
Ein Kanon der Literatur (zu griechisch kanon „Regel, Maßstab, Richtschnur“) ist eine Zusammenstellung derjenigen Werke, denen in der Literatur ein herausgehobener Wert bzw. eine wesentliche, normsetzende und zeitüberdauernde Stellung zugeschrieben wird. Mit dem Begriff des literarischen Kanons wird dabei normalerweise ein ideelles Korpus aus literarischen Texten bezeichnet, die eine bestimmte Trägergruppe, beispielsweise eine gesamte sprachliche oder nationale Kultur oder eine subkulturelle Gruppierung, für wertvoll bzw. autorisiert hält und an deren Überlieferung sie interessiert ist („materialer Kanon“). Daneben bezeichnet dieser Terminus aber auch ein Korpus von Interpretationen, in dem festgelegt wird, welche sozialen Normen, Wertevorstellungen oder Deutungen mit den kanonisierten Texten verbunden sind („Deutungskanon“). Das Wort „Kanon“ war als Bibelkanon vor allem auch auf die Auswahl der anerkannten heiligen Schriften von Religionsgemeinschaften bezogen worden, bevor das Konzept auf die Literatur angewendet wurde. Bedeutung hat ein Kanon der Literatur vor allem im Schulunterricht und in den Philologien als Prüfungsgrundlage – er notiert hier die Titel, deren Kenntnis vorausgesetzt wird. Auf dem Buchmarkt und in Diskussionen der Allgemeinbildung ist er als Feld der Titel von Interesse, deren Lektüre die Teilnahme an Diskussionen erleichtert. Die Zusammenstellung eines solchen Kanons ist fach-, orts- und bildungsabhängig, genauso wie die Frage, was Kenntnis dieses Kanons genau bedeuten soll. Ein Kanon der Literatur entsteht grundsätzlich nicht dadurch, dass sich Texte aufgrund inhärenter zeitloser literarischer Eigenschaften oder Qualitäten durchsetzen, sondern ist vielmehr das geschichtlich und kulturell determinierte, variable Resultat komplexer Auswahl- und Deutungsprozesse, die sowohl durch innerliterarische wie auch außerliterarische (z. B. soziale oder politische) Faktoren bestimmt werden. Die Festlegung eines solchen Kanons erfüllt dabei verschiedene Funktionen für die jeweilige Trägergruppe: Sie stiftet Identität durch die Repräsentation der für diese Gruppe konstitutiven Normen und Werte; sie grenzt zugleich diese Gruppe gegen andere ab und legitimiert sie. Ebenso liefert der festgelegte Kanon Handlungsorientierungen, indem er ästhetische und moralische Werte wie auch Verhaltensregeln kodiert. Auf diese Weise wird ebenso die Verständigung über gemeinsame Gegenstände in der Trägergruppe gesichert. Je homogener eine Gesellschaft oder kulturelle Gruppe ist, desto wahrscheinlicher wird eine Kanonisierung bestimmter Texte. Typisch für moderne, zunehmend differenzierte Gesellschaften oder Kulturen ist jedoch die Kanonpluralität: unterschiedliche Kanones stehen dabei neben- und gegeneinander und erfüllen die Selbstdarstellungs- und Legitimationsbedürfnisse der verschiedenen Trägergruppen.
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Discovered by embedding cosine similarity (sentence-transformers MiniLM, 384-dim).