerkte, daß sie große Unruhe empfand, wie es in Wahrheit bei ihm selber der Fall war; da sie sich indes offenbar den Anschein zu geben suchte, als wenn sie die Sache leicht nähme, so tat er dasselbe, was bei Rose eine günstige Wirkung hervorzubringen schien. Denn als sie auf Zureden ihrer Tante zu Bett ging, sah sie wieder wohler aus, versicherte, es auch zu sein und fügte hinzu, sie wäre überzeugt, daß sie am anderen Morgen gesund und munter wie sonst erwachen würde.
«Ich hoffe, Ma'am,» sagte Oliver, als Mrs. Maylie zurückkehrte, «daß Miß Rose nicht ernstlich krank werden wird. Sie sah heute abend unwohl genug aus; doch --»
Die alte Dame winkte ihm, nicht fortzufahren, setzte sich, stützte schweigend den Kopf auf die Hand und sagte endlich mit bebender Stimme: «Ich will es auch hoffen, Oliver. Ich habe einige Jahre sehr glücklich -- vielleicht zu glücklich mit ihr verlebt, und es könnte Zeit sein, daß mir wieder ein Unglück begegnet -- ich hoffe indes, nicht dieses.»
«Was für ein Unglück, Ma'am?» fragte Oliver.
«Ich meine den schweren Schlag,» antwortete die alte Dame fast tonlos, «das liebe Mädchen zu verlieren, das so lange schon meine Freude und mein Trost gewesen ist.»
«Das verhüte Gott!» rief Oliver hastig aus.
«Ich sage Ja und Amen dazu, mein Kind!» fiel die alte Dame, die Hände ringend, ein.
«Sie brauchen sicher so etwas Schreckliches nicht zu fürchten», fuhr Oliver fort. «Miß Rose war ja vor zwei Stunden vollkommen wohl.»
«Und jetzt ist sie sehr unwohl», versetzte Mrs. Maylie, «und wird ohne Zweifel noch kränker werden. O meine liebe, liebe Rose! Was sollte ich anfangen ohne sie!» Sie wurde so sehr und so schmerzlich bewegt, daß Oliver, seine eigene Herzensangst unterdrückend, sich bemühte, sie zu beruhigen, und sie dringend bat, um der lieben jungen Dame selbst willen gefaßter zu sein.
«Bedenken Sie doch nur, Ma'am,» sagte er, gewaltsam die Tränen zurückdrängend, die ihm in die Augen schossen, «wie jung und wie gut sie ist und wie sie alles um sich her erfreut. Ich weiß es -- weiß es ganz gewiß, daß sie um ihrer selbst und um Ihret- und unser aller willen, die sie so froh und glücklich macht, nicht sterben wird; nein, nein, Gott läßt sie nimmermehr schon jetzt sterben!»
«Ach! du sprichst und denkst wie ein Kind, mein guter Oliver,» sagte Mrs. Maylie, ihm die Hand auf den Kopf legend, «und irrst, so natürlich es sein mag, was du sagst. Indes hast du mich an meine Pflicht erinnert. Ich hatte sie auf einen Augenblick ganz vergessen, Oliver, und hoffe Verzeihung zu finden, denn ich bin alt und habe genug gesehen von Krankheiten und vom Tode, um den Schmerz zu kennen, den sie den Hinterbleibenden zufügen. Auch besitze ich genug Erfahrung, um zu wissen, daß es nicht immer die Jüngsten und Besten sind, die den sie Liebenden erhalten werden -- was uns jedoch eher trösten als bekümmern sollte, denn der Himmel ist weise und gütig, und Erfahrungen solcher Art lehren uns eindringlich, daß es eine noch schönere Welt gibt als diese und daß wir bald hinübergehen zu ihr. Gottes Wille geschehe! Doch liebe ich sie, und er allein weiß es, wie sehr, wie sehr!»
Oliver war verwundert, daß Mrs. Maylie, sobald sie diese Worte gesprochen, ihren Klagen plötzlich Einhalt tat, sich hoch emporrichtete und vollkommen ruhig und gefaßt erschien. Er war noch mehr erstaunt, als er bemerkte, daß sie sich in ihrer Festigkeit gleich, bei allem Sorgen und Wachen besonnen und gesammelt blieb und jede ihrer Pflichten dem Anscheine nach sogar mit Heiterkeit erfüllte. Doch er war jung und wußte noch nicht, welch großen Tuns und Duldens starke Seelen unter schwierigen und entmutigenden Umständen fähig sind; und wie hätte er es wissen sollen, da sich die Starken selbst ihrer Kraft nur selten bewußt sind?
Es folgte eine angstvolle Nacht, und als der Morgen kam, waren Mrs. Maylies Vorhersagungen nur zu wahr geworden. Rose lag im ersten Stadium eines heftigen und gefahrdrohenden Fiebers.
«Wir müssen tätig sein, Oliver, und dürfen uns nicht einem nutzlosen Schmerze überlassen», sagte Mrs. Maylie, den Finger auf den Mund legend und ihm fest in das Gesicht blickend. «Dieses Schreiben muß so eilig wie irgend möglich Mr. Losberne zugeschickt werden. Du sollst es nach dem Flecken tragen, der auf dem Fußwege nur vier Meilen entfernt ist; von dort soll ein reitender, expresser Bote nach Chertsey abgehen. Der Gastwirt besorgt ihn, und ich weiß, daß du den Auftrag pünktlich ausrichten wirst.»
Oliver konnte nicht antworten, allein seine Mienen verkündigten, daß er vor Begierde brannte, sich sogleich auf den Weg zu begeben.
«Hier ist noch ein Schreiben,» fuhr Mrs. Maylie nachsinnend fort, «allein ich weiß kaum, ob ich es sogleich abschicken oder abwarten soll, wie es mit Roses Befinden wird. Ich möchte es lieber zurückhalten, bis ich das Schlimmste fürchten müßte.»
«Soll er auch nach Chertsey, Ma'am?» fragte Oliver ungeduldig, seinen Auftrag auszurichten, und die zitternde Hand nach dem Briefe ausstreckend.
«Nein!» erwiderte die alte Dame.
Sie gab ihn jedoch dem Knaben, da sie in Gedanken verloren war, und Oliver sah, daß er an Harry Maylie Esq. und nach dem Landsitze eines Lords, dessen Namen er noch nie gehört hatte, adressiert war.
«Soll er fort, Ma'am?» fragte Oliver ungeduldig.
«Nein; ich will bis morgen warten», sagte die alte Dame, ließ sich das Schreiben zurückgeben, reichte Oliver ihre Börse, und er eilte hinaus, um in kürzester Frist nach dem Marktflecken zu gelangen, in welchem er staubbedeckt ankam. Er hatte bald das Gasthaus zum Georg gefunden und wandte sich an einen Postillon, der ihn an den Hausknecht verwies, von welchem er wiederum an den Wirt verwiesen wurde, der bedächtig zu lesen und dann zu schreiben und Befehle zu erteilen anfing, worüber manche Minute verging. Oliver hätte selbst auf das Pferd springen und davongaloppieren mögen; doch endlich sprengte ein Berittener des Wirts die Straße hinunter und war nach wenigen Augenblicken verschwunden. Oliver, der vor der Tür gestanden hatte, ging mit leichterem Herzen über den Hof des Gasthauses, um eiligst heimzukehren. Als er um die Ecke eines Stallgebäudes bog, rannte er gegen einen großen, in einen Mantel eingehüllten Mann an, der eben aus der Tür des Gasthauses getreten sein mußte.
«Ha! zum Teufel, was ist das?» rief der Mann zurückprallend und die Blicke auf Oliver heftend.
«Ich bitte um Vergebung, Sir», sagte Oliver; «ich hatte große Eile und sah Sie nicht kommen.»
«Alle Teufel!» murmelte der Mann vor sich hin, den Knaben mit seinen großen, schwarzen Augen anstarrend. «Wer hätte das denken können? Und wenn man ihn zu Staub zerriebe, er würde aus 'nem marmornen Sarge wieder aufstehen und mir in den Weg treten.»
«Es tut mir leid, Sir», stotterte Oliver verwirrt; «ich hoffe, daß ich Ihnen keinen Schaden getan habe.»
«Daß seine Knochen verfaulen!» murmelte der finstere Mann durch die verbissenen Zähne; «hätte ich nur den Mut gehabt, das Wort auszusprechen, so hätte mich eine einzige Nacht von ihm befreien können. Fluch über dein Haupt und die Pest in deinen Leib, du Höllenbrand! Was hast du hier zu schaffen?»
Er hob drohend die Faust empor, knirschte mit den Zähnen und trat einen Schritt vor, als wenn er Oliver einen Schlag versetzen wollte, stürzte aber plötzlich zu Boden und wand und krümmte sich, während ihm dicker Schaum vor dem Munde stand. Oliver schaute dem Wahnwitzigen (denn ein solcher schien ihm der schreckliche Mann zu sein) ein paar Augenblicke zu, lief darauf in das Haus, um Beistand zu holen, verlor sodann keine Zeit mehr und eilte nach Hause zurück, mit großer Verwunderung und nicht ohne Bangigkeit an das seltsame Benehmen des Unbekannten zurückdenkend. Er verlor den ganzen Vorfall jedoch bald aus dem Gedächtnis, denn als er in Mrs. Maylies Wohnung wieder angelangt war, hörte und sah er genug, was seinen Gedanken eine ganz andere Richtung gab.
Roses Zustand hatte sich sehr verschlimmert, und noch vor Mitternacht lag sie in Fieberphantasien. Der Wundarzt aus dem Dorfe hatte Mrs. Maylie erklärt, daß die Krankheit ihrer Nichte eine sehr beunruhigende Wendung genommen hätte, und zwar in dem Maße, daß ihre Wiederherstellung einem Wunder gleichkommen würde.
Wie oft sprang Oliver aus seinem Bett in der Schreckensnacht, um an die Treppe zu schleichen und zu horchen, was in dem Krankenzimmer vorgehen möchte! Er bebte fast fortwährend an allen Gliedern, und kalte Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, wenn ihm irgendein Geräusch zu verkünden schien, daß das Schlimmste eingetreten sei. Er hatte nie so inbrünstig zum Himmel gefleht, wie er in dieser Nacht um die Erhaltung des teuren Lebens seiner holden, am Rande des Grabes stehenden Freundin betete.
Die Ungewißheit, die schreckliche, ängstigende Ungewißheit, wenn wir untätig daneben stehen, während die Wagschale eines Heißgeliebten zwischen Tod und Leben schwankt -- die folternden Gedanken, welche dann auf das Gemüt einstürmen, das Herz zu rascheren, heftigen Schlägen treiben, den Atem stocken machen -- die düsteren Bilder, welche sie heraufbeschwören --, der verzweifelte Herzensdrang, etwas zu tun zur Linderung von Schmerzen, die wir nicht lindern können, zur Entfernung einer Gefahr, die wir nicht zu entfernen vermögen, und die tiefe, traurige Niedergeschlagenheit, welche uns dann bei dem Bewußtsein unserer Ohnmacht ergreift: -- welche Qualen lassen sich diesen vergleichen, durch welche Erwägungen oder Anstrengungen könnten wir sie uns in der Fieberhitze der Aufregung, in unserer tiefen Not erleichtern?
Der Morgen kam, und das Häuschen war stumm und still. Man flüsterte nur; von Zeit zu Zeit ließen sich angstvolle Gesichter an der Tür blicken, und Frauen und Kinder gingen weinend wieder fort. Den ganzen langen Tag und noch stundenlang, nachdem es dunkel geworden war, ging Oliver leise im Garten auf und ab, die Augen fortwährend hinauf nach dem Zimmer der Kranken gewandt und schaudernd beim Anblick des verdunkelten Fensters, das ihm aussah, als wenn drinnen der Tod lauernd ausgestreckt läge. Zu einer späten Abendstunde traf Mr. Losberne ein. «'s ist hart», sagte der weichherzige Doktor, sich abwendend; «'s ist hart -- so jung -- so heiß geliebt von so vielen --, doch aber ist nur wenig Hoffnung!»
An einem abermaligen Morgen strahlte die Sonne hell -- so hell und heiter, als wenn sie auf kein Leiden, keine Sorge herabblickte; und indem die Blumen sie umblühten und Leben, Gesundheit und Töne der Freude und lachende Gegenstände sie rings umgaben, siechte die junge, schöne Dulderin dem Grabe entgegen. Oliver schlich hinaus auf den stillen Friedhof, setzte sich auf einen der kleinen, grünen Hügel und weinte um sie in der Stille und Einsamkeit.
Der Tag war ein so köstlicher Sommertag, die sonnige Landschaft so heiter und glänzend, die Vögel sangen und hüpften so munter in den Zweigen oder schwangen sich so lebensfroh in die Lüfte empor, alles, alles schien so laut aufzufordern zur Freude und Lust, daß sich dem Knaben, als er die schmerzenden Augen aufschlug, unbewußt der Gedanke aufdrängte, dies sei keine Zeit für den Tod, und Rose könne nimmermehr sterben, während so viele weit geringere Wesen so froh und munter wären; die Gräber wären nur für den kalten, freudlosen Winter, nicht für die sonnige, duftige, Lust weckende und gebende Sommerzeit. Fast hätte er geglaubt, die Leichentücher wären für die Alten und Abgelebten und nicht dazu bestimmt, die jungen und schönen Gestalten mit ihrer grausigen Nacht zu bedecken.
Ein Geläute der Kirchglocke unterbrach plötzlich seine kindlichen Gedanken. Es wurde zu den Begräbnisgebeten geläutet. Ein ländliches Leichengefolge schritt durch das Tor herein; die Leidtragenden hatten sich mit weißen Schleifen geschmückt; sie begruben einen Jüngling. Sie standen mit entblößten Häuptern am Grabe, und in ihrer Mitte kniete eine weinende Mutter. Aber die Sonne schien hell, und die Vögel zwitscherten und hüpften in den Zweigen fort und fort.
Oliver kehrte nach Hause zurück, gedenkend der vielfachen Beweise von Güte, die er von der jungen Dame empfangen und mit dem Wunsche, daß die Zeit noch einmal kommen möchte, wo er imstande wäre, ihr ohne Aufhören zu zeigen, wie dankbar und liebevoll gesinnt er gegen sie war. Er hatte sich nichts vorzuwerfen, denn er war eifrig in ihrem Dienste gewesen, und doch mußte er an zehn und wieder zehn Fälle denken, in welchen er meinte, nicht eifrig genug gewesen zu sein. Wohl sollten wir sorgfältig über unser Benehmen gegen die, mit denen unsere Lebensbahn uns zusammenführt, wachen, und so viel Liebe als möglich hineinlegen; denn jeglichen Todesfall begleitet eine Schar von Gedanken an so viel Versäumtes, so wenig Getanes -- an so viel Vergessenes und an noch viel mehr, was hätte besser getan, oder wieder gut gemacht werden können, daß die Erinnerungen dieser Art zu den allerbittersten gehören, die uns quälen können. Keine Reue ist so schmerzlich, als die vergebliche, und wollen wir uns ihre Peinigungen ersparen, so laßt uns beizeiten allen dessen gedenken.
Als Oliver zu Hause angelangt war, fand er Mrs. Maylie im kleinen Wohnzimmer. Sein Herz zagte in ihm bei ihrem Anblick, denn sie hatte das Bett ihrer Nichte noch keine Minute verlassen, und er zitterte, zu denken, welche Veranlassung sie von demselben verscheucht haben könnte. Er vernahm, daß die Patientin in einen festen Schlummer verfallen sei, aus welchem sie erwachen würde zur Genesung und zum Leben, oder um ihren Lieben das letzte Lebewohl zu sagen und von dieser Welt zu scheiden.
Sie saßen stundenlang horchend und zu sprechen sich scheuend, beieinander. Das Mahl wurde unangerührt hinausgetragen, ihre Blicke hingen an der Pracht der untergehenden Sonne, doch waren ihre Gedanken bei einem anderen Gegenstande. Ihr gespanntes Ohr vernahm den Schall herannahender Fußtritte, und sie eilten zugleich nach der Tür, als Losberne eintrat.
«Was haben Sie von Rose zu melden?» rief ihm die alte Dame entgegen. «Sagen Sie es sogleich. Ich kann alles, nur keine Ungewißheit ertragen. In des Himmels Namen, reden Sie! Ist sie tot, ist sie tot?»
«Nein», entgegnete der Doktor äußerst bewegt. «So wahr er gütig und barmherzig ist, wird sie leben, um uns alle noch viele Jahre zu beglücken!»
Die alte Dame fiel auf die Knie nieder und mühte sich, die Hände zu falten; allein ihre Kraft, die sie so lange aufrecht erhalten hatte, floh mit dem ersten Dankesseufzen, das sie zum Himmel emporsandte, und sie sank zurück in die Arme des herbeigeeilten Doktors.
34. Kapitel.
In welchem ein junger Herr auftritt, und Oliver ein neues Abenteuer erlebt.
Es war fast zu viel Glück, um es ertragen zu können. Oliver war durch die unverhoffte Kunde ganz betäubt; er konnte nicht weinen, nicht sprechen, nicht bleiben, wo er war. Er mußte sich erst wieder zu fassen suchen, um was er gehört, zum klaren Bewußtsein zu bringen, als er sich nach einem langen Umherschweifen in der stillen Abendlandschaft durch einen Tränenstrom erleichtert, und von der fast nicht mehr zu ertragenden Last befreit fühlte, die ihm gleich einem Alp auf dem Herzen gelegen hatte.
Es dunkelte, als er nach Hause zurückkehrte, beladen mit Blumen, die er mit ungewöhnlicher Sorgfalt zur Ausschmückung des Krankenzimmers gepflückt hatte. Als er der Wohnung Mrs. Maylies rasch zuschritt, hörte er hinter sich auf der Straße das donnernde Geräusch eines Wagens. Er sah sich um: es war eine Postchaise, und da die Straße ziemlich schmal war und der Postillon im Galopp fuhr, so trat er dicht an ein Gartentor, um nicht in Gefahr zu geraten. Die Chaise näherte sich, und nun erblickte er ein unter einer Nachtmütze fast verstecktes Gesicht, das ihm bekannt schien; er begann nachzusinnen, wem es angehören möchte, als er angerufen wurde, und der Postillon den Befehl zum Halten erhielt.
«Oliver, wie steht es -- wie steht es mit Miß Rose, Oliver?» rief ihm Mr. Giles zu.
«Ohne Umschweife -- besser oder schlimmer?» rief ein junger Herr, der Giles zurückzog und sich selbst aus dem Schlage herausbeugte.
«Besser -- viel besser!» erwiderte Oliver mit freudiger Hast.
«Gott sei Dank!» rief der junge Herr aus. «Ist's auch gewiß?»
«Sie können sich fest darauf verlassen, Sir», sagte Oliver; «die Besserung trat vor ein paar Stunden ein, und Mr. Losberne hat gesagt, daß alle Gefahr vorüber sei.»
Der junge Mann sagte kein Wort mehr, sondern sprang aus dem Wagen, zog Oliver zur Seite und fragte ihn mit bebender Stimme: «Ist es auch ganz gewiß? -- irrst du auch nicht, Kleiner? Täusche mich nicht, indem du Hoffnungen in mir erweckst, die am Ende nicht in Erfüllung gehen.»
«Das möcht' ich um keinen Preis, Sir», erwiderte Oliver. «Sie können mir in der Tat glauben. Mr. Losbernes Worte waren, sie würde leben und uns alle noch viele Jahre beglücken. Ich hab' es ihn selbst sagen hören.»
In seinen Augen standen Tränen, während er sich an die Worte erinnerte, die ihn so unaussprechlich glücklich gemacht hatten, und der junge Herr wandte das Gesicht ab und war einige Minuten stumm. Oliver glaubte ihn schluchzen zu hören und wagte es nicht, seinen Bericht fortzusetzen; er stand da und tat, als wenn er mit seinem Blumenstrauß beschäftigt wäre.
Mr. Giles hatte unterdes auf dem Kutschtritte, die Ellenbogen auf die Knie gestützt und die Augen trocknend, gesessen, und die Röte der letzteren, als der junge Herr ihn anredete, und als er aufblickte, bewies, daß seine Bewegung keine erkünstelte war.
«Fahren Sie nach meiner Mutter Hause, Giles», sagte der junge Herr. «Ich will langsam nachkommen, um mich erst ein wenig zu sammeln, bevor ich ihr unter die Augen trete. Sie können ihr sagen, daß ich käme.»
«Bitt' um Vergebung, Mr. Harry,» erwiderte Giles, «aber Sie würden mir einen großen Gefallen erzeigen, wenn Sie sich durch den Postillon anmelden lassen wollten. Die Damen dürfen mich wirklich so nicht sehen, Sir; ich würde alles Ansehen bei ihnen verlieren.»
«Nach Ihrem Belieben, Giles», entgegnete der junge Herr lächelnd. «Lassen Sie ihn mit dem Gepäck vorausfahren, und Sie können mit uns nachfolgen, nur vertauschen Sie jetzt sogleich Ihre Nachtmütze mit einer angemessenen Kopfbedeckung, damit wir nicht für Wahnwitzige gehalten werden.»
Giles erinnerte sich mit Schrecken seines unziemlichen Aufzugs, steckte seine Nachtmütze in die Tasche, setzte statt derselben einen Hut auf, der Postillon fuhr weiter, und Giles, Mr. Maylie und Oliver folgten zu Fuß nach.
Oliver blickte den jungen Herrn von Zeit zu Zeit mit ebensoviel Neugier wie Interesse von der Seite an. Mr. Maylie schien etwa fünfundzwanzig Jahre alt zu sein, und war von Mittelgröße; in seinem wohlgeformten Gesicht drückte sich Offenheit aus, und sein Benehmen war äußerst gewandt und gewinnend. Trotz der Altersverschiedenheit sah er der alten Dame so sprechend ähnlich, daß ihn Oliver sogleich als einen nahen Anverwandten derselben erkannt haben würde, wenn er sie auch nicht seine Mutter genannt hätte.
Mrs. Maylie erwartete ihn mit großer Sehnsucht und Ungeduld, und das Wiedersehen der Mutter und des Sohnes fand nicht ohne Bewegung statt.
«O Mutter, warum schrieben Sie mir nicht früher?» flüsterte er.
«Ich schrieb allerdings,» erwiderte sie, «beschloß aber nach reiflicher Überlegung, den Brief zurückzuhalten, bis ich Mr. Losbernes Ausspruch gehört haben würde.»
«Aber warum setzten Sie sich einer Gefahr aus, deren Eintreten so sehr möglich war? Wenn Rose -- ich kann das Wort jetzt nicht aussprechen -- wenn Roses Krankheit eine andere Wendung genommen, wie hätten Sie sich jemals selbst verzeihen können -- wie hätte ich je wieder ruhig werden sollen?»
«Wenn das Schlimmste eingetreten wäre, Harry, so fürchte ich, daß deine Ruhe sehr wesentlich gestört worden und daß es von nur sehr geringer Bedeutung gewesen sein würde, ob du hier einen Tag früher oder später eingetroffen wärest.»
«Sie müssen es am besten wissen, und jedenfalls leidet das keinen Zweifel, daß meine Ruhe, wenn das Schlimmste eingetreten wäre --»
«Rose verdient die echteste, reinste Neigung, die das Herz eines Mannes nur bieten kann. Ihr Seelenadel und ihr liebendes, hingebendes Gemüt rechtfertigen den Anspruch auf eine nicht gewöhnliche, sondern tiefe und dauernde Gegenliebe. Wenn ich davon nicht überzeugt wäre und nicht außerdem wüßte, daß ein verändertes Benehmen von seiten eines Anverwandten, den sie liebt, sie bis zum Tode betrüben würde, so würde mir meine Aufgabe nicht so schwierig erscheinen, oder ich hätte nicht so viele Kämpfe mit mir selbst zu bestehen, indem ich tue, was mir die Pflicht schlechterdings zu gebieten scheint.»
«Ist das nicht unrecht, Mutter? Halten Sie mich noch für so jung, daß ich mein Herz nicht kennte, imstande wäre, meine innersten, lebhaftesten, besten Gefühle zu mißdeuten?»
«Mein lieber Harry, die Jugend hegt viele edle Gefühle, welche nicht von Dauer und bisweilen, wenn befriedigt, um so flüchtiger sind. Und was noch mehr ist, mein Sohn: -- besitzt ein enthusiastischer, feuriger, ehrgeiziger, junger Mann eine Gattin, auf deren Namen ein Flecken haftet, der, obwohl nicht ihre Schuld, von kalten und gemein denkenden Leuten ihr und vielleicht auch ihren Kindern, und zwar um so mehr zum Vorwurf gemacht wird -- um deswillen sie wie er um so mehr Spott und Hohn zu erdulden haben -- je erfolgreicher oder glänzender seine Laufbahn ist, so kann ihn -- und wenn er noch so gut und edel ist -- im späteren Leben die Verbindung reuen, die er in seiner Jugend geschlossen, und sie selbst den Schmerz und die Pein erfahren, es zu wissen.»
«Mutter,» entgegnete der junge Mann ungeduldig, «ein solcher Mann wäre ein elender Egoist, unwürdig des Namens eines Mannes und einer Frau, wie Sie sie geschildert haben.»
«So denkst du jetzt, Harry!»
«Und ich werde stets so denken! Die Herzensqual, die ich in den beiden letzten Tagen erduldet, dringt mir das offene Geständnis einer Leidenschaft ab, die, wie Ihnen wohl bekannt, weder von gestern, noch eine jugendlich-leichtsinnige und unbedachte ist. Meine Neigung zu dem lieben, herrlichen Mädchen ist so tief und fest begründet, wie es die Neigung eines Mannes nur sein kann. Ich habe keinen Gedanken, keinen Lebensplan, keine Hoffnung außer ihr, höher als sie, und wenn Sie sich meiner Liebe zu ihr widersetzen, so vernichten Sie meine Ruhe, mein ganzes Glück für immer. O Mutter, überlegen Sie noch einmal und denken Sie besser von mir; mißachten Sie die heißen Gefühle nicht, auf welche Sie einen so geringen Wert zu legen scheinen.»
«Harry,» entgegnete Mrs. Maylie, «ich halte vielmehr so viel von warmen und gefühlvollen Herzen, daß ich ihnen eine Enttäuschung ersparen möchte. Doch wir haben für jetzt genug und mehr als genug von der Sache geredet.»
«So überlassen Sie Rose die Entscheidung; und Sie werden sicher Ihren zu strengen Ansichten nicht so viel Macht einräumen, daß Sie mir Hindernisse in den Weg legen.»
«Das nicht; allein ich wünsche, daß du wohl überlegst --»
«Ich habe überlegt -- jahrelang überlegt -- fast so lange, wie ich mit Ernst zu überlegen fähig bin. Meine Gefühle sind unverändert geblieben -- werden stets unverändert bleiben, und warum sollte ich die Pein des Aufschiebens und Wartens erdulden, was ja schlechterdings keinen Nutzen haben kann. Ja, Rose muß mich anhören, bevor ich wieder abreise!»
«Sie soll es», sagte Mrs. Maylie.
«Ihr Ton scheint fast anzudeuten, daß sie mich kalt anhören wird, Mutter», sagte der junge Mann angstvoll.
«Nichts weniger als dies», erwiderte die alte Dame; «weit entfernt davon.»
«Hat sie auch wirklich keine andere Neigung?»
«Nein; ich müßte sehr irren, wenn du ihr Herz nicht bereits in nur zu hohem Maße besäßest. -- Höre mich an,» fuhr sie fort, als ihr Sohn im Begriff stand, zu antworten; «ich will nur noch dieses sagen. Bedenke, ehe du dein Alles auf diesen Wurf setzest, ehe du dich zur höchsten Hoffnungsstufe emportragen lässest, bedenke Roses Lebensgeschichte, mein lieber Sohn, und überlege, welche Wirkung es auf ihre Entscheidung haben kann, wenn sie von ihrer zweifelhaften Herkunft in Kenntnis gesetzt wird; -- denn sie ist uns mit aller Innigkeit ihres edlen Gemüts ergeben, und die vollkommenste Selbstaufopferung in großen wie in geringen Dingen bezeichnete stets ihre Denkart.»
«Was wollen Sie damit sagen, Mutter?» fragte der junge Mann.
«Ich will es dir zu erraten überlassen», versetzte Mrs. Maylie. «Ich muß wieder zu Rose gehen. Gott sei mit dir!»
«Werde ich Sie heute abend noch wiedersehen?»
«Ja, sobald ich Rose verlasse.»
«Werden Sie ihr sagen, daß ich hier bin?»
«Natürlich.»
«Und auch, welche Herzensangst ich um ihretwillen ausgestanden und wie mich verlangt, sie zu sehen? Sie werden mir diesen Liebesdienst nicht verweigern?»
«Nein, auch das will ich ihr sagen», erwiderte Mrs. Maylie, drückte dem Sohne zärtlich die Hand und ging.
Losberne und Oliver hatten während dieser flüchtigen Unterredung am fernsten Ende des Zimmers geweilt. Der erstere begrüßte jetzt Harry Maylie auf das herzlichste und mußte ihm sofort den umständlichsten Bericht über die Krankheit und das Befinden der Patientin erstatten. Giles hörte mit begierigem Ohre zu, während er mit dem Gepäck beschäftigt war.
«Haben Sie kürzlich etwas Besonderes geschossen, Giles?» fragte der Doktor nach dem Schlusse seiner Mitteilungen.
«Nein, Sir, Besonderes eben nicht», erwiderte Giles, hoch errötend.
«Auch keine Diebe gefangen oder Räuber ausfindig gemacht?» fuhr Losberne ein wenig boshaft fort.
«Nein, Sir», antwortete Giles sehr ernst.
«Das tut mir leid, da Sie sich auf dergleichen so vortrefflich verstehen. Wie geht es denn Brittles?»
«Der junge Mensch befindet sich sehr wohl, und läßt sich Ihnen ganz gehorsamst empfehlen, Sir.»
«Schön», sagte der Doktor. «Doch da ich Sie hier treffe, fällt mir's ein, Giles, daß ich in den Tagen, wo ich so eilig abgerufen wurde, aufgefordert von Ihrer gütigen Herrschaft, einen kleinen Auftrag zu Ihren Gunsten übernahm. Treten Sie doch auf einen Augenblick mit mir an das Fenster!»
Giles trat ziemlich verwundert zu ihm, und der Doktor beehrte ihn mit einer kurzen, heimlichen Unterredung, nach deren Beendigung er eine große Menge Verbeugungen machte, und mit ungewöhnlicher Wichtigkeit wieder zurückging. Der Gegenstand des so leise geführten Gesprächs wurde im Zimmer nicht bekannt gegeben, wohl aber sofort in der Küche; denn dahin lenkte Mr. Giles augenblicklich seine Schritte und verkündete, nachdem er sich einen Krug Ale hatte reichen lassen, daß es seiner Herrschaft, in Anbetracht seines mutvollen Benehmens bei dem Einbruche, gefallen habe, die Summe von fünfundzwanzig Pfund in der Sparkasse für ihn niederzulegen. Die Köchin und das Hausmädchen hoben die Hände und Augen empor und meinten, daß Mr. Giles jetzt ganz stolz werden würde, worauf Mr. Giles, an seiner Hemdkrause zupfend, erwiderte, daß sie sich in einem großen Irrtume befänden, und daß er ihnen dankbar sein wollte, wenn sie, falls sie dergleichen jemals gewahrten, ihn aufmerksam darauf machen würden, daß er sich hoffärtig gegen Geringere erwiese. Er verbreitete sich darauf weitläufig über seine Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, wofür ihm großes Lob gezollt wurde, wie es bei bedeutenden Personen in solchen Fällen zu geschehen pflegt.
Oben verging der Rest des Abends sehr heiter, denn der Doktor befand sich in der fröhlichsten Stimmung, und so ermüdet oder nachdenklich Harry Maylie anfangs gewesen sein mochte, er konnte der guten Laune des wackeren Mannes nicht widerstehen. Losberne scherzte und erzählte, und Oliver glaubte nie in seinem Leben so drollige Dinge gehört zu haben, so daß er zur großen Freude des Doktors fortwährend lachte, wie der Doktor selbst, und endlich auch Harry; denn auch das Gelächter hat ja seine ansteckende Kraft. Mit einem Wort, sie waren so vergnügt, wie sie es unter den obwaltenden Umständen nur irgend hätten sein können, und es war spät geworden, als sie mit leichtem und dankerfülltem Herzen die Ruhe aufsuchten, deren sie nach der Ungewißheit und Angst, in der sie in den letzten Tagen geschwebt hatten, so sehr bedurften.
Oliver ging am folgenden Morgen mit mehr Hoffnung und Freude, als er, wie ihm schien, seit langer Zeit gekannt hatte, an seine gewöhnliche Beschäftigung. Die Betrübnis war von seinem Antlitz wie durch Zauber verschwunden; es war ihm, als wenn die Blumen mit doppeltem Glanze im Tau funkelten, die linde Luft in den Blättern lieblicher säuselte, der Himmel reiner und blauer als je wäre. Das ist die Wirkung unserer inneren Stimmung auf unsere Anschauung des Äußeren um uns her. Die auf die Natur und ihre Mitmenschen blicken und wehklagen, daß alles schwarz und finster sei, sie haben recht; allein die düsteren Farben sind Widerspiegelungen ihrer gelbsüchtigen Augen und Herzen. Die wahren und wirklichen sind zarte Tinten, und bedürfen eines schärferen Gesichts.
Eine bemerkenswerte Beobachtung entging auch Oliver nicht, nämlich, daß er seine Morgenausflüge nicht mehr allein zu machen brauchte. Nachdem ihn Harry Maylie zum erstenmal mit einer Blumenladung hatte heimkehren sehen, wurde er von einer solchen Leidenschaft für Blumen ergriffen, und er entwickelte so viel Geschmack im Ordnen derselben, daß er Oliver weit hinter sich zurückließ, der dagegen wußte, wo die schönsten Blumen zu finden waren. Sie durchstreiften Tag für Tag die Umgegend miteinander, und brachten die köstlichsten Sträuße mit nach Hause. Roses Fenster wurde jetzt geöffnet, denn die balsamische Sommerluft erquickte sie, und auf der Fensterbank stand jeden Morgen ein frischer, mit großer Sorgfalt geordneter Blumenstrauß. Oliver bemerkte, daß die welken Blumen nie weggeworfen wurden, und daß der Doktor, wenn er durch den Garten ging, stets hinaufblickte und bedeutsam lächelnd den Kopf hin und her wiegte. So verflossen die Tage, und Roses Herstellung ging rasch und glücklich vonstatten.
Auch unserm Oliver verging die Zeit nicht langsam, obwohl die junge Dame ihr Zimmer noch nicht verlassen hatte, und obwohl es keine Spaziergänge wie sonst mehr gab, ausgenommen dann und wann ganz kurze mit Mrs. Maylie. Er verdoppelte seinen Fleiß in den Lehrstunden des silberhaarigen, alten Mannes, so daß ihn seine raschen Fortschritte fast selber wundernahmen. Eines Abends, als er seine Aufgaben für den folgenden Tag lernte, begegnete ihm ein so unerwarteter wie als Besorgnis erregender Vorfall.
Das kleine Zimmer, in welchem er bei seinen Büchern zu sitzen pflegte, befand sich im Erdgeschoß, und lag nach hinten hinaus. Das Fenster ging in den Garten, aus welchem man durch eine Tür auf einen eingehegten Wiesengrund gelangte, und aus diesem auf den Anger und in ein Gehölz. Es fing an zu dämmern, Oliver hatte fleißig gelesen und auswendig gelernt, es war noch immer sehr warm, auch wohl ein wenig schwül, und er schlummerte über einem Buche ein.
Uns beschleicht bisweilen eine Art von Schlummer, der, während er den Leib gefangen hält, der Seele ein Halbbewußtsein der Umgebung und die Fähigkeit, nach Belieben umherzuschweifen, läßt. Er ist Schlaf, sofern eine überwältigende Schwere, eine Lähmung der Willenskraft und eine gänzliche Unfähigkeit, unsere Gedanken und Vorstellungen zu beherrschen, Schlaf genannt werden kann; dennoch aber wissen wir in diesem Zustande, auch wenn wir träumen, was um uns her vorgeht, schauen es, hören, was gesprochen wird, oder welche wirkliche Laute sonst an unser Ohr dringen mögen, und Wirklichkeit und Einbildung vermischen sich endlich so wunderbar, daß es nachgehends fast unmöglich ist, sie wieder voneinander zu trennen. Es ist Tatsache, obwohl unsere Gefühls- und Gesichtsorgane für die Zeit gleichsam tot sind, daß die im Schlummer uns kommenden Gedanken und die in der Einbildung geschauten Dinge bestimmt, und zwar wesentlich bestimmt werden durch die bloße stumme Gegenwart eines wirklichen Gegenstandes, der uns, als wir die Augen schlossen, nicht nahe zu sein brauchte, und von dessen Herannahen oder Anwesenheit wir kein eigentliches Bewußtsein haben.
Oliver wußte genau, daß er sich in seinem kleinen Zimmer befand, daß seine Bücher vor ihm auf dem Tische lagen, und daß der Abendwind in dem Blätterwerk vor dem Fenster rauschte -- und schlummerte dennoch. Plötzlich trat eine gänzliche Umwandlung seiner Umgebung ein, die Luft wurde heiß und drückend, und er glaubte sich unter Angst und Schrecken wieder im Hause des Juden zu befinden. Da saß der fürchterliche, alte Mann in dem Winkel, in welchem er zu sitzen pflegte, wies mit dem Finger nach ihm und flüsterte einem anderen, neben ihm sitzenden Manne, der das Gesicht abgewendet hatte, etwas zu.
«Pst! mein Lieber!» glaubte er den Juden sagen zu hören; «er ist's, ist's ohne Zweifel. Kommt -- laßt uns gehen!»
«Meint Ihr, daß ich ihn nicht erkannte?» schien der andere zu antworten. «Und wenn eine Rotte von Teufeln seine Gestalt annähme, und er stände mitten zwischen ihnen, so würd's mir mein Sinn zutragen, welcher er wäre, und ich fände ihn heraus. Wenn Ihr ihn fünfzig Schuh tief begrübet und brächtet mich über sein Grab, so würd' ich wissen, und wenn auch kein Merkmal oder Zeichen es andeutete, daß er darunter begraben läge. Möge sein Fleisch und Bein verfaulen, ich würd's!»
Der Mann schien die Worte in einem so tödlichen Haß verkündenden Tone zu sprechen, daß Oliver bebend aufschreckte.
Gütiger Himmel, welcher Anblick war es, der ihm das stockende Blut zum Herzen zurücktrieb und ihn der Stimme wie der Bewegungskraft beraubte! Dort -- dort am Fenster -- nur zwei Schritte von ihm entfernt -- so nahe, daß er ihn fast hätte berühren können, ehe er zurückschreckte -- stand, in das Zimmer hereinlugend, der Jude, dessen Blicke den seinigen begegneten, und neben ihm gewahrte Oliver denselben Mann, der ihm vor einiger Zeit im Hofe des Gasthauses ein solches Entsetzen eingejagt; und der Fürchterliche war blaß vor Wut oder Grauen oder welcher inneren Bewegung sonst, und seine Augen schossen drohende, zornige Blicke nach Oliver!
Doch sie standen da, und Oliver sah sie nur einen einzigen, flüchtigen Augenblick: dann waren sie verschwunden. Sie hatten indes ihn und er hatte sie erkannt, und ihr Hereinlugen nach ihm und ihre Mienen drückten sich seinem Gedächtnis so fest und tief ein, als wenn sie in Stein ausgehauen und ihm von Kindheit an stets vor Augen gewesen wären. Er stand einen Augenblick wie angewurzelt da, sprang darauf aus dem Fenster in den Garten, und rief laut nach Hilfe.
35. Kapitel.
Das Endergebnis des Abenteuers, das Oliver begegnet war, und eine Unterredung von ziemlicher Wichtigkeit zwischen Harry Maylie und Rose.
Als die Bewohner des Hauses, veranlaßt durch Olivers Rufen, in den Garten eilten, fanden sie ihn bleich und bebend dastehen. Er wies nach dem Wiesengrunde hinter dem Garten und war kaum imstande, die Worte zu stammeln: «Der Jude! der Jude!»
Mr. Giles vermochte gar nicht zu fassen, was sie bedeuten sollten; Harry Maylie, der Olivers Geschichte von seiner Mutter gehört hatte, begriff es dagegen desto rascher.
«Welche Richtung hat er genommen?» fragte er, zugleich einen tüchtigen Stock aufhebend, der zufällig dalag.
Oliver wies nach der Richtung hin, in welcher er die beiden Männer hatte forteilen sehen und sagte, daß er sie soeben erst aus den Augen verloren hätte.
«Dann wollen wir sie schon wieder einholen!» sagte Harry. «Folgt mir, und haltet euch mir so nahe, wie ihr könnt!»
Er sprang bei diesen Worten über die Hecke und eilte so raschen Laufes davon, daß die anderen ihm kaum zu folgen vermochten. Nach ein paar Minuten gesellte sich ihnen auch Losberne, der eben von einem Spaziergange heimkehrte, zu und rief ihnen laut die Frage zu, was denn vorgefallen sei. Sie hielten erst an, um Atem zu schöpfen, als Harry in das Angerstück einlenkte, nach welchem Oliver hingewiesen hatte, und sorgfältig den Graben und die Hecke zu durchsuchen anfing, wodurch die übrigen Zeit gewannen, heranzukommen und Losberne die Veranlassung der Jagd mitzuteilen.
Ihr Suchen war vergeblich. Sie entdeckten nicht einmal frische Fußspuren. Sie standen endlich auf einem kleinen Hügel, von welchem aus sie die Wiesen, Anger und Felder nach allen Richtungen weithin übersehen konnten. Linker Hand lag das kleine Dorf; allein die Verfolgten hätten, um es zu erreichen, in der von Oliver beschriebenen Richtung eine Strecke über den offenen Anger zurücklegen müssen, die sie in so kurzer Zeit zurückzulegen schlechterdings nicht imstande gewesen wären. Nach einer anderen Seite begrenzte dichtes Gebüsch die Wiesen, allein es war aus dem gleichen Grunde unmöglich, daß sie dasselbe schon hatten gewinnen können.
«Du mußt geträumt haben, Oliver», sagte Harry Maylie, ihn beiseite führend.
«Nein, nein, Sir, wahrlich nicht», erwiderte der Knabe schaudernd; «ich sah ihn zu deutlich -- sah beide so deutlich, wie ich Sie jetzt vor mir sehe.»
«Wer war denn der andere?» fragten Harry und Losberne zugleich.
«Derselbe Mann, von dem ich Ihnen sagte, daß ich ihn im Hofe des Gasthauses getroffen», antwortete Oliver. «Wir hatten unsere Blicke wechselseitig aufeinander geheftet, und ich könnte es beschwören, daß er es war.»
«Weißt du gewiß, daß sie diesen Weg genommen haben?» fragte Maylie.
«So gewiß, wie ich weiß, daß sie vor dem Fenster standen», versicherte Oliver, und wies nach der Hecke zwischen dem Garten und dem Wiesengrunde hinunter. «Da sprang der große Mann hinüber; der Jude lief einige Schritte weit rechts und drängte sich durch die Lücke dort.»
Maylie und Losberne sahen Oliver und sodann einander an -- und man brauchte nur die eifrigen Mienen des Knaben zu beobachten, um überzeugt zu sein, daß er die reine Wahrheit sagte. Indes waren immer noch keinerlei Spuren von Männern, die auf eiliger Flucht begriffen gewesen wären, in irgendwelcher Richtung zu entdecken. Das Gras war lang, aber nur da niedergetreten, wo die Verfolgenden es niedergetreten hatten. Die Ränder und Seiten der Gräben waren von feuchter Tonerde, allein an keiner Stelle wollte sich auch nur die mindeste Spur frischer Fußstapfen finden.
«Es ist höchst auffallend», sagte Maylie.
«Höchst auffallend», wiederholte Losberne. «Sogar Blathers und Duff würde der Verstand dabei stillstehen.»
Sie suchten noch immerfort, bis es vollkommen dunkel geworden war, und sahen sich endlich genötigt, ihre Bemühungen ohne alle Hoffnung auf Erfolg aufzugeben. Giles mußte sich die beiden ominösen Männer so gut wie möglich von Oliver beschreiben lassen und wurde darauf in die Bierhäuser des Dorfes abgeschickt, um Nachfragen anzustellen; er kehrte jedoch zurück, ohne die mindeste Auskunft erhalten zu haben, indem man sich doch zum wenigsten des Juden sicher erinnert haben würde, wenn er verweilt, sich etwa einen Trunk reichen lassen oder mit jemand gesprochen hätte.
Am folgenden Morgen wurden die Nachsuchungen und Nachforschungen wiederholt, allein ebenso vergeblich. Am zweiten Tage ging Mr. Maylie mit Oliver nach dem Marktflecken, in der Hoffnung, dort etwas von dem Juden und seinem Begleiter zu sehen, zu hören oder zu erfahren; doch der Versuch zeigte sich nicht minder fruchtlos als alle ihm vorhergegangenen, und nach Verlauf einiger Tage fing die Sache an in Vergessenheit zu geraten.
Rose hatte inzwischen das Krankenzimmer verlassen, konnte wieder ausgehen, war dem Familienkreise zurückgegeben und erfreute aller Herzen durch ihr Aussehen wie durch ihre Gegenwart.
Allein obgleich diese glückliche Veränderung die sichtbarste Wirkung auf den kleinen Kreis hatte und obgleich in Mrs. Maylies Landhäuschen wieder muntere Gespräche und fröhliches Gelächter gehört wurden, so herrschte doch bisweilen eine sonst nicht gewöhnliche Zurückhaltung, was auch Oliver nicht entging. Mrs. Maylie und ihr Sohn entfernten sich oft und lange, und auf Roses Wangen waren Spuren von Tränen bemerkbar. Nachdem der Doktor einen Tag zu seiner Abreise nach Chertsey bestimmt hatte, lag es klar vor Augen, daß etwas vorging, wodurch der Seelenfriede der jungen Dame und noch jemandes gestört wurde.
Als endlich Rose eines Morgens im Wohnzimmer allein war, trat Harry Maylie herein und bat mit einigem Stocken um die Erlaubnis, ein paar Worte mit ihr reden zu dürfen.
«Wenige, sehr wenige werden hinreichen, Rose», sagte der junge Mann, sich zu ihr setzend. «Was ich dir zu sagen habe, ist dir bereits nicht mehr unbekannt; du kennst die süßesten Hoffnungen meines Herzens, obgleich du sie noch niemals aus meinem Munde vernommen hast.»
Rose war bei seinem Eintreten erblaßt, was freilich noch als eine Nachwirkung ihrer Krankheit gedeutet werden konnte. Sie beugte sich über einen ihr nahestehenden Blumentopf und wartete schweigend, daß er fortfahren würde.
«Ich -- ich hätte schon früher wieder abreisen sollen», sagte er.
«Ich bin deiner Meinung, Harry», erwiderte Rose. «Vergib mir, daß ich es sage, allein ich wollte, du hättest es getan.»
«Die schrecklichsten und quälendsten aller Befürchtungen haben mich hergetrieben», entgegnete der junge Mann; «die Angst und Sorge, das teure Wesen zu verlieren, auf das sich alle meine Wünsche und Hoffnungen beziehen. Du warst dem Tode nahe -- standest bebend zwischen Himmel und Erde. Wenn die Jugendlichen, Schönen und Guten durch Siechtum heimgesucht werden, so wenden sich ihre reinen Geister den ewigen Wohnungen seliger Ruhe zu, und deshalb sinken die Besten und Schönsten unseres Geschlechts so oft in der Blüte ihrer Jugend in das Grab.»
Der holden Jungfrau traten, als sie diese Worte vernahm, Tränen in die Augen, und als eine derselben auf die Blume herabträufelte, über welche sie sich niedergebeugt hatte, und diese verschönend hell in ihrem Kelche glänzte, da war es, als wenn die Ergüsse eines reinen jungen Herzens ihre Verwandtschaft mit den lieblichsten Kindern der Natur geltend machten.
«Ein Engel,» fuhr der junge Mann leidenschaftlich fort, «ein Wesen, so schön und frei von Schuld, wie ein Engel Gottes, schwebte zwischen Leben und Tod. Oh, wer konnte hoffen, daß sie zu den Leiden und Ängsten dieser Welt zurückkehren würde, als die ferne, ihr verwandte ihrem Blicke schon halb geöffnet war! Rose, Rose! es war fast zu viel, um es tragen zu können, zu wissen, daß du gleich einem leisen Schatten, den ein Licht vom Himmel auf die Erde wirft, entschwändest -- keine Hoffnung zu haben, daß du denen erhalten würdest, die hier noch weilen, und keinen Grund zu kennen, warum du es solltest -- zu wissen, daß du der schöneren Welt angehörtest, wohin so viele Reichbegabte in der Kindheit und Jugend den zeitigen Flug gerichtet -- und doch bei all solchen Tröstungen zu flehen, daß du den dich Liebenden wiedergegeben werden möchtest! Das waren meine Gedanken bei Tag und Nacht, und mit ihnen ergriff mich ein so überwältigender Strom von Besorgnissen und Ängsten und selbstsüchtigen Schmerzen, daß du sterben und nie erfahren würdest, wie heiß ich dich liebte, daß er mir in seinen Strudeln Sinn und Verstand fast mit fortriß. Du genasest -- Tag für Tag und fast Stunde für Stunde träufelten wieder Tropfen der Gesundheit aus Hygieias Kelche herab und vermischten sich mit dem schwachen, fast versiegten, zögernd in dir umlaufenden Lebensbächlein und schwellten es wieder zum vollen, raschen, munteren Hinrieseln an. Ich habe dich mit Augen, feucht vom heißesten Sehnen und innerster tiefer Herzensneigung, zurückkehren sehen vom Tode zum Leben. Oh, sag' mir nicht, du wünschtest, daß ich meine Liebe aufgegeben haben möchte, denn sie hat mein Herz erweicht und der ganzen Menschheit geöffnet!»
«Das wollte ich nicht sagen», nahm Rose weinend das Wort; «ich wünsche nur, daß du von hier fortgegangen sein möchtest, um dich wieder hohen und edeln Bestrebungen -- deiner würdigen Bestrebungen zu widmen.»
«Es gibt keine Bestrebung, die meiner würdiger -- des edelsten und herrlichsten Geistes würdiger wäre als das Mühen, ein Herz wie das deinige zu gewinnen», versetzte der junge Mann, ihre Hand ergreifend. «Rose, meine liebe, unnennbar teure Rose, ich habe dich seit -- ja, seit Jahren geliebt, jugendlich hoffend und träumend, mein Teilchen Ruhm mir zu erringen und dann stolz heimzukehren und im selben schönen Augenblick dir zu sagen, daß ich das Errungene nur gesucht, um es mit dir zu teilen, dich zu erinnern an die vielen stummen Zeichen einer Jünglingsneigung, die ich dir gegeben, dir dein Erröten dabei in das Gedächtnis zurückzurufen und dann deine Hand wie zur Besiegelung eines unter uns altbestandenen, stillschweigenden Vertrags zu fordern. Die Zeit ist noch nicht gekommen; doch gebe ich dir jetzt, ohne Ruhm geerntet, ohne einen der jugendlichen Träume erfüllt gesehen zu haben, das so lange schon dein gewesene Herz und setze mein Alles auf die Erwiderung, die meiner Anerbietung von dir zuteil wird.»
«Deine Handlungsweise war immer gut und edel», erwiderte Rose, ihre heftige Bewegung unterdrückend. «Glaubst du, daß ich weder fühllos noch undankbar bin, so höre meine Antwort.»
«Geht sie dahin, daß ich mich bemühen soll, dich zu verdienen, teuerste Rose?»
«Dahin, daß du dich bemühen mußt, mich zu vergessen -- nicht als deine alte, liebe Gespielin, denn das würde mich unsäglich tief verwunden und schmerzen, sondern als einen Gegenstand deiner Liebe. Blick' hinaus in die Welt -- oh, wie viele Herzen gibt es in ihr, die du gleich stolz sein kannst zu gewinnen. Vertraue mir eine Leidenschaft für eine andere an, und ich will dir die wahrhafteste, wärmste und treueste Freundin sein.»
Beide schwiegen, und Rose verhüllte ihr Antlitz und ließ ihren Tränen freien Lauf. Harry hielt noch immer ihre Hand stumm in der seinigen. «Und deine Gründe, Rose», begann er endlich mit leiser Stimme; «darf ich die Gründe wissen, die dich zu dieser Entscheidung drängen?»
«Du hast ein Recht, nach ihnen zu fragen,» erwiderte Rose, «kannst indes nichts sagen, was meinen Beschluß zu ändern vermöchte. Es ist eine Pflicht, die ich üben muß. Ich bin es andern schuldig wie mir selbst.»
«Dir selbst?»
«Ja, Harry, ich bin es mir selber schuldig, daß ich, ein verwaistes, vermögensloses Mädchen mit einem Flecken auf meinem Namen, der Welt keinen Grund gebe, zu wähnen, ich hätte aus niedrigen Antrieben deiner ersten Leidenschaft nachgegeben und mich als ein Bleigewicht an deine Hoffnungen und Entwürfe geheftet. Ich bin es dir und deinen Angehörigen schuldig, dir zu wehren, im Feuer deiner edlen Gefühle ein solches Hemmnis deines Vorwärtsschreitens in der Welt dir aufzubürden.»
«Wenn deine Neigungen mit deinem Pflichtgefühl zusammenstimmen --», begann Harry.
«Das ist nicht der Fall», unterbrach ihn Rose, tief errötend.
«So erwiderst du also meine Liebe?» sagte Harry. «Sage mir nur dies eine, nur dies eine, Rose, und lindere die Bitterkeit meiner harten Täuschung.»
«Wenn ich dürfte, ohne ihm, den ich liebte, ein schweres Leid zuzufügen,» erwiderte Rose, «so würde ich --»
«So würdest du die Erklärung meiner Liebe ganz anders aufgenommen haben?» fiel Harry in der größten Spannung ein. «O Rose, verhehle mir das wenigstens nicht.»
«Nun ja», sagte die Jungfrau. «Doch», fügte sie, ihre Hand der seinigen entziehend, hinzu, «warum diese peinliche Unterredung fortsetzen, die für mich am schmerzlichsten, wenn auch ein Quell der reinsten Freude ist? Denn es wird mir allerdings stets ein hohes Glück gewähren, einst von dir wie jetzt beachtet und geliebt zu sein, und jeder neue Triumph, den du im Leben erringst, wird mich mit neuer Kraft und Festigkeit erfüllen. Lebe wohl, Harry, denn wir dürfen uns so nie wiedersehen, wenn uns auch in anderen Beziehungen die schönsten, innigsten Bande umschlingen. Möge dir jeder Segen zuteil werden, den das Flehen eines treuen und aufrichtigen Herzens von dort, wo die Wahrheit thront und alles Wahrheit ist, auf dich herabrufen kann!»
«Noch ein Wort, Rose», sagte Harry. «Deine wahren, eigentlichen Gründe. Laß sie mich aus deinem eigenen Munde hören.»
«Deine Aussichten sind glänzend», erwiderte sie mit Festigkeit. «Dir winken alle Ehren, zu denen bedeutende Talente und einflußreiche Verbindungen zu verhelfen vermögen. Aber deine Anverwandten und Gönner sind stolz, und ich will mich ihnen weder aufdrängen, die Mutter verachten, die mir das Leben gab, noch auf den Sohn der Frau, die Mutterstelle an mir vertrat, Unehre bringen oder schuld an der Vereitelung seiner Hoffnungen und Aussichten sein. Mit einem Worte,» fuhr sie, sich abwendend, als wenn die Festigkeit sie verließe, fort, «es klebt ein Makel an meinem Namen, wie ihn die Welt an den Unschuldigen nun einmal heimsucht; er soll in kein fremdes Blut übergehen, sondern der Vorwurf auf mir allein haften bleiben.»
«Noch ein Wort, teuerste Rose -- noch ein einziges Wort», rief Harry, sich vor ihr niederwerfend. «Wäre ich minder -- minder glücklich, wie es die Welt nennt -- wäre mir ein dunkles und stilles Los beschieden gewesen -- wäre ich arm, krank, hilflos -- würdest du mich dann auch zurückweisen, oder entspringen deine Bedenken aus meinen vermuteten Aussichten auf Reichtümer und Ehren?»
«Dränge mich nicht zu einer Antwort auf diese Frage», versetzte Rose. «Es kann und wird keine Veranlassung kommen, sie aufzuwerfen, und es ist nicht recht, nicht freundlich von dir --»
«Wenn deine Antwort lautete, wie ich es fast zu hoffen wage,» unterbrach Harry das bebende Mädchen, «so würde ein Wonnestrahl auf meinen einsamen Weg fallen und den düsteren Pfad vor mir erhellen. Wieviel kannst du durch die wenigen kurzen Worte für mich tun, der ich dich über alles liebe! O Rose, bei meiner glühenden, unvergänglichen Neigung -- bei allem, was ich für dich gelitten und nach deinem Ausspruche leiden soll -- beantworte mir die eine Frage!»
«Nun wohl!» erwiderte sie; «wenn dir ein anderes Los beschieden gewesen wäre -- wenn du immerhin ein wenig, doch nicht so hoch über mir ständest, wenn ich dir bei beschränkten Verhältnissen eine Gehilfin und Trösterin sein könnte, statt in glänzenden dich nur zu hindern, zu hemmen und zu verdunkeln, so würde ich dir diese ganze Pein erspart haben. Ich habe jetzt alle, alle Ursache, zufrieden und glücklich zu sein, würde dann aber, ich bekenne es, Harry, mein Glück erhöht achten.»
Lebhafte Erinnerungen an alte, süße Hoffnungen, die sie als aufblühende Jungfrau lange gehegt, drängten sich ihr bei diesem Geständnisse auf und brachten Tränen mit, wie es alte Hoffnungen tun, wenn sie verwelkt vor der Seele auftauchen; allein sie schafften ihrem gepreßten Herzen Erleichterung.
«Ich kann meiner Schwäche nicht wehren, und sie bestärkt mich in meinem Entschluß», fügte sie, dem Geliebten die Hand reichend, hinzu. «In Wahrheit, Harry, ich muß dich verlassen.»
«So bitte ich um ein Versprechen», flehte er. «Laß mich noch ein einziges Mal -- in einem Jahr oder vielleicht noch weit früher -- ein letztes Mal über diesen Gegenstand zu dir reden.»
«Nicht um in mich zu dringen, daß ich meinen wohlüberlegten Entschluß ändere, Harry; es würde vergeblich sein», erwiderte Rose mit einem wehmütigen Lächeln.
«Nein,» versetzte er, «um dich ihn wiederholen zu hören, wenn du ihn wiederholen willst. Ich will dir, was ich mein nennen mag, zu Füßen legen und der Entscheidung, die du jetzt ausgesprochen, wenn du bei ihr beharrst, auf keinerlei Weise entgegentreten.»
«Dann sei es so», sagte Rose. «Es ist nur noch eine Bitterkeit mehr, und ich vermag sie später vielleicht besser zu ertragen.»
Sie reichte ihm noch einmal die Hand; allein er drückte sie an seine Brust, küßte ihre schöne Stirn und eilte hinaus.
36. Kapitel.
Abermals ein kurzes Kapitel, das an seiner Stelle als nicht eben sehr wichtig erscheinen mag, aber doch gelesen werden sollte, weil es das vorhergehende erörtert, und einen Schlüssel zum nachfolgenden darbietet.
«Sie sind also entschlossen, heute morgen mit mir abzureisen?» fragte der Doktor, als sich Harry Maylie mit ihm und Oliver zum Frühstück niedersetzte. «Sie ändern ja Ihre Entschlüsse mit jeder halben Stunde.»
«Ich hoffe, daß Sie bald anderer Meinung sein werden», entgegnete Maylie, sich ohne ersichtlichen Grund verfärbend.
«Ich wünsche sehr, Ursache dazu zu bekommen,» versetzte Losberne, «obgleich ich bekenne, daß ich daran zweifle. Gestern morgen hatten Sie sehr eilfertig beschlossen, zu bleiben und als ein guter Sohn Ihre Frau Mutter an die Seeküste zu begleiten; kurz vor Mittag erklärten Sie, daß Sie mir die Ehre erweisen wollten, so weit mit mir zu fahren, wie ich auf der Londoner Straße bliebe; und gegen Abend drangen Sie unsäglich geheimnisvoll in mich, daß ich abreisen möchte, bevor die Damen aufgestanden wären, wovon die Folge ist, daß Oliver hier beim Frühstück festsitzt, während er botanisieren gehen sollte. Ist's nicht zu arg, Oliver?»
«Es würde mich sehr betrübt haben, Sir, nicht zu Hause gewesen zu sein, wenn Sie und Mr. Maylie abgereist wären», antwortete Oliver.
«Bist ein guter Junge,» sagte der Doktor, «sollst zu mir kommen, wenn du zurückgekehrt bist. Doch um ernsthaft zu reden, Harry, hat eine Mitteilung Ihrer hohen Gönner und Freunde Ihren Abreiseeifer bewirkt?»
«Ich habe,» erwiderte Maylie, «seit ich hier verweile, durchaus keine Mitteilung von meinen Gönnern und Freunden, zu denen Sie ohne Zweifel meinen Onkel zählen, erhalten, auch ist es nicht wahrscheinlich, daß sich eben jetzt etwas ereignet, wodurch ich zu ihnen zu eilen mich gedrungen fühlen könnte.»
«Sie sind ein schnurriger Kauz», fuhr der Doktor fort. «Indes werden besagte Gönner Sie bei der Wahl vor Weihnachten natürlich ins Parlament befördern, und Ihre plötzlichen Beschluß- und Willensänderungen sind keine schlechte Vorbereitung auf das öffentliche Leben. Ein gutes Trainieren ist allezeit wünschenswert, mag das Rennen Staatsstellen, Ehrenbechern oder Rennpreisen gelten.»
Harry Maylie machte eine Miene, als wenn er den Doktor leicht genug aus dem Felde schlagen könnte, begnügte sich indes zu sagen: «Wir werden sehen», und ließ den Gegenstand fallen. Kurz darauf fuhr die Postkutsche vor, Giles holte das Gepäck, und Losberne war eifrig beschäftigt, die letzten Reisevorkehrungen zu beaufsichtigen.
«Ein Wort, Oliver», sagte Harry Maylie leise.
Oliver trat zu ihm in die Fenstervertiefung, in welcher er stand, sehr verwundert über die stille Traurigkeit und Unruhe, die er zugleich an ihm bemerkte.
«Du kannst jetzt recht gut schreiben», sagte Maylie, die Hand auf den Arm des Knaben legend.
«Ziemlich», erwiderte Oliver.
«Ich komme vielleicht vorerst nicht wieder nach Hause und wünsche, daß du mir schreibst, etwa einen Montag um den andern. Willst du?» fuhr Harry fort.
«Mit Freuden, Sir!» rief Oliver äußerst erfreut über den Auftrag aus.
«Ich wünsche von dir zu hören, wie -- es meiner Mutter und Miß Maylie ergeht; melde mir, was für Spaziergänge ihr macht, wovon ihr plaudert, und ob sie sich wohl befinden und recht heiter sind. Du verstehst?»
«Vollkommen, Sir.»
«Auch wünsche ich, daß du ihnen nichts davon sagst; es möchte meine Mutter beunruhigen, so daß sie sich bewogen fände, mir öfter zu schreiben, was immer eine große Belästigung für sie ist. Also muß es ein Geheimnis unter uns bleiben, und schreib mir ja alles; ich verlasse mich auf dich.»
Oliver fühlte sich hochgeehrt, versprach, was von ihm verlangt wurde, und Maylie sagte ihm unter vielen Versicherungen seiner Zuneigung Lebewohl.
Der Doktor war bereits eingestiegen, die Dienerschaft wartete am Wagen, Harry warf einen flüchtigen Blick nach Roses Fenster hinauf und stieg gleichfalls ein.
«Fort, Postillon!» rief er, «und fahre, so schnell du kannst; ich werde heute nur zufrieden sein, wenn es wie im Fluge geht.»
«Was fällt Ihnen ein?» rief der Doktor; «Postillon, ich werde nur zufrieden sein, wenn es ganz und gar nicht im Fluge geht.»
Die Dienerschaft sah dem Wagen nach, solange er sichtbar war, Rose aber, die hinter den Vorhängen gelauscht hatte, als Harry hinaufblickte, schaute noch immer in die Ferne hinaus, als sich die Dienerschaft schon längst wieder hineinbegeben hatte.
«Er scheint ganz heiter und zufrieden zu sein», sagte sie endlich. «Ich fürchtete, daß das Gegenteil der Fall sein könnte, und freue mich meines Irrtums.»
Tränen sind Zeichen sowohl der Freude wie des Schmerzes; die aber, welche über Roses Wangen hinabträufelten, während sie sinnend und fortwährend in derselben Richtung hinausschauend am Fenster saß, schienen mehr Kummer als Lust zu bedeuten.
37. Kapitel.
In welchem der Leser, wenn er in das sechsunddreißigste Kapitel zurückblicken will, einen im ehelichen Leben nicht selten hervortretenden Kontrast beobachten wird.
Mr. Bumble saß in seinem Wohnzimmer im Armenhause und blickte nachdenklich und düster bald in den Kamin, in welchem kein Feuer brannte, da es Sommer war, und der daher öde und trostlos genug aussah und bald noch düsterer zu dem Leimzweige empor, der von der Decke herabhing und von den ihr Verderben nicht ahnenden Fliegen umschwärmt wurde. Vielleicht erinnerten ihn die Tierchen an eine traurige Begebenheit seines eigenen Lebens.
Auch fehlte es nicht an sonstigen Anzeichen, daß in seinen Angelegenheiten eine bedeutende Veränderung vorgegangen sein mußte. Wo waren der Tressenrock und der dreieckige Hut? Er trug noch Kniehosen und schwarze wollene Strümpfe -- doch es waren nicht die des Kirchspieldieners. Der Rock war ein anderer. Der Hut ein gewöhnlicher, bescheidener, runder. Mr. Bumble war nicht mehr Kirchspieldiener.
Es gibt Beförderungen im Leben, die, abgesehen von den mit ihnen verknüpften materiellen Vorteilen, doch noch einen ganz besonderen Wert und eine eigentümliche Würde durch das mit ihnen verknüpfte Kostüm erhalten. Ein Feldmarschall hat seine Uniform, ein Bischof seinen Ornat, ein Richter seine große Perücke, ein Kirchspieldiener seinen dreieckigen Hut. Man nehme dem Richter seine Perücke, dem Bischof seinen Ornat oder dem Kirchspieldiener seinen dreieckigen Hut, und was sind sie? Weiter nichts mehr als Menschen -- bloße Menschen. Würde, und bisweilen sogar Heiligkeit hängen mehr von Uniformen, Ornaten, Perücken und Hüten ab, als viele Leute sich träumen lassen.
Mr. Bumble hatte Mrs. Corney geehelicht und war Armenhausverwalter. Ein anderer Kirchspieldiener war zur Gewalt gelangt, und der dreieckige Hut, der Tressenrock und der Stab waren auf ihn übergegangen.
«Morgen sind's zwei Monate!» sagte Mr. Bumble seufzend. «Es scheint ein Jahrhundert zu sein.»
Mr. Bumble wollte vielleicht sagen, daß er in dem kurzen Zeitraum von acht Wochen ein ganzes, glückliches Leben verlebt hätte -- allein der Seufzer! Es lag gar viel in ihm.
«Ich verkaufte mich», fuhr Bumble fort, «für sechs Teelöffel, eine Zuckerzange, einen Milchgießer, eine Stube voll alter Möbel und zwanzig Pfund Geld -- nur gar zu billig, spottwohlfeil!»
«Wohlfeil!» tönte ihm eine schrille Stimme ins Ohr. «Du wärst für jeden Preis zu teuer gewesen, und der Himmel weiß, daß ich dich mehr als zu teuer bezahlt habe.»
Bumble drehte sich um und blickte in das Antlitz seiner liebenswürdigen Ehehälfte, welche sein kurzes Selbstgespräch nur unvollkommen verstanden und ihre erwähnte Bemerkung auf gut Glück hingeworfen hatte.
«Frau, sei so gut, mich anzusehen», sagte Bumble und dachte bei sich selbst: «Wenn sie solch einen Blick aushält, so hält sie alles aus. Er hat bei den Armen niemals seinen Zweck verfehlt, und verfehlt er ihn bei ihr, so ist es mit meiner Macht und Gewalt vorbei.»
Er verfehlte seinen Zweck. Mrs. Bumble wurde keineswegs durch ihn überwältigt, sondern erwiderte ihn durch einen äußerst verächtlichen, und verband damit obendrein ein Gelächter, das zum wenigsten klang, als wenn es ihr von Herzen käme.
Als Bumble die unerwarteten Töne vernahm, sah er zuerst ungläubig und dann erstaunt aus, worauf er wieder in sein Brüten und Sinnen verfiel, aus welchem ihn jedoch Mrs. Bumble erweckte. «Willst du den ganzen Tag dasitzen und schnarchen?» fragte sie.
«Ich denke hier so lange sitzen zu bleiben, wie es mir beliebt», entgegnete er; «und obschon ich keineswegs schnarchte, so bin ich doch gewillt, von meinem Rechte Gebrauch zu machen und ganz nach meinem Gefallen zu schnarchen, zu niesen, zu lachen oder zu weinen, oder was mir eben sonst behagt.»
«Von deinem Rechte!» höhnte Mrs. Bumble mit unsäglich verächtlicher Miene.
«Ja, von meinem Rechte-1 Es ist das Recht des Mannes, nach seinem Willen zu leben und zu befehlen.»
«Und was ist denn ins Kuckucks Namen das Recht der Frau?»
«Nach des Mannes Willen zu leben und zu gehorchen. Dein unglücklicher, erster Mann hätte es dich lehren sollen; er wäre dann vielleicht noch am Leben -- und ich wollte, daß er es wäre, der gute Mann!»
Mrs. Bumble erkannte, daß der entscheidende Augenblick gekommen war, und daß es galt, sich der Herrschaft ein für allemal zu bemächtigen, oder ihr für immer zu entsagen. Sie sank daher auf einen Stuhl nieder, erklärte Mr. Bumble für einen Unmenschen mit einem Kieselherzen und brach in einen Tränenstrom aus.
Allein Tränen waren es nicht, was zu Mr. Bumbles Herzen drang; es war wasserdicht. Den Filzhüten gleich, welche gewaschen werden können und durch Regen besser werden, wurden seine Nerven durch Tränenschauer noch fester, die ihn als Zeichen der Schwäche und somit als stillschweigende Anerkenntnisse seiner Obergewalt erfreuten und stolz machten. Er blickte seine Hausfrau mit großer Zufriedenheit an und bat und munterte sie auf alle Weise auf, nur immerzu zu weinen, und nach besten Kräften, denn es sei äußerst gesund, wie die Ärzte versicherten.
«Es erweitert die Lungen, wäscht das Gesicht rein, schärft die Augen und kühlt ein zu heißes Temperament ab», sagte er; «also weine ja nur immerzu.» -- Nachdem er die scherzenden Worte gesprochen, griff er zu seinem Hute, setzte ihn kecklich auf die eine Seite, wie ein Mann, der seine Überlegenheit fühlt und auf geeignete Weise zeigen will, steckte die Hände in die Taschen und setzte sich stolzierenden Schritts nach der Tür in Bewegung.
Mrs. Bumble hatte einen Versuch mit den Tränen angestellt, weil sie minder mühsam waren als ein Faustangriff; indes war sie vollkommen bereit, eine Probe mit dem letzteren Verfahren zu machen, was Mr. Bumble auch nicht lange verborgen blieb.
Die erste Kunde, welche er davon erhielt, bestand in einem dumpfen Schalle, welcher die unmittelbare Folge hatte, daß sein Hut an das äußerste Ende des Zimmers flog. Sobald durch dieses vorläufige Beginnen sein Kopf entblößt war, packte ihn die erfahrene Dame mit der einen Hand bei der Kehle und ließ mit der andern einen Hagel von Schlägen, und zwar ebenso gewandt wie wirksam auf sein Haupt niederfallen. Hierauf brachte sie ein wenig Abwechslung in ihr Vorgehen, indem sie ihm das Gesicht zerkratzte und Hände voll Haare ausraufte, und nachdem sie ihn nunmehr so nachdrücklich bestraft hatte, wie sie es dem Vergehen nach für nötig erachtete, warf sie ihn über einen Stuhl, der nicht zweckmäßiger hätte stehen können und forderte ihn auf, noch einmal von seinen Rechten zu sprechen, wenn er es wagen wollte.
«Laß los!» rief er in befehlendem Tone, «und mach' sogleich, daß du fortkommst, wenn du nicht willst, daß ich etwas Desperates tue.» Er stand mit den allerkläglichsten Mienen auf, sann darüber nach, was wohl ganz desperat sein möchte, hob seinen Hut auf und blickte nach der Tür.
«Gehst du bald?» fragte Mrs. Bumble.
«Ich gehe schon, ja doch», erwiderte er, sich rasch nach der Tür zurückziehend; «ich beabsichtige keineswegs -- wirklich, ich gehe schon, Liebe -- du bist aber auch so heftig, daß ich fürwahr --»
Mrs. Bumble bückte sich in diesem Augenblick, um den in Unordnung geratenen Teppich wieder zurecht zu schieben, und ihr Eheherr schoß hinaus, ohne daran zu denken, seine Rede zu vollenden, und ließ weiland Mrs. Corney im ungestörten Besitz des Schlachtfeldes. -- Mr. Bumble war der Überraschung erlegen und ohne Frage vollständig in die Flucht geschlagen. Er hatte die entschiedenste Neigung zum Bramarbasieren, nichts konnte ihm größere Freude gewähren, als Verübung kleiner Tyrannei und Grausamkeit, und er war demnach, wie kaum gesagt zu werden braucht, eine Memme. Hierdurch wird indes sein Charakter keineswegs heruntergesetzt, da so viele Beamte, die in hoher Achtung stehen und höchlich bewundert werden, die Opfer ähnlicher Schwächen sind. Wir haben jene Bemerkung vielmehr zu seinen Gunsten gemacht, und um unsern Lesern noch mehr zu Gemüt zu führen, wie trefflich sich Bumble zu einem Beamten eignete.
Das Maß seiner Erniedrigung war indes noch nicht voll. Nachdem er einen Gang durch das ganze Haus gemacht und zum erstenmal daran gedacht hatte, daß die Armengesetze doch wirklich zu streng wären, und daß Männer, die von ihren Frauen fortliefen und die Erhaltung derselben dem Kirchspiele aufbürdeten, von Rechts wegen ganz und gar nicht bestraft, sondern vielmehr als verdiente Individuen und Märtyrer belohnt werden sollten, kam er in ein Gemach, in welchem die Bewohnerinnen des Armenhauses beschäftigt zu werden pflegten, das Kirchspielleinenzeug zu waschen, und in welchem er lautes Sprechen hörte.
«Hm!» sagte er, seine ganze angeborene Würde annehmend; «zum wenigsten sollen diese Weiber auch fernerhin meine Rechte achten. Holla -- Blitz und Hagel! -- wie könnt ihr euch unterstehen, einen solchen Lärm zu machen, verwünschtes Weibsvolk?»
Er öffnete mit diesen Worten die Tür, schritt hochfahrend und zornig hinein, nahm jedoch unmittelbar darauf die demütigste Miene an, denn er erblickte seine Hausehre. «Ich wußte nicht, daß du hier wärst, lieber Schatz», sagte er.
«Wußtest nicht, daß ich hier war?» fuhr sie ihn an. «Was hast du denn hier zu schaffen?»
«Ich dachte, sie sprächen zu viel, um ihre Arbeiten gehörig verrichten zu können», erwiderte er, zerstreut nach ein paar alten Frauen an einem Waschfasse hinblickend, die bewundernde Blicke ob der Demut des Armenhausverwalters wechselten.
«Du dachtest, sie sprächen zu viel?» sagte Mrs. Bumble. «Was geht denn dich das an?»
«Ei nun, lieber Schatz --»
«Ich frage noch einmal, was es dich angeht?»
«Es ist wahr, du hast hier zu befehlen, lieber Schatz; ich glaubte aber, du wärest eben nicht bei der Hand.»
«Ich will dir was sagen, Bumble: wir brauchen dich hier nicht, du hast hier nichts verloren und steckst deine Nase viel zu gern in Dinge, die dich nichts angehen; machst dich bei jedermann lächerlich und zum Narren und wirst ausgelacht, sobald du den Rücken wendest. Troll dich -- willst du, oder willst du nicht?»
Bumble gewahrte mit folternden Gefühlen, wie die beiden alten Wäscherinnen wahrhaft entzückt miteinander kicherten und zögerte einen Augenblick. Mrs. Bumble, deren Geduld bei einem Aufschube nicht Probe hielt, ergriff ein Gefäß mit Seifenwasser, näherte sich ihm und wiederholte ihre Aufforderung, bei Strafe, im Falle des Ungehorsams, seine stattliche Person überschüttet zu sehen.
Was konnte er tun? Er blickte trostlos umher, schlich nach der Tür, und das Gekicher der Wäscherinnen verwandelte sich in ein schallendes Gelächter. Mehr bedurfte es nicht. Er war in ihren Augen erniedrigt, hatte Ehre und Ansehen sogar bei den Armen verloren, war von der Höhe der Kirchspieldienerschaft zur tiefsten Tiefe des unter Weiberregiment stehenden Ehemannes heruntergesunken. «Und das alles nach zwei Monaten!» dachte Bumble. «Kaum vor zwei -- noch vor zwei kurzen Monaten war ich mein eigener Herr und gebot über das ganze Armenhaus, und jetzt!»
Es war zu viel. Er ohrfeigte den Knaben, der ihm das Tor öffnete (denn er hatte mittlerweile das Portal erreicht) und trat zerstreut auf die Straße.
Er ging eine Zeitlang auf und ab, bis sich die erste Heftigkeit seines Kummers gelegt hatte. Sie ließ indes Durst zurück. Er schritt an vielen Wirtshäusern vorüber und stand endlich vor einem in einem Nebengäßchen befindlichen still, dessen Gaststube, wie er durch einen flüchtigen Blick sich überzeugte, leer war. Nur ein einziger Mann saß darin. Es fing eben an stark zu regnen, und dies bestimmte ihn. Er ging hinein und forderte ein Glas Branntwein.
Der im Gastzimmer sitzende Mann war groß und schwärzlich und hatte sich in einen weiten Mantel gehüllt. Er schien ein Fremder und ziemlich weit gewandert zu sein, denn er sah ermüdet aus und hatte staubige Stiefel an. Er blickte Bumble, als dieser eintrat, von der Seite an, ließ sich aber zur Entgegnung seines Grußes kaum zu einem Kopfnicken herab. Bumble besaß Würde genug für zwei, trank daher sein Glas Branntwein mit Wasser stillschweigend, und nahm mit großer Wichtigkeit ein Zeitungsblatt zur Hand. Wie es indes unter Umständen dieser Art zu geschehen pflegt, er empfand eine starke Neigung, der er nicht widerstehen konnte, von Zeit zu Zeit nach dem Unbekannten verstohlen hinüberzublicken, worauf er stets die Augen etwas verwirrt wieder niedersenkte, da der Unbekannte jedesmal dasselbe tat. Seine Verwirrung wurde noch durch den auffallenden Ausdruck der Augen des letzteren vergrößert, welche scharf und durchdringend waren, und aus denen finstere, argwöhnische Blicke hervorschossen, wie Bumble sie noch nie gesehen, und die seinen Mienen etwas höchst Abstoßendes gaben.
Als die Blicke beider einander auf diese Weise mehrmals begegnet waren, brach endlich der Fremde das Stillschweigen.
«Sahen Sie nach mir,» hub er mit tiefer, rauher Stimme an, «als Sie in das Fenster hereinblickten?»
«Nicht daß ich wüßte, sofern Sie nicht Mr--» Bumble unterbrach sich hier selbst. Er wünschte den Namen des Fremden zu erfahren und hoffte, daß derselbe sich nennen würde.
«Ah, Sie haben also nicht nach mir hereingeblickt,» sagte der Unbekannte, spöttisch den Mund verziehend, «denn Sie würden sonst meinen Namen kennen. Ich möchte Ihnen raten, nicht danach zu fragen.»
«Ich habe nichts Böses gegen Sie im Sinn, junger Mann», entgegnete Bumble, sich in die Brust werfend.
«Und haben mir auch nichts Böses zugefügt», lautete die rasche Antwort.
Es trat wiederum Stillschweigen ein, das der Fremde nach einiger Zeit zum zweitenmal unterbrach. «Ich sollte meinen, daß ich Sie schon gesehen hätte. Sie waren zu der Zeit anders gekleidet, und ich begegnete Ihnen nur auf der Straße, erkenne Sie aber wieder. Waren Sie nicht Kirchspieldiener hier im Orte?»
Bumble bejahte nicht ohne einige Verwunderung.
«Was sind Sie denn jetzt?»
«Armenhausverwalter», erwiderte Bumble langsam und mit nachdrücklicher Betonung, um den Unbekannten zu verhindern, einen Ton ungebührlicher Vertraulichkeit anzunehmen. «Armenhausverwalter, junger Mann!»
«Sie werden sich doch ohne Zweifel noch ebensogut auf Ihren Vorteil verstehen wie sonst?» fuhr der Unbekannte, ihn scharf anblickend, fort, denn Bumble sah ihn nicht wenig erstaunt an. «Tragen Sie kein Bedenken, mir offen zu antworten; Sie sehen ja, daß ich Sie genau genug kenne.»
«Ein verheirateter Mann», versetzte Bumble, die Augen mit der Hand beschattend und den Unbekannten in offenbarer Verlegenheit von Kopf bis zu den Füßen betrachtend, «ist nicht abgeneigter als ein alleinstehender, auf eine ehrliche Weise ein Stück Geld zu verdienen. Die Kirchspielbeamten werden nicht so reichlich besoldet, daß sie eine kleine Nebeneinnahme von der Hand weisen dürften, wenn sie sich ihnen auf eine anständige und schickliche Weise darbietet.»
Der Unbekannte lächelte, nickte mit dem Kopfe, als wenn er sagen wollte, daß er sich in seinem Manne nicht geirrt hätte, und klingelte. Der Wirt erschien, er reichte ihm Bumbles leeres Glas und befahl ihm, es mit starkem und heißem Getränk wieder zu füllen.
«Sie lieben es doch so?» sagte er.
«Nicht zu stark», erwiderte Bumble mit einem Zartgefühl ausdrückenden Husten.
«Sie wissen schon, was das sagen will», rief der Unbekannte in trockenem Tone dem Wirt nach, der lächelnd verschwand und kurz darauf mit einem dampfenden Glase zurückkehrte, das Bumble das Wasser in die Augen trieb.
«Hören Sie mich nun an», sagte der Unbekannte, sobald sie wieder allein waren. «Ich bin heute hierher gekommen, um Sie aufzusuchen, und als ich eben daran dachte, wie ich Sie treffen sollte, trieb Sie mir einer der Zufälle in den Weg, durch die der Teufel bisweilen seine Freunde zusammenführt. Ich muß eine Erkundigung bei Ihnen einziehen, und verlange Ihre Mühe, so gering sie sein mag, nicht umsonst. Stecken Sie das als Handgeld ein.»
Er legte ein paar Goldstücke vor ihn auf den Tisch, und nachdem Bumble dieselben sorgfältig geprüft hatte, ob sie auch nicht falsch wären, und sie vergnügt in die Tasche gesteckt hatte, fuhr der Fremde fort: «Denken Sie einmal zurück -- ja an den Winter vor zwölf Jahren.»
«Das ist eine lange Zeit», sagte Bumble. «Aber schon gut. Ich denke an den Winter.»
«Schauplatz das Armenhaus.»
«Gut.»
«Zeit die Nacht.»
«Ja, ja.»
«Ort das elende Loch, in welchem liederliche Weibsbilder Kindern das ihnen selbst oft versagte Leben geben, Kindern, die das Kirchspiel aufzuziehen hat, und wo sie sterbend ihre Schande verstecken.»
«Sie meinen das Wöchnerinnenzimmer», sagte Bumble.
«Ja. In ihm wurde ein Knabe geboren.»
«Viele, viele Knaben», erwiderte Bumble mit kläglichem Kopfschütteln.
«Hol' der Teufel die junge Höllenbrut!» rief der Unbekannte ungeduldig aus. «Ich spreche von einem, 'nem zierlich und bläßlich aussehenden Wichte, der bei einem Leichenbestatter in die Lehre getan wurde (ich wollte, daß er selbst längst zu Grabe getragen wäre!) und später fortlief, wie man glaubte, nach London.»
«Sie meinen Oliver -- den Oliver Twist? Ich erinnere mich seiner natürlich sehr wohl. Wir hatten keinen eigensinnigeren kleinen Schlingel im Hause --»
«Ich brauche nichts von ihm zu hören, habe genug von ihm gehört -- wo ist die alte Hexe, die seine Mutter entband?»
«Das ist nicht leicht zu sagen. Wo sie sich jetzt aufhält, da gibt's nichts zu tun für Hebammen; sie wird also wohl außer Dienst sein.»
«Was wollen Sie damit sagen?» fragte der Unbekannte finster.
«Daß sie im vergangenen Winter gestorben ist.»
Der Unbekannte sah ihn eine Zeitlang scharf an, sein Blick wurde darauf zerstreut, und er schien in Gedanken versunken zu sein. Es war zweifelhaft, ob ihm die erhaltene Kunde erfreulich oder unwillkommen war, endlich aber schien er freier aufzuatmen, bemerkte, es käme wenig darauf an, und stand auf, um sich zu entfernen.
Bumble besaß hinreichenden Scharfsinn, um sogleich zu gewahren, daß sich ihm eine Gelegenheit eröffnet habe, Gewinn aus einem Geheimnisse seiner besseren Hälfte zu ziehen. Er erinnerte sich des Todes der alten Sally sehr wohl; war sie doch an dem Abend gestorben, an welchem er Mrs. Corney seinen Antrag gemacht hatte; und obgleich ihm von Frau Bumble noch immer nicht anvertraut worden war, was die Sterbende ihr allein gebeichtet, so hatte er doch genug gehört, um zu wissen, daß es sich auf etwas bezogen, das sich bei oder nach der Entbindung der Mutter Oliver Twists ereignet hatte. Er sagte dem Unbekannten daher mit geheimnisvoller Miene, daß die Alte, nach welcher er sich erkundigt, kurz vor ihrem Tode eine andere Frau habe zu sich rufen lassen und derselben Mitteilungen gemacht habe, die, wie er nicht ohne Grund glaube, Licht in die Sache bringen könnten, um welche es sich handle.
«Wo kann ich die Frau sprechen?» fragte der Unbekannte, offenbar überrascht, denn er ließ durchblicken, daß er lebhafte Befürchtungen hegte, worin dieselben auch bestehen mochten.
«Nur durch meine Vermittlung», erwiderte Bumble.
«Wann?» fragte der Unbekannte in großer Aufregung weiter.
«Morgen.»
«Abends um neun Uhr», sagte der Unbekannte und schrieb mit etwas zitternder Hand die Adresse eines abgelegenen Hauses auf. «Bringen Sie sie abends um neun Uhr zu mir. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, insgeheim, denn es ist Ihr Vorteil.»
Er ging darauf mit Bumble zur Tür, bezahlte den Wirt, bemerkte, daß sie sich hier trennen müßten, schärfte dem Armenhausverwalter noch einmal Pünktlichkeit ein und ging. Bumble sah auf die Adresse; sie hatte keinen Namen. Er folgte daher dem Unbekannten nach, um ihn darum zu befragen und berührte seinen Arm.
«Was soll das?» fuhr ihn der Unbekannte, sich rasch umdrehend, an. «Warum folgen Sie mir nach?»
«Ich muß doch wissen, nach wem ich zu fragen habe», sagte Bumble; «darf ich nicht um Ihren Namen bitten?»
«Monks!» erwiderte der Unbekannte und entfernte sich mit eiligen Schritten.
38. Kapitel.
Was sich zwischen Mr. und Mrs. Bumble und Monks bei ihrer nächtlichen Zusammenkunft begab.
Es war ein schwüler Sommerabend; die Wolken, welche den ganzen Tag gedroht hatten, dehnten sich zu einer breiteren und dichteren Masse aus, aus welcher schon dicke Regentropfen herabfielen, und schienen ein heftiges Gewitter zu verkünden, als sich Mr. und Mrs. Bumble aus einer der Hauptstraßen der Stadt nach einer kleinen Kolonie zerstreut stehender und verfallener Häuser wandten, die etwa anderthalb Meilen entfernt sein mochten, und in einer sumpfigen Niederung am Themseufer erbaut waren. Sie hatten sich beide in schäbige Mäntel eingehüllt, vielleicht sowohl um sich vor dem Regen zu schützen, wie um unbemerkt zu bleiben. Mr. Bumble trug eine Laterne, in welcher jedoch kein Licht brannte, und ging ein paar Schritte voran, als hätte er -- denn der Weg war schmutzig -- seiner Frau den Vorteil verschaffen wollen, in seine breiten Fußstapfen zu treten. Sie schritten in tiefem Stillschweigen dahin, Mr. Bumble sah sich bisweilen um, als wenn er sich hätte überzeugen wollen, ob Mrs. Bumble auch nachfolgte, worauf er ebensooft, sie hinter sich gewahrend, seine Schritte wieder beschleunigte.
Ihr Bestimmungsort konnte keineswegs ein zweideutiger heißen, denn er war längst als die Wohnung von verrufenem und verwegenem Gesindel bekannt, das hauptsächlich von Diebstählen und Räubereien lebte. Es war ein Haufen elender Baracken, in deren Mitte am Uferrande ein großes Gebäude stand, das ehemals zu Fabrikzwecken der einen oder anderen Art gedient und den Hüttenbewohnern umher wahrscheinlich Beschäftigung gegeben hatte. Es war indes seit langer Zeit verfallen, und die Ratten, die Würmer und die Feuchtigkeit hatten das Pfahlwerk morsch gemacht, auf welchem es ruhte, so daß schon ein beträchtlicher Teil des Ganzen unter das Wasser gesunken war, während der wankende und über den finsteren Strom hinüberlehnende Rest nur auf eine günstige Gelegenheit zu warten schien, dasselbe Schicksal zu teilen.
Vor diesem Gebäude stand das würdige Paar still, als eben das erste Rollen des entfernten Donners vernehmbar wurde, und der Regen mit Heftigkeit niederzustürzen anfing.
«Es muß hier irgendwo sein», sagte Bumble, auf einen Papierstreifen blickend, den er in der Hand hielt.
«Wer da?» ertönte eine Stimme von oben.
Bumble blickte empor und sah jemanden aus dem zweiten Stockwerke herunterschauen.
«Eine Minute Geduld,» rief die Stimme, «ich werde sogleich bei Ihnen sein.»
«Ist das der Mann?» fragte Frau Bumble, und ihr Eheherr nickte bejahend.
«Vergiß nicht, was ich dir gesagt habe,» fuhr die Dame fort, «und sprich so wenig wie nur irgend möglich, denn du wirst uns sonst gleich verraten.»
Mr. Bumble, der an dem Hause mit sehr bänglichen Blicken emporgeschaut hatte, stand im Begriff, einige Zweifel auszusprechen, ob es überhaupt rätlich sei, sich noch zu dieser Stunde auf das Abenteuer einzulassen, als er durch Monks daran gehindert wurde, der eine kleine Tür öffnete, vor welcher sie standen, und ihnen winkte hereinzutreten. «Geschwind!» rief er ungeduldig, und mit dem Fuße stampfend. «Haltet mich hier nicht auf!»
Frau Bumble, welche anfangs gezögert hatte, ging keck hinein, und ihr Eheherr, der sich schämte oder fürchtete, zurückzubleiben, folgte ihr nach, jedoch offenbar mit großer Unruhe und ohne jene Würde, die ihn sonst stets vornehmlich zu charakterisieren pflegte.
«Was zum Teufel stehen Sie da draußen und ließen sich naß regnen?» sagte Monks zu ihm, nachdem er die Tür wieder verriegelt hatte.
«Wir -- wir kühlten uns ein wenig ab», stotterte Bumble, furchtsam umherblickend.
«Kühlten sich ein wenig ab!» entgegnete Monks. «Aller Regen, der jemals vom Himmel herabfiel oder noch herabfallen soll, wird nicht so viel höllisches Feuer auslöschen, wie ein Mann mit sich umhertragen kann. Glauben Sie nicht, daß Sie sich so leicht abkühlen können.»
Mit diesen angenehmen Worten und mit einem finsteren, stieren Blick wandte sich Monks zu Frau Bumble, die, obwohl sonst nicht so leicht einzuschüchtern, dennoch die Augen vor ihm auf den Boden heften mußte. «Ist dies die Frau?» fragte Monks.
«Hm! Ja!» antwortete Mr. Bumble, eingedenk der Warnung seiner Gattin.
«Sie glauben vielleicht, daß Frauen keine Geheimnisse verschweigen können!» nahm Frau Bumble das Wort und blickte dabei Monks wieder dreist und forschend an.
«Ich weiß, daß sie allezeit eins verschweigen, bis es an den Tag gekommen ist», erwiderte Monks verächtlich.
«Und was ist das für ein Geheimnis?» fragte Frau Bumble in demselben zuversichtlichen Tone.
«Der Verlust ihres guten Namens», sagte Monks; «und ebenso fürchte ich nicht, daß eine Frau ihr Geheimnis ausschwatzt, wenn das Ausschwatzen dahin führen kann, daß sie gehängt oder deportiert wird. Verstanden?»
«Nein», versetzte die Dame, sich ein wenig verfärbend.
«Freilich,» sagte Monks spöttisch, «wie könnten Sie mich auch verstehen!» Er blickte die Eheleute halb höhnisch und halb grollend an, winkte ihnen abermals, ihm nachzufolgen, eilte durch das große, jedoch niedrige Zimmer voran und wollte eben eine steile Treppe oder vielmehr Leiter hinaufsteigen, als der helle Glanz eines Blitzes durch die Öffnung herabfuhr und ein Donnerschlag erfolgte, der das gebrechliche Gebäude in seinem Grunde erschütterte.
«Hören Sie!» rief er, zurückschreckend aus. «Hören Sie, wie es prasselt und rollt, als ob es durch tausend Höhlen widerhallte, wo sich die Teufel davor verstecken. Fluch über den Lärm! Ich hasse ihn.»
Er schwieg einige Augenblicke, entfernte plötzlich die Hände von seinem Gesicht, und Mr. Bumble gewahrte zu seinem unaussprechlichen Schrecken, daß es fast kreideweiß und ganz verzerrt war.
«Ich leide bisweilen an diesen Zufällen,» sagte Monks, die Bestürzung des Armenhausverwalters bemerkend, «und dann und wann werden sie durch den Donner hervorgerufen. Achten Sie nicht darauf; es ist für diesmal vorüber.» Mit diesen Worten ging er voran, erklomm die Treppe, verschloß hastig die Fensterläden des Gemaches, in welches er das Ehepaar führte, und ließ eine an einer Leine und einer Rolle an einem der Deckenbalken hängende Laterne herunter, die ein mattes Licht auf einen alten Tisch und drei an denselben gestellte Stühle warf. Als sie sich gesetzt hatten, sagte er: «Je eher wir zur Sache kommen, desto besser ist's für uns alle. Weiß die Frau, worauf sich unser Geschäft bezieht?»
Die Frage war an Mr. Bumble gerichtet, allein Mrs. Bumble nahm sogleich das Wort und erklärte, daß sie mit dem Zwecke der Zusammenkunft vollkommen bekannt sei.
«Er sagte, Sie wären bei der alten Hexe an dem Abend gewesen, da sie starb, und sie hätte Ihnen etwas anvertraut --»
«Was die Mutter des Knaben betraf, den Sie nannten», unterbrach ihn Frau Bumble. «Ja, Sir.»
«Die erste Frage», sagte Monks, «ist die, worin bestand ihre Mitteilung?»
«Das ist die zweite Frage», bemerkte Frau Bumble mit großer Ruhe. «Die erste ist die, was wohl der Preis des Geheimnisses sein mag?»
«Wer zum Teufel kann das sagen, ohne zu wissen, worin es besteht?» lautete Monks' Gegenfrage.
«Ich bin überzeugt, niemand besser als Sie», antwortete Frau Bumble, der es, wie ihr Gatte aus hinreichender Erfahrung bezeugen konnte, keineswegs an Herzhaftigkeit gebrach.
«Hm!» sagte Monks bedeutsam und mit einem begierigen und lauernden Blick; «handelt es sich denn um etwas Wertvolles?»
«Vielleicht -- o ja, vielleicht», antwortete Frau Bumble gelassen.
«Etwas, was man ihr abnahm», fuhr Monks eifrig fort; «etwas, was sie trug -- etwas, was --»
«Sie tun am besten, wenn sie bieten», unterbrach ihn Frau Bumble. «Ich habe schon gehört, um gewiß zu sein, daß Sie der Mann sind, für welchen mein Geheimnis Wert hat.»
Mr. Bumble, den seine bessere Hälfte von dem Geheimnis noch nicht mehr hatte wissen lassen, als er gleich zu Anfang gewußt, horchte diesem Zwiegespräch mit vorgerecktem Halse und weit aufgerissenen Augen, die er mit unverhohlenem Erstaunen bald auf seine Frau, bald auf Monks heftete, und seine Spannung nahm womöglich noch zu, als der letztere ernstlich nach der Summe fragte, welche für die Offenbarung des Geheimnisses gefordert würde.
«Was ist es Ihnen wert?» fragte Frau Bumble ebenso kaltblütig wie vorhin.
«Kann sein, daß es mir nichts oder daß es mir zwanzig Pfund wert ist», erwiderte Monks; «sprechen Sie und lassen Sie mich Ihre Forderung wissen.»
«Legen Sie noch fünf Pfund zu; geben Sie mir fünfundzwanzig Pfund in Gold,» versetzte Frau Bumble, «und ich sage Ihnen alles, was ich weiß -- doch eher nicht.»
«Fünfundzwanzig Pfund!» rief Monks, sich zurückbeugend, aus.
«Ich sprach so deutlich, wie ich konnte,» entgegnete Frau Bumble, «und die Summe ist auch nicht bedeutend.»
«Die Summe nicht bedeutend für ein erbärmliches Geheimnis, das vielleicht der Rede nicht wert ist, wenn Sie es offenbart haben!» rief Monks ungeduldig aus; «ein Geheimnis, das seit zwölf Jahren oder länger vergessen oder begraben gelegen hat!»
«Solche Dinge halten sich gut und verdoppeln gleich gutem Weine häufig ihren Wert durch die Zeit», bemerkte Frau Bumble mit der kalten Entschlossenheit, die sie angenommen hatte; «und was das betrifft, daß es begraben gewesen, so gibt es Leute, die, soviel wir wissen, noch zwölftausend oder zwölf Millionen Jahre begraben liegen können und endlich sonderbare Geschichten erzählen werden.»
«Wie aber, wenn ich für nichts zahle?» fragte Monks bedenklich zögernd.
«Sie können mir das Geld leicht wieder abnehmen», erwiderte die Dame. «Ich bin ja nur eine Frau und allein und ohne Schutz in Ihrer abgelegenen Wohnung.»
«Weder allein, meine Liebe, noch ohne Schutz», fiel Mr. Bumble mit vor Angst bebender Stimme ein; «ich bin auch hier, meine Liebe. Und außerdem,» fuhr er zähneklappernd fort, «und außerdem ist Mr. Monks zu sehr Gentleman, um sich auch nur die mindeste Gewalttätigkeit gegen Kirchspielpersonen zu erlauben. Mr. Monks weiß, daß ich nicht mehr in der Blüte der Jahre und der Kraft stehe; allein er hat gehört -- hat ohne Zweifel gehört, lieber Schatz, daß ich ein sehr entschlossener Beamter und ungewöhnlich stark bin, wenn ich Veranlassung bekomme, mich zusammenzunehmen. Ich brauche mich nur eben etwas zusammenzunehmen.»
Und als Mr. Bumble so sprach, machte er einen trübseligen Versuch, mit trotziger Entschlossenheit nach seiner Laterne zu greifen, und zeigte deutlich durch den in allen seinen Zügen sich malenden Schrecken, wie es allerdings bei ihm nötig war, daß er sich ein wenig oder vielmehr recht sehr zusammennehmen mußte, bevor er sich zu einer nur irgend kriegerischen Demonstration herbeiließ, ausgenommen gegen Arme oder andere wehrlose Personen.
«Du bist ein Narr,» entgegnete ihm seine Ehehälfte, «und kannst nichts Besseres tun als den Mund halten.»
«Und ich werde ihm sogleich darauf schlagen, wenn er nicht leiser spricht», sagte Monks zornig. «Er ist also Ihr Mann?»
«Er mein Mann!» kicherte Frau Bumble, der Frage ausweichend.
«Ich dachte es, als Sie beide hereinkamen», fuhr Monks fort, den zornigen Blick gewahrend, den die Dame ihrem Eheherrn zuwarf. «Desto besser; ich trage um so weniger Bedenken, mit Leuten zu unterhandeln, wenn ich finde, daß sie von einem und demselben Willen beseelt sind. Ich meine es ernstlich -- schauen Sie hier!»
Er zog einen Beutel aus der Tasche, zählte fünfundzwanzig Sovereigns auf den Tisch und schob sie Frau Bumble hin.
«Nehmen Sie,» fuhr er fort, «und lassen Sie mich nun hören, was Sie zu erzählen haben, sobald der verwünschte Donnerschlag vorüber ist, der, ich fühl's, gerade über dem Hause loswettern wird.»
Sobald das Donnergeroll vorüber war, hob Monks das Gesicht vom Tische empor und beugte sich zu Frau Bumble hinüber, um begierig zu hören, was sie sagen würde. Auch das Ehepaar lehnte sich über den kleinen Tisch, so daß die Köpfe von allen dreien sich berührten. Das auf sie gerade herunterfallende matte Licht der hängenden Laterne ließ ihre Gesichter noch bleicher und gespenstischer erscheinen, und sie sahen um so unheimlicher aus, als rings umher die tiefste Finsternis sie umgab.
«Als die Frau, die wir die alte Sally nannten, starb,» hub Frau Bumble flüsternd an, «war ich mit ihr allein.»
«War niemand dabei?» fragte Monks mit demselben hohlen Geflüster; «keine Kranke oder Verrückte in einem anderen Bette? -- keine Seele, welche hören, vielleicht verstehen konnte?»
«Wir waren ganz allein», versicherte Frau Bumble; «ich und sonst niemand stand an ihrem Bette, als sie im Sterben lag. Sie sprach von einer jungen Frauensperson, die einige Jahre zuvor einem Kinde das Leben gegeben hätte, und zwar nicht bloß in demselben Zimmer, sondern auch in demselben Bette, in welchem die Sterbende lag.»
«Fürwahr!» sagte Monks mit bebender Lippe und über seine Schulter blickend. «Teufel! Wie doch die Dinge zuletzt kommen können!»
«Das Kind war dasselbe, das Sie ihm gestern abend nannten», fuhr Frau Bumble, nachlässig nach ihrem Manne hindeutend, fort; «und die alte Sally hat seine Mutter bestohlen.»
«Bei ihren Lebzeiten?» fragte Monks.
«Nein, als sie gestorben war», erwiderte Frau Bumble mit einigem Schaudern. «Sie bestahl die Leiche, nachdem dieselbe eine solche geworden war, und was sie nahm, war eben das, was die sterbende Mutter in ihren letzten Atemzügen sie gebeten hatte, um des Kindes willen aufzubewahren.»
«Verkaufte sie es?» fiel Monks in der größten Spannung ein; «hat sie es verkauft? -- Wo? -- Wann? -- An wen? -- Vor wie langer Zeit?»
«Als sie mir mit großer Mühe gesagt hatte, was sie getan, sank sie zurück und starb.»
«Und sagte weiter nichts mehr?» rief Monks mit einer Stimme, die nur um so wütender ertönte, je gewaltsamer er sie zu dämpfen suchte. «Es ist eine Lüge! Ich werde mich nicht hinter das Licht führen lassen. Sie sagte mehr -- ich morde Sie beide, wenn ich nicht erfahre, was es war!»
«Sie sagte kein Sterbenswörtchen mehr,» entgegnete Frau Bumble, allem Anscheine nach durch Monks' Heftigkeit nicht im mindesten erschreckt, was ihr Mann augenscheinlich in einem desto höheren Grade war; «sie faßte aber krampfhaft mit der einen Hand mein Kleid, und ich fand, als sie tot war, und als ich ihre Hand mit Gewalt losmachte, einen schmutzigen Papierstreifen darin.»
«Was enthielt er?» unterbrach Monks, sich vorbeugend.
«Nichts; es war ein Schein von einem Pfandleiher.»
«Worüber?»
«Das werde ich Ihnen seinerzeit schon sagen. Ich muß glauben, sie hatte das Geschmeide, über dessen Empfang der Papierstreifen ausgestellt war, einige Zeit aufbewahrt, um größeren Gewinn daraus zu ziehen, es sodann verpfändet und dem Pfandleiher jedes Jahr die Zinsen bezahlt, um es wieder einlösen zu können, wenn es etwa zu einer Entdeckung führen sollte. Dies war jedoch nicht geschehen, und sie starb mit dem Scheine in der Hand, der nach einigen Tagen verfallen sein würde, und ich löste das Pfand ein, weil ich glaubte, dereinst noch einmal Nutzen daraus ziehen zu können.»
«Wo haben Sie es?» fragte Monks hastig.
«Hier ist es», erwiderte Frau Bumble und warf eilig, als wenn sie froh wäre, sich davon zu befreien, ein kleines ledernes Beutelchen auf den Tisch; Monks bemächtigte sich desselben begierig und öffnete es mit zitternden Händen. Es enthielt ein kleines goldenes Medaillon, in welchem sich zwei Haarlocken und ein einfacher goldener Trauring befanden.
«Auf der Innenseite ist der Name Agnes zu lesen», sagte Frau Bumble. «Für den Zunamen ist ein Raum offen gelassen, und dann folgt das Datum von einem Tage in dem Jahre vor der Geburt des Kindes, das ich in Erfahrung gebracht habe.»
«Und das ist alles?» fragte Monks nach einer genauen und eifrigen Untersuchung des kleinen Beutels.
«Ja,» antwortete Frau Bumble, und ihr Eheherr atmete lang und tief, als wenn er sich freute, daß alles vorüber wäre, ohne daß Monks die fünfundzwanzig Pfund zurückforderte. Er faßte jetzt so viel Mut, um endlich den Schweiß abzuwischen, der ihm vom Anfange der Unterredung an über die Stirn und Wangen hinabgeträufelt war.
«Ich weiß nichts von der Geschichte außer dem, was ich mutmaßen kann,» nahm seine Frau nach einem kurzen Stillschweigen wieder das Wort, «und begehre auch nichts zu wissen, denn es ist sicherer. Darf ich Ihnen aber ein paar Fragen vorlegen?»
«Das können Sie», sagte Monks mit einiger Verwunderung; «ob ich aber antworte oder nicht, ist eine andere Frage.»
«Was ihrer drei macht», bemerkte Mr. Bumble, ein wenig Scherzhaft-Witziges einschaltend.
«War es das, was Sie von mir zu bekommen erwarteten?» fragte die Dame.
«Ja», erwiderte Monks. «Die zweite Frage?» --
«Was denken Sie damit zu tun -- kann es gegen mich gebraucht werden?»
«Niemals,» sagte Monks, «und auch nicht gegen mich. Sehen Sie hier; aber bewegen Sie sich keinen Schritt vorwärts, oder Ihr Leben ist keinen Strohhalm wert!» Er schob bei diesen Worten plötzlich den Tisch zur Seite und öffnete eine große Falltür dicht vor den Füßen Mr. Bumbles, der sich in größter Hast mehrere Schritte zurückzog. «Schauen Sie hinunter», sagte Monks, die Laterne in die Öffnung hinablassend; «fürchten Sie nichts. Ich hätte Sie ganz unbemerkt hinunter spedieren können, als Sie darüber saßen, wenn es meine Absicht gewesen wäre.»
Frau Bumble trat ermutigt an die Öffnung, und sogar ihr Eheherr wagte es, von Neugierde getrieben, dasselbe zu tun. Das vom Regen angeschwollene trübe Wasser rauschte unten so gewaltig, daß sich alle anderen Töne in seinem Geräusche verloren. Es war an der Stelle vormals eine Wassermühle gewesen, und das Pfahlwerk und die sonstigen Überreste derselben hielten das Wasser nur auf, um seinen Andrang und das Brausen noch zu verstärken.
«Wenn man hier eine Leiche hinunterwürfe, wo würde sie morgen früh sein?» fragte Monks, die Laterne in dem finsteren Schlunde hin und her schwingend.
«Zwölf Meilen weit unten im Strome und obendrein in Stücke gerissen», erwiderte Bumble, bei dem bloßen Gedanken zurückbebend.
Monks nahm den kleinen Beutel, band ihn fest an ein daliegendes bleiernes Gewicht und warf ihn in das Wasser hinunter; man hörte, wie er hineinfiel, alle drei sahen einander an und schienen freier aufzuatmen. Monks verschloß die Falltür wieder.
«So!» sagte er. «Wenn die See ihre Toten jemals zurückgibt, wie Bücher sagen, daß sie es werde -- so wird sie doch ihr Gold und Silber samt jenem Plunder für sich behalten. Wir haben einander nichts mehr zu sagen und können unserem angenehmen Zusammensein ein Ende machen.»
«Allerdings, allerdings», bemerkte Mr. Bumble mit großem Eifer.
«Sie werden doch aber reinen Mund halten?» fragte Monks mit einem drohenden Blick. «Für Ihre Frau bin ich nicht besorgt.»
«Sie können sich auf mich verlassen, junger Mann», antwortete Bumble, sich unter fortwährenden, unendlich höflichen Verbeugungen der Leiter nähernd. «Um jedermanns willen, und Sie wissen, auch um meinetwillen, Mr. Monks.»
«Ich freue mich um Ihretwillen, Sie so sprechen zu hören», entgegnete Monks. «Zünden Sie Ihre Laterne an, und machen Sie sich davon, so schnell Sie können.»
Diese Aufforderung kam sehr zur rechten Zeit, denn Mr. Bumble würde, wenn er sich noch einmal verbeugt und dann noch einen einzigen Schritt zurückgetan hätte, unfehlbar hinuntergestürzt sein. Er zündete seine Laterne an, stieg schweigend hinab, und seine Frau folgte ihm. Monks folgte zuletzt, nachdem er einige Augenblicke gehorcht hatte, ob sich auch keine anderen Laute vernehmen ließen, als die des Wasser- und Regengeräusches. Sie gingen langsam und vorsichtig durch das Zimmer im Erdgeschoß, denn Monks erschrak über jeden Schatten, und Bumble hielt seine Laterne einen Fuß über dem Boden und blickte fortwährend angstvoll nach versteckten Falltüren umher. Monks öffnete ihnen leise die Tür, und das Ehepaar trat in die Finsternis hinaus, nachdem es von seinem geheimnisvollen Bekannten durch ein Kopfnicken Abschied genommen hatte.
Sobald der Armenhausverwalter und seine Gattin fort waren, rief Monks, der einen unüberwindlichen Widerwillen gegen das Alleinsein zu hegen schien, einen Knaben, der irgendwo versteckt gewesen sein mußte, befahl ihm, mit der Laterne voranzugehen, und kehrte in das Gemach zurück, das er soeben verlassen hatte.
39. Kapitel.
In welchem alte Bekannte auftreten und Fagin und Monks die Köpfe zusammenstecken.
An dem Abende, der auf die im vorigen Kapitel erzählte Unterredung der drei wackeren Leute folgte, erwachte Sikes aus seinem Schlummer und fragte schlaftrunken, welche Zeit es wäre. Das Zimmer, in welchem er sich befand, war keins von denen, die er vor der Chertseyer Expedition bewohnt hatte, obgleich es sich in einem Hause nicht weit von seiner früheren Wohnung befand. Es war allem Anschein ein weit schlechteres Gemach und erhielt nur durch ein einziges Dachfenster Licht, das auf eine enge und schmutzige Gasse hinausging. Auch fehlte es nicht an mannigfachen anderen Anzeichen, daß Mr. Sikes zur äußersten Dürftigkeit herabgesunken war, was auch durch sein bleiches und abgemagertes Aussehen bestätigt wurde.
Der Einbrecher lag auf seinem Bett, in einen großen weißen Mantel gehüllt und mit einem Gesicht, das durch seine leichenhafte Blässe und einen mindestens eine Woche alten, stachligen, schwarzen Bart nichts weniger als verschönt war. Sein Hund saß neben dem Bett, bald seinen Herrn mit ernsten Augen anblickend, bald die Ohren spitzend und ein dumpfes Knurren ausstoßend, sobald ein Geräusch auf der Straße oder in dem unteren Teile des Hauses seine Aufmerksamkeit erregte.
An dem Fenster mit Ausbesserung eines dem Einbrecher gehörenden alten Kleidungsstückes beschäftigt, saß Nancy, welche gleichfalls so blaß und erschöpft von Hunger und Wachen aussah, daß man sie kaum anders als an der Stimme erkannt haben würde, als sie Sikes' Frage beantwortete. «Noch nicht lange sieben vorüber», sagte sie. «Wie befindet Ihr Euch heute abend, Bill?»
«So schwach wie Wasser», erwiderte er mit einem seiner gewöhnlichen Flüche. «Komm her, reich' mir die Hand und hilf mir von dem verdammten Bette.»
Sikes' Laune war durch seine Krankheit nicht freundlicher geworden, denn während ihn Nancy emporhob und nach einem Stuhle leitete, murmelte er Flüche über ihr Ungeschick und schlug sie.
«Plärrst du?» sagte er. «Laß das Winseln bleiben! Wenn du nichts Besseres weißt, so troll' dich lieber. Hörst du?»
«Freilich hör' ich», antwortete das Mädchen, das Gesicht abwendend und sich zu einem Lachen zwingend. «Was fällt Euch denn jetzt wieder ein, Bill?»
«Hast dich 'nes Bessern besonnen?» sagte Sikes finster, die in ihrem Auge zitternde Träne gewahrend. «Um so besser für dich.»
«Oh, Ihr könnt heut' abend nicht schlimm gegen mich sein, Bill», versetzte sie, die Hand auf seine Schulter legend.
«Warum nicht?» fuhr er sie an.
«Wie viele, viele Nächte,» sagte sie mit einer Regung von Frauenzärtlichkeit, die sogar dem Ton ihrer Stimme eine gewisse Weichheit gab, -- «wie viele, viele Nächte hab' ich geduldig bei Euch gesessen und Euch gepflegt und gewartet, als ob Ihr ein Kind gewesen wäret; und Ihr würdet mich sicher nicht behandelt haben, wie Ihr's eben tatet, wenn Ihr daran gedacht hättet; nicht wahr, Bill? Sprecht nur ein Wort -- sagt nein.»
«Nun ja, ich hätt's nicht getan», sagte Sikes. «Aber Gott verdamm' mich, die Dirne winselt schon wieder!»
«'s ist nichts», seufzte Nancy, sich auf einen Stuhl werfend. «Kümmert Euch nur nicht um mich, und es wird bald vorüber sein.»
«Was wird vorüber sein?» fragte Sikes zornig. «Was hast du jetzt wieder für Dummheiten vor? Steh' auf, mach' dir zu schaffen und bleib mit deinen Weiberpossen zu Haus!»
Zu jeder anderen Zeit würde diese Aufforderung und der Ton, in welchem sie ausgesprochen wurde, die beabsichtigte Wirkung gehabt haben; allein Nancy war in der Tat kraftlos und erschöpft, ließ den Kopf auf die Stuhllehne sinken und wurde ohnmächtig, ehe noch Sikes die angemessenen Flüche ausstoßen konnte, mit welchen er unter ähnlichen Umständen seine Drohungen zu würzen pflegte. Er wußte nicht recht, was er tun sollte, denn Nancys Ohnmachten pflegten von der heftigsten Art zu sein; er nahm daher seine Zuflucht zu ein wenig Gotteslästerung und rief nach Hilfe, als sich das Mittel vollkommen unwirksam zeigte.
«Was gibt es, mein Lieber?» fragte der Jude hereinblickend.
«Kannst der Dirne nicht beispringen?» rief ihm Sikes ungeduldig zu. «Steh' nicht da und schwatz', gaff' mich nicht an!»
Fagin eilte mit einem Ausrufe der Verwunderung, Nancy Beistand zu leisten, während Mr. John Dawkins (sonst genannt der gepfefferte Baldowerer), der seinem ehrwürdigen Freunde in das Zimmer gefolgt war, hastig ein Bündel niederlegte, Master Charley Bates, der dicht hinter ihm war, eine Flasche aus der Hand riß, sie im Nu mit den Zähnen entkorkte und der Patientin einige Tropfen daraus eingoß, jedoch erst, nachdem er selbst gekostet, um einen etwaigen Irrtum zu verhüten.
«Blase ihr 'n Bissel frische Luft mit dem Blasebalge zu, Charley,» sagte er, «und Ihr, Fagin, klapst ihr die Hände, während Bill ihr die Kleider lockert.»
Da alle sehr eifrig waren, besonders Master Bates, dem seine Rolle der köstlichste Spaß zu sein schien, so kam Nancy nach kurzer Zeit allmählich wieder zu sich selbst, wankte nach einem Stuhle am Bett, verbarg ihr Gesicht in den Kissen und überließ es Sikes, ohne alle Einmischung von ihrer Seite, den Neuangekommenen seine Meinung über sie und ihr unerwartetes Erscheinen auszudrücken.
«Welcher böse Wind hat Euch denn hierher geblasen?» fragte er Fagin.
«Gar kein böser Wind, mein Lieber,» antwortete der Jude; «denn ein böser Wind bläst zu niemandem Gutes, und ich habe mitgebracht etwas Gutes, das Ihr Euch werdet freuen zu schaun. Baldowerer, mein Lieber, öffne das Bündel und gib Bill, wofür wir haben ausgegeben all unser Geld.»
Der Gepfefferte band das Bündel auf, und Charley Bates leerte es unter Lobsprüchen des Inhalts.
«Schaut nur, Bill,» sagte der junge Herr, «solch 'ne Kaninchenpastete, von so zarten Tierchen, daß einem sogar die Knochen auf der Zunge zerschmelzen; -- und hier den prächt'gen Tee -- und den Zucker -- und das Brot -- und die frische Butter -- den Gloucesterkäs -- und vor allen Dingen, was sagt Ihr hierzu?»
Er stellte bei diesen Worten eine wohlverkorkte Weinflasche auf den Tisch, während Dawkins aus der Flasche, die er vorhin Charley entrissen, dem Patienten ein Glas Branntwein einschenkte, das von demselben sogleich auf einen Zug geleert wurde.
«Das wird Euch bekommen, wird Euch bekommen, Bill», sagte der Jude, sich vergnügt die Hände reibend.
«Bekommen?» rief Sikes aus. «Ich hätte zwanzigmal umkommen können, eh' du 'nen Finger für mich gerührt hättest. Was soll das bedeuten, du falscher Schuft, daß du einen in 'nem solchen Zustande länger als drei Wochen im Stich lässest?»
«Hört, Kinder, hört ihn nur!» sagte der Jude achselzuckend; «hört, was er sagt, da wir kommen eben und ihm bringen alle die prächtigen Sachen.»
«Die Sachen sind in ihrer Art ganz gut», bemerkte Sikes, durch einen Blick nach dem wohlbesetzten Tische ein wenig besänftigt; «aber womit kannst du dich entschuldigen, daß du mich hier krank, ohne Geld und entblößt von allem hast liegen lassen und dich die ganze Zeit nicht mehr um mich bekümmert hast, als wenn ich nicht besser wär' wie der Hund da?»
«Ich bin gewesen aus London, mein Lieber, länger als eine Woche», erwiderte der Jude.
«Und wo warst du die anderen vierzehn Tage,» fragte Sikes, «wo du mich hast hier liegen lassen wie 'ne Ratt' in ihrem Loche?»
«Konnt's nicht ändern, Bill», antwortete Fagin; «kann mich nicht einlassen auf die Gründe vor so vielen Ohren; aber, auf meine Ehre, ich konnt's nicht ändern.»
«Worauf?» schnaubte ihn Sikes mit der äußersten Verachtung an. «Jungen, schneid' mir einer von euch ein Stück Pastete ab, daß ich den Geschmack von seiner Ehr' aus dem Munde los werde, oder ich ekle mich daran zu Tode.»
«Seid nur nicht unwirsch, mein Lieber», erwiderte der Jude sehr unterwürfig. «Ich hab' Euch vergessen nicht, Bill; niemals, Bill.»
«Oh, ich will selbst darauf schwören», fiel Sikes mit dem bittersten Lächeln ein. «Du gehst deinen Geschäften nach, während ich hier im Fieber liege. Ich hab' bald dies, bald das für dich tun müssen, solang ich gesund und auf'n Beinen war, und hab's spottwohlfeil getan und bin arm dabei geblieben und hätte sterben und verderben müssen, wär' die Dirn' nicht gewesen.»
«Ganz recht, Bill,» sagte der Jude, Sikes' letzte Äußerung begierig auffassend, «wär' nicht gewesen die Dirne! Wer aber hat sie erzogen als der arme, alte Fagin, und hättet Ihr sie gehabt ohne mich?»
«Er hat ganz recht», rief Nancy aus, hastig näherkommend. «Laßt ihn zufrieden.»
Nancys Erscheinen gab dem Gespräch eine andere Wendung, denn die Jungen begannen auf einen Wink des schlauen alten Juden hin ihr Branntwein einzuschenken, während Fagin mit Aufbietung all seines Witzes Sikes endlich in eine bessere Laune brachte, indem er sich stellte, als betrachtete er seine Drohungen als kleine, harmlose Scherze und außerdem von Herzen über ein paar rohe Späße lachte, zu denen sich der andere, nachdem er wiederholt der Branntweinflasche zugesprochen hatte, herabließ.
«Das ist alles ganz gut,» sagte Sikes endlich, «aber ich muß heute abend noch Geld von dir haben.»
«Ich habe nichts, habe gar nichts bei mir, Bill», wandte der Jude ein.
«Dann hast du desto mehr zu Hause,» sagte Sikes, «und ich muß darum was haben.»
«Desto mehr!» rief Fagin, die Hände emporhebend, aus. «Ich habe nicht soviel, um nur --»
«Ich weiß nicht, wieviel du hast,» unterbrach ihn Sikes, «und du magst es selbst wohl nicht wissen, denn es wird 'ne gute Zeit dazu gehören, es zu zählen; aber gleichviel, ich muß und muß noch heut' abend Geld haben.»
«Nun gut, schon gut», entgegnete Fagin seufzend; «so will ich den Baldowerer schicken.»
«Das sollst du bleiben lassen», sagte Sikes. «Der Gepfefferte ist ein gut Teil zu gepfeffert und würd' das Herkommen vergessen oder sich vom Wege verlieren oder die Schuker[AP] baldowerten ihn, so daß er verhindert wär', oder was er sonst für Ausflüchte ersänne. Nancy soll mitgehen und 's holen, und ich will mich unterdes hinlegen und dormen.»
[AP] Polizeidiener.
Nach vielem Markten und Feilschen kam endlich die Abrede zustande, daß Sikes drei Pfund und vier Schillinge erhalten solle, worauf der Jude mit seinen Zöglingen ging und Sikes sich niederlegte, um die Zeit bis zu Nancys Rückkehr zu verschlafen. In der Wohnung des Juden saßen Toby Crackit und Mr. Chitling beim fünfzehnten Spiele Cribbage, das der letztere natürlich samt seinem fünfzehnten und letzten Sixpence verlor. Mr. Crackit schien sich ein wenig zu schämen, mit einem jungen Herrn sich eingelassen zu haben, der hinsichtlich seiner Stellung und Geistesgaben so weit unter ihm war, gähnte, fragte nach Sikes und griff zu seinem Hute.
«Niemand hier gewesen, Toby?» fragte der Jude.
«Kein lebendiges Bein», antwortete Mr. Crackit, an seinem Hemdkragen zupfend. «Ihr müßtet eigentlich ein tüchtiges Stück Geld zahlen, um mich dafür zu belohnen, daß ich Eu'r Haus solange gehütet. Gott verdamm' mich, ich bin so dämlich wie ein Geschworener und wäre so fest eingeschlafen wie in Newgate, wenn mich meine Gutmütigkeit nicht bewogen hätte, mich mit dem jungen Menschen abzugeben. 's ist hier schauderhaft langweilig gewesen.»
Er steckte bei diesen Worten seinen Gewinn mit einer Miene in die Westentasche, als wenn es im Grunde tief unter seiner Würde wäre, so kleine Münzen an sich zu nehmen, und entfernte sich mit seinem gewöhnlichen renommistisch-gentilen Wesen. Tom Chitling sandte ihm bewundernde Blicke nach und erklärte, daß er seinen Verlust um einer solchen Bekanntschaft willen für nichts achte. Master Bates verspottete ihn, worauf er Fagin zur Entscheidung aufforderte. Der Jude gab Dawkins und Charley einen Wink und versicherte Tom, daß er ein sehr gescheiter junger Mensch wäre.
«Und ist nicht Mr. Crackit eine grandige Sinze[AQ], Fagin?» fragte Tom.
[AQ] Großer Herr, Gentleman.
«Freilich, freilich, mein Lieber.»
«Und ist's einem nicht 'ne Ehre, mit ihm Bekanntschaft zu haben?»
«Allerdings, mein Lieber. Die beiden sind nur eifersüchtig, weil er sie nicht gönnt ihnen.»
«Seht ihr wohl?» rief Tom triumphierend. «Er hat mich ausgezogen, ich kann aber hingehen und wieder was verdienen und noch mehr, sobald ich nur will -- nicht wahr, Fagin?»
«Ja, ja, Tom,» erwiderte der Jude, «und je eher es geschieht, desto besser. Also verloren mehr keine Zeit! Baldowerer, Charley, 's ist Zeit für euch, auszugehen auf Massematten[AR] -- 's ist schon fast zehn und noch nichts geschafft.»
[AR] Geschäft, Unternehmen.
Der Baldowerer und Charley sagten Nancy gute Nacht und entfernten sich unter mannigfachen Witzen auf Tom Chitlings Kosten, dessen Benehmen jedoch ganz und gar nicht besonders auffällig oder ungewöhnlich gewesen war; denn wie viele vortrefflich junge Gentlemen gibt es nicht, die einen noch weit höheren Preis bezahlen als er, um in guter Gesellschaft gesehen zu werden; und wie groß ist die Anzahl der die besagte gute Gesellschaft bildenden feinen und vornehmen Herren, die ihren Ruf so ziemlich auf dieselbe Weise begründen, wie der elegante Toby Crackit!
«Nun will ich dir holen das Geld, Nancy», sagte der Jude, als sie fort waren. «Das ist nur der Schlüssel zu einem kleinen Schranke, wo ich aufbewahre allerhand Schnurrpfeifereien, welche gebracht haben die Jungens. Ich verschließe nie mein Geld, weil ich keins habe zu verschließen. Das Geschäft geht schlecht, Nancy, und ich habe keinen Dank davon, aber ich freue mich, das junge Volk zu sehen um mich -- pst!» unterbrach er sich, den Schlüssel hastig wegsteckend, «was war das? -- horch!»
Nancy saß mit untergeschlagenen Armen am Tisch, und es schien ihr vollkommen gleichgültig zu sein, ob jemand käme oder ginge und wer das wäre, bis das Gemurmel einer Männerstimme ihr Ohr traf. Sobald sie die Laute vernahm, legte sie mit Blitzesschnelle ihren Hut und Schal ab und warf beides unter den Tisch. Gleich darauf drehte der Jude sich um, und sie klagte mit matter Stimme, deren Ton gar sehr gegen ihre eben erst bewiesene, von Fagin jedoch nicht bemerkte Hast und Heftigkeit abstach, über Hitze.
«'s ist der Mann, den ich erwartete», sagte der Jude flüsternd und offenbar verdrießlich über die Unterbrechung. «Er kommt jetzt herunter die Treppe. Kein Wort von dem Gelde, Kind, in seiner Gegenwart. Er bleibt nicht lange hier -- keine zehn Minuten, liebes Kind.» Er hielt den knöchernen Zeigefinger auf die Lippen, ging mit dem Licht nach der Tür und legte in dem Augenblick die Hand auf den Griff, als der Besucher hastig eintrat. -- Es war Monks.
«Nur eine von meinen jungen Schülerinnen», sagte Fagin, als Monks, eine Unbekannte erblickend, zurücktrat.
Nancy sah gleichgültig nach Monks hin und wandte die Blicke darauf von ihm ab; als er die seinigen aber auf den Juden richtete, schaute sie ihn abermals verstohlen, aber so scharf und forschend an, als wenn sie plötzlich eine ganz andere geworden wäre.
«Neuigkeiten?» fragte der Jude.
«Große.»
«Und -- und -- gute?» fragte der Jude stockend weiter, als ob er fürchtete, Monks dadurch zu reizen, daß er sich zu hoffnungsfroh zeigte.
«Zum wenigsten keine schlechten», erwiderte Monks lächelnd. «Ich bin diesmal tätig genug gewesen. Laßt uns ein paar Worte allein reden.»
Nancy rückte näher an den Tisch heran, machte aber keine Miene, das Zimmer zu verlassen, obwohl sie sah, daß Monks nach ihr hindeutete. Der Jude, der vielleicht fürchtete, daß sie etwas von dem Gelde sagen möchte, wenn er ihr befehle, hinauszugehen, wies stumm nach oben und ging mit Monks hinaus.
«Nicht wieder in das höllische Loch, wo wir damals waren», hörte Nancy den letzteren sagen, während beide die Treppe hinaufstiegen. Der Jude lachte und erwiderte etwas, was sie nicht verstand. Dem Schalle der Fußtritte nach schienen sie in das zweite Stockwerk hinaufzugehen. Sie zog rasch die Schuhe aus, horchte in der größten Spannung an der Tür und schlich, sobald sie keinen Laut mehr vernahm, vollkommen geräuschlos nach. Es mochte eine Viertelstunde verflossen sein, als sie ebenso leise in das Zimmer zurückkehrte, und gleich darauf kamen auch die beiden Männer wieder die Treppe herunter. Monks entfernte sich aus dem Hause, und als der Jude nach einiger Zeit mit dem Gelde hereintrat, setzte das Mädchen eben den Hut auf, wie um sich zum Fortgehen anzuschicken.
«In aller Welt, Nancy, wie blaß bist du!» rief Fagin erschreckend aus. «Was hast du angefangen?»
«Nichts, das ich wüßte, ausgenommen, daß ich hier wer weiß wie lange in dem engen Zimmer gesessen habe», antwortete sie im gleichgültigsten Tone. «Gebt mir endlich das Geld und laßt mich fort.»
Fagin zählte es ihr seufzend in die Hand, sagte ihr gute Nacht, und sie ging. Sobald sie sich auf der offenen Straße befand, setzte sie sich auf die Stufen vor einer Haustür und schien, ganz betäubt und erschöpft, außerstande zu sein, ihren Weg fortzusetzen. Plötzlich sprang sie indes wieder auf, eilte nach einer ganz anderen Richtung fort, als nach der, wo Sikes Wohnung lag, beschleunigte ihre Schritte und lief endlich, so schnell ihre Füße sie tragen konnten. Sie mußte nach einer Weile stillstehen, um Atem zu schöpfen, schien auf einmal wieder zur Besinnung zu kommen und rang die Hände und brach in Tränen aus, als ob sie sich bewußt geworden wäre, etwas nicht tun zu können, was zu tun sie auf das sehnlichste wünschte.
Sei es, daß die Tränen ihr Erleichterung verschafften, oder daß sie erkannte, wie gänzlich hoffnungslos ihre Lage war: genug, sie kehrte wieder zurück und eilte fast ebenso schnell nach Sikes' Wohnung, sowohl um die verlorene Zeit wieder einzubringen, als um gleichsam mit ihren stürmisch-drängenden Gedanken Schritt zu halten.
Wenn sie noch Erregtheit verriet, als sie sich dem Diebe zeigte, so gewahrte er dieselbe doch nicht, sondern schlummerte wieder ein, nachdem er gefragt, ob sie das Geld mitgebracht habe, und eine bejahende Antwort erhalten hatte.
Es war ein glücklicher Umstand für das Mädchen, daß Sikes Geld erhalten hatte und daher am folgenden Tage durch Essen und Trinken fast fortwährend beschäftigt wurde, was eine so wohltätige Wirkung auf seine Stimmung äußerte, daß er weder Zeit noch Neigung hatte, sich um sie und ihr Benehmen sonderlich zu bekümmern. Seinem luchsäugigen Freunde, dem Juden, würde es nicht entgangen sein, daß sie mit der Ausführung irgendeines verzweifelten Entschlusses umging; allein Sikes besaß Fagins scharfe Beobachtungsgabe nicht, so daß Nancys ungewöhnliche Erregtheit und Unruhe keinen Verdacht bei ihm erweckte.
Je näher der Abend kam, desto größer wurde ihre Unruhe, und als sie in gespannter Erwartung neben ihm saß und darauf wartete, daß er sich in den Schlaf tränke, wurden ihre Wangen so blaß, und es blitzte ein so ungewöhnliches Feuer aus ihren Augen, daß Sikes endlich aufmerksam darauf werden mußte. Er war matt vom Fieber, trank heißes Wasser zu seinem Branntwein, um jenes minder entzündlich zu machen, und hatte Nancy das Glas gereicht, um es zum dritten oder vierten Male von ihr füllen zu lassen, als ihm ihre Blässe und das Feuer in ihren Augen zuerst auffielen. Er starrte sie an, stützte sich auf den Ellbogen, murmelte einen Fluch und sagte: «Du siehst ja wie eine Leiche aus, die wieder zum Leben erwacht ist. Was hast du?»
«Was ich habe?» erwiderte sie. «Nichts. Warum seht Ihr mich so scharf an?»
«Was ist das wieder für eine Albernheit?» fragte er, die Hand auf ihre Schultern legend und sie unsanft schüttelnd. «Was ist das? Was soll das bedeuten? Woran denkst du, Mädchen?»
«An vielerlei, Bill», erwiderte sie schaudernd und die Hände auf die Augen drückend. «Aber was tut's?»
Der Ton der erzwungenen Heiterkeit, in welchem sie die letzteren Worte gesprochen hatte, schien auf Sikes einen stärkeren Eindruck zu machen als ihr wilder und starrer Blick vorher.
«Ich will dir was sagen», fuhr er verdrießlich fort. «Wenn du nicht vom Fieber angesteckt bist und es jetzt selbst bekommst, so ist etwas mehr als Gewöhnliches im Winde und obendrein was Gefährliches. Du willst doch nicht hingehen und -- nein, Gott verdamm'! das kannst du nimmermehr!»
«Was kann ich nimmermehr?» fragte das Mädchen.
«Es gibt,» murmelte Sikes, die Blicke auf sie heftend, «es gibt keine zuverlässigere, treuere Dirne in der Welt als sie, oder ich würde ihr vor drei Monaten die Kehle abgeschnitten haben. Sie kriegt das Fieber -- das ist das ganze.»
Er leerte das Glas und forderte darauf seine Arznei. Nancy sprang rasch auf, bereitete sie, den Rücken ihm zukehrend, und gab sie ihm ein.
«Jetzt setze dich hier an mein Bett», sagte er, «und nimm dein eigenes Gesicht vor, oder ich ändere es so, daß du es selbst nicht wieder erkennst, wenn du es brauchst.»
Sie tat nach seinem Geheiß, er faßte ihre Hand, sank auf das Kissen und heftete die Augen auf ihr Gesicht. Sie fielen ihm zu, er öffnete sie wieder, blickte starr umher und verfiel endlich in einen tiefen und schweren Schlummer. Der Griff seiner Hand löste sich, der ausgestreckte Arm fiel schlaff nieder, und Sikes lag da wie in dumpfer Betäubung.
«Der Schlaftrunk hat endlich gewirkt», murmelte sie; «doch vielleicht ist es schon zu spät.»
Sie kleidete sich hastig an, blickte furchtsam umher, als wenn sie trotz des Schlaftrunks jeden Augenblick erwartete, den Druck von Sikes' schwerer Hand auf ihrer Schulter zu fühlen, beugte sich über das Bett, küßte den Mund des Räubers, öffnete und verschloß geräuschlos die Tür und eilte aus dem Hause. Ein Wächter rief halb zehn Uhr, und sie fragte ihn, ob es schon lange nach halb zehn wäre. Er erwiderte, eine Viertelstunde; sie murmelte: «und ich kann erst in einer Stunde dort sein», und eilte rasch weiter.
Sie schlug die Richtung von Spitalfields nach Westend ein. Viele der Läden in den engen Seitengassen, durch die sie ihr Weg führte, waren schon geschlossen. Als es zehn schlug, wuchs ihre Unruhe, zumal da sie vielfach durch das Gedränge in den belebteren Straßen aufgehalten wurde. Sie eilte so ungestüm und rücksichtslos auf Gefahr jeder Art weiter, daß sie von den Fußgängern für eine Verrückte gehalten wurde. Als sie sich Westend näherte, nahm das Gedränge ab, und sie beschleunigte ihre Schritte noch mehr. Endlich erreichte sie ihren Bestimmungsort: ein schönes Haus in einer Straße nicht weit vom Hydepark. Es schlug eben elf. Sie trat in den Hausflur. Der Sitz des Türstehers war leer; sie blickte ungewiß umher und näherte sich der Treppe.
«Zu wem wollen Sie, junges Frauenzimmer?» rief ihr ein wohlgekleidetes Stubenmädchen, das eine Tür hinter ihr öffnete, nach.
«Zu einer Dame hier im Hause.»
«Einer Dame!» lautete die mit einem Blicke der Verachtung begleitete Antwort. «Zu was für einer Dame?»
«Miß Maylie», sagte Nancy.
Das Mädchen, das jetzt Zeit gehabt hatte, die Fremde genauer anzusehen, antwortete nur durch einen Blick tugendhafter Entrüstung und rief einen Bedienten, dem Nancy ihre Bitte wiederholte. Er fragte nach ihrem Namen.
«Sie brauchen gar keinen zu nennen.»
«In was für 'ner Angelegenheit wollen Sie die Dame sprechen?»
«Ich muß sie sprechen -- das genügt.»
Der Bediente befahl ihr, sich aus dem Hause zu entfernen und schob sie nach der Tür hin.
«Nehmen Sie sich in acht -- Sie werden mich nicht lebendig aus dem Hause hinausschaffen!» rief sie. «Ist denn niemand hier, der einem armen Mädchen den kleinen Dienst leistet, zu der Dame hinaufzugehen?»
Inzwischen hatte sich die Dienerschaft versammelt. Der gutmütige Koch legte sich in das Mittel und forderte den Bedienten auf, das Mädchen Miß Rose zu melden.
«Wozu denn aber?» antwortete der Bediente. «Sie werden doch nicht glauben, daß die junge Dame eine solche Person vorlassen wird?»
Diese Anspielung auf Nancys verdächtigen Stand erregte ein gewaltiges Maß tugendsamer Entrüstung bei vier Dienstmädchen, welche mit großer Lebhaftigkeit erklärten, das Geschöpf sei eine Schande ihres Geschlechts, und darauf bestanden, sie ohne Gnade auf die Straße zu werfen.
«Machen Sie mit mir, was Ihnen beliebt,» sagte das Mädchen, zu den Bedienten sich wendend, «nur tun Sie erst, was ich verlange; und ich fordere Sie auf, meine Botschaft um Gottes willen auszurichten.»
Der weichherzige Koch trat jetzt vermittelnd dazwischen, und das Ende war, daß der Mann, der zuerst zum Vorschein gekommen, die Meldung übernahm.
«Was soll ich meiner Herrschaft sagen?» fragte er.
«Daß ein junges Mädchen Miß Maylie unter vier Augen zu sprechen wünscht», erwiderte Nancy; «und -- daß die junge Dame, wenn sie nur das erste Wort anhören will, sogleich erkennen wird, ob sie das, was ich anzubringen habe, noch ferner anhören muß, oder mich als eine Betrügerin vor die Tür werfen lassen soll.»
«Meiner Six!» erwiderte der Bediente. «Sie sind Ihrer Sache ja sehr gewiß.»
«Bringen Sie nur mein Anliegen vor, und lassen Sie mich den Bescheid wissen», entgegnete das Mädchen fest.
Der Bediente eilte hinauf, und Nancy stand bleich, fast atemlos und mit zuckenden Lippen da, als die sehr hörbaren Ausdrücke von Verachtung ihr Ohr trafen, mit welchen die tugendreichen Dienstmädchen sehr freigebig waren. Ihre Blässe nahm zu, als der Bediente wieder herunterkam und ihr sagte, daß sie hinaufgehen könne.
«Rechtlich sein hilft zu nichts in dieser Welt», bemerkte das erste Dienstmädchen.
«Messing hat's besser als das Gold, das die Feuerprobe bestanden hat», sagte das zweite.
Das dritte begnügte sich damit, seine Verwunderung darüber auszusprechen: «aus welchem besseren Stoffe die Damen wohl sein möchten»; und das vierte übernahm die Sopranstimme im Quartett: «'s ist 'ne Schande», womit die vier Dianen schlossen.
Ohne auf dieses alles zu achten -- denn sie hatte wichtigere Dinge auf dem Herzen -- folgte Nancy mit Beben dem Bedienten in ein kleines Vorzimmer, das durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet war, und in welchem ihr Führer sie allein ließ.
40. Kapitel.
Eine seltsame Zusammenkunft, die eine Folge von den im vorigen Kapitel erzählten Ereignissen ist.
Nancy hatte ihr ganzes Leben in den Straßen und den ekelhaftesten Höhlen des Lasters der Hauptstadt zugebracht, dabei aber immer noch sich einen Rest von der Natur des Weibes bewahrt; und als sie die leichten, der Tür sich nähernden Schritte vernahm und des weiten Abstandes der Personen gedachte, die das Gemach im nächsten Augenblick einschließen würde, fühlte sie sich durch die Last ihrer tiefen Schmach gänzlich zu Boden gedrückt und fuhr in sich zusammen, wie wenn sie die Gegenwart der Dame kaum zu ertragen vermöchte, bei welcher sie vorgelassen zu werden gebeten hatte.
Allein gegen die besseren Gefühle kämpfte der Stolz an -- die Sünde der Niedrigsten und Verworfensten wie der Höchststehenden und im Guten befestigt sich Dünkenden. Die elende Genossin von Dieben und Bösewichtern aller Art, die tiefgesunkene Bewohnerin der gemeinsten Schlupfwinkel, die Genossin der Auswürflinge der Gefängnisse und der Galeeren, die selbst im Galgenbereiche Lebende -- selbst diese mit Schmach und Schande Beladene empfand zu viel Stolz, um auch nur einen schwachen Schimmer des weiblichen Gefühls zu verraten, welches ihr als Schwäche erschien, während es noch das einzige Band war zwischen ihr und der besseren Menschheit, deren äußere Spuren und Kennzeichen alle ihr wüstes Leben bei ihr vertilgt hatte.
Sie erhob die Augen zur Genüge, um zu gewahren, daß die Gestalt, welche jetzt erschien, die eines zartgebauten, holden Mädchens war; sie senkte die Blicke nieder und sagte, den Kopf mit angenommener Gleichgültigkeit emporwerfend: «Es hat schwer gehalten, zu Ihnen gelassen zu werden, Lady. Wär' ich empfindlich gewesen und fortgegangen, wie es viele getan haben würden, Sie möchten es dereinst bereut haben, und nicht ohne Grund.»
«Es tut mir leid, wenn man Sie unartig behandelt hat», erwiderte Rose. «Denken Sie nicht mehr daran und sagen Sie mir, weshalb Sie mich zu sprechen wünschen.»
Der gütige Ton, in welchem sie antwortete, ihre freundlich klingende Stimme, ihr sanftes Wesen und der Umstand, daß sie gar keinen Hochmut, kein Mißfallen zeigte, überraschten Nancy dergestalt, daß sie in einen Tränenstrom ausbrach.
«O Lady, Lady!» rief sie, die aufgehobenen Hände leidenschaftlich ringend, «wenn mehrere Ihresgleichen wären, würden weniger meinesgleichen sein -- gewiß -- gewiß!»
«Setzen Sie sich», sagte Rose; «Ihre Worte gehen mir in der Tat an das Herz. Wenn Sie in bedürftiger Lage oder sonst unglücklich sind, so werde ich mich glücklich schätzen, Ihnen, wenn ich es vermag, beizustehen -- glauben Sie es mir. Setzen Sie sich.»
«Lassen Sie mich nur stehen, Lady,» sagte das Mädchen, noch immer Tränen vergießend, «und reden Sie nicht so gütig zu mir, bis Sie mich besser kennen lernen. Doch es wird spät. Ist -- ist -- jene Tür verschlossen?»
«Ja», erwiderte Rose, einige Schritte zurückweichend, als ob sie im Notfalle der Hilfe nahe zu sein wünschte. «Weshalb aber?»
«Weil ich im Begriff bin, mein Leben und das Leben anderer in Ihre Hände zu legen. Ich bin das Mädchen, das den kleinen Oliver zu Fagin, dem alten Juden, an jenem Abend wieder zurückschleppte, als er das Haus in Pentonville verließ.»
«Sie!» sagte Rose Maylie.
«Ja, ich, Lady. Ich bin die Schändliche, von der Sie ohne Zweifel gehört haben, die unter Dieben lebt und die, Gott helfe mir! solange ich zurückdenken kann, kein besseres Leben oder freundlichere Worte, als meine Genossen mir geben, gekannt hat. Ja, weichen Sie nur immerhin entsetzt vor mir zurück, Lady. Ich bin jünger, als Sie nach meinem Aussehen glauben mögen: allein ich bin daran gewöhnt, und die ärmsten Frauen entziehen sich meiner Berührung, wenn ich durch die dichtgedrängten Straßen gehe.»
«Wie schrecklich!» sagte Rose, sich von dem Mädchen unwillkürlich noch weiter entfernend.
«Danken Sie auf Ihren Knien dem Himmel, geehrte Lady,» rief die Unglückliche aus, «daß Sie Angehörige haben, die Sie in Ihrer Jugend bewacht und gepflegt, und daß Sie niemals wie ich seit der frühesten Kindheit, von Kälte und Hunger, von Völlerei und Trunkenheit und -- und von noch etwas viel Schlimmerem, als dieses alles ist, umgeben gewesen sind. Ich darf es sagen, denn elende Gassen und wüste Höhlen sind meine Behausung gewesen und werden mein Sterbebett sein.»
«Ich bemitleide Sie!» sagte Rose mit bebender Stimme. «Es ist ja herzzerreißend, Sie anzuhören.»
«Gottes Segen über Sie und Ihre Güte!» erwiderte das Mädchen. «Wenn Sie wüßten, wie es mir bisweilen zumute ist, Sie würden mich bedauern, glauben Sie mir. Doch ich habe mich fortgeschlichen von Leuten, die mich sicherlich ermorden würden, wüßten sie, daß ich hier gewesen bin, um Sie von Dingen, die ich ihnen abgehorcht habe, in Kenntnis zu setzen. Ist Ihnen ein Mensch namens Monks bekannt?» Rose verneinte.
«Er kennt Sie», fuhr das Mädchen fort, «und wußte, daß Sie hier wohnten, denn nur dadurch, daß er es einem anderen sagte, ward es mir möglich, Sie aufzufinden.»
«Ich habe den Namen niemals nennen hören», sagte Rose.
«Nun, so führt er unter uns einen anderen, was ich wohl schon früher vermutet habe. Vor einiger Zeit und bald nachdem Oliver in der Nacht des beabsichtigten Raubes in Ihr Haus gehoben wurde, behorchte ich diesen Menschen, auf welchen ich Verdacht geworfen, als er mit Fagin eine Unterredung hatte. Ich erfuhr bei der Gelegenheit, daß Monks -- der Mann, nach welchem ich Sie vorhin fragte --»
«Wohl, ich verstehe schon», sagte Rose.
«Daß Monks den Knaben an eben dem Tage, als wir ihn verloren, mit zwei von unseren Knaben zufällig erblickte und sogleich in ihm das Kind erkannt hatte, welchem er auflauerte, wiewohl ich mir nicht erklären konnte, weshalb. Er wurde mit Fagin darüber einig, daß der Jude, falls Oliver wieder zurückgebracht würde, eine gewisse Summe und noch mehr erhalten solle, wenn er einen Dieb aus ihm machte, was Monks zu irgendeinem Zweck wünschte.»
«Zu welchem Zwecke?» fragte Rose.
«Als ich horchte, um es zu erlauschen, erblickte er meinen Schatten an der Wand,» fuhr das Mädchen fort, «und es gibt außer mir nicht sehr viele Menschen, die, um der Entdeckung zu entgehen, zeitig genug sich aus dem Hause gefunden hätten. Mir gelang es indes, und ich sah ihn erst am gestrigen Abende wieder.»
«Und was trug sich da zu?»
«Ich will es Ihnen sagen, Lady. Er kam gestern wieder zu Fagin. Sie gingen wieder die Treppe hinauf; ich versteckte mich und hüllte mich so ein, daß mich mein Schatten nicht verraten konnte, und horchte abermals an der Tür. Die ersten Worte, die ich Monks sagen hörte, waren diese: >So liegen denn die einzigen Beweise, daß der Oliver der Knabe ist, auf dem Grunde des Stromes, und die alte Hexe, die sie von seiner Mutter erhielt, verfault in ihrem Sarge.< Sie lachten und sprachen von der glücklichen Ausführung des Streichs, und Monks, der noch weiter von dem Knaben sprach und sehr ingrimmig wurde, sagte: obwohl er des jungen Teufels Geld jetzt sicher genug hätte, so würde er es doch lieber auf andere Art erlangt haben; denn welch eine Lust würde es sein, das prahlerische Testament des Vaters dadurch über den Haufen zu werfen, daß man den Knaben durch alle Gefängnisse der Hauptstadt hetzte und ihn dann wegen eines todeswürdigen Verbrechens vor Gericht zöge, was Fagin leicht würde veranstalten können, nachdem er ihn obendrein mit großem Vorteile benutzt haben würde.»
«Was ist das alles?» rief Rose entsetzt aus.
«Die Wahrheit, Lady, obwohl es von meinen Lippen kommt», versetzte das Mädchen. «Dann sagte er unter Verwünschungen, die für mein Ohr gewöhnlich genug sind, den Ihrigen aber fremd und schauerlich klingen müßten, er würde es tun, wenn er seinen Haß ohne Gefahr für seinen eigenen Hals dadurch befriedigen könnte, daß er dem Knaben das Leben nähme; es dürfte aber zu gefährlich sein; er würde ihm jedoch überall im Leben auflauern und könnte, wenn er sich die Geburt und Lebensgeschichte des Knaben zunutze machte, ihm dennoch Schaden genug zufügen. >Kurzum, Fagin,< sagte er, >Jude, der du bist, du hast noch nie Fallstricke gelegt, wie ich sie zum Verderben meines jungen Bruders legen werde.<»
«Sein Bruder!» rief Rose bestürzt.
«Das waren seine Worte», sagte Nancy, sich besorgt umschauend, wie sie es fast unablässig getan hatte, denn Sikes' finstere Gestalt schwebte ihr beständig vor der Seele.
«Und mehr noch. Indem er von Ihnen und der anderen Dame sprach, äußerte er, der Himmel oder der Teufel müsse wider ihn gewesen sein, als Oliver in Ihre Hände geraten sei, und sagte mit Hohngelächter: darin läge ebenfalls einiger Trost. Denn wieviel tausend und hunderttausend Pfund würden Sie nicht geben, wenn Sie sie hätten, zu erfahren, wer Ihr zweibeiniger Schoßhund wäre.»
«Sie wollen doch nicht sagen, daß das alles ernstlich gemeint war», sagte Rose erblassend.
«Wenn jemals ein Mensch im Ernst gesprochen, so tat ich es in diesen Augenblicken», erwiderte das Mädchen, traurig den Kopf schüttelnd; «und auch er pflegt nicht zu scherzen, wenn sein Haß in ihm lebendig ist. Ich kenne viele, die noch Schlimmeres üben, aber ich würde sie alle lieber zehnmal als jenen Monks ein einziges Mal darüber sprechen hören. Doch es wird spät, und ich muß nach Hause zurückkehren, um ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, daß ich zu einem solchen Zweck hier gewesen wäre. Ich muß nach Hause zurückeilen.»
«Doch, was kann ich tun?» fragte Rose. «Welchen Nutzen kann ich ohne Sie aus Ihrer Mitteilung ziehen? Zurückkehren wollen Sie! Wie können Sie zu Genossen zurückzukehren wünschen, die Sie mit so schrecklichen Farben schildern? Wenn Sie Ihre Aussage in Gegenwart eines Herrn, welchen ich augenblicklich herbeirufen kann, wiederholen wollen, so können Sie binnen einer halben Stunde an einen sicheren Ort gebracht werden.»
«Ich wünsche aber zurückzukehren», versetzte das Mädchen. «Ich muß zurückkehren, weil -- ach, wie kann ich mit einer unschuldigen Dame, wie Sie sind, über solche Dinge reden? -- weil unter den Männern, von welchen ich Ihnen erzählt habe, sich einer befindet, der Schrecklichste von allen, den ich nicht zu verlassen vermag; nein -- und wenn ich auch dadurch von dem ruchlosen, fürchterlichen Leben erlöst werden könnte, das ich jetzt führe!»
«Daß Sie zugunsten des teuren Knaben sich schon einmal bemüht haben; daß Sie unter so großer Gefahr hierher gekommen sind, um das, was Sie gehört, mir zu enthüllen; Ihre Mienen, die mich von der Wahrheit Ihrer Angaben überzeugen; Ihre offenbare Reue und Ihr Schamgefühl: alles berechtigt mich dazu, zu glauben, daß Sie wieder auf den rechten Weg gebracht werden können. Oh», fuhr die tiefbewegte Rose Maylie, die Hände faltend, während Tränen über ihre Wangen hinabliefen, fort, «hören Sie auf das Flehen einer Angehörigen Ihres eigenen Geschlechts, der ersten -- gewiß der ersten, die jemals mit der Stimme des Mitleids und der Bangigkeit um Ihr Seelenheil zu Ihnen geredet hat. Hören Sie auf meine Worte und lassen Sie sich durch mich zu einem besseren Dasein erretten!»
«Lady,» versetzte das Mädchen, auf die Knie sinkend, «teure, engelgleiche Lady, ja, Sie sind die erste, die mich jemals durch Worte, wie diese sind, beseligt hat, und hätte ich sie vor Jahren vernommen, so hätten sie mich einem sündhaften und leidvollen Leben entreißen können; doch es ist zu spät -- zu spät.»
«Zur Reue und Buße ist es niemals zu spät», entgegnete Rose.
«Es ist dennoch zu spät!» rief Nancy in einem Tone aus, der ihre ganze Seelenqual verriet. «Ich kann ihn jetzt nicht mehr verlassen -- ich vermöchte es nicht, seinen Tod herbeizuführen.»
«Und weshalb sollten Sie es?» fragte Rose.
«Nichts könnte ihn retten», jammerte das Mädchen. «Wenn ich anderen erzählte, was ich Ihnen offenbart habe, und dadurch seine Verhaftung veranlaßte, er müßte ohne Rettung sterben. Er ist der verwegenste von allen, und hat so entsetzliche Dinge begangen!»
«Ist es möglich,» rief Rose, «daß Sie einem solchen Menschen zuliebe jeder Hoffnung auf die Zukunft und der Gewißheit der Rettung für die Gegenwart entsagen können? Es ist Wahnsinn.»
«Ich weiß nicht, was es ist,» versetzte das Mädchen, «ich weiß nur, daß es so ist, und nicht allein bei mir, sondern bei Hunderten, die ebenso schlecht und elend sind, wie ich es bin. Ich muß zurück. Ob es der Zorn Gottes ist, wegen des vielen Bösen, das ich begangen habe, weiß ich nicht; aber ich fühle mich trotz aller Leiden und aller harten Behandlung unwiderstehlich zu ihm hingezogen, was, glaub' ich, auch dann der Fall sein würde, wenn ich überzeugt wäre, daß ich noch durch seine Hand sterben müßte.»
«Was soll ich tun?» fragte Rose. «Ich müßte Sie eigentlich nicht fortlassen.»
«Ja, ja, Lady, Sie werden es», entgegnete das Mädchen. «Sie werden mein Fortgehen nicht hindern, weil ich in Ihre Güte Vertrauen gesetzt und Ihnen, wie ich es hätte tun können, kein Versprechen abgerungen habe.»
«Wozu nützt denn aber Ihre Mitteilung?» beharrte Rose. «Dies Geheimnis muß enthüllt werden; welcher Vorteil kann sonst für Oliver, dem zu dienen Ihnen so sehr am Herzen liegt, daraus erwachsen, daß Sie es mir anvertraut haben?»
«Sie werden sicher irgendeinen wohlwollenden Herrn kennen, dem Sie es mitteilen können, und der Ihnen Rat erteilen wird», erwiderte Nancy.
«Doch, wo finde ich Sie, wenn ich Ihrer bedürfen sollte?» fragte Rose. «Ich will nicht fragen, wo jene fürchterlichen Menschen wohnen, allein, wo wird man Sie an irgendeinem zu bestimmenden Tage wiedersehen können?»
«Versprechen Sie mir, daß mein Geheimnis auf das strengste bewahrt werden soll, und daß Sie allein oder doch nur mit dem Manne kommen, dem Sie es anvertrauen wollen, und daß man mir weder auflauere noch nachfolge?»
«Ich verspreche es feierlichst», erwiderte Rose.
«Wohlan, so will ich jeden Sonntag von elf bis zwölf Uhr abends, wenn ich am Leben bleibe, auf der Londoner Brücke auf und nieder gehen», verhieß Nancy unbedenklich.
«Warten Sie noch einen Augenblick», sagte Rose, Nancy, die schon nach der Tür eilte, zurückhaltend. «Erwägen Sie noch einmal Ihre Lage und die Gelegenheit, die Ihnen geboten wird, sich derselben zu entreißen. Sie haben nicht allein als freiwillige Überbringerin einer so wichtigen Kunde, sondern auch als eine fast unwiederbringlich Verlorene Ansprüche auf meinen Beistand. Wollen Sie in der Tat zu der Räuberbande und dem schrecklichen Manne zurückkehren, da doch ein einziges Wort Sie retten kann? Was für ein Zauber ist es, der Sie unwiderstehlich zurückzuziehen und der Gottlosigkeit und dem Elend preiszugeben vermag? Ach, befindet sich denn in Ihrem Herzen keine Saite, die ich zu berühren vermöchte -- regt sich kein Gefühl in ihm, das gegen diese Verblendung ankämpfen könnte?»
«Wenn Damen, so jung, so freundlich und schön, wie Sie sind, ihre Herzen verschenken,» versetzte das Mädchen mit fester Stimme, «so macht die Liebe sie zu allem fähig -- selbst Ihresgleichen, die Sie eine Heimat, Angehörige, Freunde, zahlreiche Bewunderer, alles haben, was Ihr Herz ausfüllen kann. Wenn Frauen wie ich, die wir kein Dach als den Sargdeckel, in Krankheit und Tod keinen Beistand als die Krankenwärterin des Hospitals haben, einem Manne unser angefaultes Herz hingeben und ihn die Stelle ausfüllen lassen, die einst von den Eltern, der Heimat und den Freunden ausgefüllt wurde, oder die unser ganzes elendes Leben hindurch eine leere und wüste Stätte gewesen ist: wer kann hoffen uns zu heilen? Bemitleiden Sie uns, Lady -- bemitleiden Sie uns darum, daß uns nur ein weibliches Gefühl geblieben ist, und daß dieses Gefühl, durch die schwere Ahndung des Himmels, statt unser Trost und Stolz zu sein, zu einem Fluche und die Quelle neuer Leiden und Mißhandlungen wird.»
«Sie werden doch eine Kleinigkeit von mir annehmen,» sagte Rose nach einer Pause, «die Sie in den Stand setzen wird, ohne Schande zu leben -- wenigstens bis wir uns wiedersehen?»
«Keinen Heller», erwiderte das Mädchen, mit der Hand abwehrend.
«Verschließen Sie Ihr Herz doch nicht gegen meine Anerbietungen, Ihnen Beistand zu leisten», sagte Rose, ihr näher tretend. «Gewiß, ich wünsche Ihnen nützlich zu sein.»
«Sie würden mir am nützlichsten sein, Lady, wenn Sie mir mit einem Male das Leben nehmen könnten», versetzte Nancy händeringend; «denn der Gedanke an das, was ich bin, hat mir in dieser kurzen Stunde ein schwereres Herzweh verursacht, als ich jemals empfunden habe, und es würde ein Gewinn sein, nicht in der Hölle zu sterben, in der ich gelebt habe. Gottes Segen über Sie, süße Lady, und möge der Himmel ebensoviel Glück auf Ihr Haupt herabsenden, wie ich auf das meine Schande geladen habe!»
Mit diesen Worten und unter lautem Schluchzen verließ die Bejammernswerte das Zimmer, während Rose, durch die eben beendete Unterredung, die mehr einem flüchtigen Traume als der Wirklichkeit ähnlich sah, fast überwältigt auf einen Stuhl niedersank und ihre verworrenen Gedanken zu sammeln suchte.
41. Kapitel.
Welches neue Entdeckungen enthält und zeigt, daß Überraschungen, gleich Unglücksfällen, selten allein kommen.
Roses Lage war in der Tat nicht wenig schwierig, denn während sie das lebhafte Verlangen empfand, das geheimnisvolle Dunkel zu durchdringen, das Olivers Geschichte umhüllte, konnte sie doch nicht umhin, das Vertrauen zu ehren, welches die Unglückliche, mit der sie soeben gesprochen, in sie, als ein junges, argloses Mädchen, gesetzt hatte. Die Worte und das ganze Wesen derselben hatten Rose tief gerührt, und ihrer Zuneigung für ihren jugendlichen Schützling gesellte sich der ebenso heiße Wunsch hinzu, das Gefühl der Reue in der Verlorenen zu erwecken und ihr neue Lebenshoffnung einzuflößen.
Mrs. Maylie hatte beabsichtigt, nur drei Tage in London zu verweilen und dann auf einige Wochen nach einem entfernten Ort an der Seeküste abzureisen. Es war Mitternacht zwischen dem ersten und zweiten Tage. Für welche Schritte konnte sich Rose binnen achtundvierzig Stunden entscheiden? und wie konnte sie die Reise aufzuschieben suchen, ohne Vermutungen zu wecken, daß sich etwas Besonderes ereignet hätte?
Mr. Losberne weilte im Hause und beabsichtigte, auch noch die beiden folgenden Tage zu bleiben; allein Rose kannte die ungestüme Lebhaftigkeit des Ehrenmannes zu wohl und dachte sich im voraus zu deutlich den Zorn, welchen er im ersten Ausbruch seiner Entrüstung auf das Werkzeug der zweiten Entführung Olivers werfen würde, um es zu unternehmen, ihm das Geheimnis, solange ihre Gegenvorstellungen zugunsten Nancys von keiner Seite unterstützt wurden, anzuvertrauen. Dies waren die Gründe, welche Rose zu dem Entschlusse bewogen, ihre Tante nur mit der größten Vorsicht von der Sache in Kenntnis zu setzen, da dieselbe, wie sie voraussah, nicht verfehlen würde, sich mit dem würdigen Doktor über die Angelegenheit zu beraten. Aus denselben Gründen war nicht daran zu denken, sich an einen Rechtskundigen zu wenden, selbst wenn sie gewußt, wie sie sich dabei zu benehmen hätte. Einmal stieg der Gedanke in ihr auf, Harrys Beistand in Anspruch zu nehmen; allein er weckte die Erinnerung an ihr letztes Scheiden von ihm wieder auf, und es erschien ihr unwürdig, ihn wieder in ihre Nähe zu ziehen, da es ihm -- und bei dieser Vorstellung traten ihr die Tränen in die Augen -- jetzt vielleicht gelungen war, sie zu vergessen und auf eine andere Art glücklich zu sein.
Durch diese wechselnden Betrachtungen aufgeregt und sich bald für diese, bald für jene Maßregel entscheidend, bald alle verwerfend, brachte Rose die Nacht in schlafloser Bangigkeit hin und faßte, nachdem sie am folgenden Tage die Sache abermals überlegt hatte, den verzweifelten Entschluß, trotz aller Bedenken Harry Maylie zu Rate zu ziehen.
«Wenn es ihm auch peinlich sein wird, hierher zurückzukehren, ach! wie peinlich wird es für mich sein!» dachte sie sinnend. «Doch vielleicht kommt er nicht; er wird vielleicht schriftlich antworten oder auch kommen und mich ängstlich zu meiden suchen -- wie damals, als er fortreiste. Ich hatte es nicht erwartet; doch es war für uns beide besser -- viel besser»; und Rose legte hier die Feder nieder und wandte sich hinweg, gleichsam, als ob sie zu vermeiden wünschte, daß auch nur das Papier, das ihre Botschaft ausrichten sollte, ein Zeuge ihrer Tränen wäre.
Sie hatte die Feder schon zwanzigmal wieder ergriffen und sie ebensooft wieder zur Seite gelegt und die Fassung der allerersten Zeile ihres Schreibens hin und her überlegt, ohne auch nur eine Silbe niedergeschrieben zu haben, als Oliver, der mit Mr. Giles von einer Wanderung durch die Stadt zurückgekehrt war, in atemloser Hast und lebhafter Unruhe in das Zimmer trat, wie wenn ein neues Unglück zu fürchten wäre.
«Oliver, warum siehst du so erschreckt aus?» fragte Rose, ihm entgegentretend. «Rede, mein Kind!»
«Ich kann kaum; mir ist es, als ob ich ersticken müßte», erwiderte der Knabe. «Ach! daß ich ihn doch noch gesehen habe, und daß Sie sich überzeugen werden, daß ich Ihnen die reine Wahrheit erzählt habe!»
«Ich habe nie daran gezweifelt, daß du die Wahrheit gesprochen hast, mein Liebling», versetzte Rose besänftigend. «Doch was bedeutet dies alles -- von wem ist die Rede?»
«Ich habe den Herrn gesehen,» erwiderte der Knabe, «den Herrn, der so gütig gegen mich war -- Mr. Brownlow, von dem wir so oft gesprochen haben.»
«Wo?» fragte Rose.
«Er stieg eben aus einem Wagen und ging in ein Haus», erwiderte Oliver, indem Freudentränen aus seinen Augen hervorstürzten. «Ich redete ihn nicht an -- ich konnte nicht, denn er sah mich nicht, und ich zitterte so, daß ich nicht imstande war, zu ihm zu gehen. Aber Giles erkundigte sich, ob er in dem Hause wohnte, und man sagte ja. Sehen Sie,» fuhr er fort, ein Stück Papier entfaltend, «hier steht es; da wohnt er -- ich will sogleich hingehen. O Gott! ich werde mich nicht fassen können, wenn ich ihn sehe und seine Stimme wieder höre!»
Rose Maylie hatte unter diesen und noch vielen ähnlichen Ausrufen der Freude des Knaben große Mühe, Mr. Brownlows Adresse zu lesen, >Craven Street, Strand<; sie beschloß indes nach einiger Zeit, Olivers Entdeckung ohne Säumen zu benutzen.
«Schnell!» sagte sie, «gib Befehl, einen Mietwagen kommen zu lassen, und halte dich bereit, mich zu begleiten. Ich werde dich, ohne einen Augenblick zu verlieren, hinbringen und will nur erst meiner Tante sagen, daß wir auf eine Stunde ausfahren wollen; ich werde ebenso rasch fertig sein wie du selbst.»
Es bedurfte bei Oliver keiner Mahnung zur Eile, und in weniger als fünf Minuten befanden sie sich auf dem Wege nach der bezeichneten Straße. Als sie angelangt waren, ließ Rose Oliver unter dem Vorwande, den alten Herrn auf sein Erscheinen vorzubereiten, allein im Wagen, stieg aus und schickte durch den Diener ihre Karte mit der Bitte hinauf, Mr. Brownlow in sehr dringenden Angelegenheiten sprechen zu dürfen. Der Diener kehrte bald wieder zurück, um sie zu ersuchen, hinaufzukommen. Sie folgte ihm in eins der oberen Zimmer, wo sie einen ältlichen, in einem dunkelgrünen Rocke sich präsentierenden Herrn, in dessen Mienen unverkennbare Herzensgüte sich ausdrückte, fand. Nicht weit von ihm erblickte sie einen zweiten alten Herrn in Nankingbeinkleidern und Gamaschen, der nicht besonders wohlwollend aussah und dasaß, die Hände auf den Knauf eines schweren Spazierstocks gestützt und das Kinn auf demselben ruhend lassend.
«Ah!» sagte der Herr im grünen Rocke, eilfertig und mit Zuvorkommenheit aufspringend, «ah, entschuldigen Sie, mein gnädiges Fräulein -- ich glaubte, es wäre irgendeine zudringliche Person, die -- Sie werden mich gütigst entschuldigen. Bitte, nehmen Sie Platz!»
«Mr. Brownlow, wenn ich nicht irre, Sir?» sagte Rose, nachdem sie auf den andern Herrn einen Blick geworfen hatte.
«So ist mein Name, ja», erwiderte der alte Herr. «Dies ist mein Freund, Mr. Grimwig. Grimwig, Sie haben wohl die Gefälligkeit und verlassen uns auf einige Minuten.»
«Ich glaube nicht, daß es notwendig sein wird, den Herrn zu bemühen», bemerkte Rose. «Wenn ich nicht irre, so ist ihm die Angelegenheit, in welcher ich Sie zu sprechen wünsche, nicht fremd.»
Brownlow gab seine Einwilligung durch eine leichte Kopfneigung zu erkennen, und Grimwig, der eine sehr steife Verbeugung gemacht hatte und aufgestanden war, machte eine zweite sehr steife Verbeugung und nahm wieder Platz.
«Was ich Ihnen mitzuteilen habe, wird Sie ohne Zweifel sehr überraschen», begann Rose etwas verlegen. «Sie erwiesen einst einem mir sehr teuern jungen Freunde viel Wohlwollen und Güte, und ich bin überzeugt, daß es Sie freuen wird, wieder von ihm zu hören.»
«Einem jungen Freunde!» sagte Mr. Brownlow. «Darf ich seinen Namen wissen?»
«Oliver Twist!» erwiderte Rose.
Kaum waren die Worte ihrem Munde entflohen, als Grimwig, der sich gestellt hatte, als ob ihn der Inhalt eines auf dem Tisch liegenden großen Buches lebhaft interessierte, dasselbe mit großem Geräusche zuschlug, sich zurücklehnte, wobei sein Antlitz den Ausdruck des äußersten Erstaunens annahm, und lange mit großen, stieren Augen dasaß, worauf er, als ob er sich schämte, so viel innere Bewegung an den Tag gelegt zu haben, sich in seine vorige Stellung gleichsam wieder zurückschnellte und, indem er gerade vor sich hinstarrte, einen langen, pfeifenden Ton erschallen ließ, der nicht in der leeren Luft, sondern in den innersten Höhlen seines Magens zu ersterben schien.
Mr. Brownlow war nicht weniger erstaunt, wiewohl sein Erstaunen sich auf eine weit minder seltsame Art kundgab. Er rückte seinen Stuhl näher zu Rose heran und sagte: «Erzeigen Sie mir den Gefallen, mein liebes, gnädiges Fräulein, die Güte und das Wohlwollen, von welchem Sie reden, und wovon, Sie ausgenommen, niemand weiß, gänzlich außer Frage zu lassen; und wenn Sie irgend Beweise herbeizubringen vermögen, welche geeignet sind, mir die üble Meinung zu benehmen, die ich vormals von dem genannten unglücklichen Kinde zu hegen mich bewogen fand, so teilen Sie sie mir mit -- ich bitte dringend darum.»
«Ein böser Bube -- ich will meinen Kopf aufessen, wenn er es nicht ist», brummte Grimwig in sich hinein wie ein Bauchredner und ohne einen Gesichtsmuskel in Bewegung zu setzen.
«Der Knabe besitzt einen reinen Sinn und ein warmes Herz», sagte Rose, vor Unmut errötend; «und die Allmacht, der es gefallen, ihm Prüfungen, die über seine Jahre hinausgingen, aufzuerlegen, hat in seiner Brust Gefühle und Gesinnungen keimen lassen, welche unzähligen Ehre machen würden, die seine Jahre sechsfach zählen.»
«Ich bin erst einundsechzig,» bemerkte Grimwig mit derselben starren Unbeweglichkeit, «und da es mit dem Teufel zugehen müßte, wenn dieser Oliver nicht wenigstens zwölf Jahr alt ist, so sehe ich das Zutreffende der Bemerkung nicht ein.»
«Achten Sie nicht auf meinen Freund, Miß Maylie», sagte Brownlow; «er meint es doch nicht so.»
«Das tut er allerdings», brummte Grimwig vor sich hin.
«Nein, er tut es nicht», beharrte Brownlow, der offenbar immer erzürnter wurde.
«Er will seinen Kopf aufessen, wenn er es nicht tut», beteuerte Grimwig.
«Er verdiente, ihn zu verlieren, wenn er es täte», entgegnete Brownlow.
«Und er möchte denjenigen sehen, der es zu versuchen wagte, ihm den Kopf zu nehmen», erwiderte Grimwig, seinen Stock mit Heftigkeit gegen den Fußboden stoßend.
Nachdem die alten Herren soweit gediehen waren, nahmen beide eine Prise Schnupftabak und drückten darauf, gemäß ihrer unabänderlichen Gewohnheit, einander die Hände.
«Und nun, Miß Maylie,» begann Brownlow, sich wieder zu Rose wendend, «lassen Sie uns zu dem Gegenstande zurückkehren, an welchem Ihre Menschenliebe einen so großen Anteil nimmt. Darf ich wissen, welche Kunde Sie von dem armen Knaben besitzen? Erlauben Sie mir, Ihnen vorher mitzuteilen, daß ich, um ihn ausfindig zu machen, alle mir zu Gebote stehenden Mittel erschöpft habe, und daß seit meiner Reise außer Landes meine erste Meinung, daß er mich belogen und durch seine ehemaligen Genossen beredet gewesen, mich zu bestehlen, bedeutend erschüttert worden ist.»
Rose, welcher diese Rede Zeit gelassen hatte, ihre Gedanken zu sammeln, berichtete nun Brownlow alles, was sich mit Oliver zugetragen, seit er das Haus desselben verlassen, und verschwieg ihm einstweilen nur Nancys unter vier Augen ihm anzuvertrauende Mitteilungen. Sie schloß mit der Versicherung, daß der einzige Kummer, den der Knabe seit einigen Monaten empfunden, dem Umstande zuzuschreiben sei, daß er seinen ehemaligen Wohltäter und Freund nirgends habe finden können.
«Gott sei Dank!» rief der alte Herr. «Diese Nachricht macht mich glücklich, sehr glücklich. Doch Sie haben mir nicht gesagt, wo er sich gegenwärtig befindet, Miß Maylie. Verzeihen Sie mir -- doch weshalb haben Sie ihn nicht mitgebracht?»
«Er wartet im Wagen vor der Tür», erwiderte Rose.
«Vor meiner Tür?» rief der alte Herr freudig überrascht aus, eilte, ohne ein Wort zu sagen, hinaus, die Treppe hinunter, sprang auf den Wagentritt und in den Wagen hinein.
Sobald er fort war, hob Grimwig den Kopf empor, balancierte seinen Stuhl auf einem Hinterbeine und beschrieb, ohne aufzustehen und mit Hilfe seines Stockes und des Tisches, drei ganze Kreise. Nachdem er die Evolution glücklich ausgeführt hatte, sprang er auf und humpelte nach besten Kräften zum wenigsten ein dutzendmal im Zimmer auf und ab, blieb plötzlich vor Rose stehen und küßte sie ohne alle weitere Einleitung.
«Pst!» sagte er, als Rose, über dieses ungewöhnliche Verfahren ein wenig erschreckt, aufstand; «seien Sie ohne Furcht. Ich bin alt genug, um Ihr Großvater zu sein. Sie sind ein wackeres, ein sehr gutes Mädchen -- ich habe Sie lieb. Da kommen sie!»
Bei diesen Worten warf er sich mit einer geschickten Wendung auf seinen Sitz, und in demselben Augenblick trat Brownlow mit Oliver herein, den Grimwig sehr gnädig begrüßte. Ach, wenn die Freude dieses Augenblicks Roses einzige Belohnung gewesen wäre für alle ihre Sorge und Angst um Oliver, sie würde sich hinlänglich belohnt gefühlt haben.
«Es ist aber noch jemand, den wir nicht vergessen dürfen», sagte Brownlow, nach der Klingelschnur greifend.
«Sage Mrs. Bedwin, sie möchte einmal heraufkommen», befahl er dem hereintretenden Diener.
Die bejahrte Haushälterin erschien sogleich, machte ihren Knicks und blieb, des Befehls des Herrn gewärtig, an der Tür stehen.
«Mein Gott, Sie werden ja alle Tage blinder», sagte Brownlow ein wenig verdrießlich.
«Mag wohl sein, Sir», erwiderte die gute Alte. «In meinen Jahren pflegen die Augen nicht schärfer zu werden, Sir.»
«Das hätte ich Ihnen auch sagen können», entgegnete Brownlow. «Doch setzen Sie Ihre Brille auf und sehen Sie zu, ob Sie nicht selbst entdecken können, weshalb ich Sie habe heraufkommen lassen.»
Die alte Frau begann sogleich in ihren Taschen zu wühlen; aber Olivers Geduld hielt die Probe nicht aus, er überließ sich dem Drange seiner Gefühle und warf sich in ihre Arme.
«Gott sei mir gnädig! -- es ist mein unschuldiger Knabe!» rief sie aus, indem sie ihn zärtlich in die Arme drückte.
«Meine liebe alte Pflegemutter!» rief Oliver.
«Gott, ich wußte es wohl, daß er zurückkehren würde! Wie gesund und blühend er aussieht, und er ist obendrein wie 'nes Edelmannes Sohn gekleidet! Wo bist du so lange, so lange gewesen! Ach! es ist dasselbe süße Gesichtchen, aber nicht so blaß; dasselbe sanfte Auge, aber nicht so trübe. Sie sind mir gar nicht aus dem Sinn gekommen und ihr stilles Lächeln auch nicht; ich habe sie Tag für Tag neben meinen lieben Kindern gesehen, die, seit ich ein glückliches junges Weib war, tot und dahingegangen sind.»
Sich so ihrer Redseligkeit überlassend und Oliver bald von sich haltend, um ihn genauer ansehen zu können, und ihn bald zärtlich an die Brust drückend und ihm die Locken aus dem Gesichte streichend, weinte und lachte die gute alte Seele in einem Atem.
Brownlow überließ beide dem Austausch ihrer Gefühle und führte Rose in ein anderes Zimmer, wo sie ihm einen ausführlichen Bericht über die Unterredung mit Nancy erstattete, die ihn nicht wenig überraschte und in Verwirrung und Unruhe setzte. Rose teilte ihm auch ihre Gründe mit, weshalb sie nicht ihren Freund Losberne zunächst zum Vertrauten gemacht hätte. Der alte Herr äußerte, sie habe daran sehr klug getan, und erklärte sich bereit, mit dem würdigen Doktor selbst in Beratung zu treten. Um ihm hierzu eine baldige Gelegenheit zu verschaffen, wurde verabredet, daß er noch an demselben Abend in der Villa vorsprechen und daß mittlerweile Mrs. Maylie von allem, was vorgefallen war, vorsichtig in Kenntnis gesetzt werden sollte. Sobald diese vorläufigen Bestimmungen getroffen waren, kehrten Rose und Oliver wieder nach Hause zurück.
Rose hatte das Maß der Entrüstung des trefflichen Doktors keineswegs überschätzt; denn kaum war ihm Nancys Erzählung mitgeteilt worden, als er seinen Zorn in einem Strome von Verwünschungen und Drohungen ergoß, sie zum ersten Schlachtopfer des vereinten Scharfsinnes der Herrn Blathers und Duff zu machen gelobte und sogar den Hut aufsetzte, in der Absicht, fortzueilen und den Beistand der genannten Ehrenmänner in Anspruch zu nehmen. Und er würde im ersten Losstürmen sein Vorhaben, ohne die Folgen des allergeringsten Nachdenkens zu würdigen, ohne Zweifel ausgeführt haben, wenn er nicht zurückgehalten worden wäre, teils durch das ebenso große Ungestüm Brownlows, der selbst ein reizbares Temperament besaß, und teils durch die Gründe und Gegenvorstellungen, die man für die zweckdienlichsten erachtete, ihn von seinem unbesonnenen Verfahren zurückzubringen.
«Was ist aber zum Geier zu tun?» sagte der hitzige Doktor, als sie in das Zimmer zu den beiden Damen getreten waren. «Wir sollen doch nicht all das männliche und weibliche Gesindel unseres Dankes versichern und es bitten, hundert oder ein paar hundert Pfund als ein geringes Zeichen unserer Achtung und als einen kleinen Beweis unserer Erkenntlichkeit für ihre Güte gegen Oliver anzunehmen?»
«Das eben nicht», erwiderte Brownlow mit Lachen; «allein wir müssen besonnen und mit großer Vorsicht handeln.»
«Besonnen und vorsichtig!» rief der Doktor aus. «Ich würde die Halunken samt und sonders zum --»
«Es ist einerlei, zu wem Sie sie schicken würden», unterbrach ihn Brownlow. «Doch fragen Sie sich selbst, ob wir, wir mögen sie schicken, wohin wir wollen, eine Hoffnung haben, dadurch zum Ziele zu gelangen.»
«Zu welchem Ziele?» fragte der Doktor.
«Dem einfachen Ziele, zu erforschen, wer Olivers Eltern gewesen sind, und ihm seine Erbschaft wieder zuzuwenden, um welche er, sofern alle vorliegenden Angaben begründet sind, schändlich betrogen worden ist.»
«Ah!» sagte Losberne, sich mit dem Schnupftuche Kühlung zuwehend, «das hätte ich bald vergessen.»
«Sie begreifen also», fuhr Brownlow fort. «Was würden wir denn Gutes stiften, wenn wir, angenommen, es wäre ausführbar, ohne die Sicherheit des armen Mädchens zu gefährden, die Bösewichter dem Arme der Gerechtigkeit überlieferten?»
«Das Gute, daß einige von ihnen baumelten und die übrigen deportiert würden», meinte der Doktor.
«Sehr wohl», erwiderte Brownlow lächelnd; «allein sie werden dafür seinerzeit ohne Zweifel schon selber sorgen, und wenn wir ihnen vorgreifen, so scheint mir's, wir werden eine arge Don-Quichotterie begehen und unserm oder doch Olivers Interesse, was aber dasselbe ist, gerade zuwiderhandeln.»
«Wieso denn?» fragte der Doktor.
«Ist es nicht klar genug,» erwiderte Brownlow, «daß es uns äußerst schwer werden wird, dem Geheimnisse auf den Grund zu kommen, wenn wir nicht imstande sind, Monks zum Beichten zu bringen? Das kann aber nur durch List geschehen und dadurch, daß wir ihn fassen, wenn er eben nicht von dem übrigen Gelichter umgeben ist. Denn gesetzt auch, daß er aufgegriffen würde -- wir haben keine Beweise wider ihn. Er hat (soviel wir wissen, oder so weit es aus den Umständen hervorgeht) an keinem Diebstahle oder Raube der Bande teilgenommen. Wenn er auch nicht freigesprochen werden würde, so ist es doch sehr unwahrscheinlich, daß er eine weitere Strafe erhielte als die, daß man ihn eine Zeitlang als Landstreicher einsperrte, und sein Mund würde dann hinterher für immer so fest geschlossen sein, daß wir unsere Zwecke ebensowenig erreichten, wie wenn er taub, stumm, blind und blödsinnig wäre.»
«Ich frage Sie abermals,» sagte der Doktor heftig, «ob Sie das dem Mädchen gegebene Versprechen vernünftigerweise für bindend halten -- ein Versprechen, das in der besten und wohlwollendsten Absicht gegeben ist, aber wirklich --»
«Ich bitte, lassen Sie den Punkt unerörtert, mein verehrtes junges Fräulein», sagte Brownlow, Rose zuvorkommend; «das Versprechen soll gehalten werden. Ich glaube nicht, daß es unseren Schritten auch nur im mindesten hinderlich sein wird. Doch bevor wir bestimmte Entschließungen in betreff der zu ergreifenden Maßregeln fassen können, müssen wir notwendig das Mädchen sehen, um von ihr zu hören, ob sie uns so oder anders dazu verhelfen will oder kann, Monks' habhaft zu werden, oder wenn nicht, sie wenigstens zu bewegen, uns seine Person zu beschreiben und uns zu sagen, wo er sich zu verstecken pflegt, oder wo er sonst zu finden sein mag. Das kann nun vor dem nächsten Sonntag abend nicht geschehen, und heute ist Dienstag. Mein Rat ist daher, daß wir uns bis dahin vollkommen ruhig und die Sache selbst vor Oliver geheimhalten.»
Obgleich Mr. Losberne zu dem Vorschlage, fünf ganze Tage untätig zu sein, die sauerste Miene machte, so mußte er doch zugeben, im Augenblick keinen besseren Rat zu wissen; und da sowohl Rose wie Mrs. Maylie auf Brownlows Seite traten, so wurde des letzteren Rat endlich allerseits gebilligt.
«Ich nähme gern den Beistand meines Freundes Grimwig in Anspruch», sagte Brownlow. «Er ist ein wunderlicher Kauz, besitzt aber sehr viel Scharfblick und könnte uns von wesentlichem Nutzen sein. Er ist Rechtsgelehrter von Haus aus und entsagte lediglich aus Unmut darüber, daß ihm binnen zehn Jahren nur ein einziger Prozeß anvertraut wurde, dem Advokatenstande. Sie mögen indes selbst entscheiden, ob das eine Empfehlung ist oder nicht.»
«Ich habe nichts dawider, daß Sie Ihren Freund zuziehen, wenn ich auch den meinigen zuziehen darf,» sagte Losberne und erwiderte auf Brownlows Frage, wer derselbe wäre: «Der Sohn Mrs. Maylies und Miß Roses -- sehr alter Freund.»
Roses Wangen wurden purpurn; sie machte jedoch keine hörbare Einwendung gegen den Vorschlag (vielleicht weil sie erkannte, daß sie doch jedenfalls in einer hoffnungslosen Minorität bleiben würde), und Harry Maylie und Grimwig wurden daher zu Mitgliedern des Komitees ernannt.
«Wir bleiben natürlich so lange in der Stadt,» sagte Mrs. Maylie, «wie noch die geringste Aussicht vorhanden ist, unsere Nachforschungen mit Erfolg fortzusetzen. Ich werde bei einer uns alle so sehr interessierenden Sache weder Mühe noch Kosten sparen und gern hierbleiben, und wenn es sein muß, zwölf Monate, solange Sie mir sagen können, daß noch Hoffnung vorhanden ist.»
«Gut», versetzte Brownlow; «und da ich auf Ihren Gesichtern lese, daß Sie mich fragen wollen, wie es zugegangen ist, daß ich nicht zur Stelle war, Olivers Erzählung zu bestätigen, und daß ich das Land so plötzlich verlassen, so erlauben Sie mir, die Forderung zu stellen, daß mir nicht eher Fragen vorgelegt werden, als bis ich es für geeignet erachte, denselben durch meine Geschichte zuvorzukommen. Glauben Sie mir, meine Forderung hat ihren guten Grund; denn wenn ich von ihr abginge, könnte ich vielleicht Hoffnungen erwecken, welche nie verwirklicht würden und nur alle schon hinlänglich zahlreichen Schwierigkeiten und Täuschungen noch vermehrten. -- Meine Herrschaften, wir sind zum Abendessen gerufen, und Oliver, der einsam im anstoßenden Zimmer weilt, wird am Ende glauben, daß wir seiner müde geworden wären und einen finsteren Anschlag ausdächten, ihn wieder in die Welt hinauszustoßen.»
Mit diesen Worten reichte der alte Herr Mrs. Maylie die Hand und führte sie in das Speisezimmer; Losberne folgte mit Rose, und die Beratung hatte damit ein Ende.
42. Kapitel.
Ein alter Bekannter von Oliver läßt entschiedene Geniespuren blicken und wird ein öffentlicher Charakter in der Hauptstadt.
Gerade an dem Abende, an welchem Nancy ihre selbstauferlegte Mission bei Rose Maylie erfüllte, wanderten auf der großen, nach Norden führenden Heerstraße zwei Personen nach London, denen wir einige Aufmerksamkeit widmen müssen. Die eine derselben, eine Mannsperson, gehörte zu den langen, knöchernen Gestalten, die als Knaben wie verkümmerte Männer, und wenn sie fast Männer sind, wie zu früh groß gewordene Knaben aussehen. Die zweite, ein Frauenzimmer, war jung, aber derb und kräftig, was sie auch sein mußte, um unter der schweren Bürde auf ihrem Rücken nicht zu erliegen. Ihr Begleiter trug nur weniges und leichtes Gepäck an einem Stocke über der Schulter und konnte daher um so leichter, zumal da ihm auch die Länge seiner Beine zustatten kam, stets einige Schritte weit voran sein, woran er es auch ebensowenig fehlen ließ wie an häufigen Vorwürfen, die er seiner Gefährtin wegen ihrer Langsamkeit machte. Sie hatten Highgate hinter sich, als er stillstand und ihr ungeduldig zurief: «Kannst du nicht geschwinder gehen? Was schleichst du immer so faul von weitem nach, Charlotte?»
«'s ist 'ne schwere Tracht, das kannst du nur glauben», erwiderte sie, fast atemlos herankommend.
«Schwer? Was ist das für Schwätzen -- wozu hab' ich dich?» fuhr Noah Claypole (denn er war es) fort und legte sein kleines Bündel auf die andere Schulter. «Und nun stehst du schon wieder still? Bei dir muß auch der Beste die Geduld verlieren.»
«Ist es noch weit?» fragte Charlotte, indem ihr die Schweißtropfen über das Gesicht herabströmten.
«Noch weit? Wir sind schon so gut wie da. Sieh hin -- dort sind die Lichter von London.»
«Dann sind wir wenigstens noch zwei gute Meilen davon entfernt», sagte Charlotte verzweiflungsvoll.
«Zwei Meilen oder zwanzig ist auch einerlei; steh auf und mach fort, oder du bekommst Fußtritte», warnte Noah mit vor Zorn noch mehr als gewöhnlich geröteter Nase, und Charlotte stand auf und schritt wieder neben ihm her.
«Wo denkst du für diese Nacht einzukehren, Noah?» fragte sie nach einiger Zeit.
«Was weiß ich's?» antwortete Mr. Claypole, den das lange Gehen verdrießlich gemacht hatte.
«Doch in der Nähe?»
«Nein, nicht in der Nähe.»
«Warum denn nicht?»
«Wenn ich dir sage, daß ich das will oder nicht will, so ist's genug, ohne daß du zu fragen brauchst, warum oder weshalb», entgegnete Noah mit Würde.
«Ich frage ja nur -- brauchst ja nicht so böse darüber zu werden.»
«Das wär' mir wohl ein recht kluger Streich, im ersten besten Wirtshause vor der Stadt einzukehren, daß Sowerberry, wenn er uns etwa nachsetzte, seine alte Nase hereinsteckte und uns gleich wieder fest hätte und mit Handschellen zurückbrächte! Nein, ich werde in die engsten Straßen einlenken, die ich finden kann, und nicht eher haltmachen, als bis wir das entlegenste Gasthaus gefunden haben. Du kannst deinem Schöpfer danken, daß ich Pfiffigkeit für dich mit habe; denn wenn wir nicht auf meinen Rat erst den entgegengesetzten Weg eingeschlagen hätten, so wärst du schon vor acht Tagen eingesperrt, und dir wäre recht geschehen als 'ner dummen Gans.»
«Ich weiß es, daß ich nicht so klug bin wie du; aber wirf nur nicht alle Schuld auf mich allein. Wär' ich eingesperrt, würdest du es doch auch sein.»
«Du weißt doch wohl, daß du das Geld aus dem Ladentische nahmst?»
«O ja, lieber Noah, aber ich nahm es für dich.»
«Nahm ich's hin und trug's bei mir?»
«Nein; du vertrautest mir und ließest 's mich tragen, und das war doch gut von dir», sagte Charlotte, ihn unter das Kinn klopfend und ihren Arm in den seinigen legend.
Es verhielt sich in der Tat so; allein es war Mr. Claypoles Weise nicht, in irgend jemand ein blindes und törichtes Vertrauen zu setzen, und wir lassen ihm nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir bemerken, daß er Charlotten lediglich deshalb so sehr vertraut hatte, damit das Geld, wenn sie verfolgt würden, bei ihr gefunden werden möchte. Er ließ sich jedoch bei dieser Gelegenheit natürlich auf keine Darlegung seiner Beweggründe ein, und beide wanderten im zärtlichsten Einvernehmen miteinander weiter.
Seinem vorsichtigen Plane zufolge schritt Mr. Claypole, ohne anzuhalten, bis nach dem Engel von Islington weiter, wo er aus dem beginnenden Gedränge der Fußgänger und Fuhrwerke sehr scharfsinnig schloß, daß London nunmehr ernstlich anfinge. Er schaute nun einen Augenblick umher, welche Straßen die belebtesten und also am meisten zu meidenden schienen, lenkte in St. Johns Road ein und befand sich bald tief in dem Gewirr obskurer und schmutziger Straßen und Gassen zwischen Grays Inn Lane und Smithfield, einem Stadtteile mitten in London, der trotz der allgemeinen Fortschritte und ungemeiner Verschönerungen abscheulich geblieben ist.
Noah schaute fortwährend nach einem Gasthause aus, wie er es sich bei seinen Zwecken und seiner Lage wünschenswert dachte, stand endlich vor dem elendesten still, das er bis dahin gesehen hatte, und erklärte, hier für die Nacht einkehren zu wollen.
«Gib mir nun das Bündel,» sagte er, es seiner Begleiterin abnehmend, «und sprich nicht, außer wenn du angeredet wirst. Wie nennt sich das Haus? Was steht da -- d-r-e-i --?»
«Krüppel», fiel Charlotte ein.
«Drei Krüppel -- ein sehr guter Name,» bemerkte Noah. «Halt dich dicht hinter mir -- vorwärts!»
Er stieß die gebrechliche Tür mit den Schultern auf, und beide gingen hinein. Im Schenkstübchen war niemand, als ein junger Mensch, ein Jude, der in einem schmutzigen Zeitungsblatte las. Er starrte Noah und Noah starrte ihn an.
«Sind dies die drei Krüppel?» fragte Noah.
«So nennt sich das Haus.»
«Wir trafen 'nen Gentleman, der uns hierher rekommandiert hat», fuhr Noah, Charlotte anstoßend, fort, vielleicht, um sie aufmerksam auf seine List zu machen, sich Achtung zu verschaffen, oder vielleicht um sie zu erinnern, ihn nicht zu verraten. «Wir möchten hier übernachten.»
«Ich weiß nicht, ob es geht an,» erwiderte Barney -- denn er war der dienende Geist dieses Hauses -- «will aber anfragen.»
«Bringt uns unterdes in die Gaststube und gebt uns 'nen Mund voll kaltes Fleisch und 'nen Schluck Bier», sagte Noah.
Barney führte die müden Reisenden in ein Hinterzimmer, brachte ihnen die geforderten Erfrischungen, teilte ihnen zugleich mit, daß sie über Nacht bleiben könnten, und ließ das liebenswürdige Pärchen allein. -- Das Zimmer, in welches er sie geführt hatte, befand sich unmittelbar hinter dem Schenkstübchen und lag einige Fuß niedriger, so daß man aus jenem, wenn man von einem Diminutivfensterchen etwas hoch in der Wand einen Vorhang zurückschob, ohne bemerkt zu werden, genau sehen und hören konnte, was die Gäste darin vornahmen oder sprachen. Noah und Charlotte hatten sich kaum zu ihrem Imbisse niedergesetzt, als Fagin im Schenkstübchen erschien, um nach einem seiner jungen Zöglinge zu fragen.
«Pst!» sagte Barney; «es sind nebenan Fremde.»
«Fremde?» wiederholte Fagin flüsternd.
«Ja -- nicht aus der Stadt, kurioses Volk; und ich müßte irren sehr, wenn sie nicht was wären für Euch.»
Fagin stieg sogleich auf einen Stuhl und sah durch das kleine Fenster, wie Noah tapfer schmauste und Charlotte von Zeit zu Zeit homöopathische Dosen zuteilte.
«Aha!» flüsterte Fagin, zu Barney sich umdrehend, «die Miene des Burschen könnte gefallen mir. Er würde uns sein können nützlich, denn er versteht's schon, zu kirren die Dirne. Sei stiller als eine Maus, mein Lieber, daß ich sie höre sprechen.»
Er schaute abermals durch das kleine Fenster, und zwar mit einem Gesichte, das einem alten Gespenst angehört haben könnte.
«Ich denke also von jetzt ab ein Gentleman zu sein,» sagte Noah, die B